Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Musil >

Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 42
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
projectidedede0d8
Schließen

Navigation:

41

Rachel und Diotima

 

Kurz darauf fand bei Diotima die erste große Sitzung der vaterländischen Aktion statt.

Das Speisezimmer neben dem Salon war in ein Beratungszimmer umgewandelt worden. Der Eßtisch stand, auseinandergezogen und mit grünem Tuch beschlagen, in der Mitte des Raums. Bogen beinweißen Ministerpapiers und Bleistifte verschiedener Härte lagen vor jedem Platz. Die Anrichte war entfernt. Die Ecken des Raumes standen leer und streng. Die Wände waren ehrfürchtig kahl, bis auf ein Bild Seiner Majestät, das Diotima hingehängt hatte, und jenes einer Dame mit Schnürleib, das Herr Tuzzi als Konsul einst von irgendwo heimgebracht hatte, obgleich es ebensogut als das Bild einer Ahnin gelten durfte. Am liebsten hätte Diotima noch ein Kruzifix an das Kopfende des Tisches gestellt, aber Sektionschef Tuzzi hatte sie ausgelacht, ehe er aus Taktrücksichten an diesem Tag sein Haus verließ.

Denn die Parallelaktion sollte ganz privat beginnen. Keine Minister oder Amtsgrößen erschienen; auch jeder Politiker fehlte; das war Absicht; es sollten anfangs im engsten Kreis nur selbstlose Diener des Gedankens versammelt werden. Der Gouverneur der Staatsbank, die Herren von Holtzkopf und Baron Wisnieczky, einzelne Damen des hohen Adels, bekannte Personen des bürgerlichen Wohlfahrtswesens und getreu dem gräflich Leinsdorfschen Grundsatz »Besitz und Bildung« Vertreter der Hochschulen, der Kunstvereinigungen, der Industrie, des bodenständigen Hausbesitzes und der Kirche wurden erwartet. Die Regierungsstellen hatten unauffällige junge Beamte mit ihrer Vertretung beauftragt, die gesellschaftlich in diesen Kreis paßten und das Vertrauen ihrer Chefs genossen. Diese Zusammensetzung entsprach den Wünschen des Grafen Leinsdorf, der ja an eine ohne Zwang aus der Mitte des Volks aufsteigende Kundgebung dachte, aber nach dem Erlebnis mit den Punkten es doch auch als große Beruhigung empfand, zu wissen, mit wem man es dabei zu tun habe.

Die kleine Kammerzofe Rachel (ihr Name wurde von ihrer Herrin etwas frei als Rachelle ins Französische übersetzt) war schon seit sechs Uhr morgens auf den Beinen. Sie hatte den großen Eßtisch aufgeschlagen, zwei Kartentische daran geschoben, grünes Tuch aufgespannt, staubte nun besonders gut ab und vollzog jede dieser lästigen Tätigkeiten in heller Begeisterung. Am Abend vorher hatte Diotima zu ihr gesagt »Morgen wird bei uns vielleicht Weltgeschichte gemacht!« und Rachel brannte am ganzen Körper vor Glück, Hausgenossin eines solchen Ereignisses zu sein, was sehr für dieses Ereignis sprach, denn Rachels Körper unter dem schwarzen Kleidchen war entzückend wie Meißner Porzellan.

Rachel war neunzehn Jahre alt und glaubte an Wunder. Sie war in einer häßlichen Hütte in Galizien geboren worden, wo an dem Türpfosten der Thorastreifen hing und der Fußboden Spalten hatte, durch die Erde heraufquoll. Sie war verflucht und zur Türe hinausgestoßen worden. Die Mutter hatte eine hilflose Miene dazu gemacht, und die Geschwister hatten mit ängstlichen Gesichtern gegrinst. Sie war bettelnd auf den Knien gelegen, und die Scham hatte ihr das Herz gewürgt, aber nichts hatte ihr geholfen. Ein gewissenloser Bursche hatte sie verführt; sie wußte nicht mehr, wie; sie hatte bei fremden Leuten gebären müssen und dann das Land verlassen. Und Rachel war gereist; unter dem schmutzigen Holzkasten, in dem sie fuhr, rollte die Verzweiflung mit; leergeweint, sah sie die Hauptstadt, zu der sie, von irgendeinem Instinkt getrieben, flüchtete, nur wie eine große Feuerwand vor sich, in die sie sich stürzen wollte, um zu sterben. Aber, o echtes Wunder, diese Wand teilte sich und nahm sie auf; seither war Rachel nie anders zumute gewesen, als lebte sie im Innern einer goldenen Flamme. Der Zufall hatte sie in das Haus Diotimas geführt, und diese hatte es sehr natürlich gefunden, daß man aus einem galizischen Elternhaus entlief, wenn man dadurch zu ihr gekommen war. Sie erzählte der Kleinen, nachdem sie vertraut geworden waren, zuweilen von den berühmten und hochgestellten Menschen, die in dem Hause verkehrten, wo »Rachelle« die Ehre genoß, dienen zu dürfen; und selbst von der Parallelaktion hatte sie ihr schon einiges anvertraut, weil es eine Freude war, sich an Rachels Augensternen zu weiden, die bei jeder Mitteilung flammten und goldenen Spiegeln glichen, die das Bild der Herrin strahlend zurückwarfen.

Denn die kleine Rachel war zwar wegen eines gewissenlosen Burschen von ihrem Vater verflucht worden, aber sie war trotzdem ein ehrbares Mädchen und liebte einfach alles an Diotima: das weiche, dunkle Haar, das sie morgens und abends bürsten durfte, die Kleider, in die sie hineinhalf, die chinesischen Lackarbeiten und geschnitzten indischen Tischchen, die umherliegenden fremdsprachigen Bücher, von denen sie kein Wort verstand, sie liebte auch Herrn Tuzzi und neuestens den Nabob, der schon am zweiten Tag nach seiner Ankunft – sie machte den ersten daraus – ihre gnädige Frau besucht hatte; Rachel hatte ihn im Vorzimmer in so heller Begeisterung angestarrt wie den Heiland der Christen, der aus seinem goldenen Schrank gestiegen ist, und das einzige, was sie verdroß, war, daß er seinen Soliman nicht mitgebracht hatte, um ihrer Herrin aufzuwarten.

Aber heute, in der Nachbarschaft eines solchen Weltereignisses, war sie überzeugt, daß sich auch für sie etwas ereignen müsse, und sie nahm an, daß diesmal wahrscheinlich Soliman in Gesellschaft seines Herrn kommen werde, wie es die Feierlichkeit des Geschehens erforderte. Diese Erwartung war jedoch keineswegs die Hauptsache, sondern nur die gehörige Verwicklung, der Knoten oder die Intrige, die in keinem der Romane fehlten, mit denen Rachel sich erzog. Denn Rachel durfte die Romane lesen, welche Diotima weglegte, so wie sie auch die Wäsche für sich zurechtschneidern durfte, welche Diotima nicht mehr trug. Rachel schneiderte und las geläufig, das war ihr jüdisches Erbgut, aber wenn sie einen Roman in der Hand hatte, den ihr Diotima als großes Kunstwerk bezeichnete, – und solche las sie am liebsten –, dann verstand sie die Geschehnisse natürlich nur so, wie man einem lebhaften Vorgang aus großer Entfernung oder in einem fremden Land zusieht; sie wurde von der ihr unverständlichen Bewegung beschäftigt, ja ergriffen, ohne etwas dareinreden zu können, und das liebte sie überaus. Wenn man sie über die Straße schickte oder vornehmer Besuch ins Haus kam, genoß sie in der gleichen Weise die große und aufregende Gebärde einer Kaiserstadt, eine weit über allen Begriff gehende Fülle von glänzenden Einzelheiten, an denen sie einfach dadurch teil hatte, daß sie sich auf einem bevorzugten Platz in ihrer Mitte befand. Sie wollte das gar nicht besser verstehen; ihre elementare jüdische Vorbildung, die klugen Sprüche ihres Elternhauses hatte sie aus Zorn vergessen und bedurfte ihrer so wenig, wie eine Blume Löffel und Gabel braucht, um sich mit den Säften des Bodens und der Luft zu nähren.

So nahm sie jetzt noch einmal alle Bleistifte zusammen und steckte ihre gleißenden Spitzen vorsichtig in die kleine Maschine, die an der Tischecke stand und so vollkommen das Holz schälte, wenn man an ihrer Kurbel drehte, daß bei der Wiederholung des Vorgangs nicht ein Fäserchen mehr abfiel; dann legte sie die Bleistifte wieder zu den samtweichen Papierbogen zurück, drei von verschiedener Art neben jeden, und dachte daran, daß diese vollkommene Maschine, die sie bedienen durfte, aus dem Ministerium des Äußern und des kaiserlichen Hauses stammte, denn ein Diener hatte sie gestern am Abend von dort gebracht und auch die Bleistifte und das Papier. Es war inzwischen sieben Uhr geworden; Rachel warf schnell einen Generalsblick über alle Einzelheiten der Ordnung und eilte aus dem Zimmer, um Diotima zu wecken, denn eine Viertelstunde nach zehn Uhr war schon die Sitzung angesetzt, und Diotima war nach dem Weggang des Herrn noch ein wenig im Bett geblieben.

Diese Morgen mit Diotima waren eine besondere Freude Rachels. Das Wort Liebe bezeichnet das nicht; eher das Wort Verehrung, wenn man es sich in seinem ganzen Sinn vergegenwärtigt, wo die übertragene Ehre einen Menschen dermaßen durchdringt, daß er bis ins Innerste von ihr erfüllt und geradezu von seinem eigenen Platz in sich weggedrängt wird. Rachel besaß seit ihrem heimatlichen Abenteuer ein kleines Mädchen, das jetzt anderthalb Jahre alt war, und führte einer Pflegemutter pünktlich an jedem ersten Sonntag im Monat einen großen Teil ihres Lohnes ab, wobei sie dann auch ihre Tochter sah; aber obwohl sie ihre Pflicht als Mutter nicht versäumte, erblickte sie darin nur eine in der Vergangenheit verwirkte Strafe, und ihre Empfindungen waren wieder die eines Mädchens geworden, dessen keuscher Körper noch nicht von der Liebe geöffnet ist. Sie trat an Diotimas Bett, und ihr Auge glitt, anbetend wie ein Bergsteiger den Schneegipfel erblickt, der aus dem Morgendunkel ins erste Blau steigt, über deren Schulter, ehe sie die perlmutterzarte Wärme der Haut mit den Fingern berührte. Dann kostete sie von dem fein verwickelten Geruch der Hand, die schläfrig unter der Decke hervorkam, um sich küssen zu lassen, und nach Schmuckwässern des Vortags roch, aber auch nach den Dünsten der Nachtruhe; hielt den Morgenpantoffel dem suchenden nackten Fuß entgegen und empfing den erwachenden Blick. Es wäre aber die sinnliche Berührung mit dem großartigen Frauenkörper beiweitem nicht so schön für sie gewesen, würde sie nicht völlig durchstrahlt worden sein von der moralischen Bedeutung Diotimas.

»Hast du für Seine Erlaucht den Stuhl mit den Armlehnen hingestellt? An meinen Platz die kleine silberne Glocke? Auf den Platz des Schriftführers zwölf Bogen Papier gelegt? Und sechs Bleistifte, Rachelle, sechs, nicht bloß drei, am Platz des Schriftführers?« sagte Diotima diesmal. Rachel zählte bei jeder dieser Fragen innerlich noch einmal an den Fingern alles ab, was sie getan hatte, und erschrak heftig vor Ehrgeiz, als stünde ein Leben auf dem Spiel. Ihre Herrin hatte einen Morgenrock umgeworfen und begab sich ins Beratungszimmer. Ihre Art, »Rachelle« zu erziehen, bestand darin, daß sie diese bei allem, was sie tat oder unterließ, daran erinnerte, man dürfe es nie bloß als seine persönliche Angelegenheit betrachten, sondern müsse an die allgemeine Bedeutung denken. Zerschlug Rachel ein Glas, so erfuhr »Rachelle«, daß der Schaden an sich ganz bedeutungslos sei, daß aber das durchsichtige Glas ein Symbol der alltäglichen kleinen Pflichten bedeute, die das Auge kaum noch wahrnehme, weil es sich gerne auf Höheres richte, denen man indes gerade darum besondere Aufmerksamkeit widmen müsse –; und Rachel konnten bei solcher ministeriell höflichen Behandlung die Tränen in die Augen treten, vor Reue und Glück, während sie die Scherben zusammenfegte. Die Köchinnen, von denen Diotima korrektes Denken und Erkenntnis begangener Fehler verlangte, hatten schon oft gewechselt, seit Rachel im Dienst war, aber Rachel liebte diese wundervollen Phrasen von ganzem Herzen, so wie sie den Kaiser, die Begräbnisse und die strahlenden Kerzen im Dunkel der katholischen Kirchen liebte. Hie und da log sie, um sich aus einer Patsche zu ziehen, aber sie kam sich danach sehr schlecht vor; ja sie liebte vielleicht sogar kleine Lügen, weil sie dabei im Vergleich mit Diotima ihre ganze Schlechtigkeit fühlte, gestattete sich das aber gewöhnlich nur dann, wenn sie etwas Falsches heimlich schnell noch in Wahrheit umwandeln zu können hoffte.

Wenn ein Mensch zu einem anderen derart in allem und jedem aufblickt, kommt es vor, daß ihm sein Körper geradezu entzogen wird und wie ein kleiner Meteorit in die Sonne des anderen Körpers stürzt. Diotima hatte nichts auszusetzen gefunden und ihre kleine Dienerin freundlich auf die Schulter geklopft; dann begaben sie sich in die Badestube und begannen die Toilette für den großen Tag. Wenn Rachel das warme Wasser mischte, Seife schäumen ließ oder mit dem Frottiertuch Diotimas Körper so dreist abtrocknen durfte, als wäre es ihr eigener Körper, so machte ihr das viel mehr Vergnügen, als wenn es wirklich bloß ihr eigener Körper gewesen wäre. Der kam ihr nichtig und vertrauensunwürdig vor, es lag ihr ferne, auch nur vergleichsweise an ihn zu denken, ihr war, wenn sie die statuenhafte Fülle Diotimas berührte, zumute wie einem Bauernlümmel von Rekrut, der einem strahlend schönen Regiment angehört.

So wurde Diotima für den großen Tag gewappnet.

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.