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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 119
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
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118

So töte ihn doch!

 

Walter hatte an Stelle seines Büroanzugs einen besseren angelegt und band seine Krawatte vor Clarissens Toilettenspiegel, der trotz der im neuen Geschmack sich krümmenden Umrahmung ein verzerrtes, untiefes Bild aus dem billigen, wahrscheinlich blasigen Glas zurückwarf. »Ganz recht haben sie«, sagte er ärgerlich »diese berühmte Aktion ist nur ein Schwindel!«

»Was haben sie schon davon, daß sie schreien?!« meinte Clarisse.

»Was hat man überhaupt heute vom Leben! Wenn sie auf die Straße gehn, so bilden sie wenigstens einen Zug; einer spürt den Körper des anderen! Wenigstens denken sie nicht und schreiben sie nicht: daraus wird schon irgend etwas werden!«

»Und du meinst wirklich, daß die Aktion diese Empörung verdient?«

Walter zuckte die Achseln. »Hast du nicht in der Zeitung von der Resolution der deutschen Vertrauensmänner gelesen, die dem Ministerpräsidenten überbracht worden ist? Kränkungen und Benachteiligungen der deutschen Bevölkerung und so weiter? Und den höhnischen Beschluß des Tschechenklubs? Oder gar die kleine Nachricht, daß die polnischen Abgeordneten in ihre Wahlbezirke abgereist sind: wenn man zwischen den Zeilen zu lesen versteht, sagt die das meiste, denn die Polen, von denen immer die Entscheidung abhängt, lassen die Regierung in Stich! Die Lage ist gespannt. Es war nicht an der Zeit, durch eine gemeinsame patriotische Aktion alle zu reizen!«

»Wie ich heute morgen in der Stadt war,« erzählte Clarisse »habe ich berittene Polizei marschieren gesehn; ein ganzes Regiment; eine Frau hat mir erzählt, daß sie irgendwo versteckt werden!«

»Natürlich. Auch das Militär steht in den Kasernen bereit.«

»Glaubst du, daß es zu etwas kommt?!«

»Das kann man doch nicht wissen!«

»Sie reiten dann in die Leute hinein? Eigentlich ist das scheußlich, wenn man sich vorstellt, daß man lauter Pferdeleiber zwischen sich hat!«

Walter hatte seine Krawatte noch einmal aufgeknüpft und band sie von neuem. »Hast du schon einmal so etwas mitgemacht?« fragte Clarisse.

»Wie ich Student war.«

»Und seither nicht?«

Walter schüttelte verneinend den Kopf.

»Du hast vorhin gesagt, daß Ulrich schuld ist, wenn es zu etwas kommt?« suchte sich Clarisse noch einmal zu vergewissern.

»Das habe ich nicht gesagt!« verwahrte sich Walter. »Ihm sind politische Ereignisse leider gleichgültig. Ich habe nur gesagt, es sieht ihm ähnlich, so etwas leichtfertig heraufzubeschwören; er verkehrt in dem Kreis, der die Schuld trägt!«

»Ich möchte mit in die Stadt kommen!« eröffnete Clarisse.

»Keinesfalls! Es würde dich zu sehr aufregen!« Walter erwiderte das sehr entschieden; er hatte im Büro allerhand erfahren, was man von der Demonstration erwartete, und wollte Clarisse davon fernhalten. Denn das war nichts für sie, die Hysterie, die von einer großen Menge aufsteigt; man mußte Clarisse behandeln wie eine Schwangere. Er verschluckte sich beinahe an diesem Wort, das in die spröde Reizbarkeit seiner sich ihm verschließenden Geliebten unversehens die törichte Wärme der Schwangerschaft brachte. »Aber solche Zusammenhänge, die über die gewöhnlichen Begriffe hinausgehn, gibt es!« sagte er sich nicht ganz ohne Stolz und bot Clarisse an: »Wenn es dir lieber ist, bleibe auch ich zu Hause.«

»Nein,« erwiderte sie »wenigstens sollst du dabei sein.«

Sie wollte allein bleiben. Als ihr Walter von der bevorstehenden Kundgebung erzählt und beschrieben hatte, wie so etwas aussehe, hatte sie eine Schlange vor Augen gehabt, mit lauter Schuppen, die sich jede einzeln bewegen. Sie wünschte sich selbst von diesem Anblick zu überzeugen, ohne vorher noch viel zu reden.

Walter legte den Arm um sie. »Ich bleibe auch zu Hause?« wiederholte er fragend.

Clarisse streifte den Arm ab, holte ein Buch von der Wand und beachtete ihn nicht. Es war ein Band ihres Nietzsche. Aber Walter, statt sie nun zu verlassen, bat: »Laß mich doch sehn, was dich beschäftigt!«

Es ging schon gegen den Spätnachmittag. Ein unbestimmtes Vorgefühl von Frühling war in der Wohnung; als hörte man Vogelstimmen, durch Glas und Mauern gedämpft; Blumenduft stieg trügerisch auf, aus dem Geruch des Bodenlacks, der Stoffbezüge und geputzten Messingklinken. Walter streckte den Arm nach dem Buch aus. Clarisse umschloß das Buch mit beiden Händen und hielt ihren Finger in die aufgeschlagenen Seiten.

Und nun spielte sich eines jener »fürchterlichen« Erlebnisse ab, an denen diese Ehe so reich war. Alle hatten sie die gleiche Vorlage: In einem Theater möge die Bühne erlöschen und zwei einander gegenüberliegende Logen aufleuchten; in diesen befinden sich Walter auf der einen, Clarisse auf der anderen Seite, ausgezeichnet unter allen Weibern und Männern, zwischen ihnen der tiefe schwarze Abgrund, der von unsichtbaren Menschen warm ist; nun öffnet Clarisse den Mund, und dann antwortet Walter, und alles lauscht atemlos, denn es ist ein Schau- und Klangspiel, wie noch keines menschlichem Vermögen gelungen ist. – So geschah es also auch jetzt, während Walter bittend den Arm ausstreckte und Clarisse, einige Schritte von ihm entfernt, den Finger fest in das aufgeblätterte Buch klemmte. Sie hatte aufs Geratewohl jene schöne Stelle getroffen, wo der Meister von der Verarmung durch den Verfall des Willens spricht, die sich in allen Gebilden des Lebens in einem Wuchern der Einzelheiten auf Unkosten des Ganzen äußert. »Das Leben in die kleinsten Gebilde zurückgedrängt, der Rest arm an Leben«: diesen Satz hatte sie noch im Gedächtnis und sonst von dem größeren Ganzen, das sie in dem Augenblick überflogen hatte, ehe Walter sie darin wieder störte, nur ungefähr die Richtung, wo der Sinn lag; und da machte sie nun trotz der Ungunst des Augenblicks eine große Entdeckung. Denn der Meister sprach an dieser Stelle zwar von allen Künsten, ja sogar von allen Formen des Menschenlebens, aber er benutzte nur Beispiele der Literatur; und da Clarisse das Allgemeine nicht verstand, entdeckte sie, daß Nietzsche nicht die ganze Tragweite seiner Gedanken erfaßt habe, denn sie galten auch für Musik!! Sie hörte dabei ihres Gatten krankes Klavierspiel, als klänge es leibhaft neben ihr, sein gefühlvolles Hängenbleiben, das stockende Austreten der Töne, sobald seine Gedanken zu ihr herüber schweiften und, mit einer anderen Stelle des Meisters zu sprechen, »der moralische Nebenhang« den »Künstler« in ihm überwältigte. Clarisse verstand es zu hören, wenn Walter sie stumm begehrte, und sie konnte die Musik sehen, wenn sie aus seinem Gesicht entwich. Dann leuchteten in diesem nur die Lippen, und er sah aus, als hätte er sich in den Finger geschnitten und würde ohnmächtig. Und so sah er auch jetzt aus, während er, nervös lächelnd, den Arm ausgestreckt hatte. So viel hatte Nietzsche natürlich nicht wissen können, doch war es wie ein Zeichen, daß sie der Zufall gerade eine Stelle hatte aufschlagen lassen, die daran rührte, und indem sie alles das auf einmal sah, hörte und begriff, schlug der Blitz der Erfindung in sie, und sie stand auf einem hohen Berg namens Nietzsche, der Walter unter sich begraben hatte, ihr aber gerade nur unter die Fußsohlen reichte! Die »angewandte Philosophie und Dichtung« der meisten Menschen, die weder schöpferisch noch dem Geist unzugänglich sind, besteht aus solchen schimmernden Verschmelzungen einer kleinen persönlichen Abänderung mit einem großen fremden Gedanken.

Walter war inzwischen aufgestanden und näherte sich nun Clarisse. Er war entschlossen, die Demonstration, an der er hatte teilnehmen wollen, fahrenzulassen und bei ihr zu bleiben. Er sah sie bei seiner Annäherung widerwillig an die Wand gelehnt dastehen, und diese geflissentlich zur Schau getragene Gebärde einer Frau, die vor einem Mann zurückweicht, übertrug leider nicht ihren Abscheu auf ihn, sondern weckte die männlichen Vorstellungen, die als Ursache dazu gepaßt haben würden. Denn ein Mann muß imstande sein, zu befehlen und seinen Willen einem Widerstrebenden aufzunötigen, und plötzlich bedeutete Walter dieses Bedürfnis, sich als Mann zu bewähren, gerade so viel, wie den Kampf gegen die versprengten Reste des aus seiner Jugend übriggebliebenen Aberglaubens zu führen, daß man etwas Besonderes sein müsse. »Man muß nichts Besonderes sein!« sagte er sich trotzig. Es erschien ihm als eine Feigheit, diese Einbildung nicht entbehren zu können. »Wir alle haben Exzesse in uns« dachte er wegwerfend. »Wir haben das Kranke, das Schaurige, das Einsame, das Bösartige in uns; jeder von uns könnte etwas, das nur er könnte: das bedeutet noch gar nichts!« Es erbitterte ihn der Wahn, daß man die Aufgabe haben solle, das Ungewöhnliche zu entwickeln, statt diese leicht verderblichen Auswüchse zurückzunehmen, organisch einzuschmelzen und das leicht allzu ruhig werdende bürgerliche Blut ein wenig mit ihnen aufzufrischen. So dachte er und wartete auf den Tag, wo ihm Musik und Malen nicht mehr bedeuten sollten als eine edle Art, sich zu vergnügen. Daß er sich ein Kind wünschte, gehörte zu diesen neuen Aufgaben; das Verlangen, das ihn in seiner Jugend beherrscht hatte, ein Titan und Feuerbringer zu werden, zeitigte es nun als letzte Folge, daß er den Glauben, man müsse zuvor wie alle werden, mit einiger Übertreibung aufnahm; er schämte sich zu dieser Zeit, weil er kein Kind besaß, er hätte fünf Kinder gewollt, wenn das Clarisse und sein Einkommen gestattet haben würden, denn es drängte ihn, die Mitte eines warmen Lebenskreises zu sein, und er wünschte sich, den großen das Leben tragenden Menschendurchschnitt an Durchschnittlichkeit noch zu übertreffen, unerachtet des Widerspruchs, der gerade in diesem Verlangen liegt.

Aber mochte es sein, daß er zu viel nachgedacht oder geschlafen hatte, ehe er sich zum Ausgehen herrichtete und dieses Gespräch begann, er hatte jetzt heiße Wangen, und wie sich zeigte, begriff Clarisse gleich, warum er sich ihrem Buch näherte, und diese Feinheit der beiderseitigen Abstimmung trotz der schmerzlichen Zeichen von Abneigung bewegte ihn sofort geheimnisvoll, so daß die Brutalität darunter zu leiden hatte und seine Einfachheit wieder in Stücke ging. »Warum willst du mir nicht zeigen, was du gelesen hast? Laß uns doch sprechen!« begehrte er eingeschüchtert.

»Man kann nicht ›sprechen‹!« zischte Clarisse.

»Wie du überspannt bist!« rief Walter aus. Er wollte ihr das Buch aufgeschlagen entwinden. Clarisse hielt es eigensinnig an sich. Aber nachdem sie eine Weile miteinander gerungen hatten, fiel Walter ein: »Was will ich denn eigentlich von dem Buch!?« und er ließ Clarisse los. Damit wäre die Angelegenheit nun eigentlich zu Ende gewesen, wenn sich Clarisse nicht in dem Augenblick, wo sie wieder frei war, erst recht so heftig gegen die Wand gepreßt hätte, als müßte sie sich, um drohender Gewalt auszuweichen, rückwärts durch eine steife Hecke drücken. Sie fand keinen Atem, war bleich und schrie ihm heiser zu: »Statt selbst etwas zu leisten, möchtest du dich in einem Kind fortsetzen!«

Wie giftiges Feuer würgte ihr Mund ihm diesen Satz entgegen, und nun keuchte auch Walter unwillkürlich von neuem sein »Laß uns sprechen!«

»Ich will nicht sprechen, du bist mir widerwärtig!!« antwortete Clarisse, plötzlich wieder in vollem Besitz ihrer Stimmittel und diese so zielbewußt ausnützend, als fiele eine schwere Porzellanschüssel genau zwischen ihren und Walters Füßen zur Erde. Walter trat einen Schritt zurück und sah sie überrascht an.

Clarisse meinte es nicht so böse. Sie hatte bloß Angst, daß sie doch einmal aus Gutmütigkeit oder aus Nachlässigkeit nachgeben könnte; dann würde Walter sie sofort mit Wickelbändern an sich schnüren, und das durfte am wenigsten jetzt geschehen, wo sie die ganze Frage zur Entscheidung bringen wollte. Die Ereignisse hatten sich »zugespitzt«; dieses Wort fühlte sie dick unterstrichen in ihrem Kopf, das Walter gebraucht hatte, um ihr zu erklären, warum die Leute auf die Straße gingen; denn Ulrich, der mit Nietzsche dadurch zusammenhing, daß er ihr seine Werke zur Hochzeit geschenkt hatte, befand sich auf der anderen Seite, gegen die sich die Spitze richtete, falls es losging; und Nietzsche hatte ihr soeben ein Zeichen gegeben, und wenn sie sich dabei auf einem »hohen Berg« stehen sah, was ist ein hoher Berg anderes als hoch zugespitzte Erde?! Das waren also ganz sonderbare Zusammenhänge, die wohl kaum noch ein Mensch enträtselt haben konnte und sie kamen sogar Clarisse nicht klar vor; aber gerade darum wollte sie allein sein und Walter aus dem Haus scheuchen. Der wilde Haß, der in diesem Augenblick aus ihrem Gesicht loderte, war kein ungemischter und ernster, sondern nur ein körperlich rasender bei ungewisser Beteiligung der Person, ein »Klavierzorn«, wie er auch Walter geläufig war, und so kam es, daß auch er, nachdem er seine Frau schon eine Weile verdutzt angestarrt hatte, plötzlich von nachgeholter Blässe überzogen wurde, die Zähne bleckte und als Antwort darauf, daß er ihr widerwärtig sei, ausrief: »Hüte dich vor dem Genie! Gerade du hüte dich!«

Er schrie noch heftiger, als sie es getan hatte, und die dunkle Prophezeiung kam ihm selbst schauerlich vor, denn sie hatte sich, stärker als er selbst, einfach einen Weg durch seine Kehle gebrochen, und er sah plötzlich alles schwarz im Zimmer, als wäre eine Sonnenfinsternis eingetreten.

Auch auf Clarisse hatte es Eindruck gemacht. Sie schwieg mit einemmal. Es bedeutet ein Affekt, der so stark ist wie eine Sonnenverfinsterung, auch gewiß keine einfache Sache, und wie immer er zustande gekommen sein mochte, so war mitten darin ganz unversehens Walters Eifersucht auf Ulrich mit einem Schlag zerborsten. Warum er ihn dabei ein Genie nannte? Es hieß wohl ungefähr soviel wie Überhebung, die nicht weiß, wie bald sie zerschellen soll. Walter sah mit einemmal alte Bilder vor sich: Ulrich, in Uniform nachhause kommend, der Barbar, der schon Geschichten mit wirklichen Frauen hatte, als Walter, obwohl er älter war, noch Gedichte auf Steinstatuen in Parken machte. Später: Ulrich, neue Nachrichten vom Geist der Genauigkeit, der Geschwindigkeit, des Stahls nachhause bringend; aber für den Humanisten Walter war auch das der Einbruch einer Barbarenhorde. Immer hatte Walter gegenüber dem jüngeren Freund das geheime Unbehagen des körperlich und auch an Unternehmungskraft Schwächeren empfunden, aber zugleich in sich den Geist gesehen und in jenem nur den rohen Willen. Und immer bestand zwischen ihnen, diese Auffassung bestärkend, das Verhältnis: Walter vom Schönen oder Guten bewegt, Ulrich kopfschüttelnd. Solche Eindrücke bleiben. Wenn es Walter gelungen wäre, die aufgeschlagene Stelle zu sehen, um die er mit Clarisse kämpfte, so würde er in der darin beschriebenen Zersetzung, die den Lebenswillen vom Ganzen in die Einzelheiten verdrängt, keineswegs einen Tadel seiner eigenen künstlerischen Grübelsucht erkannt haben, wie Clarisse es verstand, sondern er würde überzeugt gewesen sein, daß dies eine ausgezeichnete Beschreibung seines Freundes Ulrich sei, angefangen von der Überwertung der Einzelheiten, wie sie dem modernen Erfahrungsaberglauben eigentümlich ist, bis zu der Fortsetzung dieses barbarischen Zerfalls in das Ich hinein, was er einen Mann ohne Eigenschaften oder Eigenschaften ohne Mann genannt hatte, während Ulrich in seinem Größenwahn diese Bezeichnung noch dazu gut hieß. Alles das meinte Walter mit dem Schmähruf Genie; denn wenn sich irgendwer eine einsame Individualität nennen durfte, so meinte er das selbst zu sein, und doch hatte er das aufgegeben, um zur natürlichen menschlichen Aufgabe zurückzulenken, und fühlte sich seinem Freund darin um ein ganzes Zeitalter voraus. Aber während Clarisse auf seine Schmähung schwieg, dachte er: »Wenn sie jetzt nur ein einziges Wort zu Ulrichs Gunsten erwidert, so ertrage ich es nicht!« und der Haß schüttelte ihn, als täte das der Arm Ulrichs.

In seiner übermäßigen Erregung spürte er, wie er seinen Hut an sich reißen und forteilen würde. Er stürzte durch Gassen, ohne sie wahrzunehmen. Die Häuser bogen sich in seiner Vorstellung ordentlich im Wind zur Seite. Erst nach einer Weile verlangsamte sich sein Schritt, und nun sah er den Menschen ins Gesicht, an denen er vorbeikam. Diese Gesichter, die freundlich in das seine blickten, beruhigten ihn. Und nun setzte er auch, soweit sein Bewußtsein außerhalb dieses Phantasieerlebnisses geblieben war, dazu an, Clarisse zu erzählen, was er meine. Aber die Worte glänzten ihm in den Augen statt im Munde. Wie soll man auch das Glück beschreiben, zwischen Menschen und Brüdern zu sein! Clarisse würde sagen, es fehle ihm an Eigenheit. Aber Clarissens steiles Selbstbewußtsein hatte etwas Unmenschliches, und den überheblichen Forderungen, die es an ihn stellte, wollte er nicht mehr genügen! Er empfand das schmerzlichste Verlangen, mit ihr in eine Ordnung eingeschlossen zu sein, statt im offenen Irrwahn der Liebe und persönlichen Gesetzlosigkeit zu treiben. »Man muß unter allem, was man ist und tut, und sogar dann, wenn man sich im Gegensatz zu anderen befindet, eine Grundbewegung zu ihnen hin vorhanden fühlen«: ungefähr so hätte er ihr entgegen mögen. Denn Walter hatte immer Glück gehabt mit Menschen; selbst im Streit wurden sie von ihm angezogen, und er von ihnen, und so war die etwas flache Meinung, daß der Menschengemeinschaft eine ausgleichende, das Tüchtige belohnende Kraft innewohne, die sich schließlich immer durchzusetzen verstehe, in seinem Leben zu einer stehenden Überzeugung geworden. Es fiel ihm ein, daß es Menschen gibt, die Vögel anlocken; die Vögel fliegen gern zu ihnen hin, und solche Menschen haben oft selbst etwas Vogelhaftes in ihrem Ausdruck. Es war überhaupt seine Überzeugung, daß jeder Mensch ein Tier habe, mit dem er auf unerklärliche Weise zusammenhänge. Diese Theorie hatte er einmal ausgedacht; sie war nicht wissenschaftlich, aber er glaubte, daß musikalische Menschen vieles ahnen, was über der Wissenschaft liegt, und schon seit seiner Kindheit stand es fest, daß sein Tier Fische seien. Fische hatten ihn immer heftig angezogen, vermischt mit Grauen, und zu Beginn eines Ferienaufenthalts hielt er es stets wie toll mit ihnen; er konnte dann stundenlang am Wasser stehn, sie aus ihrem Element herausangeln und ihre Leichen neben sich ins Gras legen, bis das plötzlich mit einem Widerwillen abschloß, der an Entsetzen streifte. Und Fische in der Küche gehörten zu seinen frühesten Leidenschaften. Die Gerippe der Ausgeweideten wurden in einen Weidling getan, ein nachenförmiges Küchengerät, grün-weiß glasiert, wie Gras und Wolken, und halb mit Wasser gefüllt, worin die Skelette aus irgendeinem mit den Gesetzen des Küchenreichs zusammenhängenden Grund liegen blieben, bis die Mahlzeit fertig bereitet war und sie auf den Mist wanderten; zu diesem Gefäß zog es geheimnisvoll den Knaben, der stundenlang unter kindlichen Vorwänden dahin zurückkehrte und, wenn er rundweg befragt wurde, die Sprache verlor. Heute würde er vielleicht zur Antwort geben können, daß der Zauber der Fische darin bestehe, daß sie nicht zwei Elementen angehören, sondern ganz in einem ruhn. Er sah sie wieder vor sich, wie er sie oft im tiefen Wasserspiegel gesehen, und sie bewegten sich nicht so wie er selbst über einem Boden hin, an dessen Grenze gegen ein leeres Zweites (weder da, noch dort daheim! dachte Walter, den Gedanken kreuz und quer spinnend; einer Erde angehörig, mit der man gerade nur die kleine Fläche der Füße gemeinsam hat, und mit dem ganzen Körper in eine Luft ragend, in der man fallen würde und die man von ihrem Platz drängt!), sondern der Boden der Fische, ihre Luft, ihr Trank, ihre Speise, ihr Schreck vor Feinden, der schattenhafte Zug ihrer Liebe und ihr Grab schlossen sie ein; sie bewegten sich in dem, wovon sie bewegt wurden, wie es der Mensch nur im Traum erlebt oder vielleicht in dem sehnsüchtigen Verlangen, die schützende Zärtlichkeit des Mutterleibs wiederzufinden, woran zu glauben damals gerade Mode zu werden anfing. Aber warum tötete er dann die Fische und riß sie heraus? Es bereitete ihm einen unaussprechlichen, heiligen Genuß! Und er wollte nicht wissen, warum; er, Walter, der Rätselvolle! Aber Clarisse hatte einmal Fische einfach Wasserbourgeois genannt?! Er zuckte beleidigt zusammen. Und während er – in dem erdachten Zustand, worin er sich befand und eben auch alles das dachte – durch die Straßen eilte und den Menschen, die ihm begegneten, in die Gesichter sah, war gutes Fischwetter geworden; es regnete zwar noch nicht gerade, aber Nässe fiel, und die Gehsteige und Fahrbahnen waren, wie er jetzt erst bemerkte, schon seit einer Weile dunkelbraun. Nun sahen die Menschen, die sich darauf bewegten, schwarz gekleidet aus und sie trugen steife Hüte, aber keine Kragen; Walter nahm es ohne Verwunderung hin; jedenfalls waren sie keine Bourgeois, sondern kamen anscheinend aus einer Fabrik, gingen in lockeren Gruppen, und andere Menschen, die noch nicht Feierabend machten, schoben sich so wie er hastiger zwischen ihnen vor, und er wurde sehr glücklich, bloß die nackten Hälse erinnerten ihn an etwas, das ihn störte und nicht ganz geheuer war. Und plötzlich quoll Regen aus dem Bild; ein Stieben von Menschen begann, etwas Aufgeschlitztes war in der Luft, Weißblinkendes; Fische fielen; und über alles hin zog ein zitternder, zärtlicher, scheinbar gar nicht dazugehörender Ruf einer einzelnen Stimme, die einen kleinen Hund bei seinem Namen lockte.

Diese letzten Veränderungen waren so unabhängig von ihm, daß sie ihn selbst überraschten. Er hatte nicht wahrgenommen, daß seine Gedanken träumten und mit unfaßbarer Geschwindigkeit auf Bildern dahintrieben. Er starrte auf und sah in das Gesicht seiner jungen Frau, das noch immer von Abneigung verzerrt war. Er fühlte sich sehr unsicher. Er erinnerte sich, daß er einen Vorwurf ausführlich hatte darlegen wollen; sein Mund stand noch offen. Aber er wußte nicht: waren seither Minuten vergangen, Sekunden oder nur Tausendstel von Sekunden? Es wärmte ihn dabei ein wenig Stolz, so wie nach einem eiskalten Bad die Haut von zweideutigen Schauern überhaucht wird; und das sagte ungefähr: »Seht ihr, wessen ich fähig bin!« Nicht weniger empfand er sich aber im gleichen Augenblick von diesem Durchbruch des Unterirdischen beschämt; hatte er doch soeben noch davon sprechen wollen, daß das Eingeordnete, Selbstbeherrschte und sich im großen Kreis Bescheidende geistig weit höher stehe als das Abnorme, und nun lagen seine Überzeugungen mit den Wurzeln nach oben, und der Schlamm des Lebensvulkans klebte an ihnen! Darum war das stärkste Gefühl seit seinem Erwachen eigentlich Schreck. Es erschien ihm gewiß, daß ihm etwas Schreckliches bevorstehe. Diese Angst hatte keinen vernünftigen Inhalt; noch halb bildhaft denkend, hatte er bloß die Vorstellung, daß Clarisse und Ulrich bemüht seien, ihn aus seinem Bild herauszureißen. Er nahm seine Gedanken zusammen, um dieses Wachträumen abzuschütteln, und wollte etwas sagen, was der durch seine Heftigkeit gelähmten Unterredung zu einem vernünftigen Fortgang verhelfen sollte; er hatte auch schon irgend etwas auf der Zunge, aber eine Ahnung, daß sich seine Worte verspätet hätten, daß inzwischen schon anderes gesprochen worden sei und vor sich gegangen sei, ohne daß er davon wisse, hielt ihn zurück, und plötzlich hörte er, in der Zeit nachrückend, wie Clarisse zu ihm sagte: »Wenn du Ulrich töten willst, so töte ihn doch! Du hast zuviel Gewissen; ein Künstler kann gute Musik nur ohne Gewissen machen!«

Walter wollte es die längste Zeit nicht verstehen. Manchmal begreift man ja etwas erst dadurch, daß man selbst eine Antwort darauf gibt, und er zögerte, eine Antwort zu geben, weil er fürchten mußte, seine Abwesenheit zu verraten. Und in dieser Unsicherheit begriff er oder ließ sich die Überzeugung aufnötigen, daß Clarisse wirklich das ausgesprochen habe, was den Ursprung der beängstigenden Gedankenflucht bildete, die er soeben erlebt hatte. Sie hatte recht, daß Walter, wäre ihm jeder Wunsch erlaubt gewesen, oft keinen anderen gehabt hätte, als Ulrich tot zu sehen. So etwas kommt in Freundschaften, die sich nicht so rasch aufzulösen pflegen, wie es die Liebe tut, nicht ganz selten vor, wenn sie heftig an den Wert der Person rühren. Und es war nicht sehr blutig gemeint; denn in dem Augenblick, wo er sich vorstellte, daß Ulrich tot wäre, kam sofort die alte Jugendliebe für den verlorenen Freund wenigstens teilweise wieder zum Vorschein; und so, wie im Theater die bürgerliche Hemmung vor der Untat durch ein großes künstliches Gefühl aufgehoben wird, hatte er beinahe den Eindruck, daß bei dem Gedanken einer tragischen Lösung auch dem in der Rolle des Opfers Gedachten etwas Schönes geschehe. Er fühlte sich sehr gehoben, obgleich er furchtsam war und kein Blut sehen konnte. Und obgleich er ehrlich wünschte, daß Ulrichs Hochmut einmal zusammenbrechen möge, hätte er nicht einmal dazu etwas getan. Aber Gedanken haben ja ursprünglich keine Logik, wie sehr man sie ihnen auch zuschreiben mag; erst der phantasielose Widerstand der Wirklichkeit bringt die Achtsamkeit auf die Widersprüche in das Gedicht Mensch. Vielleicht hatte also auch Clarisse recht, wenn sie behauptete, daß ein Zuviel an bürgerlichem Gewissen für den Künstler hinderlich sein kann. Und alles war das zugleich in Walter, der seine Frau unschlüssig und widerstrebend anblickte.

Aber Clarisse wiederholte eifrig: »Wenn er dich an deinem Werk hindert, so darfst du ihn aus dem Weg räumen!« Sie schien das anregend und unterhaltsam zu finden.

Walter wollte die Hände nach ihr ausstrecken. Seine Arme waren wie eingeklemmt, aber er kam ihr wohl doch dabei nahe; »Nietzsche und Christus sind an ihrer Halbheit zugrunde gegangen!« flüsterte sie ihm ins Ohr. Alles das war unsinnig. Wie brachte sie da Christus herein?! Was sollte es heißen, daß Christus an Halbheit zugrunde gegangen sei?! Solche Vergleiche waren nur peinlich. Doch fühlte Walter noch immer etwas unbeschreiblich Anstiftendes von der Bewegung dieser Lippen ausgehen; offenbar wurde sein eigener, hart erarbeiteter Entschluß, sich der Menschenmehrheit anzuschließen, von dem unterdrückten heftigen Bedürfnis nach einer Ausnahmestellung stets angefochten. Er faßte Clarisse so fest an, wie es nur seine Kraft erlaubte, und hinderte sie, sich zu bewegen. Ihre Augen standen als zwei Scheibchen vor den seinen. »Ich weiß nicht, wie dir solche Gedanken einfallen können!« sagte er einigemal hintereinander, erhielt aber keine Antwort. Und ohne es zu wollen, mußte er sie dabei an sich gezogen haben, denn Clarisse spreizte die Nägel ihrer zehn Finger wie ein Vogel gegen sein Gesicht, so daß es sich dem ihren nicht weiter nähern konnte. »Sie ist wahnsinnig!« fühlte Walter. Aber er konnte sie nicht loslassen. Eine Häßlichkeit, die gar nicht zu verstehen war, lag über ihrem Gesicht. Er hatte noch nie einen Wahnsinnigen gesehen; aber so, dachte er, müßten sie aussehen.

Und plötzlich stöhnte er auf: »Du liebst ihn?!« Es war dies wohl weder eine sonderlich originelle noch eine Bemerkung, die zum erstenmal zwischen ihnen umkämpft wurde; aber um nicht glauben zu müssen, daß Clarisse krank sei, wollte er lieber hinnehmen, daß sie Ulrich liebe, und dieser Opfermut war wahrscheinlich nicht ganz unbeeinflußt davon, daß ihm Clarisse, deren schmallippige Frührenaissanceschönheit er bisher immer bewundert hatte, zum ersten Mal häßlich vorkam, und diese Häßlichkeit hing vielleicht wieder damit zusammen, daß ihr Gesicht nicht mehr von der Liebe zu ihm zärtlich beschützt, sondern von der rohen Liebe des Nebenbuhlers aufgedeckt wurde. Für Verwicklungen war damit reichlich gesorgt, und sie zitterten ihm zwischen Herz und Auge, als etwas Neuartiges, das ebensoviel allgemeine wie private Bedeutung hatte; aber daß er, den Satz »du liebst ihn« aussprechend, ganz unmenschlich stöhnte, geschah vielleicht, weil er von Clarissens Verrücktheit schon angesteckt war, und es setzte ihn ein wenig in Schrecken.

Clarisse hatte sich sachte losgemacht, näherte sich ihm jedoch noch einmal freiwillig und gab einigemal, als sänge sie etwas, zur Antwort: »Ich will kein Kind von dir; ich will kein Kind von dir!« Dabei küßte sie ihn flüchtig und rasch hintereinander.

Dann war sie fort.

Hatte sie wirklich auch gesagt: »Er will ein Kind von mir?« Walter konnte sich nicht mit Sicherheit erinnern, daß sie es gesagt hätte, aber er hörte gleichsam die Möglichkeit. Er stand eifersüchtig vor dem Klavier und fühlte sich einseitig von etwas Warmem und etwas Kaltem angeweht. Waren es die Ströme des Genies und des Irrsinns? Oder die der Nachgiebigkeit und des Hasses? Oder die der Liebe und des Geistes? Er konnte sich vorstellen, daß er Clarisse den Weg freigeben und sein Herz auf diesen Weg legen könnte, damit sie darüber gehe, und er konnte sich vorstellen, daß er mit gewaltigen Worten sie und Ulrich vernichten könnte. Er war unschlüssig, ob er zu Ulrich eilen oder seine Symphonie zu schreiben beginnen solle, aus der in diesem Augenblick der ewige Kampf zwischen Erde und Sternen werden konnte, oder ob es gut wäre, vorher seine Erregung ein wenig im Nixenteich der verbotenen Wagnermusik abzukühlen. Der unausdrückbare Zustand, worin er sich befunden hatte, begann sich allmählich in diese Überlegungen aufzulösen. Er öffnete das Klavier, zündete sich eine Zigarette an, und während sich seine Gedanken immer breiter zerstreuten, fingen seine Finger auf den Tasten die wogende Rückenmarksmusik des sächsischen Zauberers an. Und nachdem diese langsame Entladung eine Weile gedauert hatte, war es ihm ganz klar geworden, daß seine Frau und er sich in einem unzurechnungsfähigen Zustand befunden hatten; aber trotz des peinlichen Eindrucks, den ihm das bereitete, wußte er, daß es so bald danach noch vergeblich wäre, Clarisse suchen zu gehn, um ihr das begreiflich zu machen. Und plötzlich zog es ihn unter die Menschen. Er stülpte den Hut auf und ging in die Stadt, um seine ursprüngliche Absicht zu verwirklichen und sich in die allgemeine Erregung zu mengen, falls es ihm gelingen sollte, diese zu finden. Er hatte unterwegs ganz den Eindruck, daß er eine dämonische Truppenmacht in sich führe, als deren Kapitän er zu den anderen stoßen werde. Aber schon in der Elektrischen sah das Leben ganz gewöhnlich aus; daß sich Ulrich auf der Gegenseite befinden müsse, daß vielleicht das Palais des Grafen Leinsdorf gestürmt werden könnte, daß Ulrich etwa an einer Laterne hing, von stürmenden Füßen zertrampelt wurde, ein andermal dagegen von Walter beschützt und zitternd gerettet wurde, das waren höchstens ganz flüchtige Tagschatten auf dem hellen Ordnungszustand der Fahrt mit festem Preis, Haltestellen und warnenden Glockenzeichen, dem sich Walter, nun wieder ruhiger atmend, verwandt fühlte.

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