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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 107
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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106

Glaubt der moderne Mensch an Gott oder an den Chef der Weltfirma? Arnheims Unentschlossenheit

 

Arnheim allein. Er steht nachdenklich am Fenster seiner Hotelwohnung und sieht auf die entlaubten Baumkronen hinab, die ein Gitter von Strichen flechten, unter dem die Menschen bunt und dunkel die zwei sich aneinander reibenden Schlangen des Korsos bilden, der um diese Stunde begonnen hat. Ein ärgerliches Lächeln spaltete die Lippen des großen Mannes.

Es hatte ihm bisher noch nie Schwierigkeiten bereitet, das zu kennzeichnen, was er für seelenlos hielt. Was wäre heute nicht seelenlos? Die einzelnen Ausnahmen konnte man leicht als solche erkennen. Arnheim hörte fern in der Erinnerung einen Kammermusikabend; es waren Freunde bei ihm auf dem Schloß in der Mark, die preußischen Linden dufteten, die Freunde waren junge Musiker, denen es recht schlecht ging, trotzdem spielten sie ihre Begeisterung in den Abend hinein; das war seelenvoll. Oder ein anderer Fall: Er hatte sich vor kurzem geweigert, einen Beitrag, den er eine Zeitlang für einen bestimmten Künstler ausgeworfen hatte, weiter zu bezahlen. Er hatte erwartet, daß dieser Künstler böse auf ihn sein und sich im Stich gelassen fühlen werde, ehe es ihm gelungen sei, sich durchzusetzen; man mußte ihm sagen, daß es auch noch andere Künstler gebe, die der Unterstützung bedürften, und ähnliches, was unangenehm war. Statt dessen hatte dieser Mann Arnheim, als er ihn jetzt auf seiner letzten Reise traf, bloß hart ins Auge gesehen, seine Hand ergriffen und erklärt: »Sie haben mich in eine schwere Lage gebracht, aber ich bin überzeugt, ein Mensch wie Sie tut nichts ohne tiefen Grund!« Das war Mannesseele, und Arnheim war nicht abgeneigt, ein andermal wieder etwas für diesen Mann zu tun.

So besteht in vielen Einzelheiten selbst heute noch Seele; es war Arnheim immer wichtig erschienen. Wenn man aber mit ihr unmittelbar und bedingungslos in Verkehr treten muß, bedeutet sie eine ernste Gefahr für die Aufrichtigkeit. War wirklich eine Zeit im Kommen, wo sich die Seelen ohne Vermittlung der Sinne berühren? Hatte es irgend ein Ziel von Rang und Bedeutung der Wirklichkeitsziele, so miteinander zu verkehren, wie es inneres Drängen ihm und seiner wunderbaren Freundin in der letzten Zeit abnötigte? Er glaubte nicht einen Augenblick lang mit wachem Bewußtsein daran, trotzdem war es ihm klar, daß er diesem Glauben Diotimas Vorschub leistete.

Arnheim befand sich in einem eigenartigen Zwiespalt. Der sittliche Reichtum ist nah verschwistert mit dem geldlichen; das war ihm wohlbekannt, und es läßt sich leicht erkennen, warum es so ist. Denn Moral ersetzt die Seele durch Logik; wenn eine Seele Moral hat, dann gibt es für sie eigentlich keine moralischen Fragen mehr, sondern nur noch logische; sie fragt sich, ob das, was sie tun will, unter dieses oder jenes Gebot fällt, ob ihre Absicht so oder anders auszulegen sei, und ähnliches mehr, was alles so ist, wie wenn ein wild daherstürmender Menschenhaufen turnerisch diszipliniert wird und auf einen Wink Ausfall rechts, Arme Seitstoßen und tiefe Kniebeuge macht. Logik setzt aber wiederholbare Erlebnisse voraus; es ist klar, wo die Geschehnisse wechseln würden wie ein Wirbel, in dem nichts wiederkehrt, könnten wir niemals die tiefe Erkenntnis aussprechen, daß A gleich A sei, oder daß größer nicht kleiner sei, sondern wir würden einfach träumen; ein Zustand, den jeder Denker verabscheut. Und so gilt das gleiche von der Moral, und wenn es nichts gäbe, das sich wiederholen ließe, dann ließe sich uns auch nichts vorschreiben, und ohne den Menschen etwas vorschreiben zu dürfen, würde die Moral gar kein Vergnügen bereiten. Diese Eigenschaft der Wiederholbarkeit, die der Moral und dem Verstande eignet, haftet aber am Geld im allerhöchsten Maße; es besteht geradezu aus dieser Eigenschaft und zerlegt, solange es wertbeständig ist, alle Genüsse der Welt in jene kleinen Bauklötze der Kaufkraft, aus denen man sich zusammenfügen kann, was man will. Darum ist das Geld moralisch und vernünftig; und da bekanntlich nicht auch umgekehrt jeder moralische und vernünftige Mensch Geld hat, läßt sich schließen, daß diese Eigenschaften ursprünglich beim Geld liegen, oder wenigstens, daß Geld die Krönung eines moralischen und vernünftigen Daseins ist.

Nun gewiß, Arnheim dachte nicht genau auf diese Weise, daß etwa Bildung und Religion die natürliche Folge des Besitzes seien, sondern er nahm an, daß der Besitz zu ihnen verpflichte; aber daß die geistigen Mächte nicht immer genug von den wirkenden Mächten des Seins verstünden und von einem Rest von Lebensfremdheit selten ganz loszusprechen seien, das hob er gern hervor und er, der Mann mit dem Überblick, kam noch zu ganz anderen Erkenntnissen. Denn jedes Abwägen, jedes In-Rechnung-Stellen und Bemessen setzt auch voraus, daß sich der zu ermessende Gegenstand nicht während der Überlegung ändert; und wo dies dennoch geschieht, muß aller Scharfsinn darauf angewendet werden, selbst noch in der Veränderung etwas Unveränderliches zu finden, und so ist das Geld allen Geisteskräften artverwandt, und nach seinem Muster zerlegen die Gelehrten die Welt in Atome, Gesetze, Hypothesen und wunderliche Rechenzeichen, und die Techniker bauen aus diesen Fiktionen eine Welt neuer Dinge auf. Das war dem über das Wesen der ihm dienenden Kräfte gut unterrichteten Besitzer einer Riesenindustrie so geläufig, wie es einem durchschnittlich deutschen Romanleser die moralischen Vorstellungen der Bibel sind.

Dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Wiederholbarkeit und Festigkeit, das die Voraussetzung für den Erfolg des Denkens und Planens bildet, – so dachte Arnheim, auf die Straße hinunterblickend, weiter – wird nun auf seelischem Gebiet immer durch eine Form der Gewalt befriedigt. Wer auf Stein bauen will im Menschen, darf sich nur der niedrigen Eigenschaften und Leidenschaften bedienen, denn bloß was aufs engste mit der Ichsucht zusammenhängt, hat Bestand und kann überall in Rechnung gestellt werden; die höheren Absichten sind unverläßlich, widerspruchsvoll und flüchtig wie der Wind. Der Mann, der wußte, daß man Reiche über kurz oder lang ebenso werde regieren müssen wie Fabriken, sah auf das Gewimmel von Uniformen, stolzen und lauseigroßen Gesichtern unter sich mit einem Lächeln, worin sich Überlegenheit und Wehmut mischten. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen: Wenn Gott heute zurückkehrte, um das Tausendjährige Reich unter uns aufzurichten, es würde kein einziger praktischer und erfahrener Mann dem Vertrauen entgegenbringen, solange nicht neben dem Jüngsten Gericht auch für einen Strafvollzug mit festen Gefängnissen Vorsorge getroffen wäre, für Polizei, Gendarmerie, Militär, Hochverratsparagraphen, Regierungsstellen und was sonst noch dazu gehört, um die unberechenbaren Leistungen der Seele auf die zwei Grundtatsachen einzuschränken, daß der zukünftige Himmelsbewohner nur durch Einschüchterung und Anziehen der Schrauben oder durch Bestechung seines Begehrens, mit einem Wort, nur durch die »starke Methode« verläßlich zu allem zu bringen ist, was man von ihm haben will.

Dann aber träte Paul Arnheim vor und spräche zum Herrn: »Herr, wozu?! Die Ichsucht ist die verläßlichste Eigenschaft des menschlichen Lebens. Der Politiker, der Soldat und der König haben mit ihrer Hilfe deine Welt durch List und Zwang geordnet. Das ist die Melodie der Menschheit; Du und ich müssen es zugeben. Den Zwang abschaffen, hieße die Ordnung verweichlichen; den Menschen zum Großen befähigen, obgleich er ein Bastard ist, das erst ist unsere Aufgabe!« Dabei würde Arnheim bescheiden zum Herrn lächeln, in ruhiger Haltung, damit man nicht vergesse, wie wichtig es für jeden Menschen bleibt, demütig die großen Geheimnisse anzuerkennen. Und dann würde er seine Rede fortsetzen. »Aber ist das Geld nicht eine ebenso sichere Methode der Behandlung menschlicher Beziehungen wie die Gewalt und erlaubt uns, auf ihre naive Anwendung zu verzichten? Es ist vergeistigte Gewalt, eine geschmeidige, hochentwickelte und schöpferische Spezialform der Gewalt. Beruht nicht das Geschäft auf List und Zwang, auf Übervorteilung und Ausnützung, nur sind diese zivilisiert, ganz in das Innere des Menschen verlegt, ja geradezu in das Aussehen seiner Freiheit gekleidet? Der Kapitalismus, als Organisation der Ichsucht nach der Rangordnung der Kräfte, sich Geld zu verschaffen, ist geradezu die größte und dabei noch humanste Ordnung, die wir zu Deiner Ehre haben ausbilden können; ein genaueres Maß trägt das menschliche Tun nicht in sich!« Und Arnheim hätte dem Herrn geraten, das Tausendjährige Reich nach kaufmännischen Grundsätzen einzurichten und seine Verwaltung einem Großkaufmann zu übertragen, der natürlich auch philosophische Weltbildung haben müßte. Denn was schließlich das rein Religiöse betrifft, so hat es nun einmal immer zu leiden gehabt, und verglichen mit der Existenzunsicherheit in Kriegerzeiten, würde selbst ihm eine kaufmännische Leitung immer noch große Vorteile bieten.

So also hätte Arnheim gesprochen, denn eine tiefe Stimme sagte ihm deutlich, daß man auf das Geld ebensowenig verzichten könne wie auf Vernunft und Moral. Eine andere, ebenso tiefe Stimme sagte ihm aber ebenso deutlich, daß man auf Vernunft, Moral und das ganze rationalisierte Dasein kühn verzichten sollte. Und gerade in den schwindelnden Augenblicken, wo er kein anderes Bedürfnis kannte, als einem irrenden Satelliten gleich in die Sonnenmasse Diotimas zu stürzen, war diese Stimme fast die mächtigere. Es erschien ihm dann das Wachsen der Gedanken so fremd und uninnerlich wie das der Nägel und Haare. Ein moralisches Leben kam ihm als etwas Totes vor, und eine verborgene Abneigung gegen Moral und Ordnung machte ihn erröten. Es erging Arnheim nicht anders wie seinem ganzen Zeitalter. Dieses betet das Geld, die Ordnung, das Wissen, Rechnen, Messen und Wägen, alles in allem also den Geist des Geldes und seiner Verwandten an und beklagt das zugleich. Während es in seinen Arbeitsstunden hämmert und rechnet und sich außerhalb ihrer so benimmt wie eine Horde Kinder, die von dem Zwang des »Also was machen wir jetzt?«, der am Grunde einen bitteren Ekelgeschmack hat, aus einer Übertriebenheit in die nächste gejagt wird, wird es eine innere Mahnung zur Umkehr nicht los. Auf diese wendet es das Prinzip der Arbeitsteilung an, indem es für solche Ahnung und innere Klage besondere Intellektuelle, Beichtende und Beichtiger der Zeit besitzt, Ablaßzettelexistenzen, literarische Bußprediger und Verkünder, die vorhanden zu wissen sehr viel wert ist, wenn man persönlich nicht in die Lage kommt, sich nach ihnen zu halten; und nicht viel anderes als die gleiche Art moralischen Lösegelds bedeuten auch die Phrasen und Geldmittel, die der Staat alljährlich in Kultureinrichtungen versenkt, die keinen Boden haben.

Diese Arbeitsteilung fand sich auch in Arnheim selbst. Wenn er in einem seiner Direktionsbüros saß und eine Absatzberechnung prüfte, würde er sich geschämt haben, anders zu denken als kaufmännisch und technisch; sobald aber nicht mehr das Geld der Firma auf dem Spiel stand, würde er sich geschämt haben, nicht umgekehrt zu denken und die Forderung aufzustellen, daß der Mensch eines anderen Aufstiegs fähig gemacht werden müsse, als auf dem Irrweg der Regelmäßigkeit, Vorschrift, Maßeinheit und dergleichen, dessen Ergebnisse so völlig uninnerlich und im letzten Grunde unwesentlich sind. Es ist keine Frage, daß man diesen anderen Weg Religion nennt; er hatte Bücher darüber geschrieben. In diesen Büchern hatte er es auch Mythos genannt, Rückkehr zur Einfachheit, Reich der Seele, die Vergeistigung der Wirtschaft, das Wesen der Tat und dergleichen, denn es hatte viele Seiten; genau genommen, hatte es gerade ebensoviel Seiten, wie er an sich bemerkte, wenn er sich selbstlos mit sich beschäftigte, wie es ein Mann tun muß, der große Aufgaben vor sich sieht. Aber offenbar war es sein Schicksal, daß diese Arbeitsteilung in der Stunde der Entscheidung zusammenbrach. In dem Augenblick, wo er sich in die Flamme seines Gefühls werfen wollte oder das Bedürfnis hatte, so groß und ungeteilt zu sein wie die Figuren der Urzeiten, so unbekümmert, wie es nur der wahrhaft adelige Mensch vermag, so restlos religiös, wie es das innig erfaßte Wesen der Liebe verlangt, in dem Augenblick also, wo er sich ohne Rücksicht auf seine Beinkleider und Zukunft Diotima zu Füßen stürzen wollte, gebot ihm eine Stimme Einhalt. Es war die zur Unzeit erwachte Stimme der Vernunft oder, wie er sich ärgerlich sagte, des Rechnens und Scharrens, die sich der großen Lebensgestaltung, dem Geheimnis des Gefühls heute allenthalben entgegenstellt. Er haßte sie und wußte im gleichen Augenblick, daß sie nicht unrecht hatte. Denn angenommen, man dürfte Honigmond sagen: welche Form des Lebens mit Diotima sollte sich dann wohl nach Ablauf der Honigmonde herausbilden? Er würde zu seinen Geschäften zurückkehren und gemeinsam mit ihr die übrigen Lebensaufgaben bewältigen. Das Jahr würde wechseln zwischen Finanzoperationen und Ausruhen in der Natur, im tierischen und vegetativen Teil des eigenen Seins. Es wäre vielleicht eine große, wahrhaft humane Vermählung von Tätigkeit und Ruhe, menschlicher Notdurft und Schönheit möglich. Das war sehr gut, das schwebte ihm wohl auch als Ziel vor, und nach Arnheims Ansicht besaß niemand die Kraft zu großen Finanzoperationen, der nicht das völlige Entspannen und Einsinken kannte, das wunschlose, gewissermaßen nur mit einem Lendenschurz bekleidet abseits der Welt Liegen: aber eine wilde stumme Befriedigung wütete in Arnheim, denn alles das stand in Widerspruch zu dem Anfangs- und Endgefühl, das Diotima in ihm erregte. Täglich, wenn er sie wieder sah, diese Antike mit etwas mehr modern gefälliger Rundung, stürzte er in Verwirrung, fühlte er ein Wegschmelzen seiner Kräfte, ein Unvermögen, dieses ausgewogene, in sich ruhende, harmonisch kreisende Wesen in seinem Inneren unterzubringen. Das war ganz und gar kein hochhumanes oder auch nur humanes Gefühl mehr. Die ganze Leere der Ewigkeit lag in diesem Zustand. Er starrte in die Schönheit seiner Geliebten mit einem Blick, der sie schon seit tausend Jahren gesucht zu haben schien und nun, wo er sie antraf, plötzlich beschäftigungslos wurde, was ein Unvermögen ergab, das unverkennbar die Züge eines Stupors, eines beinahe idiotischen Staunens an sich trug. Das Gefühl lieferte bereits keine Antwort mehr auf dieses Übermaß der Forderung, das eigentlich mit nichts anderem mehr zu vergleichen war als dem Wunsch, sich aus einer Kanone gemeinsam in den Weltraum schießen zu lassen!

Die taktvolle Diotima fand auch dafür das richtige Wort. Sie erinnerte einmal in solchem Augenblick daran, daß schon der große Dostojewski einen Zusammenhang zwischen Liebe, Idiotie und innerer Heiligkeit festgestellt habe, unerachtet dessen aber Menschen von heute, die nicht sein gläubiges Rußland hinter sich haben, wohl erst einer besonderen Erlösung bedürften, um diesen Gedanken verwirklichen zu können.

Dieses Wort war Arnheim aus dem Herzen gesprochen.

Der Augenblick, wo es gesagt wurde, war einer jener voll von Überichhaftigkeit und zugleich Übergegenständlichkeit, die wie eine verstopfte Trompete, auf der man keinen Ton hervorbringt, das Blut in den Kopf treiben; nichts war daran unwichtig, von der kleinsten Tasse auf einem Wandbord, die sich van Goghisch im Raum durchsetzte, bis zu den Menschenleibern, die sich, vom Unsagbaren geschwollen und zugespitzt, in ihn zu pressen schienen.

Erschrocken sagte Diotima: »Ich möchte jetzt am liebsten scherzen; Humor ist so schön, er schwebt frei von aller Begehrlichkeit über den Erscheinungen!«

Arnheim lächelte dazu. Er war aufgestanden und hatte begonnen, sich im Zimmer Bewegung zu machen. »Wenn ich sie in Stücke risse, wenn ich zu brüllen und zu tanzen anfinge; wenn ich mir in den Hals griffe, um in der Brust mein Herz für sie zu fangen: würde dann vielleicht ein Wunder geschehn?« fragte er sich. Aber in dem Maße der Abkühlung hatte er eingehalten.

Dieser Auftritt war ihm jetzt wieder lebhaft gegenwärtig geworden. Eisig ruhte sein Blick noch einmal auf der Straße zu seinen Füßen. »Es müßte wahrhaftig das Wunder einer Erlösung vorhergehn,« sagte er sich »andere Menschen müßten die Erde bevölkern, ehe man an die Verwirklichung solcher Dinge denken dürfte.« Er gab sich nicht mehr die Mühe, zu enträtseln, wie und wovon man erlösen müßte; es hätte jedenfalls alles anders sein müssen. Er ging an seinen Schreibtisch zurück, den er vor einer halben Stunde verlassen hatte, zu seinen Briefen und Depeschen, und schellte Soliman, um seinen Sekretär holen zu lassen.

Und während er auf diesen wartete und seine Gedanken schon die ersten Sätze eines Wirtschaftsdiktats rundeten, kristallisierte sich das Erlebte in ihm zu einer schönen und beziehungsreichen moralischen Form. »Ein seiner Verantwortung bewußter Mann« sagte sich Arnheim überzeugt »darf schließlich auch, wenn er Seele schenkt, nur die Zinsen zum Opfer bringen und niemals das Kapital!«

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