Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Musil >

Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 114
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
projectidedede0d8
Schließen

Navigation:

113

Ulrich unterhält sich mit Hans Sepp und Gerda in der Mischsprache des Grenzgebiets zwischen Über- und Untervernunft

 

Ulrich wußte wahrhaftig nicht, was er tun sollte, um den Wunsch seines Vaters zu erfüllen, der von ihm verlangte, daß er einer persönlichen Rücksprache mit Sr. Erlaucht und anderen hohen Patrioten aus Begeisterung für die soziale Schule vorarbeite, und so suchte er Gerda auf, um das gründlich zu vergessen. Er traf Hans bei ihr an, und Hans ging sofort zum Angriff über. »Sie haben Direktor Fischel in Schutz genommen?«

Ulrich antwortete mit der ausweichenden Gegenfrage, ob ihm Gerda davon erzählt habe?

Ja; Gerda hatte ihm erzählt.

»Was weiter? Wollen Sie hören, weshalb?«

»Ich bitte darum!« verlangte Hans.

»Das ist nicht so einfach, lieber Hans.«

»Sagen Sie nicht ›lieber Hans‹!«

»Also dann, liebe Gerda,« er wandte sich an sie »es ist gar nicht einfach. Ich habe schon so furchtbar viel davon gesprochen, daß ich dachte, Sie verstünden mich?«

»Ich verstehe Sie auch, aber ich glaube Ihnen nicht« antwortete Gerda, bemühte sich jedoch, durch die Art, wie sie es sagte und ihn dabei ansah, ihrer Kampfstellung an der Seite Hansens etwas für Ulrich Versöhnendes zu geben.

»Wir glauben Ihnen nicht,« unterbrach Hans sofort diese freundlichere Gestaltung des Gesprächs »daß Sie das ernst meinen können; Sie haben sich das irgendwie angeeignet!«

»Was?! Sie meinen doch das, was man . . . nicht recht ausdrücken kann?« fragte Ulrich, der sofort begriff, daß sich Hansens Unverschämtheit auf das bezog, was er mit Gerda unter vier Augen gesprochen hatte.

»Oh, man kann es sehr gut ausdrücken, wenn man es ernst meint!«

»Mir will es nicht gelingen. Aber ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen.«

»Schon wieder eine Geschichte! Sie erzählen, scheint es, Geschichten wie der Vater Homer!« rief Hans noch unverschämter und selbstbewußter aus. Gerda sah ihn bittend an. Aber Ulrich ließ es sich nicht anfechten und fuhr fort: »Ich war einmal sehr verliebt; ich mag ungefähr ebenso alt gewesen sein, wie Sie es jetzt sind. Ich war eigentlich in meine Liebe damals verliebt, in meinen veränderten Zustand, weniger in die Frau, die dazu gehörte; damals habe ich alles das kennen gelernt, woraus Sie, Ihre Freunde und Gerda Ihre großen Geheimnisse machen. Das ist die Geschichte, die ich Ihnen erzählen wollte.«

Die beiden waren davon verblüfft, daß die Geschichte so kurz ausfiel. Gerda fragte zögernd: »Sie waren einmal sehr verliebt . . .?« und ärgerte sich im gleichen Augenblick darüber, daß sie so vor Hans mit der gruseligen Neugier eines jungen Mädchens fragte.

Aber Hans unterbrach. »Was sollen wir von solchen Sachen überhaupt sprechen! Erzählen Sie uns lieber, was Ihre, in die Hände geistiger Bankerottierer gefallene Kusine treibt?«

»Sie sucht eine Idee, in der sich der Geist unserer Heimat vor aller Welt herrlich darstellen soll. Wollen Sie ihr nicht mit einem Vorschlag zu Hilfe kommen? Ich bin durchaus bereit, den Vermittler zu machen« erwiderte Ulrich.

Hans lachte höhnisch auf. »Warum tun Sie, als wüßten Sie nicht, daß wir dieses Unternehmen stören werden!«

»Ja warum sind Sie eigentlich so sehr dagegen aufgebracht?«

»Weil es eine große, gegen das deutsche Wesen in diesem Staat geplante Niedertracht darstellt!« sagte Hans. »Wissen Sie wirklich nicht, daß eine aussichtsreiche Gegenbewegung im Werden ist? Man hat den deutschen Nationalverband auf die Absichten Ihres Grafen Leinsdorf aufmerksam gemacht. Die Turnerschaft hat gegen die Verletzung des deutschen Geistes bereits Verwahrung eingelegt. Das Kartell waffentragender Verbindungen an den österreichischen Hochschulen wird dieser Tage gegen die angedrohte Verslawung Stellung nehmen, und der Bund deutscher Jugend, dem ich angehöre, wird nicht ruhen, selbst wenn wir auf die Straße gehen müßten!« Hans hatte sich aufgerichtet und erzählte das einigermaßen mit Stolz. Trotzdem fügte er hinzu: »Aber auf alles das kommt es ja freilich nicht an! Diese Leute überschätzen die äußeren Bedingungen. Das Entscheidende ist, daß hier überhaupt nichts gelingen kann!«

Ulrich fragte nach dem Grund. – Die großen Rassen hätten sich alle schon zu Beginn ihren Mythos geschaffen; ob es etwa einen österreichischen Mythos gebe? fragte Hans dem entgegen. Eine österreichische Urreligion? ein Epos? Weder die katholische noch die evangelische Religion sei hier entstanden; die Buchdruckerkunst und die Überlieferungen der Malerei seien aus Deutschland gekommen; das Herrscherhaus habe die Schweiz, Spanien, Luxemburg geliefert; die Technik England und Deutschland; die schönsten Städte, Wien, Prag, Salzburg, seien von Italienern und Deutschen erbaut, das Militärwesen nach dem Muster Napoleons eingerichtet worden: Ein solcher Staat solle nichts Eigenes unternehmen wollen; für ihn gebe es überhaupt nur eine Rettung und das sei der Anschluß an Deutschland. – »So nun wissen Sie wohl alles, was Sie von uns hatten erfahren wollen!« schloß Hans.

Gerda war es nicht klar, ob sie auf ihn stolz sein oder sich schämen solle. Ihre Neigung für Ulrich war in der letzten Zeit wieder lebhaft erwacht, wenn auch der so menschliche Wunsch, selbst eine Rolle zu spielen, durch den jüngeren Freund viel besser befriedigt wurde. Das Merkwürdige war, daß dieses junge Mädchen von den zwei einander widersprechenden Neigungen verwirrt wurde, ein altes Fräulein zu werden und sich Ulrich hinzugeben. Diese zweite Neigung war die natürliche Folge der Liebe, die sie schon seit Jahren empfand, einer Liebe allerdings, die nicht zum Flammen kam, sondern mutlos in ihr glühte; und ihre Empfindungen waren denen der Liebe zu einem Unwürdigen ähnlich, wo die beleidigte Seele von einem verächtlichen Hang nach körperlicher Unterwerfung geplagt wird. In seltsamem Gegensatz dazu, aber vielleicht doch einfach und natürlich als eine Sehnsucht nach Frieden damit zusammenhängend, befand sich die Ahnung, daß sie niemals heiraten und am Ende aller Träume ein einsam ruhig tätiges Leben führen werde. Es war das kein aus Überzeugungen geborener Wunsch, denn Gerda sah, was sie anging, nicht klar; eher eine der Ahnungen, wie sie unser Leib mitunter weit früher hat als unser Verstand. Auch der Einfluß, den Hans auf sie ausübte, hing damit zusammen. Hans war ein unscheinbarer Junge, knochig, ohne groß oder kräftig zu sein, wischte sich seine Hände im Haar oder an den Kleidern ab und sah bei jeder Gelegenheit in einen kleinen, runden, blechgefaßten Taschenspiegel, weil ihn auf seiner ungepflegten Gesichtshaut immer irgendeine Pustel beunruhigte. Aber genau so stellte sich Gerda die ersten römischen Christen vor, die sich, den Verfolgungen trotzend, unter der Erde in den Katakomben zusammenfanden; den Taschenspiegel wahrscheinlich ausgenommen. Genau so, hieß ja auch nicht Übereinstimmung in allen Einzelheiten, wohl aber in einem allgemeinen Grund- und Schreckensgefühl, das sie mit den Vorstellungen von Christentum verband; die gebadeten und gesalbten Heiden hatten ihr immer besser gefallen, aber sich zu den Christen zu bekennen, bedeutete ein Opfer, das man seinem Charakter schuldig war. Die höheren Erfordernisse hatten damit für Gerda einen muffigen leichten Abscheugeruch gewonnen, und dieser war sehr geeignet, sich mit der mystischen Gesinnung zu verbinden, deren Gefilde Hans vor ihr eröffnete.

Ulrich kannte diese Gesinnung sehr gut. Man muß es vielleicht dem Spiritismus danken, daß er durch seine komischen, an den Geist verstorbener Köchinnen erinnernden Rapporte aus dem Jenseits das grobe metaphysische Bedürfnis befriedigt, das wenn nicht Gott, so wenigstens die Geister wie eine Speise löffeln will, die im Dunkel eiskalt den Hals hinunterrinnt. In älteren Zeiten bildete dieses Bedürfnis, mit Gott oder seinen Gefährten persönlich in Berührung zu kommen, was angeblich im Zustand der Ekstase geschah, trotz seiner zarten und teilweise wunderbaren Ausgestaltung doch eine Vermengung grob irdischen Verhaltens mit den Erlebnissen eines äußerst ungewöhnlichen und unbestimmbaren Ahnungszustandes. Das Metaphysische war das in diesen Zustand hineingelegte Physische, ein Abbild irdischer Wünsche, denn man glaubte in ihm das zu sehen, wovon die zeitgemäßen Vorstellungen lebhaft erwarten machten, daß man es sehen könne. Nun sind es aber gerade die Vorstellungen der Intelligenz, was sich mit den Zeiten ändert und unglaubwürdig wird; wenn jemand heute erzählen wollte, Gott habe mit ihm gesprochen, habe ihn schmerzhaft an den Haaren gepackt und zu sich emporgezogen oder sei in einer nicht recht begreiflichen, aber lebhaft süßen Weise in seine Brust hineingeschlüpft, so würde diesen bestimmten Vorstellungen, in die er sein Erlebnis kleidet, niemand glauben, am wenigsten natürlich die amtlichen Gottesmänner, weil sie als Kinder eines vernünftigen Zeitalters eine recht menschliche Angst davor haben, von exaltierten und hysterischen Anhängern bloßgestellt zu werden. Das hat zur Folge, daß man entweder Erlebnisse, die im Mittelalter wie im antiken Heidentum zahlreich und deutlich vorhanden gewesen sind, für Einbildungen und Krankheitserscheinungen halten muß oder vor die Vermutung gestellt wird, daß in ihnen etwas enthalten sei, was unabhängig von der mythischen Verbindung ist, in die man es bisher immer gebracht hat; ein reiner Erlebniskern, der auch nach strengen Erfahrungsgrundsätzen glaubwürdig sein müßte und dann selbstverständlich eine überaus wichtige Angelegenheit bedeuten würde, beiweitem ehe man an die zweite Frage kommt, welche Schlüsse daraus auf unsere Beziehungen zur Überwelt zu ziehen seien. Und während der in die Ordnung der theologischen Vernunft gebrachte Glaube überall einen argen Kampf mit Zweifel und Widerspruch der heute herrschenden Vernunft zu bestehen hat, scheint es, daß sich in der Tat das nackte, aller überkommenen begrifflichen Glaubenshüllen entschälte, von den alten religiösen Vorstellungen losgelöste, vielleicht kaum noch ausschließlich religiös zu nennende Grunderlebnis des mystischen Erfaßtwerdens ungeheuer ausgebreitet hat, und es bildet die Seele jener vielförmigen irrationalen Bewegung, die wie ein Nachtvogel, der sich in den Tag verloren hat, durch unsre Zeit geistert. Ein skurriles Teilchen dieser mannigfachen Bewegung war auch der Kreis und Wirbel, in dem Hans Sepp seine Rolle spielte. Wenn man die Ideen zusammenzählte – was man aber nach den dort geltenden Grundanschauungen nicht dürfte, denn diese waren Zahl und Maß abgeneigt – die einander in dieser Gesellschaft ablösten, so würde man die schüchterne erste und durchaus platonische Forderung der Probe- und Kameradschaftsehe, ja der Polygamie und Polyandrie angetroffen haben; dann weiter in Kunstfragen die ungegenständliche, auf das Allgemeingültige und Ewige gerichtete Gesinnung, die sich damals unter dem Namen Expressionismus von der groben Erscheinung und Hülle, der »platten Außenschau« verächtlich abwendete, deren getreue Abschilderung unbegreiflicherweise ein Menschenalter zuvor für revolutionär gegolten hatte; verträglich vereint mit dieser abstrakten Absicht, ohne viel äußere Umstände unmittelbar eine »Wesenschau« des Geistes und der Welt hinzubildern, fand sich aber auch die konkreteste und beschränkteste vor, nämlich die der Heimatkunst, wozu diese jungen Leute sich durch ihre deutschen Seelen und deren dienende Ehrfurcht verpflichtet glaubten; und so würde man in bunter Reihe noch die herrlichsten auf den Wegen der Zeit aufgeklaubten Halme und Gräser gefunden haben, aus denen sich dem Geist ein Nest bauen läßt, worunter aber namentlich üppige Vorstellungen von Recht, Pflicht und schöpferischer Kraft der Jugend eine so große Rolle spielten, daß sie eingehender zu erwähnen sind. Die Gegenwart kenne, hieß es, kein Recht der Jugend, denn bis zu seiner Volljährigkeit sei der Mensch so gut wie rechtlos. Vater, Mutter, Vormund könnten ihn kleiden, herbergen, nähren, wie sie wollten, züchtigen und nach Hans Seppens Ansicht zugrunde richten, soweit sie nur eine ferne Paragraphengrenze nicht überschritten, die dem Kinde höchstens eine Art Tierschutz gewährt. Es gehöre den Eltern wie der Sklave dem Herrn und sei durch seine wirtschaftliche Abhängigkeit Eigentum, Objekt des Kapitalismus. Dieser »Kapitalismus am Kinde«, dessen Darstellung Hans ursprünglich irgendwo erwähnt gefunden, dann aber selbst ausgebildet hatte, war das erste, was er seiner erstaunten und bisher zu Hause recht wohlgeborgen gewesenen Schülerin Gerda beibrachte. Das Christentum habe nur das Joch des Weibes gemildert, nicht das der Tochter; die Tochter vegetiere, denn sie werde dem Leben mit Gewalt entfremdet: nach dieser Vorbereitung lehrte er sie das Recht des Kindes, seine Erziehung nach den Gesetzen seines eigenen Wesens aufzubauen. Das Kind sei schöpferisch, weil es Wachstum sei und sich selbst schaffe. Es sei königlich, weil es der Welt seine Vorstellungen, Gefühle und Phantasien vorschreibe. Es wolle von der zufälligen fertigen Welt nichts wissen, sondern baue seine eigene Welt der Ideale. Es habe seine eigene Sexualität. Die Erwachsenen begehen eine barbarische Sünde, indem sie das Schöpfertum des Kindes durch den Raub seiner Welt zerstören, unter herangebrachtem, totem Wissensstoff ersticken und auf bestimmte, ihm fremde Ziele abrichten. Das Kind sei unzweckhaft, sein Schaffen Spiel und zärtliches Wachsen; es nehme, wenn man es nicht durch Gewalt stört, nichts an, als was es wahrhaft in sich hineinnimmt: jeder Gegenstand, den es berührt, lebe, das Kind sei Welt, Kosmos, es sehe das Letzte, Absolute, wenn es das auch nicht ausdrücken kann; aber man töte das Kind, indem man es Zwecke begreifen lehre und es an das gemeine Jedesmalige feßle, das man lügnerischerweise das Wirkliche nennt! – So Hans Sepp. Er war, als er diese Lehre in das Haus Fischel einzupflanzen begann, schon einundzwanzig Jahre alt gewesen, und Gerda nicht jünger. Außerdem besaß Hans längst keinen Vater mehr und war mit seiner Mutter, die ein kleines Geschäft betrieb, von dem sie ihn und seine Geschwister ernährte, jederzeit herzbefreiend grob, so daß ein unmittelbarer Anlaß zu einer solchen Philosophie der Unterdrückten für die armen Kinder eigentlich nicht bestand.

Gerda schwankte denn auch bei deren Aufnahme zwischen einem sanften pädagogischen Hang, zukünftige Menschen zu erziehen, und der unmittelbar kämpferischen Ausnützung im Verhalten zu Leo und Klementine. Hans Sepp dagegen behandelte es viel grundsätzlicher und gab die Losung aus: »Wir alle sollten Kinder sein!« Daß er so hartnäckig an der Kampfstellung des Kindes festhielt, mochte seine Ursache in frühen Selbständigkeitsbedürfnissen haben; in der Hauptsache kam es aber davon, daß die Sprache der Jugendbewegung, die damals in Schwang gekommen, die erste Sprache war, die seiner Seele zum Wort verhalf und, wie es eine rechte Sprache tun muß, von einem Wort zum andern führte und in jedem mehr sagte, als man eigentlich wußte. So entfaltete auch der Satz, wir alle sollten Kinder sein, die wichtigsten Erkenntnisse. Denn das Kind soll nicht sein Wesen verkehren und ablegen, um Vater und Mutter zu werden; es geschieht das nur, um »Bürger« zu sein, Sklave der Welt, gebunden und »gezweckt«. So ist es recht das Bürgerliche, was alt macht; und das Kind wehrt sich dagegen, zum Bürger gemacht zu werden: wodurch die Schwierigkeit, daß man sich nicht mit einundzwanzig Jahren wie ein Kind gehaben dürfe, weggeblasen ist, denn dieser Kampf dauert von der Geburt bis zum Greisenalter und findet seine Beendigung erst in der Zerstörung der bürgerlichen Welt durch die Welt der Liebe. Das war sozusagen die höhere Stufe von Hans Seppens Lehre, und alles das hatte Ulrich im Lauf der Zeit von Gerda erfahren.

Er war es, der einen Zusammenhang zwischen dem, was diese jungen Leute ihre Liebe, mit einem anderen Wort auch die Gemeinschaft nannten, und den Folgen eines sonderbaren, wildreligiösen, unmythologisch mythischen oder vielleicht doch nur einfach verliebten Zustands entdeckt hatte, der ihm naheging, ohne daß sie es wußten, weil er sich darauf beschränkte, seine Spuren in ihnen lächerlich zu machen. In dieser Weise ging er auch jetzt auf Hans ein und fragte ihn unmittelbar, warum er nicht den Versuch machen wolle, die Parallelaktion zur Förderung der »Gemeinschaft der vollendet Ichlosen« zu benutzen?

»Weil das nicht angeht!« erwiderte Hans.

Es ergab sich daraus ein Gespräch zwischen den beiden, das auf einen Fernstehenden einen sonderbaren Eindruck gemacht haben müßte, nicht unähnlich der Unterhaltung in einem Verbrecherjargon, obwohl dieser kein anderer war als eben die Mischsprache weltlich-geistlicher Verliebtheit. Es ist darum vorzuziehen, diese Unterredung mehr dem Sinn nach wiederzugeben als in ihrem Wortlaut: die Gemeinschaft der vollendet Ichlosen, das war ein von Hans entdecktes Wort, es ist aber trotzdem zu verstehen, denn je selbstloser sich ein Mensch fühlt, desto heller und stärker werden die Dinge der Welt, je leichter er sich macht, desto mehr fühlt er sich gehoben, und Erfahrungen von solcher Art kennt wohl jeder; man darf sie bloß nicht mit Fröhlichkeit, Heiterkeit, Sorglosigkeit oder dergleichen verwechseln, denn das sind nur ihre Ersätze für den niederen Gebrauch, wenn nicht gar für den verdorbenen. Vielleicht sollte man den echten Zustand überhaupt nicht Gehobenheit nennen, sondern Entpanzerung; Entpanzerung des Ich, so erklärte es Hans. Man müsse zwischen zwei Umwallungen des Menschen trennen. Die eine wird schon dann jedesmal überstiegen, wenn er etwas Gutes und Uneigennütziges tut, aber das ist nur die kleine Mauer. Die große besteht in der Selbsthaftigkeit noch des selbstlosesten Menschen; das ist schlechtweg die Erbsünde; jeder Sinneseindruck, jedes Gefühl, selbst das der Hingabe, ist in unserer Ausführung mehr ein Nehmen als ein Geben, und diesem Panzer von Durchtränkung mit Eigensucht kann man kaum in irgendeiner Weise entrinnen. Hans zählte auf: So ist Wissen nichts als An-Eignung einer fremden Sache; man tötet, zerreißt und verdaut sie wie ein Tier. Begriff das reglos gewordene Getötete. Überzeugung, die nicht mehr veränderliche erkaltete Beziehung. Forschung gleich Fest-Stellen. Charakter gleich Trägheit, sich zu wandeln. Kenntnis eines Menschen soviel wie nicht mehr von ihm bewegt werden. Einsicht eine Sicht. Wahrheit der erfolgreiche Versuch, sachlich und unmenschlich zu denken. In allen diesen Beziehungen ist Tötung, Frost, ein Verlangen nach Eigentum und Erstarren und ein Gemisch von Eigensucht mit einer sachlichen, feigen, heimtückischen, unechten Selbstlosigkeit! »Und wann wäre« fragte Hans, obgleich er nur die unschuldige Gerda kannte, »die Liebe selbst etwas anderes als der Wunsch nach Besitz oder Hingabe auf Gegenrechnung?!«

Ulrich stimmte diesen nicht ganz einheitlichen Behauptungen vorsichtig und abändernd bei. Es sei richtig, daß auch das Erleiden und Sichentäußern einen Sparpfennig für uns selbst übriglasse; ein blasser, sozusagen grammatikalischer Schatten von Egoismus bleibe auf allem Tun haften, solange es keine Prädikate ohne Subjekt gebe.

Aber Hans lehnte heftig ab. Er und seine Freunde stritten, wie man leben solle. Manchmal nahmen sie an, daß jeder zunächst für sich und dann erst für alle leben müsse; ein andermal waren sie überzeugt, daß jeder ganz wahrhaft nur einen Freund haben könne, aber dieser doch wieder einen anderen Freund brauche, wonach sich ihnen die Gemeinschaft als eine Seelenverbindung im Kreis, nach Art des Farbenspektrums oder anderer gliedweisen Verkettungen darstellte; am liebsten aber glaubten sie daran, daß es ein seelisches, von der Ichsucht bloß überschattetes Gesetz des Gemeinschaftssinns gebe, eine innere, ungeheure, noch nicht ausgenützte Lebensquelle, der sie abenteuerliche Möglichkeiten zuschrieben. Nicht ungewisser kann sich der Baum, im Walde kämpfend und vom Wald gehegt, vorkommen, als empfängliche Menschen heute die dunkle Wärme der Masse, ihre Bewegungskraft, die molekular unsichtbaren Vorgänge ihres unbewußten Zusammenhaltens empfinden, die sie bei jedem Atemzug daran erinnern, daß der Größte wie der Kleinste nicht allein sei; so erging es auch Ulrich; er sah wohl klar, daß der gezähmte Egoismus, aus dem sich das Leben aufbaut, ein geordnetes Gefüge ergibt, wogegen der Atem der Gemeinsamkeit nur ein Inbegriff unklarer Zusammenhänge bleibt, und er war für seine Person sogar ein zur Absonderung neigender Mensch, aber es ging ihm eigentümlich nahe, wenn die jungen Freunde Gerdas ihre ausschweifende Behauptung von der großen Mauer aufstellten, die überstiegen werden müsse.

Hans spulte, bald leiernd, bald stoßend, die Augen, ohne zu sehen, vorausgerichtet, seine Glaubenssätze ab. Eine unnatürliche Trennung laufe durch die Schöpfung und teile sie wie einen Apfel, dessen beide Hälften daran austrocknen. Man müsse sich darum auf künstliche und widernatürliche Weise heute aneignen, womit man vordem eins war. Man könne aber diese Trennung aufheben, durch irgendein Sichöffnen, ein geändertes Verhalten, denn je mehr jemand sich vergessen, auslöschen, von sich abrücken könne, desto mehr Kraft für die Gemeinschaft werde in ihm frei, so als würde sie aus einer falschen Verbindung befreit; und zugleich müsse er, je mehr er sich der Gemeinschaft nähere, desto eigener werden; denn folgte man Hans, so erfuhr man auch, daß der Grad der wahren Originalität nicht im eitlen Besonderssein beschlossen liege, sondern durch das Sichöffnen entstehe, in steigende Grade des Teilnehmens und der Hingabe hinein, vielleicht bis zu dem höchsten Grad einer Gemeinschaft der ganz von der Welt aufgenommenen, vollendet Ichlosen, den man auf diese Weise zu erreichen vermöchte!

Diese scheinbar durch nichts auszufüllenden Sätze ließen Ulrich träumen, wie man ihnen einen wirklichen Inhalt geben könnte, aber er fragte Hans bloß kühl, wie er es mit diesem Sichöffnen und dergleichen wohl in der Ausführung anstellen möchte?

Hans hatte dafür unermeßliche Worte; das transzendente an Stelle des Sinnenichs, das gotische Ich an Stelle des naturalistischen, das Reich der Wesenheit an Stelle der Erscheinung, das unbedingte Erlebnis und ähnliche gewaltige Substantiva, die er seinem Inbegriff unbeschreiblicher Erfahrungen unterschob, wie das, nebenbei bemerkt, zum Schaden der Sache und Erhöhen ihrer Würde eine verbreitete Gepflogenheit ist. Und weil sich der Zustand, der ihm zuweilen, vielleicht auch oft vorschwebte, niemals länger als über Augenblicke kurzen sich Versinnens halten ließ, tat er auch noch das übrige, zu behaupten, das Jenseitige offenbare sich eben heute nicht deutlicher als sprunghaft, in überkörperlicher, begreiflicherweise schwer festzuhaltender Schauung, deren Niederschlag höchstens große Kunstwerke seien; er kam auf sein Lieblingswort Symbol für diese und andere übernatürlich aufgerichtete Zeichen des Lebens zu sprechen und schließlich auf das germanische, den Trägern versprengten Germanenbluts zugeeignete Erlebnis, solches zu schaffen und schauen; auf diese Weise einer sublimen Variante nach dem Muster »Gute alte Zeit« gelang es ihm, bequem zu erklären, daß das dauernde Ergreifen des Wesenhaften der Vergangenheit angehöre und der Gegenwart entzogen sei, und die Auseinandersetzung war ja gerade von dieser Behauptung ausgegangen.

Ulrich war ärgerlich über dieses abergläubische Geschwätz. Es war lange Zeit für ihn eine unentschiedene Frage gewesen, wodurch Hans eigentlich Gerda anziehe. Sie saß blaß dabei, ohne an dem Gespräch tätigen Anteil zu nehmen. Hans Sepp hatte eine große Theorie der Liebe, und wahrscheinlich fand sie darin den tieferen Sinn ihrer selbst. Ulrich lenkte nun das Gespräch weiter, indem er behauptete – mit allerhand Verwahrungen dagegen, daß man sich überhaupt auf derlei Gespräche einlassen solle! – die höchste Steigerung, die ein Mensch fühle, entstünde weder in dem gewöhnlichen egoistischen Verhalten, wo man sich alles aneigne, was einem begegne, noch, wie die Freunde behaupteten, in dem, was man Steigerung des Ich durch Eröffnung und Abgabe nennen könne, sondern sei eigentlich ein ruhender Zustand, in dem sich nie etwas ändere, wie ein stehendes Wasser.

Gerda belebte sich und fragte, wie er das meine.

Ulrich antwortete ihr darauf, daß Hans die ganze Zeit über, wenn auch zum Teil in sehr gewaltsamen Einkleidungen, von nichts als Liebe gesprochen habe; von der Heiligenliebe, der Einsiedlerliebe, der aus den Ufern der Wünsche getretenen Liebe, die immer als eine Auflösung, Auflockerung, ja als eine Verkehrung aller weltlichen Beziehungen beschrieben worden sei und jedenfalls nicht bloß ein Gefühl, sondern eine Veränderung des Denkens und der Sinne bedeute.

Gerda sah ihn an, als wolle sie prüfen, ob er, mit seinem das ihre übersteigenden Wissen, auch das irgendwie in Erfahrung gebracht habe, oder ob von diesem heimlich geliebten Menschen, wie er hier, ohne sich viel merken zu lassen, neben ihr saß, jene seltsame Ausschickung ausgehe, die zwei Wesen bei getrennten Körpern vereint.

Ulrich fühlte die Probe. Ihm war zumute, wie wenn er in einer fremden Sprache reden würde, in der er geläufig weitersprechen konnte, aber äußerlich, ohne daß die Worte in ihm Wurzeln hatten. »Man versteht in diesem Zustand,« sagte er »wo man aus den Grenzen tritt, die dem Verhalten sonst gezogen sind, alles, weil die Seele nur das annimmt, was zu ihr gehört; in gewissem Sinn weiß sie alles schon vorher, was sie erfahren wird. Liebende können sich keine Neuigkeiten sagen; es gibt auch kein Erkennen für sie. Denn der Liebende erkennt von dem Menschen, den er liebt, nichts, als daß er in einer unbeschreiblichen Weise durch ihn in innere Tätigkeit versetzt wird. Und einen Menschen erkennen, den er nicht liebt, heißt für ihn, jenen in die Liebe einbeziehen wie eine tote Mauer, auf der das Licht der Sonne liegt. Und ein lebloses Ding erkennen, heißt nicht, seine Eigenschaften eine nach der anderen auszuspähen, sondern es heißt, daß ein Schleier fällt oder eine Grenze aufgehoben wird, die der wahrnehmbaren Welt nicht angehören. Auch das Leblose tritt, unbekannt wie es ist, aber voll Vertrauen, in die Kameradschaft der Liebenden ein. Die Natur und der eigentümliche Geist der Liebenden blicken einander in die Augen; es sind das zwei Richtungen der gleichen Handlung, es ist ein Fließen in zwei Richtungen und ein Brennen von zwei Enden. Und einen Menschen oder ein Ding ohne Beziehung zu sich zu erkennen, das ist dann überhaupt nicht möglich; denn Kenntnis nehmen, das nimmt etwas von den Dingen, sie behalten ihre Gestalt, aber scheinen darin zu Asche zu zerfallen, es verdunstet etwas von ihnen, und es bleiben nur ihre Mumien. Darum gibt es auch keine Wahrheit für Liebende; sie wäre eine Sackgasse, ein Ende, der Tod des Gedankens, der, solange er lebt, dem atmenden Rand einer Flamme gleicht, daran Licht und Dunkel Brust an Brust hegen. Wie kann etwas Einzelnes einleuchten, wo alles leuchtet?! Wozu das Almosen der Sicherheit und Eindeutigkeit, wo alles eine Überfülle ist? Und wie kann man noch etwas für sich allein begehren, sei es auch gerade das Geliebte selbst, wenn man erlebt hat, wie Liebende nicht mehr sich selbst gehören, sondern allem, was ihnen, den vieräugig Verflochtenen, entgegenkommt, sich schenken müssen?«

Man vermag, wenn man diese Sprache beherrscht, in ihrer Anwendung mühelos fortzufahren. Man geht wie mit einem Licht in der Hand, dessen zarter Strahl auf eine Beziehung des Lebens nach der anderen fällt, und alle sehen sie aus, als wären sie in ihrer gewöhnlichen Erscheinung, die sie im festen Alletaglicht haben, nur rohe Mißverständnisse gewesen. Wie unmöglich erscheint zum Beispiel sogleich die Gebärde des Wortes »besitzen«, wenn man sie auf Liebende anwendet! Aber verrät es schöner anmutende Wünsche, daß man Grundsätze be-sitzen möchte? die Achtung seiner Kinder? Gedanken? sich selbst? Diese plumpe Angriffsgebärde eines schweren Tiers, das seine Beute mit dem ganzen Körper niederdrückt, ist jedoch berechtigterweise der Grund- und Leibausdruck des Kapitalismus, und so zeigt sich darin der Zusammenhang zwischen den Besitzenden des bürgerlichen Lebens und den Besitzern von Erkenntnissen und Fertigkeiten, zu denen es seine Denker und Künstler gemacht hat, während abseits Liebe und Askese als ein einsames Geschwisterpaar stehen. Und sind diese Geschwister, wenn sie beisammen stehn, nicht ziellos und zwecklos, im Gegensatz zu den Zielen und Zwecken des Lebens? Es stammen aber die Namen Ziel und Zweck aus der Sprache der Schützen: Bedeutet also ziellos und zwecklos in seinem ursprünglichen Zusammenhang nicht soviel wie kein Tötender sein? So kommt man bloß dadurch, daß man die Spur der Sprache verfolgt – eine verwischte, aber verräterische Spur! – schon darauf, wie sich allerorten der roh veränderte Sinn an die Stelle von bedachtsameren Beziehungen gedrängt hat, die ganz verlorengegangen sind. Es ist das wie ein überall zu fühlender, nirgends zu fassender Zusammenhang; Ulrich verzichtete darauf, ihm noch weiter redend zu folgen, aber es war Hans nicht zu verdenken, daß er glaubte, wenn man irgendwo anziehe, müsse sich das ganze Gewebe umstülpen, bloß sei die Ahnung der richtigen Stelle verlorengegangen. Er hatte Ulrich wiederholt unterbrochen und ergänzt. »Wenn Sie diese Erlebnisse als Forscher betrachten wollen, werden Sie nichts anderes darin sehen als ein Bankbeamter! Alle empirischen Erklärungen sind nur scheinbare und führen aus dem Kreis der niederen, sinnlich faßbaren Erkenntnisse nicht hinaus! Ihr Wissenwollen möchte die Welt auf nichts anderes als ein mechanisches Daumendrehen sogenannter Naturkräfte zurückführen!« Von solcher Art waren seine Einwände; Einwürfe. Er war bald grob, bald flammend. Er fühlte, daß er seine Sache schlecht vorgetragen habe, und machte es der Anwesenheit dieses fremden Mannes zum Vorwurf, der ein Alleinsein mit Gerda verhinderte, denn, Auge in Auge mit ihr, wären die gleichen Worte ganz anders, schimmernden Wassern, kreisenden Falken gleich in die Höhe gestiegen, das wußte er; er fühlte, daß er eigentlich einen großen Tag hatte. Zugleich war er sehr erstaunt und böse darüber, Ulrich so leicht und eingehend an seiner Stelle sprechen zu hören. Ulrich sprach in Wahrheit keineswegs wie ein exakter Forscher, sondern redete weit mehr, als er verantworten wollte, und hatte trotzdem nicht den Eindruck, etwas zu sagen, was er nicht glaube. Ihn beflügelte eine unterdrückte Wut darüber. Es gehört eine sonderbar gehobene, leicht brennende Stimmung dazu, so zu sprechen, und die Ulrichs befand sich zwischen ihr und dem Anblick Hans', mit seinem fett gesträubten Haar, der schlecht gepflegten Haut, den häßlich eindringlichen Bewegungen, dem Wortschwall, in dessen Geifer doch ein Schleier von etwas Innerstem hing, das wie vom Herzen gezogene Haut war; aber streng genommen, hatte sich Ulrich sein ganzes Leben lang zwischen zwei solchen Eindrücken von dieser Sache befunden, er war seit je imstande gewesen, so geläufig darüber zu sprechen, wie er es heute tat, und halb daran zu glauben, doch war er über diese spielerische Fertigkeit nie hinausgegangen, weil er nicht an ihren Inhalt glaubte, auf welche Weise auch jetzt Lust und Unlust des Gesprächs miteinander Schritt hielten.

Aber Gerda achtete nicht auf die spöttischen Einwände, die er deshalb zuweilen wie ein Parodist einflocht, sondern stand nur unter dem Eindruck, daß er jetzt sich selbst geöffnet habe. Sie sah ihn beinahe ängstlich an. »Er ist viel weicher, als er es zugibt« dachte sie, wenn er sprach, und ein Gefühl wie von einem kleinen Kind, das an der Brust tastet, machte sie wehrlos. Ulrich fing ihren Blick auf. Er wußte fast alles, was zwischen ihr und Hans vor sich ging, weil sie davon geängstigt wurde und das Bedürfnis hatte, sich wenigstens in andeutenden Erzählungen davon zu befreien, die Ulrich leicht zu ergänzen vermochte. Sie sahen in der Besitzergreifung, die jungen Liebenden sonst als Ziel gilt, den Anfang des seelischen Kapitalismus, den sie verabscheuten, und glaubten die Leidenschaft der Körper zu verachten, verachteten aber auch die Besinnung, die ihnen als bürgerliches Ideal für verdächtig galt. So entstand ein un- und halbkörperliches Ineinanderverschlungensein; sie suchten einander zu bejahen, wie sie das nannten, und fühlten die zitternd zarte Vereinigung der Wesen, die daraus entsteht, daß man einander betrachtet, sich in das unsichtbare Wellenspiel hinter Brust und Stirn des anderen gleiten läßt und in dem Augenblick, wo man sich zu verstehen glaubt, fühlt, daß man gegenseitig sich in sich trägt und eins ist. In Stunden, die nicht ganz so hochgemut waren, begnügten sie sich jedoch auch mit gewöhnlicher Bewunderung für einander; sie erinnerten sich dann gegenseitig bloß an berühmte Bilder oder Szenen und staunten, wenn sie sich küßten, daß – um ein stolzes Wort zu wiederholen – Jahrtausende auf sie herabsahen. Denn sie küßten einander; sie erklärten in der Liebe das grobe Gefühl des sich im Körper krümmenden Ichs zwar für ebenso niedrig wie ein Magenkrümmen, aber ihre Glieder kümmerten sich nicht ganz um die Anschauungen der Seelen und preßten sich auf eigene Verantwortung aneinander. Sie waren nachher jedesmal beide ganz verstört. Ihre zarte Philosophie hielt vor dem Bewußtsein, daß niemand in der Nähe sei, dem Dämmern der Zimmer, der rasend wachsenden Anziehungskraft zusammengeschmiegter Körper nicht stand, und namentlich Gerda, als Mädchen die ältere von beiden, empfand dann das Verlangen nach vollendeter Umarmung so arglos stark, wie ein Baum empfinden könnte, den irgendetwas hindert, im Frühling zu blühen. Diese halben Umarmungen, so salzlos wie Kinderküsse und ohne Grenzen wie die Liebkosungen von Greisen, ließen sie jedesmal zerschmettert zurück. Hans fügte sich besser darein, denn er sah es, so wie es vorbei war, als eine Prüfung auf die Gesinnung an. »Uns ist es nicht gegeben, Besitzende zu sein,« lehrte er »wir sind Wanderer, die von Stufe zu Stufe schreiten«; und wenn er bemerkte, wie Gerda vor Unbefriedigung am ganzen Leibe zitterte, so stand er nicht an, ihr das als Schwäche, wenn nicht gar als einen Rest ungermanischer Abkunft anzurechnen, und kam sich wie der gottgefällige Adam vor, dessen Männerherz abermals von seiner gewesenen Rippe dem Glauben entfremdet werden soll. Gerda verachtete ihn dann. Und wahrscheinlich war das der Grund, warum sie Ulrich wenigstens früher so viel wie möglich davon erzählt hatte. Sie ahnte, ein Mann würde mehr und weniger tun als Hans, der sein tränenüberströmtes Gesicht, nachdem er sie beleidigt hatte, wie ein Kind zwischen ihren Beinen verbarg; und ebenso stolz auf ihre Erlebnisse wie ihrer überdrüssig, bot sie Ulrich davon Kenntnis an, in der ängstlichen Hoffnung, er werde mit seinen Worten diese qualvolle Schönheit zerstören.

Ulrich sprach jedoch selten so zu ihr, wie sie es erwartete, sondern kühlte sie gewöhnlich spöttisch ab, denn obgleich ihm Gerda deshalb ihr Vertrauen verweigerte, wußte er gut, daß sie sich ihm gegenüber in einem dauernden Verlangen nach Ergebenheit befand und weder Hans noch sonst wer solche Macht über ihr Gemüt hatte, wie er sie hätte haben können. Er entschuldigte sich damit, daß jeder andere wirkliche Mann an seiner Stelle, nach dem unklaren Schmutzfink Hans, auch als Erlösung auf sie wirken müßte. Aber während er alles das überlegte und mit einemmal versammelt gegenwärtig fühlte, hatte sich Hans besonnen und versuchte, noch einmal zum Angriff überzugehen. »Alles in allem« sagte er »haben Sie den größten Fehler begangen, den man überhaupt begehen kann, indem Sie versuchen, es in Begriffen auszudrücken, was einen Gedanken zuweilen um ein Etwas über die Begriffe hebt; aber das ist wohl der Unterschied zwischen einem Herrn von der Gelehrsamkeit und uns. Erst muß man es leben lernen, und dann lernt man es vielleicht denken!« fügte er stolz hinzu, und als Ulrich lächelte, fuhr es wie der strafende Blitz aus ihm: »Jesus war mit zwölf Jahren sehend und hat nicht erst das Doktorat gemacht!«

Ulrich ließ sich dadurch, mit einem Verstoß gegen die Pflicht der Verschwiegenheit, dazu hinreißen, ihm einen Rat zu geben, der Kenntnisse verriet, in deren Besitz er nur durch Gerda gekommen sein konnte. Denn er entgegnete ihm: »Ich weiß nicht, warum Sie nicht, wenn Sie es leben wollen, damit bis zu Ende gehn. Ich würde Gerda in die Arme schließen, alle Bedenken meiner Vernunft entfernen und die Arme so lange geschlossen halten, bis unsere Körper entweder zu Asche zerfallen oder der Verwandlung des Sinns folgen und sich in sich selbst umkehren, wie wir uns das eben nicht vorstellen können!«

Hans, dem die Eifersucht einen Stich gab, sah nicht ihn, sondern Gerda an. Gerda wurde blaß und verlegen. Die Worte »Ich würde Gerda in meine Arme schließen und festhalten« hatten auf sie den Eindruck eines geheimen Versprechens gemacht. Es war ihr in diesem Augenblick ganz gleichgültig, wie man sich das »andere Leben« am folgerichtigsten vorstelle, und sie war sicher: wenn Ulrich richtig wollte, er würde alles so ausführen, wie es sein müßte. Hans, zornig über den Verrat Gerdas, den er fühlte, bestritt, daß das gelingen müsse, wovon Ulrich rede; die Zeit sei nicht geeignet, und die ersten Seelen müßten genau so wie die ersten Flugzeuge von einem Berg abfliegen und nicht von einer Talzeit. Vielleicht müsse erst ein Mensch kommen, der die anderen aus ihrer Verfangenheit erlöse, ehe das Höchste gelingen könne! Es erschien ihm nicht ausgemacht, daß keinesfalls er dieser Erlöser sein könnte, aber das war seine Sache, und davon abgesehen, bestritt er, daß der gegenwärtige Tiefstand imstande sei, einen hervorzubringen.

Nun sagte Ulrich etwas davon, wieviele Erlöser es heute schon gebe. Jeder bessere Vereinsobmann gelte für einen solchen! Er war überzeugt, wenn selbst Christus wiederkäme, er träfe es schlechter an als ehedem; die sittlich gesinnten Zeitungen und Buchgemeinschaften würden seinen Ton zu wenig gemütvoll finden, und die große Weltpresse würde sich ihm kaum öffnen! – Alles war somit wieder wie am Beginn, das Gespräch war in die Lage seines Anfangs zurückgekehrt, und Gerda sank in sich zusammen.

Aber eines war anders, Ulrich hatte sich, ohne es zu zeigen, ein wenig verfangen. Seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er sah Gerda an. Ihr Körper war scharf, ihre Haut ermüdet und trüb. Die altjüngferliche Überhauchtheit ihres Wesens wurde ihm mit einemmal deutlich, obgleich sie wahrscheinlich immer die Hauptrolle in der Hemmung gespielt hatte, die ihn mit diesem jungen Mädchen, das ihn liebte, nicht eins werden ließ. Darauf wirkte ja offenbar auch Hans mit dem Halbkörperlichen seiner Gemeinschaftsahnungen ein, die gleichfalls etwas der altjüngferlichen Gefühlslage nicht ganz Fernliegendes an sich haben mochten. Gerda mißfiel Ulrich, und doch hatte er das Verlangen, das Gespräch mit ihr fortzusetzen. Das erinnerte ihn daran, daß er sie eingeladen habe, ihn zu besuchen. Sie hatte durch nichts erkennen lassen, ob sie diesen Vorschlag vergessen habe oder noch daran denke, und er fand keine Gelegenheit mehr, sie heimlich danach zu fragen. Es ließ ein unruhiges Bedauern in ihm zurück und eine Erleichterung, wie wenn man eine Gefahr an sich vorbeigehen fühlt, die man zu spät erkannt hat.

 << Kapitel 113  Kapitel 115 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.