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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 113
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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112

Arnheim versetzt seinen Vater Samuel unter die Götter und faßt den Beschluß, sich Ulrichs zu bemächtigen. Soliman möchte über seinen königlichen Vater Näheres erfahren

 

Arnheim hatte geschellt und ließ Soliman suchen. Es war lange nicht mehr vorgekommen, daß er das Bedürfnis empfand, sich mit ihm zu unterhalten, und der Schlingel trieb sich augenblicklich irgendwo im Hotel umher.

Es war Ulrichs Widerspruch endlich gelungen, Arnheim zu verletzen.

Natürlich war es Arnheim niemals entgangen, daß Ulrich gegen ihn arbeite. Ulrich arbeitete selbstlos; er wirkte wie Wasser auf Feuer, Salz auf Zucker; er trachtete Arnheim um die Wirkung zu bringen, beinahe ohne es zu wollen. Arnheim war sicher, daß Ulrich sogar das Vertrauen Diotimas mißbrauchte, um heimlich über ihn ungünstige oder spöttische Bemerkungen zu machen.

Er gestand sich ein, daß ihm etwas Ähnliches lange nicht widerfahren sei. Die gewöhnliche Methode seiner Erfolge versagte dagegen. Denn die Wirkung eines großen und ganzen Mannes ist wie die der Schönheit; sie verträgt so wenig eine Leugnung, wie man einen Ballon anbohren darf oder einer Statue einen Hut auf den Kopf setzen. Eine schöne Frau wird häßlich, wenn sie nicht gefällt, und ein großer Mann, wenn man ihn nicht beachtet, wird vielleicht etwas Größeres, aber er hört auf, ein großer Mann zu sein. Das gestand sich Arnheim nun allerdings nicht mit diesen Worten ein, aber er dachte: »Ich vertrage keinen Widerspruch, weil nur der Verstand durch Widerspruch gedeiht, und wenn jemand nur Verstand hat, so verachte ich ihn!«

Arnheim nahm an, daß es ihm nicht schwer fallen würde, seinen Gegner auf irgendeine Weise unschädlich zu machen. Aber er wollte Ulrich gewinnen, beeinflussen, erziehen und seine Bewunderung erzwingen. Um sich das zu erleichtern, hatte er sich eingeredet, daß er ihn mit einem tiefen und widerspruchsvollen Gefallen liebe, und hätte nicht gewußt, womit er es begründen solle. Er hatte von Ulrich nichts zu fürchten und nichts zu erwarten; an Graf Leinsdorf und Sektionschef Tuzzi besaß Arnheim ohnehin keinen Freund, das wußte er, und im übrigen gingen die Dinge, wenn auch etwas langsam, den Gang, den er wünschte. Die Gegenwirkung Ulrichs verschwand vor der Wirkung Arnheims und blieb gleichsam ein unirdischer Einspruch; das einzige, was sie zu vermögen schien, bestand vielleicht darin, daß sie die Entscheidung Diotimas hinausschob, indem sie die Entschlossenheit der wunderbaren Frau ein klein wenig lähmte. Arnheim hatte es vorsichtig bloßgelegt und mußte nun darüber lächeln. Geschah das wehmütig oder boshaft? – solche Unterschiede haben in solchen Fällen nichts auf sich; er hielt es für gerecht, daß seines Gegners Verstandeskritik und Widerspruch, ohne es zu wissen, in seinem Dienst arbeiten mußten; es war ein Sieg der tieferen Sache, eine der wunderbar klaren, sich selbst lösenden Verwicklungen des Lebens. Arnheim fühlte, daß dies die Schicksalsschlinge war, die ihn mit dem jüngeren Mann verband und ihn zu Zugeständnissen verleitete, die jener nicht verstand. Denn Ulrich war der Werbung nicht zugänglich; er war wie ein Narr unempfindlich gegen soziale Vorteile und schien das Freundschaftsangebot entweder nicht zu bemerken oder nicht zu würdigen.

Es gab etwas, das Arnheim Ulrichs Witz nannte. Zum Teil meinte er damit diese Unfähigkeit eines geistvollen Mannes, die Vorteile zu erkennen, die das Leben bietet, und seinen Geist den großen Gegenständen und Gelegenheiten anzupassen, die ihm Würde und Standfestigkeit verleihen könnten. Ulrich zeigte die lächerliche gegenteilige Gesinnung, das Leben müsse sich dem Geist anpassen. Arnheim sah ihn vor sich; ebenso groß wie er selbst, jünger, ohne die Weichheiten, die er an seinem eigenen Körper sich nicht verbergen konnte; etwas bedingungslos Unabhängiges war im Gesicht; er führte es, nicht ganz ohne Neid, auf den Abkömmling asketischer Gelehrtengeschlechter zurück, denn so stellte er sich Ulrichs Herkunft vor. Unbesorgter um Geld und Wirkung war dieses Gesicht, als eine aufstrebende Dynastie von Veredlungsverkehrfachleuten es ihren Nachkommen gestattet! Aber in diesem Gesicht fehlte etwas. Das Leben fehlte darin, die Spuren des Lebens fehlten erschrecklich! Es war das in dem Augenblick, wo Arnheim es überdeutlich vor sich sah, ein so beunruhigender Eindruck, daß er daran seine ganze Neigung für Ulrich wiedererkannte; fast hätte man diesem Gesicht ein Unheil vorhersagen können. Er grübelte diesem zwiespältigen Empfinden von Neid und Sorge nach; es war eine traurige Genugtuung, wie sie jemand empfinden mag, der sich selbst mit Feigheit in Sicherheit gebracht hat, und plötzlich warf eine heftige Aufwallung von Neid und Mißbilligung den Gedanken empor, den er unbewußt gesucht und gemieden hatte. Es war ihm eingefallen, Ulrich wäre wohl ein Mann, der nicht nur die Zinsen, sondern das ganze Kapital seiner Seele zum Opfer bringen würde, wenn die Umstände es von ihm verlangten! Ja, das war es, was Arnheim merkwürdigerweise auch unter Ulrichs Witz verstand. Es wurde ihm in diesem Augenblick, wo er sich der von ihm selbst geprägten Worte entsann, vollkommen klar: die Vorstellung, ein Mann könnte sich von seiner Leidenschaft gleichsam über den atembaren Raum hinausreißen lassen, kam ihm wie ein Witz vor!

Als sich Soliman ins Zimmer schlich und vor seinem Herrn stehenblieb, hatte dieser größtenteils vergessen, weswegen er ihn kommen geheißen, aber er spürte die Beruhigung, die von einem lebendigen und ergebenen Wesen ausging. Er schritt mit verschlossener Miene im Zimmer auf und ab, und die schwarze Scheibe des Gesichts drehte sich ihm nach. »Setz dich« befahl Arnheim, blieb in der Ecke so, wie er sich auf dem Absatz gewendet hatte, stehen und begann: »Der große Goethe gibt an einer Stelle des Wilhelm Meister mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit eine Vorschrift des richtigen Lebens, sie heißt: ›Denken, um zu tun; tun, um zu denken!‹ Verstehst du das? Nein, das kannst du wohl doch nicht verstehn . . .« beantwortete er sich diese Frage selbst und verstummte wieder. »Es ist ein Rezept, das alle Weisheit des Lebens enthält,« dachte er »und der mein Gegner sein möchte, kennt davon nur die eine Hälfte, Denken!« Es war ihm eingefallen, daß man auch das noch unter »bloß Witz haben« verstehen könne. Er erkannte die Schwäche Ulrichs. Witz kommt von wissen, eine sprachliche Weisheit, denn sie bezeichnet die intellektuelle Herkunft dieser Eigenschaft, ihre gespenstische, gefühlsarme Natur; der Witzige ist immer vorwitzig, er setzt sich über die gegebenen Grenzen hinweg, an denen der voll Fühlende haltmacht. So war die Angelegenheit mit Diotima und der Kapitalssubstanz der Seele unter einen erfreulicheren Gesichtspunkt gebracht, und zu Soliman sagte Arnheim, indes er das dachte: »Es ist eine Vorschrift, die alle Weisheit des Lebens enthält, und ihretwegen habe ich dir die Bücher entzogen und halte dich zur Arbeit an!«

Soliman erwiderte nichts und machte ein tiefernstes Gesicht.

»Du hast einigemal meinen Vater gesehn,« fragte Arnheim plötzlich »erinnerst du dich an ihn?«

Soliman fand es angebracht, das Weiße seiner Augen hervorzukugeln, und Arnheim sagte nachdenklich: »Siehst du, mein Vater liest fast niemals Bücher. Was meinst du, wie alt mein Vater ist?« Er wartete die Antwort wieder nicht ab und setzte selbst hinzu: »Er ist schon über siebzig Jahre alt und hat seine Hand noch überall, wo für unser Haus etwas auf dem Spiel steht!« Dann ging Arnheim wieder schweigend auf und ab. Er empfand ein unbezwingliches Bedürfnis, über seinen Vater zu reden, aber er konnte nicht alles sagen, was er dachte. Niemand wußte besser als er, daß auch seinem Vater zuweilen Geschäfte fehlschlugen; aber niemand hätte es ihm geglaubt, denn sobald jemand im Rufe steht, ein Napoleon zu sein, gewinnt er auch seine verlorenen Schlachten. Es hatte für Arnheim darum nie eine andere Möglichkeit gegeben, sich neben seinem Vater zu behaupten, als die von ihm gewählte, Geist, Politik und Gesellschaft in den Dienst des Geschäftes zu stellen. Den alten Arnheim schien es auch zu freuen, daß der junge Arnheim so viel wußte und konnte; aber wenn eine wichtige Frage zu entscheiden war, und man hatte sie tagelang produktions- und finanztechnisch, geist- und wirtschaftspolitisch erörtert und dargelegt, so dankte er, befahl nicht selten das Gegenteil von dem, was man ihm vorschlug, und hatte auf alle Einwendungen, die man ihm machte, nur ein hilflos eigensinniges Lächeln zur Antwort. Oft schüttelten sogar die Direktoren die Köpfe darüber, aber über kurz oder lang stellte es sich jedesmal heraus, daß der Alte auf die eine oder andere Weise recht hatte. Es war ungefähr so, wie wenn ein alter Jäger oder Bergführer eine Konferenz von Meteorologen anhören müßte und sich dann schließlich doch nach den Weissagungen seines Rheumatismus entscheidet; und im Grunde war das gar nicht verwunderlich, denn der Rheumatismus ist nun einmal noch in mancher Frage sicherer als die Wissenschaft, und es kommt auch nicht ausschließlich auf die Genauigkeit der Voraussicht an, weil die Dinge doch immer anders kommen, als man es sich vorgestellt hat, und die Hauptsache ist, daß man sich schlau und zäh mit ihrer Widerspenstigkeit abfindet. Es hätte Arnheim also eigentlich nicht schwerfallen dürfen, zu verstehen, daß ein alter Praktikus eine Menge weiß und kann, was sich theoretisch nicht vorhersehen läßt, aber es kam trotzdem ein folgenschwerer Tag, wo er entdeckte, daß der alte Samuel Arnheim Intuition habe.

»Weißt du, was Intuition ist?« fragte Arnheim aus seinen Gedanken heraus, als tastete er nach dem Schatten einer Entschuldigung für sein Verlangen, davon zu reden. Soliman blinzelte angestrengt, wie er es tat, wenn er wegen eines Auftrags verhört wurde, den er vergessen hatte, und Arnheim verbesserte sich abermals rasch. »Ich bin sehr nervös heute,« sagte er »du kannst das natürlich nicht wissen! Aber gib acht auf das, was ich dir jetzt sagen werde: Geld erwerben bringt uns, wie du dir denken kannst, in Lagen, die nicht immer vornehm sind. Diese ewigen Bemühungen, zu rechnen und aus allem einen Vorteil zu ziehen, widersprechen der großen Lebensgestaltung, wie sie glücklichere Zeitalter haben ausbilden dürfen. Man hat aus dem Mord die adelige Tugend der Tapferkeit machen können, aber es erscheint mir fraglich, ob mit dem Rechnen etwas Ähnliches gelingen wird; es ist keine rechte Güte darin, keine Würde, keine tiefe Natur, das Geld macht alles zum Begriff, es ist unangenehm rational; wenn ich Geld sehe, muß ich, ob du es verstehst oder nicht, jedesmal an ungläubig prüfende Finger, viel Geschrei und viel Verstand denken, Vorstellungen, die mir gleichermaßen unerträglich sind.« Er brach ab und versank wieder ins Alleinsein. Er erinnerte sich an seine Verwandten, wie sie ihm, als er ein Kind war, über den Kopf strichen und dabei sagten, daß er ein gutes Köpfchen hätte. Ein Rechenköpfchen. Er haßte diese Gesinnung! In den blanken Goldstücken spiegelte sich die Vernunft einer Familie, die sich emporgearbeitet hatte! Er würde es verachtet haben, sich seiner Familie zu schämen, im Gegenteil, er beharrte gerade in den höchsten Kreisen vornehm bescheiden auf seiner Herkunft; aber die Vernunft seiner Familie fürchtete er, als wäre sie wie allzu lebhaftes Sprechen und flatternde Gebärden eine Familienschwäche, die ihn auf den Höhen der Menschheit unmöglich mache.

Wahrscheinlich hatte seine Verehrung für das Irrationale hier ihren Ursprung. Der Adel war irrational: fast klang das wie ein Scherz über Mängel adeligen Verstandes, aber Arnheim wußte, wie er es meinte. Er brauchte bloß daran zu denken, wie er als Jude nicht Reserveoffizier geworden war; da er als Arnheim aber auch nicht die geringe Stellung eines Unteroffiziers einnehmen konnte, hatte man ihn kurzerhand für untauglich zum Soldaten erklärt, und noch heute lehnte er es ab, darin nur den Mangel an Verständigkeit zu erblicken, ohne die mit ihm verknüpfte Ehrenhaftigkeit zu würdigen. Diese Erinnerung gab ihm den Anlaß, seine Rede an Soliman um einige Sätze zu bereichern. »Es ist möglich« fuhr er dort fort, wo er stehen geblieben war, denn trotz aller Abneigung dagegen war er bis in die Abschweifungen hinein methodisch, »es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß Adel nicht immer gerade das bezeichnet hat, was wir heute eine adelige Gesinnung nennen. Um die Ländermassen zusammenzubekommen, auf denen sich später seine Vornehmheit aufbaute, wird er nicht weniger berechnend und beflissen gewesen sein, als es heute ein Kaufmann ist, ja möglicherweise vollzieht sich das Geschäft des Kaufmanns sogar ehrlicher. Aber im Boden liegt eine Kraft, verstehst du, ich meine, in der Ackerscholle lag sie, in der Jagd, im Krieg, im Glauben an den Himmel und im Bauernhaften, mit einem Wort in dem körperlichen Leben dieser Menschen, die weniger ihren Kopf regten als ihre Arme und Beine, in der Nähe der Natur lag die Kraft, die sie schließlich würdig, vornehm und allem Gemeinen abgeneigt gemacht hat.«

Er überlegte, ob er sich durch seine Stimmung nicht habe verleiten lassen, zuviel zu sagen. Wenn Soliman den Sinn nicht verstand, war dieser Junge imstande, durch die Worte seines Herrn seine Ehrerbietung vor dem Adel herabmindern zu lassen. Aber da geschah etwas Unerwartetes. Soliman war schon eine Weile unruhig hin und her gerutscht, und nun unterbrach er seinen Herrn mit einer Frage. »Bitte,« fragte Soliman »mein Vater ist ein König?«

Arnheim sah ihn verblüfft an. »Ich weiß nichts davon« antwortete er halb streng, halb belustigt. Aber während er in Solimans ernstes, fast zorniges Gesicht blickte, gewann etwas wie Rührung Macht über ihn. Er liebte es, daß dieser Junge alles ernst nahm; »er ist ganz witzlos« dachte er »und eigentlich voll Tragik«; irgendwie schien ihm Witzlosigkeit mit Schwere und Erfülltheit eines Lebens das gleiche zu sein. Mit sanfter Belehrung gab er dem Knaben weiter Antwort: »Es spricht wenig dafür, daß dein Vater ein König sei, ich glaube eher, er wird irgendeinen untergeordneten Beruf ausgeübt haben, denn ich habe dich in einer Truppe von Gauklern in einer Küstenstadt gefunden.«

»Was habe ich gekostet?« unterbrach Soliman forschend.

»Aber mein Lieber, wie kann ich das heute noch wissen! Keinesfalls viel, nehme ich an. Gewiß nicht viel! Aber was kümmert dich alles das? Wir werden geboren, um uns unser Königreich selbst zu schaffen! Ich werde dich vielleicht nächstes Jahr einen Handelskurs mitmachen lassen, und danach könntest du als Lehrling in irgendeinem unserer Büros beginnen. Es wird natürlich von dir abhängen, was du erreichst, aber ich werde ein Auge auf dir haben. Du könntest zum Beispiel später unsere Interessen dort vertreten, wo die Farbigen schon etwas mitzureden haben; man müßte da natürlich sehr vorsichtig vorgehen, aber immerhin könnte sich aus der Tatsache, daß du ein schwarzer Mann bist, mancher Vorteil für dich ergeben. In der Tätigkeit würdest du auch erst ganz erkennen, wieviel dir die Jahre genützt haben, die du unter meiner unmittelbaren Aufsicht zugebracht hast, und das eine kann ich dir jetzt schon sagen: du gehörst einer Rasse an, die noch etwas vom Adel der Natur besitzt. In den mittelalterlichen Rittersagen haben schwarze Könige immer eine ehrenvolle Rolle gespielt. Wenn du das in dir pflegst, was geistig adelig ist, deine Würde, deine Güte, Offenheit, den Mut zur Wahrheit und den noch größeren Mut, dich der Unduldsamkeit, Eifersucht, Mißgunst und der kleinen nervösen Gehässigkeit zu enthalten, von denen die meisten Menschen heute gezeichnet sind, wenn du das zustande bringst, wirst du sicher auch deinen Weg als Kaufmann gehen, denn es ist unsere Aufgabe, der Welt nicht nur Waren zu bringen, sondern auch eine bessere Form des Lebens.«

Da Arnheim lange nicht so vertraut mit Soliman gesprochen hatte, fühlte er, daß es ihn vor einem Zuhörer lächerlich machen würde, aber es war keiner da, und überdies war das, was er sagte, nur die Decklage tieferer Gedankenverbindungen, die er für sich behielt. So bewegte sich gleich das, was er von adeliger Gesinnung und dem Werden des Adels vorbrachte, weiter innen genau in der entgegengesetzten Richtung zu der seiner Worte. Da drängte sich ihm der Gedanke auf, daß noch niemals seit Bestehen der Welt etwas aus geistiger Reinheit und guter Gesinnung allein entstanden sei, sondern alles nur aus Gemeinheit, die sich mit der Zeit die Hörner abläuft, und am Schluß entsteht sogar die große und reine Gesinnung aus ihr! Ganz offenbar, dachte er, ruht das Werden der Adelsgeschlechter ebensowenig wie das einer Müllabfuhr zum weltumspannenden Wirtschaftskonzern nur auf Beziehungen, deren Zusammenhang mit einer erhöhten Humanität sicher ist, und doch ist aus dem einen die silberne Kultur des Dixhuitième und aus dem anderen war Arnheim entstanden. Das Leben stellte ihm somit eindeutig eine Aufgabe, die er am richtigsten in die tief zwiespältige Frage fassen zu können glaubte: welches Maß von Gemeinheit ist notwendig und zulässig, um Größe der Gesinnung zu schaffen? – In einer anderen Schicht hatten seine Gedanken aber inzwischen von Zeit zu Zeit das weiter verfolgt, was er Soliman über Intuition und Rationalismus gesagt hatte, und mit großer Lebhaftigkeit erinnerte sich Arnheim plötzlich daran, wie er zum erstenmal seinem Vater erklärt hatte, daß dieser seine Geschäfte durch Intuition mache. Intuition zu haben, war damals bei allen Leuten an der Zeit, die ihr Tun mit der Vernunft nicht recht verantworten konnten; es spielte ungefähr die gleiche Rolle, die es augenblicklich innehat, Tempo zu besitzen. Alles, was man falsch machte oder was einem zu innerst nicht restlos gelang, wurde dadurch gerechtfertigt, daß es für die Intuition oder durch sie geschaffen sei, und man benutzte Intuition sowohl zum Kochen wie zum Bücherschreiben; aber dem alten Arnheim war nichts davon bekannt, und er ließ sich wahrhaftig verleiten, überrascht zu seinem Sohn aufzublicken. Es war das ein großes Frohlocken für diesen gewesen. »Gelderwerben« sagte er »zwingt uns zu einem Denken, das nicht immer vornehm ist. Dabei ist es wahrscheinlich, daß wir großen Geschäftsleute dazu berufen sind, bei der nächsten Wendung der Geschichte die Führung der Massen zu übernehmen, ohne daß wir wissen, ob wir seelisch dazu imstande sein werden! Wenn es aber etwas auf der Welt gibt, das mir dazu Mut machen kann, so bist du es, denn du hast eine Gabe des Gesichts und Willens, wie sie in den alten großen Zeiten die Könige und Propheten besessen haben, die noch von Gott geleitet wurden. Wie du ein Geschäft anpackst, ist ein Geheimnis, und ich möchte sagen, alle Geheimnisse, die sich der Berechnung entziehen, sind vom gleichen Rang, ob es das Geheimnis des Mutes, der Erfindung oder das der Sterne ist!« Kränkend deutlich sah Arnheim vor sich, wie des alten Arnheim Blick, der zu ihm erhoben gewesen war, nach seinen ersten Sätzen sich wieder in die Zeitung senkte, aus der er sich nicht mehr erheben sollte, so oft der Sohn auch von Geschäften und Intuition sprach. Dieses Verhältnis zwischen Vater und Sohn hatte immer bestanden, und in einer dritten Gedankenschicht, gleichsam in der Leinwand dieser Erinnerungsbilder, kontrollierte es Arnheim auch jetzt. Er sah in der überlegenen Geschäftsbegabung seines Vaters, die ihn beständig bedrückte, etwas wie eine Urkraft, die dem komplizierteren Sohn unerreichbar bleiben mußte, womit er das Vorbild aus dem Bereich vergeblicher Anstrengungen entrückte und sich gleichzeitig einen Adelsbrief seiner Abstammung schuf. Er kam durch diesen Doppelkunstgriff gut davon. Das Geld wurde zu einer überpersönlichen, mythischen Macht, der nur die Ursprünglichsten ganz gewachsen sind, und er versetzte seinen Urahn unter die Götter, genau so, wie es die alten Krieger getan hatten, denen ihr mythischer Vorfahr trotz allen Schauers wahrscheinlich auch ein wenig primitiv vorgekommen sein dürfte im Vergleich mit ihnen selbst. In einer vierten Schicht wußte er aber nichts von dem Lächeln, das über dieser dritten lag, und dachte ganz den gleichen Gedanken noch einmal ernst, indem er sich die Rolle überlegte, die er auf Erden noch zu spielen hoffte. Solche Schichten des Denkens sind natürlich nicht wörtlich zu verstehen, als wären sie wie verschiedene Tiefen und Böden übereinander gelagert, sondern sie sind nichts als ein Ausdruck für die durchlässige, aus verschiedenen Richtungen flutende Bewegung des Denkens, wenn sie unter der Wirkung starker Gefühlsgegensätze steht. Zeit seines Lebens hatte Arnheim ja auch eine fast krankhaft empfindliche Abneigung gegen Witz und Ironie besessen, die wahrscheinlich von einer nicht gerade geringen ererbten Anlage zu beiden herrührte. Er hatte sie unterdrückt, weil sie ihm immer für den Inbegriff des Unadeligen und pöbelhaft Intellektuellen gegolten hatte, aber gerade jetzt, wo seine Gefühle am adeligsten und geradezu intelligenzfeindlich waren, meldete sie sich im Verhältnis zu Diotima, und wenn seine Empfindungen gleichsam schon auf den Zehen standen, lockte ihn oft die höllische Möglichkeit, durch einen jener treffsicheren Witze über die Liebe, die er nicht selten aus dem Munde untergeordneter oder roher Personen gehört hatte, seiner erhabenen Gemütsbewegung zu entrinnen. Und durch alle diese Schichten emportauchend, blickte er mit einemmal erstaunt in das finster aufmerksame Gesicht Solimans, das wie ein schwarzer Boxball aussah, auf den unverständliche Lebensweisheit niedergeprasselt war. »Welch lächerliche Lage, der ich mich aussetze!« dachte Arnheim.

Solimans Körper schien bei wachen Augen auf dem Stuhl eingeschlafen zu sein, als sein Herr diese einseitige Unterredung beendete; die Augen setzten sich in Bewegung, aber der Körper wollte sich nicht rühren, als wartete er noch auf das erweckende Wort. Arnheim bemerkte es, und das gierige Verlangen, Genaueres darüber zu erfahren, durch welche Intrigen aus einem Königssohn ein Diener werde, sprach zu ihm aus dem Blick des Schwarzen. Dieser wie mit Krallen hervorgreifende Blick bewirkte es, daß er sich im gleichen Augenblick an jenen Gärtnergehilfen erinnerte, der seine Sammlungen bestohlen hatte, und er sagte sich seufzend, daß ihm der einfache Erwerbstrieb wohl immer fehlen werde. Es kam ihm plötzlich vor, daß dieser Einfall auch seine Beziehungen zu Diotima mit einem einzigen Wort kennzeichne. Schmerzlich bewegt, fühlte er sich auf der Höhe seines Lebens von allem, was er berührt hatte, durch einen kalten Schatten getrennt. Es war das kein einfacher Gedanke für einen Mann, der soeben erst den Grundsatz ausgesprochen hatte, man müsse denken, um zu tun, und immer bestrebt gewesen war, sich alles Große anzueignen und allem Kleinen seine eigene Bedeutung einzuprägen. Aber der Schatten hatte sich zwischen ihn und die Gegenstände seines Verlangens trotz des Willens gelegt, an dem er es nie hatte fehlen lassen, und zu seiner Überraschung glaubte Arnheim mit Sicherheit zu erkennen, daß er mit jenen lichtzarten Schauern zusammenhing, die seine Jugend umschleiert hatten; geradeso, als ob durch falsche Behandlung aus ihnen eine hauchdünne Eisschicht entstanden wäre. Nur die Frage, warum diese nicht einmal vor dem weltabgewandten Herzen Diotimas schmolz, vermochte er sich nicht zu beantworten; aber wie ein sehr unangenehmer Schmerz, der bloß auf eine Berührung gewartet hat, fiel ihm da wieder Ulrich ein. Arnheim wußte mit einemmal, daß auf dem Leben dieses Mannes der gleiche Schatten lag wie auf dem seinen, dort aber eine andere Wirkung hatte! Man stellt unter den Leidenschaften der Menschen die eines Mannes, den das Wesen eines anderen Mannes eifersüchtig reizt, selten auf den richtigen Platz, der ihr nach ihrer Stärke gebührt, und die Entdeckung, daß sein ohnmächtiger Ärger über Ulrich in einem tieferen Grunde der feindlichen Begegnung zweier Brüder ähnle, die sich nicht erkannt haben, war ein sehr starkes und zugleich wohltuendes Gefühl. Neugierig musterte Arnheim ihrer beider Wesen in dieser Vergleichung. Der grobe Erwerbstrieb für die Vorteile des Lebens fehlte Ulrich noch mehr als ihm, und der sublime Erwerbstrieb, der Wunsch, sich die Würden und Wichtigkeiten des Daseins zu eigen zu machen, fehlte ihm in einer geradezu ärgerlichen Weise. Dieser Mensch war ohne Bedürfnis nach Gewicht und Substanz des Lebens. Sein sachlicher Eifer, der nicht zu bestreiten war, eiferte nicht nach dem Besitz der Sache; Arnheim würde sich geradezu an seine Angestellten erinnert gefühlt haben, wenn die Selbstlosigkeit ihrer Berufshaltung in Ulrichs Anwendung nicht etwas ungemein Hochmütiges an sich gehabt hätte. Man konnte eher sagen, ein Besessener, der kein Besitzender sein will. Man konnte vielleicht auch den Gedanken an einen Streiter in freiwilliger Armut bilden. Auch schien es möglich zu sein, von einem ganz und gar theoretischen Menschen zu sprechen; nur stimmte das wieder nicht, weil man ihn eigentlich überhaupt nicht einen theoretischen Menschen nennen konnte. Arnheim erinnerte sich da, ihm einmal ausdrücklich erklärt zu haben, daß seine denkerischen Fähigkeiten hinter seinen praktischen zurückstünden. Sah man ihn aber praktisch an, so war dieser Mensch völlig unmöglich. So dachte Arnheim hin und her, wie es nicht zum erstenmal geschah, aber trotz der Zweifel an sich selbst, die ihn heute beherrschten, war es ihm unmöglich, in irgendeiner einzelnen Frage Ulrich den Vorrang einzuräumen, und er kam zu dem Schluß, der entscheidende Unterschied bestehe am wahrscheinlichsten darin, daß Ulrich etwas abgehe. Dennoch war an diesem Menschen im ganzen etwas Unverbrauchtes und Freies, und Arnheim gestand sich zögernd ein, daß es ihn geradezu an das »Geheimnis des Ganzen« erinnere, das er selbst besaß und durch diesen anderen in Frage gestellt fühlte. Wie wäre es sonst, wenn es sich bloß um das dem messenden Verstand Zugängliche gehandelt haben würde, auch möglich gewesen, das gleiche unbehagliche Gefühl »Witz« auf einen solchen Unwirklichkeitsmenschen anzuwenden, das Arnheim an einem allzu genauen Kenner der Wirklichkeit, wie es sein Vater war, fürchten gelernt hatte! »Diesem Menschen fehlt also im ganzen etwas!« dachte Arnheim, aber als wäre dies nur die andere Seite dieser Gewißheit, fiel ihm fast im gleichen Augenblick und ganz ohne seinen Willen ein: »Dieser Mann hat Seele!«

Dieser Mann besaß noch unverbrauchte Seele: da es sich um eine intuitive Eingebung handelte, hätte Arnheim nicht genau angeben können, was er damit meinte; aber irgendwie war es so, daß jeder Mensch, wie er wußte, seine Seele mit der Zeit in Verstand, Moral und große Ideen auflöst, was ein unwiderruflicher Vorgang ist; und bei seinem Freundfeind war der nicht bis zu Ende geraten, so daß etwas übrig blieb, dessen zweideutigen Reiz man nicht recht bezeichnen konnte, aber daran erkannte, daß dieses Etwas ungewöhnliche Verbindungen mit Elementen aus der Sphäre des Seelenlosen, Rationalen und Mechanischen einging, die sich nicht mehr recht zu den Kulturinhalten zählen ließen. Arnheim hatte, während er das alles überlegte und sogleich der Ausdrucksweise seiner philosophischen Werke anpaßte, übrigens nicht einen Augenblick Zeit gehabt, etwas davon Ulrich als ein Verdienst, und sei es auch nur dessen einziges, zugute zu schreiben, so stark war der Eindruck, eine Entdeckung gemacht zu haben; er selbst war es, der diese Vorstellungen schuf, und kam sich wie der Meister vor, der in einer noch ungehobenen Stimme den möglichen Glanz entdeckt. Seine Gedanken kühlten sich erst an Solimans Gesicht ab, der ihn offenbar schon lange angestarrt hatte und nun die Gelegenheit gekommen glaubte, weiter zu fragen. Das Bewußtsein, daß es nicht jedermann gegeben sei, seine Erkenntnisse mit Hilfe eines solchen kleinen stummen Halbwilden zu fassen, erhöhte Arnheims Glück, der einzige zu sein, der seines Widersachers Geheimnis kannte, obgleich da manches noch nicht klar und in den Folgen zu erkennen war, die es haben werde. Er fühlte bloß die Liebe, die ein Wucherer für sein Opfer empfindet, in dem er sein Kapital stecken hat. Und vielleicht war es da Solimans Anblick, der ihm plötzlich den Vorsatz eingab, diesen Mann, der ihm das anders verkörperte Abenteuer seiner selbst zu sein schien, um jeden Preis an sich zu ziehen, und sei es, daß er ihn dazu an Sohnes Statt annehmen müßte! Er lächelte über diese voreilige Bekräftigung einer Absicht, deren Gestalt erst ausreifen mußte, und schnitt Soliman, dessen Gesicht vor tragischer Wissensbegierde zuckte, gleichzeitig das Wort mit der Eröffnung ab: »Ich habe jetzt genug, und du mußt die Blumen zu Frau Tuzzi tragen, die ich bestellt habe. Wenn du noch etwas zu fragen hast, so können wir ja vielleicht ein andermal daran denken.«

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