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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 115
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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114

Die Verhältnisse spitzen sich zu. Arnheim ist sehr huldvoll zu General Stumm. Diotima trifft Anstalten, sich ins Grenzenlose zu begeben. Ulrich phantasiert von der Möglichkeit, so zu leben, wie man liest

 

Seine Erlaucht hatte dringend gewünscht, daß sich Diotima über den berühmten Makart-Festzug unterrichte, der in den Siebzigerjahren ganz Österreich in Begeisterung vereint hatte; er erinnerte sich noch genau an die teppichbehängten Wagen, die schwer beschirrten Pferde, die Trompeter und den Stolz, den die Leute über ihre mittelalterliche Tracht empfanden, die sie dem Alltagsleben entriß. So kam es, daß Diotima, Arnheim und Ulrich aus der Hofbibliothek traten, die sie nach zeitgenössischen Darstellungen durchsucht hatten. Wie es Diotima lippenrümpfend Sr. Erlaucht vorausgesagt hatte, war das Ergebnis ein unmögliches; mit solchem Seelenplunder konnte man die Menschen nicht mehr ihrem Alltagsleben entreißen, und die schöne Frau verkündete ihren Begleitern das Bedürfnis, sich des hellen Sonnenscheins und des Jahres 1914 zu freuen, das in weiter Entfernung von jener vermoderten Zeit schon seit etlichen Wochen begonnen hatte. Diotima hatte auf der Treppe erklärt, daß sie zu Fuß nach Hause zu gehen wünsche, sie waren aber kaum ans Licht getreten, so stießen sie auf den General, der zum Tor der Bibliothek hinein wollte und sich, weil er nicht wenig stolz war, bei solcher wissenschaftlichen Tätigkeit angetroffen zu werden, sofort bereit erklärte, umzukehren und das Gefolge Diotimas auf dem Heimweg um seine Person zu vermehren. Darum fand Diotima schon nach einigen Schritten heraus, daß sie müde sei, und wünschte einen Wagen. Es kam aber nicht gleich ein freies Fuhrwerk vorbei, und so standen sie alle auf dem Platz vor der Bibliothek, der ein trogförmiges Rechteck bildete, dessen drei Seiten von herrlichen alten Wänden begrenzt wurden, während auf der vierten, vor einem langgestreckten niederen Palais, die wie eine Eisbahn schimmernde Asphaltstraße mit Autos und Gespannen vorbeischoß, von denen keines den Winken und Zeichen folgte, die sie wie Schiffbrüchige abgaben, bis sie es müde wurden oder vergaßen und nur zeitweilig noch ermattend wiederholten.

Arnheim trug persönlich ein großes Buch unter dem Arm. Es war das eine Gebärde, die ihn freute; herablassend und achtungsvoll zugleich vor dem Geist. Er sprach angeregt mit dem General. »Ich freue mich, auch in ihnen einen Bibliotheksbesucher anzutreffen; man soll von Zeit zu Zeit den Geist in seinem eigenen Hause aufsuchen,« erläuterte er, »aber das ist heutzutage unter Männern von Stellung eine Seltenheit geworden!«

General Stumm erwiderte, daß er mit dieser Bibliothek sehr vertraut sei.

Arnheim fand es anerkennenswert. »Es gibt jetzt fast nur noch Schriftsteller und keine Menschen mehr, die Bücher lesen« fuhr er fort. »Haben Sie sich, Herr General, schon einmal gefragt, wieviel Bücher jährlich gedruckt werden? Ich glaube mich zu erinnern, daß es über hundert Bücher täglich allein in Deutschland sind. Und mehr als tausend Zeitschriften werden jährlich gegründet! Jeder schreibt; jeder bedient sich jedes Gedankens als seines eigenen, wenn es ihm paßt; niemand denkt an eine Verantwortung für das Ganze! Seit die Kirche ihren Einfluß verloren hat, gibt es keine Autorität mehr in unserem Chaos. Es gibt kein Bildungsvorbild und keine Bildungsidee. Es ist unter diesen Umständen nur natürlich, daß Gefühle und Moral ohne Anker gleiten und der festeste Mensch zu wanken beginnt!«

Dem General wurde trocken im Munde. Man konnte nicht sagen, daß Dr. Arnheim eigentlich zu ihm sprach; er war ein Mann, der auf einem Platz stand und laut dachte. Der General erinnerte sich, daß viele Menschen auf der Straße mit sich sprechen, während sie irgendwohin eilen; richtiger gesagt, viele Zivilisten, denn einen Soldaten würde man einsperren und einen Offizier auf die psychiatrische Station schicken. Es machte auf Stumm einen peinlichen Eindruck, sozusagen mitten in der Haupt- und Residenzstadt öffentlich zu philosophieren. Außer den beiden Männern stand nur noch ein stummer Mann auf dem Platz in der Sonne, und dieser war aus Erz und stand auf einem großen Stein; der General erinnerte sich nicht, wen er darstellte, und bemerkte ihn jetzt überhaupt zum erstenmal. Arnheim, der darauf aufmerksam wurde, erkundigte sich, wer das sei. Der General entschuldigte sich. »Und man hat ihn hierher gestellt, damit wir ihn verehren!« bemerkte der Gewaltige. »Aber so ist es wohl! Wir bewegen uns ja in jeder Minute zwischen Einrichtungen, Fragen und Forderungen, von denen wir nur das letzte Stück kennen, so daß die Gegenwart unaufhörlich in die Vergangenheit greift; wir brechen, wenn Sie mir erlauben, es so zu sagen, bis über die Knie in unterkellerte Zeit ein und empfinden das als höchste Gegenwart!«

Arnheim lächelte, er machte Konversation. Seine Lippen spielten in der Sonne unaufhörlich auf und ab, in den Augen wechselten die Lichter wie auf einem signalisierenden Dampfer. Stumm wurde unheimlich zumut; er fand es schwer, seine Aufmerksamkeit bei so zahlreichen und ungewöhnlichen Wendungen immer von neuem zu erkennen zu geben, während er vor allen Leuten auf der Präsentierplatte von Platz in Uniform stand. In den Ritzen zwischen den Pflastersteinen wuchs Gras; es war vom Vorjahr und sah unwahrscheinlich frisch aus, wie eine Leiche, die im Schnee gelegen hat; es war überhaupt außerordentlich merkwürdig und störend, daß da zwischen Steinen Gras wuchs, wenn man bedachte, daß wenige Schritte davon entfernt der Asphalt von Autos zeitgemäß blank geputzt wurde. Der General begann unter der ängstlichen Eingebung zu leiden, es könnte sich, wenn er noch lange zuhören müsse, ereignen, daß er sich auf die Knie werfe und vor allen Leuten Gras fresse. Es war ihm unklar, warum; aber er sah sich Schutz suchend nach Ulrich und Diotima um.

Diese hatten sich in einen dünnen Schattenschleier gerettet, der um eine Mauerecke spann, und man hörte nur ihre unverständlich leisen Stimmen in einem Streit, der zwischen ihnen entbrannt war.

»Das ist eine trostlose Auffassung!« sagte Diotima.

»Was?« fragte Ulrich, mehr mechanisch als neugierig.

»Es gibt im Leben doch auch Individualitäten!«

Ulrich bemühte sich, ihr von der Seite ins Auge zu sehn. »Du lieber Himmel,« meinte er »wir haben davon schon gesprochen!«

»Sie haben kein Herz! Sonst könnten Sie nicht immer so sprechen!« Sie sagte es sanft. Von den Steinplatten stieg die erwärmte Bodenluft längs ihrer Beine hoch, die von den langen Röcken, unnahbar und für die Welt nicht vorhanden, wie die Beine einer Statue umschlossen wurden. Kein Zeichen verriet, daß sie etwas bemerkte. Es war eine Zärtlichkeit, zu der kein Mensch und Mann gehörte. Ihre Augen wurden blaß. Es mochte das aber vielleicht bloß der Eindruck ihrer Zurückhaltung sein, in einer Lage, wo sie den Blicken der Vorübergehenden ausgesetzt war. Sie wandte sich Ulrich zu und sagte mit Mühe: »Wenn eine Frau zwischen Pflicht und Leidenschaft wählen muß, worauf sollte sie sich denn stützen, wenn nicht auf ihren Charakter?!«

»Sie müssen nicht wählen!« entgegnete Ulrich.

»Sie erlauben sich zu viel; ich habe nicht von mir gesprochen!« flüsterte seine Kusine.

Da er darauf nichts erwiderte, blickten sie eine Weile gemeinsam und feindlich über den Platz. Dann fragte Diotima: »Halten Sie es für möglich, daß das, was wir unsere Seele nennen, aus dem Schatten hervortreten könnte, in dem es sich gewöhnlich befindet?«

Ulrich sah sie verblüfft an.

»In besonderen und bevorzugten Menschen« ergänzte sie.

»Sie suchen am Ende Rapporte?« fragte er ungläubig. »Hat Sie Arnheim mit einem Medium zusammengebracht?«

Diotima war enttäuscht. »Ich hätte nicht erwartet, daß Sie mich so mißverstehen werden!« warf sie ihm vor. »Wenn ich aus dem Schatten hervortreten gesagt habe, so meinte ich, aus der Uneigentlichkeit, aus dieser schimmernden Verstecktheit, in der wir das Ungewöhnliche manchmal empfinden. Es ist wie ein Netz ausgebreitet, das uns quält, weil es weder hält, noch losläßt. Glauben Sie nicht, daß es Zeiten gegeben hat, wo das anders war? Das Innere trat stärker hervor; einzelne Menschen gingen einen erleuchteten Weg; mit einem Wort, sie gingen, wie man früher gesagt hat, den heiligen Weg, und Wunder wurden Wirklichkeit, weil sie nichts sind als eine immer vorhandene andere Art von Wirklichkeit!«

Diotima staunte über die Sicherheit, mit der sich das auch ohne besondere Stimmung, gleichsam wirklichkeitsfest aussprechen ließ. Ulrich wütete im geheimen, aber eigentlich war er tief erschrocken. So weit ist es also gekommen, daß dieses Riesenhuhn genau so redet wie ich? fragte er sich. Er sah Diotimas und seine Seele wieder in der Gestalt eines großen Huhns vor sich, das einen kleinen Wurm aufpickt. Uralter Kinderschreck vor der Großen Frau griff nach ihm, vermischt mit einer anderen merkwürdigen Empfindung; er fand es angenehm, von der dummen Übereinstimmung mit einem ihm verwandten Menschen gleichsam seelisch aufgezehrt zu werden. Die Übereinstimmung war natürlich nur Zufall und Unsinn; er glaubte weder an die Magie der Verwandtschaft noch an die Möglichkeit, daß er seine Kusine, und sei es im trübsten Rausch, ernst nehmen könnte. Aber in der letzten Zeit gingen Veränderungen mit ihm vor sich; er erweichte, seine innere Form, die immer die des Angriffs gewesen war, ließ nach und zeigte Neigung, umzuschlagen und in das Verlangen nach Zärtlichkeit, Traum, Verwandtschaft oder weiß Gott was überzugehn, was sich auch so ausdrückte, daß die Gegenstimmung, die damit im Kampf lag, eine Stimmung des bösen Willens, manchmal unvermittelt aus ihm hervorbrach.

Darum spottete er auch jetzt über seine Kusine. »Ich halte es für Ihre Pflicht, wenn Sie das glauben, entweder öffentlich oder im geheimen, aber so rasch wie möglich Arnheims ›voll und ganz‹-Geliebte zu werden!« sagte er ihr.

»Bitte, schweigen Sie! Davon zu sprechen, habe ich Ihnen kein Recht gegeben!« wies das Diotima zurück.

»Ich muß davon sprechen! Es ist mir bis vor kurzem unklar gewesen, welche Beziehungen zwischen Ihnen und Arnheim eigentlich bestehen. Aber ich sehe jetzt klar, und Sie kommen mir vor wie ein Mensch, der ernstlich zum Mond fliegen will; ich hätte Ihnen soviel Verrücktheit gar nicht zugetraut.«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich maßlos zu sein vermag!« Diotima suchte kühn in die Luft zu blicken, aber die Sonne zog ihr Pupille und Lid zu einem beinahe lustigen Ausdruck zusammen.

»Das sind Delirien des Liebeshungers,« sagte Ulrich »die mit der Sättigung vergehen.« Er fragte sich, was Arnheim mit seiner Kusine vorhaben möge. Bereute er seinen Antrag und versuchte, den Rückzug durch eine Komödie zu decken? Aber da wäre es einfacher gewesen, abzureisen und nicht mehr wiederzukehren; die dazu nötige Rücksichtslosigkeit müßte ein Mann, der lebenslang mit Geschäften zu tun gehabt hat, doch leicht aufbringen können? Er erinnerte sich, an Arnheim gewisse Zeichen beobachtet zu haben, die bei einem älteren Mann auf Leidenschaft hindeuten; das Gesicht war manchmal graugelb, schlaff, müde, man blickte hinein wie in ein Zimmer, wo das Bett um die Mittagsstunde noch nicht gemacht ist. Er erriet, daß dies am ehesten durch die Zerstörung zu erklären sei, die zwei ungefähr gleich starke Leidenschaften anrichten, wenn sie ergebnislos um die Vorherrschaft kämpfen. Aber da er sich die Machtleidenschaft in dem Ausmaß, wie sie Arnheim beherrschte, nicht vorstellen konnte, begriff er auch nicht die Stärke der Vorkehrungen, welche die Liebe dagegen traf. »Sie sind ein sonderbarer Mensch!« sagte Diotima. »Immer anders, als man es erwarten dürfte! Haben Sie nicht selbst von der seraphischen Liebe zu mir gesprochen?«

»Und Sie glauben, daß man das wirklich tun kann?« fragte Ulrich zerstreut.

»Natürlich kann man es nicht so tun, wie Sie es beschrieben haben!«

»Also Arnheim liebt Sie seraphisch!« Ulrich begann leise zu lachen.

»Lachen Sie doch nicht!« bat Diotima ärgerlich; fast zischte sie ein wenig.

»Sie wissen ja nicht, warum ich lache« entschuldigte er sich. »Ich lache, wie man so sagt, erregt. Sie und Arnheim sind feinfühlige Menschen; Sie lieben Gedichte; ich bin vollkommen davon überzeugt, daß Sie manchmal von einem Hauch gestreift werden; einem Hauch von irgendetwas: es fragt sich eben, was das ist. Und nun wollen Sie dem in aller Gründlichkeit, deren Ihr Idealismus fähig ist, an den Leib rücken?!«

»Fordern Sie denn nicht immer, daß man genau und gründlich sein muß?!« gab Diotima zurück.

Ulrich war ein wenig verblüfft. »Sie sind verrückt!« sagte er. »Entschuldigen Sie das Wort, Sie sind verrückt! Und Sie dürfen das nicht sein!«

Arnheim hatte unterdessen dem General mitgeteilt, daß sich die Welt seit zwei Menschenaltern in der größten Umwälzung befinde: die Seele gehe zu Ende.

Dem General gab es einen Stich. Du lieber Himmel, das war ja nun wieder etwas Neues! Um die Wahrheit zu sagen, er hatte bis zu dieser Stunde trotz Diotima gedacht, daß es das »die Seele« überhaupt nicht gebe; in der Kadettenschule und beim Regiment hatte man auf solches Pfaffengerede geblasen. Da aber ein Kanonen- und Panzerplattenfabrikant so ruhig davon sprach, wie wenn er es in der Nähe stehen sähe, begannen des Generals Augen zu jucken und kugelten düster in der durchsichtigen Luft umher.

Aber Arnheim ließ sich nicht um Erklärungen bitten; die Worte flossen ihm von den Lippen, durch die blaß rosa Spalte zwischen einem kurz geschnittenen Schnurr- und Spitzbart hervor. Wie er sagte, war die Seele schon seit dem Zerfall der Kirche, also ungefähr im Beginn der bürgerlichen Kultur, in einen Prozeß der Einschrumpfung und Alterung geraten. Sie hat seither Gott verloren, die festen Werte und Ideale, und heute sei der Mensch schon so weit, daß er ohne Moral, ohne Grundsätze, ja eigentlich ohne Erlebnisse lebe.

Der General begriff nicht recht, warum man keine Erlebnisse haben sollte, wenn man keine Moral habe. Aber Arnheim schlug den großen Schweinslederband auf, den er in der Hand trug; er enthielt den kostbaren Nachdruck einer Handschrift, die außer Haus nicht einmal einem so ungewöhnlichen Sterblichen wie ihm mitgegeben werden konnte. Der General sah einen Engel, dessen wagrechte Flügel über zwei Seiten gingen, inmitten eines Blattes stehn, das sonst noch von dunkler Erde, goldenem Himmel und sonderbaren, wie Wolken gelagerten Farben bedeckt war; er blickte auf das Abbild einer der ergreifendsten und herrlichsten frühmittelalterlichen Malereien, aber da er das nicht wußte und sich auf Geflügeljagd und ihre Darstellungen vortrefflich verstand, kam ihm bloß vor, daß ein Wesen mit Flügeln und langem Hals, das weder ein Mensch noch eine Schnepfe ist, eine Verirrung bedeuten müsse, auf die ihn sein Begleiter aufmerksam machen wolle.

Indes, Arnheim wies mit dem Finger darauf und sagte nachdenklich: »Da sehen Sie vor sich, was die Schöpferin der österreichischen Aktion der Welt wiedergeben möchte . . .!«

»So, so?!« antwortete Stumm. Er hatte das also offenbar unterschätzt und mußte sich nun vorsichtig äußern.

»Diese Größe des Ausdrucks, bei vollkommenster Einfachheit,« fuhr Arnheim fort »führt deutlich vor Augen, was unserer Zeit verlorengegangen ist. Was bedeutet dagegen unsere Wissenschaft? Bruchwerk! Unsere Kunst? Extreme, ohne einen vermittelnden Körper! Das Geheimnis der Einheit fehlt unserem Geist, und sehen Sie, darum ergreift mich dieser österreichische Plan, der Welt ein vereinigendes Beispiel, einen gemeinsamen Gedanken zu schenken, wenn ich ihn auch nicht für ganz durchführbar halte. Ich bin Deutscher. In der ganzen Welt ist heute alles laut und plump; aber in Deutschland ist es noch lauter. In allen Ländern plagen sich die Menschen von früh bis spät, ob sie nun arbeiten oder sich vergnügen; aber bei uns stehen sie noch früher auf und gehen noch später zu Bett. In aller Welt hat der Geist des Rechnens und der Gewalt den Zusammenhang mit der Seele verloren; aber wir in Deutschland haben die meisten Kaufleute und das stärkste Militär.« Er blickte entzückt rund um den Platz. »In Österreich ist alles das noch nicht so entwickelt. Hier gibt es noch Vergangenheit, und die Menschen haben sich etwas von der ursprünglichen Intuition bewahrt. Wenn sie überhaupt noch möglich ist, so könnte nur von hier die Erlösung des deutschen Wesens vom Rationalismus ausgehen. Aber ich fürchte,« fügte er seufzend hinzu »es wird schwerlich gelingen. Eine große Idee findet heute zu viel Widerstände; große Ideen sind nur noch dazu gut, einander am Mißbrauchtwerden zu hindern, wir leben sozusagen im Zustand eines mit Ideen bewaffneten Moralfriedens.«

Er lächelte über seinen Scherz. Und dann fiel ihm noch etwas ein: »Sehen Sie, der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, von dem wir soeben gesprochen haben, erinnert mich immer ans Billardspiel: Auch beim Billard verfehlt man alles, wenn man es mit Berechnung machen will, statt mit dem Gefühl!«

Der General hatte erraten, daß er sich durch den Ausdruck bewaffneter Moralfriede geschmeichelt fühlen solle, und er wünschte seine Aufmerksamkeit zu beweisen. Vom Billardspiel verstand er etwas; »ich bitte,« sagte er darum »ich spiele Karambol und Kegel, aber ich habe noch nie davon gehört, daß es einen Unterschied zwischen der deutschen und der österreichischen Spieltechnik gibt?«

Arnheim schloß die Augen und dachte nach. »Ich selbst spiele nie Billard,« sagte er dann »aber ich weiß, daß man den Ball hoch oder tief, rechts oder links nehmen kann; man kann den zweiten Ball voll treffen oder streifen; man kann stark oder schwach stoßen; die ›Fälsche‹ stärker oder schwächer wählen; und sicher gibt es noch viele solcher Möglichkeiten. Ich kann mir nun jedes dieser Elemente beliebig abgestuft denken, so gibt es also nahezu unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten. Wollte ich sie theoretisch ermitteln, so müßte ich außer den Gesetzen der Mathematik und der Mechanik starrer Körper auch die der Elastizitätslehre berücksichtigen; ich müßte die Koeffizienten des Materials kennen; den Temperatureinfluß; ich müßte die feinsten Maßmethoden für die Koordination und Abstufung meiner motorischen Impulse besitzen; meine Distanzschätzung müßte genau wie ein Nonius sein; mein kombinatorisches Vermögen schneller und sicherer als ein Rechenschieber; zu schweigen von der Fehlerrechnung, der Streuungsbreite und dem Umstand, daß das zu erreichende Ziel der richtigen Koinzidenz der beiden Bälle selbst kein eindeutiges ist, sondern eine um einen Mittelwert gelagerte Gruppe von eben noch genügenden Tatbeständen darstellt.«

Arnheim sprach langsam und zur Aufmerksamkeit zwingend, wie wenn aus einem Tropffläschchen etwas in ein Glas gegossen wird; er erließ seinem Gegenüber nicht eine einzige Einzelheit.

»Sie sehen also wohl,« fuhr er fort »daß ich lauter Eigenschaften haben und Dinge tun müßte, die ich unmöglich haben und tun kann. Sie sind sicher Mathematiker genug, um beurteilen zu können, welche lebenslängliche Aufgabe es wäre, wenn man auf diese Weise auch nur den Verlauf eines einfachen Karambolstoßes berechnen wollte; der Verstand läßt uns einfach im Stich! Trotzdem trete ich, mit einer Zigarette im Munde, einer Melodie im Sinn, sozusagen den Hut auf dem Kopf, an das Brett heran, gebe mir kaum die Mühe, die Situation zu betrachten, stoße zu und löse die Aufgabe! Herr General, das gleiche geschieht im Leben unzähligemal! Sie sind nicht nur Österreicher, sondern auch Offizier, Sie müssen mich verstehen: Politik, Ehre, Krieg, Kunst, die entscheidenden Vorgänge des Lebens vollziehen sich jenseits des Verstandes. Die Größe des Menschen wurzelt im Irrationalen. Auch wir Kaufleute rechnen nicht, wie Sie vielleicht glauben möchten: sondern wir – ich meine natürlich die führenden Leute; die kleinen mögen immerhin mit ihren Pfennigen rechnen – lernen unsere wirklich erfolgreichen Einfälle als ein Geheimnis betrachten, das jeder Berechnung spottet. Wer nicht das Gefühl liebt, die Moral, die Religion, die Musik, Gedichte, Form, Zucht, Ritterlichkeit, Freimut, Offenheit, Duldsamkeit –: glauben Sie mir, der wird auch nie ein Kaufmann von großem Ausmaß. Darum habe ich immer den Kriegerstand bewundert; besonders den österreichischen, der auf uralten Überlieferungen ruht, und ich freue mich sehr, weil Sie der gnädigen Frau zur Seite stehen. Es beruhigt mich. Ihr Einfluß ist neben dem unseres jüngeren Freundes überaus wichtig. Alle großen Dinge beruhen auf den gleichen Eigenschaften; große Pflichten sind ein Segen, Herr General!«

Er schüttelte unwillkürlich Stumms Hand und sagte noch: »Die wenigsten Menschen wissen, daß das wirklich Große immer unbegründet ist; ich meine: alles Starke ist einfach!« Stumm von Bordwehr war der Atem gestockt; er glaubte, kaum ein Wort zu begreifen, und fühlte das Bedürfnis, in die Bibliothek zurückzustürzen und stundenlang über alle diese Gesichtspunkte nachzulesen, durch deren Eröffnung der große Mann ihm offensichtlich schmeicheln wollte. Zum Schluß aber trat unter diesem Frühlingssturm in seinem Kopf mit einemmal eine überraschende Klarheit auf. »Zum Teufel, der will ja irgend etwas von dir!« sagte er sich. Er blickte auf. Arnheim hielt noch immer das Buch in beiden Händen, aber traf nun ernstlich Anstalten, einen Wagen herbeizuwinken; sein Gesicht war angeregt und leicht gerötet, wie es das eines Mannes ist, der soeben mit einem anderen Gedanken getauscht hat. Der General schwieg, so wie man aus Achtung schweigt, nachdem ein großes Wort gefallen ist; wenn Arnheim von ihm etwas wollte, dann konnte doch auch der General Stumm zum Vorteil des Allerhöchsten Dienstes von Arnheim etwas wollen. Dieser Gedanke eröffnete solche Möglichkeiten, daß Stumm fürs erste verzichtete, darüber nachzudenken, ob alles wirklich richtig sei. Aber wenn der Engel in dem Buch plötzlich seine gemalten Flügel gehoben hätte, um den klugen General Stumm ein wenig darunter bücken zu lassen, dieser hätte sich nicht verwirrter und glücklicher fühlen können!

In der Ecke Diotimas und Ulrichs war inzwischen folgende Frage gestellt worden: Soll eine Frau in der schwierigen Lage Diotimas entsagen, sich zu einem Ehebruch hinreißen lassen oder ein Drittes und Gemischtes tun, wobei die Frau vielleicht körperlich dem einen, seelisch dem anderen Mann angehören würde, vielleicht auch körperlich niemandem; von diesem dritten Zustand war eben sozusagen kein Text vorhanden, sondern nur das hohe Klingen einer Musik. Und Diotima hielt auch noch immer streng darauf, daß sie durchaus nicht von sich selbst, sondern von »einer Frau« spreche; zornbereit hinderte ihr Blick Ulrich jedesmal, wenn seine Worte die beiden in eins setzen wollten.

Also sprach auch er auf Umwegen. »Haben Sie schon je einen Hund gesehen?« fragte er. »Das glauben Sie bloß! Sie haben immer nur etwas gesehen, das Ihnen mit mehr oder weniger Recht als ein Hund vorkam. Es hat nicht alle Hundeeigenschaften, und irgendetwas Persönliches hat es, das wieder kein anderer Hund hat. Wie sollen wir da je im Leben ›das Richtige‹ tun? Wir können nur etwas tun, das niemals das Richtige und immer mehr und weniger als etwas Richtiges ist.

Und ist schon jemals ein Ziegel so vom Dach gefallen, wie es das Gesetz vorschreibt? Niemals! Nicht einmal im Laboratorium zeigen sich die Dinge so, wie sie sein sollen. Sie weichen regellos nach allen Richtungen davon ab, und es ist einigermaßen eine Fiktion, daß wir das als Fehler der Ausführung ansehen und in ihrer Mitte einen wahren Wert vermuten.

Oder man findet gewisse Steine und nennt sie wegen der ihnen gemeinsamen Eigenschaften Diamant. Aber der eine Stein ist aus Afrika und der andere aus Asien. Den einen gräbt ein Neger aus der Erde, den anderen ein Asiate. Vielleicht ist dieser Unterschied so wichtig, daß er das Gemeinsame aufheben kann? In der Gleichung ›Diamant plus Umstände bleibt Diamant‹ ist der Gebrauchswert des Diamanten so groß, daß der der Umstände daneben verschwindet; es lassen sich aber seelische Umstände denken, in denen sich das umgekehrt verhält.

Alles hat teil am Allgemeinen, und noch dazu ist es besonders. Alles ist wahr, und noch dazu ist es wild und mit nichts vergleichbar. Das kommt mir so vor, als ob das Persönliche eines beliebigen Geschöpfes gerade das wäre, was mit nichts anderem übereinstimmt. Ich habe Ihnen früher einmal gesagt, daß in der Welt desto weniger Persönliches übrigbleibt, je mehr Wahres wir entdecken, denn es besteht schon lange ein Kampf gegen das Individuelle, dem immer mehr Boden abgenommen wird. Ich weiß nicht, was zum Schluß von uns übrig bleiben wird, wenn alles rationalisiert ist. Vielleicht nichts, aber vielleicht gehen wir dann, wenn die falsche Bedeutung, die wir der Persönlichkeit geben, verschwindet, in eine neue ein wie in das herrlichste Abenteuer.

Wie wollen Sie sich also entscheiden? Soll ›eine Frau‹ nach dem Gesetz handeln? Dann kann sie sich gleich nach dem bürgerlichen Gesetz richten. Moral ist ein durchaus berechtigter Durchschnitts- und Kollektivwert, den man wörtlich und ohne Seitensprünge zu befolgen hat, wo man ihn anerkennt. Einzelfälle aber sind nicht moralisch zu entscheiden, sie haben genau so wenig Moral, genau so viel sie von der Unerschöpflichkeit der Welt besitzen!«

»Sie haben eine Rede gehalten!« sagte Diotima. Sie fühlte eine gewisse Befriedigung über die Höhe dieser an sie gestellten Zumutungen, wünschte aber ihre Überlegenheit dadurch zu zeigen, daß sie nicht ebenso ins Blaue rede. »Was soll also eine Frau in jener Lage, von der wir gesprochen haben, im wirklichen Leben tun?« fragte sie.

»Gewährenlassen!« erwiderte Ulrich.

»Wen?«

»Was kommt! Ihren Mann, ihren Geliebten, ihre Entsagung, ihre Gemische.«

»Haben Sie wirklich eine Vorstellung davon, was das bedeutet?« fragte Diotima, die sich schmerzlich daran erinnert fühlte, wie dem hohen Vorsatz, Arnheim vielleicht zu entsagen, durch die einfache Tatsache, daß sie mit Tuzzi in einem Raum schlief, allnächtlich die Flügel gestutzt wurden. Von diesem Gedanken mußte ihr Vetter etwas aufgefangen haben, denn er fragte kurzweg: »Wollen Sie es mit mir versuchen?«

»Mit Ihnen?« antwortete Diotima gedehnt; sie suchte sich durch harmlosen Spott zu schützen: »Wollen Sie mir vielleicht ein Offert darüber machen, wie Sie sich das eigentlich vorstellen?«

»Ohne weiteres!« erbot sich Ulrich ernst. »Sie lesen doch sehr viel, nicht wahr?«

»Gewiß.«

»Was tun Sie da? Ich will gleich die Antwort geben: Ihre Auffassung läßt aus, was Ihnen nicht paßt. Das gleiche hat schon der Autor getan. Ebenso lassen Sie im Traum oder in der Phantasie aus. Ich stelle also fest: Schönheit oder Erregung kommt in die Welt, indem man fortläßt. Offenbar ist unsere Haltung inmitten der Wirklichkeit ein Kompromiß, ein mittlerer Zustand, worin sich die Gefühle gegenseitig an ihrer leidenschaftlichen Entfaltung hindern und ein wenig zu Grau mischen. Kinder, denen diese Haltung noch fehlt, sind darum glücklicher und unglücklicher als Erwachsene. Und ich will gleich hinzufügen, auch die Dummen lassen aus; Dummheit macht ja glücklich. Ich schlage also als erstes vor: Versuchen wir einander zu lieben, als ob Sie und ich die Figuren eines Dichters wären, die sich auf den Seiten eines Buchs begegnen. Lassen wir also jedenfalls das ganze Fettgerüst fort, das die Wirklichkeit rund macht.«

Diotima drängte es, Einwände zu machen; sie wünschte jetzt das Gespräch aus dem allzu Persönlichen hinauszulenken, und zudem wollte sie zeigen, daß sie von den berührten Fragen etwas verstünde. »Sehr schön,« antwortete sie »aber man behauptet, daß die Kunst eine Erholung von der Wirklichkeit sei, mit dem Zweck, erfrischt zu dieser zurückzukehren!«

»Und ich bin so unverständig,« erwiderte ihr Vetter »daß ich behaupte, es dürfe keine ›Erholungen‹ geben! Welch ein Leben, das man zeitweilig mit Erholungen durchlöchern muß! Würden wir in ein Bild Löcher stoßen, weil es zu schöne Ansprüche an uns stellt?! Sind in der ewigen Seligkeit etwa Urlaubswochen vorgesehen? Ich gestehe Ihnen, daß mir sogar die Vorstellung des Schlafs manchmal unangenehm ist.«

»Oh, da sehen Sie,« unterbrach ihn Diotima, die sich des Beispiels bemächtigte »wie unnatürlich das ist, was Sie sagen! Ein Mensch, ohne das Bedürfnis nach Ruhe und Aussetzen! Kein Beispiel beleuchtet den Unterschied zwischen Ihnen und Arnheim so gut wie dieses! Auf der einen Seite ein Geist, der den Schatten der Dinge nicht kennt, und auf der anderen einer, der sich aus der vollen Menschlichkeit, mit Schatten und Sonnenschein entwickelt!«

»Ohne Zweifel übertreibe ich« gestand Ulrich ungerührt ein; »Sie werden es noch klarer erkennen, wenn wir im einzelnen darauf eingehen. Lassen Sie uns etwa an große Schriftsteller denken. Man kann sein Leben nach ihnen richten, aber man kann nicht Leben aus ihnen keltern. Sie haben das, was sie bewegte, so fest gestaltet, daß es bis in die Zwischenräume der Zeilen wie gepreßtes Metall dasteht. Aber was haben sie eigentlich gesagt? Kein Mensch weiß es. Sie selbst haben es niemals ganz in einem gewußt. Sie sind wie ein Feld, über dem die Bienen fliegen; zugleich sind sie selbst ein Hin- und Herfliegen. Ihre Gedanken und Gefühle haben alle Grade des Übergangs zwischen Wahrheiten oder auch Irrtümern, die sich zur Not nachweisen ließen, und wandelbaren Wesen, die sich uns eigenmächtig nähern oder entziehen, wenn wir sie beobachten wollen.

Es ist unmöglich, den Gedanken eines Buchs aus der Seite zu lösen, die ihn umgibt. Er winkt uns wie das Gesicht eines Menschen, das in einer Kette anderer an uns vorbeigerissen wird und für kurze Weile bedeutungsvoll auftaucht. Ich übertreibe wohl wieder ein wenig; aber nun möchte ich Sie fragen: was geschieht denn in unserem Leben anderes als das, was ich beschrieben habe? Ich will schweigen von den genauen, meß- und definierbaren Eindrücken, aber alle anderen Begriffe, auf die wir unser Leben stützen, sind nichts als erstarren gelassene Gleichnisse. Zwischen wieviel Vorstellungen schwankt und schwebt nicht schon ein so einfacher Begriff wie der von der Männlichkeit! Das ist wie ein Hauch, der mit jedem Atemzug seine Gestalt ändert, und nichts ist fest, kein Eindruck und keine Ordnung. Wenn wir also, wie ich gesagt habe, in der Dichtung einfach auslassen, was uns nicht paßt, so tun wir damit nichts anderes, als daß wir den ursprünglichen Zustand des Lebens wiederherstellen.«

»Lieber Freund,« sagte Diotima »mir kommen diese Erwägungen gegenstandslos vor.« Ulrich hatte einen Augenblick innegehalten und dahinein fielen diese Worte.

»Ja, es scheint. Ich hoffe, daß ich nicht zu laut gesprochen habe« entgegnete er.

»Sie haben schnell, leise und lang gesprochen«, ergänzte sie ein wenig spöttisch. »Aber Sie haben trotzdem kein Wort von dem gesprochen, was Sie sagen wollten. Wissen Sie, was Sie mir wieder erklärt haben? Daß man die Wirklichkeit abschaffen müßte! Ich gestehe Ihnen, daß ich diese Bemerkung, als ich sie zum erstenmal, ich glaube bei einem unserer Ausflüge, von Ihnen hörte, lange nicht habe vergessen können; ich weiß nicht, warum. Aber wie Sie es anstellen wollen, haben Sie leider wieder nicht gesagt!«

»Es ist klar, daß ich dann mindestens noch einmal so lange sprechen müßte. Aber erwarten Sie denn, daß es einfach sein würde? Wenn ich nicht irre, haben Sie davon gesprochen, daß Sie mit Arnheim in eine Art Heiligkeit davonfliegen möchten. Sie stellen sich das also als eine zweite Art Wirklichkeit vor. Was ich gesagt habe, heißt aber, man muß sich wieder der Unwirklichkeit bemächtigen; die Wirklichkeit hat keinen Sinn mehr!«

»Oh, da würde aber Arnheim kaum einverstanden sein!« meinte Diotima.

»Natürlich nicht; das ist ja der Gegensatz zwischen uns. Er möchte dem Umstand, daß er ißt, trinkt, schläft, der große Arnheim ist und nicht weiß, ob er Sie heiraten soll oder nicht, einen Sinn geben, und dazu hat er seit je alle Schätze des Geistes gesammelt.« Ulrich machte plötzlich eine Pause, die in Schweigen überging.

Nach einer Weile fragte er verändert: »Können Sie mir sagen, warum ich gerade mit Ihnen dieses Gespräch führe? Ich erinnere mich in diesem Augenblick an meine Kindheit. Ich war, was Sie nicht glauben werden, ein gutes Kind; so weich wie Luft in einer warmen Mondnacht. Ich konnte grenzenlos verliebt in einen Hund oder in ein Messer sein –« Er führte auch diesen Satz nicht zu Ende.

Diotima sah ihn zweifelnd an. Sie erinnerte sich wieder daran, wie sehr er seinerzeit für die »Genauigkeit des Gefühls« gewesen war, während er heute dagegen sprach. Er hatte sogar einmal Arnheim ungenügende Reinheit des Sinns vorgeworfen und sprach heute für Gewährenlassen. Und es beunruhigte sie, daß Ulrich für »Gefühle ohne Urlaub« war, während Arnheim zweideutig gesagt hatte, man solle nie ganz hassen oder ganz lieben! Sie fühlte sich mit diesem Gedanken sehr unsicher.

»Glauben Sie denn wirklich, daß es ein grenzenloses Empfinden gibt?« fragte Ulrich.

»Oh, es gibt grenzenloses Gefühl!« erwiderte Diotima und hatte wieder festen Boden unter den Füßen.

»Sehen Sie, ich glaube nicht recht daran« meinte Ulrich zerstreut. »Sonderbarerweise sprechen wir oft davon, aber es ist gerade das, was wir lebenslang vermeiden, als ob wir darin ertrinken könnten.« Er bemerkte, daß Diotima nicht zuhörte, sondern unruhig zu Arnheim hinübersah, dessen Augen einen Wagen suchten.

»Ich fürchte,« sagte sie »wir müssen ihn von dem General erlösen.«

»Ich werde einen Wagen anhalten und den General auf mich nehmen« bot sich Ulrich an, und in dem Augenblick, wo er ging, legte Diotima die Hand auf seinen Arm und sagte, um ihn freundlich für seine Anstrengungen zu belohnen, mit sanfter Zustimmung: »Jedes andere Gefühl als das grenzenlose ist wertlos.«

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