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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 104
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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103

Die Versuchung

 

Gerda war sichtbar erregt, als sie allein zurückblieben. Er faßte ihre Hand; ihr Arm begann zu zittern, und sie machte sich los. »Sie wissen nicht,« sagte sie »was das für Hans bedeutet: ein Ziel! Sie spötteln darüber; das ist freilich billig. Ich glaube, Ihre Gedanken sind noch unflätiger geworden!« Sie hatte nach einem möglichst starken Wort gesucht und erschrak nun darüber. Ulrich trachtete danach, wieder ihre Hand zu fangen; sie zog den Arm an sich. »Wir wollen eben nicht bloß so!« stieß sie hervor; sie stieß diese Worte mit heftiger Verachtung aus, aber ihr Körper schwankte.

»Ich weiß« spottete Ulrich; »alles, was zwischen euch geschieht, soll den höchsten Ansprüchen genügen. Das ist es gerade; was mich zu einem Verhalten hinreißt, das Sie so freundlich kennzeichnen. Und Sie glauben nicht, wie gern ich früher anders mit Ihnen gesprochen habe!«

»Sie sind nie anders gewesen!« erwiderte Gerda rasch.

»Ich bin immer schwankend gewesen« sagte Ulrich einfach und forschte in ihrem Gesicht. »Macht es Ihnen Vergnügen, wenn ich Ihnen ein wenig von den Vorgängen bei meiner Kusine erzähle?«

In Gerdas Augen war etwas zu bemerken, das sich von der Ungewißheit, in die sie Ulrichs Nähe versetzte, deutlich abhob; denn sie erwartete brennend diese Mitteilung, um sie Hans weiterzugeben, und suchte es zu verbergen. Mit einiger Genugtuung fing ihr Freund das auf, und so wie ein Tier, das dicke Luft wittert, instinktiv die Fährte wechselt, begann er mit etwas anderem. »Erinnern Sie sich noch an die Geschichte vom Mond, die ich Ihnen erzählt habe?« fragte er sie: »Ich möchte Ihnen erst einmal etwas Ähnliches anvertrauen.«

»Sie werden mich wieder anlügen!« versetzte Gerda.

»Soweit es möglich ist, nicht! Sie erinnern sich wohl aus den Kollegs, die Sie gehört haben, wie es in der Welt zugeht, wenn man wissen möchte, ob etwas ein Gesetz ist oder nicht? Entweder man hat von vornherein seine Gründe, daß es eines sei, wie zum Beispiel in der Physik oder Chemie, und wenn die Beobachtungen auch nie den gesuchten Wert ergeben, so liegen sie doch in einer bestimmten Weise um ihn herum und man berechnet ihn daraus. Oder man hat diese Gründe nicht, wie so oft im Leben, und steht vor einer Erscheinung, von der man nicht recht weiß, ob sie Gesetz oder Zufall ist, dann wird die Sache menschlich spannend. Denn dann macht man zunächst aus seinem Haufen von Beobachtungen einen Zahlenhaufen; man macht Abschnitte – welche Zahlen liegen zwischen diesem und jenem, dem nächsten und dem übernächsten Wert? und so weiter – und bildet daraus Verteilungsreihen; es zeigt sich, daß die Häufigkeit des Vorkommens eine systematische Zu- oder Abnahme hat oder nicht; man erhält eine stationäre Reihe oder eine Verteilungsfunktion, man berechnet das Maß der Schwankung, die mittlere Abweichung, das Maß der Abweichung von einem beliebigen Wert, den Zentralwert, den Normalwert, den Durchschnittswert, die Dispersion und so weiter und untersucht mit allen solchen Begriffen das gegebene Vorkommen.«

Ulrich erzählte das in einem ruhig erklärenden Ton, und es hätte sich schwer unterscheiden lassen, ob er sich selbst erst besinnen wollte oder ob es ihm Spaß machte, Gerda mit Wissenschaft zu hypnotisieren. Gerda hatte sich von ihm entfernt; vornübergebeugt, saß sie in einem Fauteuil, hatte eine Anstrengungsfalte zwischen den Augenbrauen und blickte zur Erde. Wenn jemand so sachlich sprach und sich an den Ehrgeiz ihres Verstandes wandte, wurde ihr Unmut eingeschüchtert; sie fühlte die einfache Sicherheit, die er ihr verliehen hatte, dahinschwinden. Sie war durch ein Realgymnasium und einige Semester der Universität gegangen; sie hatte eine Unmenge neuen Wissens berührt, das nicht mehr in den alten Fassungen des klassischen und humanistischen Geistes unterzubringen war; in vielen jungen Leuten hinterläßt solcher Bildungsgang heute das Gefühl, daß er gänzlich ohnmächtig sei, während vor ihnen die neue Zeit wie eine neue Welt liegt, deren Boden mit den alten Werkzeugen nicht bearbeitet werden kann. Sie wußte nicht, wohin das führe, was Ulrich sprach; sie glaubte ihm, weil sie ihn liebte, und glaubte ihm nicht, weil sie um zehn Jahre jünger war als er und einer anderen Generation angehörte, die sich unverbraucht dünkte, und beides verrann in einer höchst unbestimmten Weise ineinander, indes er ihr weiter erzählte. »Und nun gibt es« fuhr er fort »Beobachtungen, die aufs Haar so aussehen wie ein Naturgesetz, doch ohne daß ihnen etwas zugrundeläge, was wir als ein solches ansehen könnten. Die Regelmäßigkeit statistischer Zahlenfolgen ist bisweilen ebenso groß wie die von Gesetzen. Sie kennen sicher diese Beispiele aus irgendeiner Vorlesung über Gesellschaftslehre. Etwa die Statistik der Ehescheidungen in Amerika. Oder das Verhältnis zwischen Knaben- und Mädchengeburten, das ja eine der konstantesten Verhältniszahlen ist. Und dann wissen Sie, daß sich jedes Jahr eine ziemlich gleichbleibende Zahl von Stellungspflichtigen durch Selbstverstümmelung dem Militärdienst zu entziehen sucht. Oder daß jedes Jahr ungefähr der gleiche Bruchteil der europäischen Menschheit Selbstmord begeht. Auch Diebstahl, Notzucht und, soviel ich weiß, Bankerott haben alljährlich ungefähr die gleiche Häufigkeit . . .«

Hier machte Gerdas Widerstand einen Durchbruchsversuch. »Wollen Sie mir etwa den Fortschritt erklären?!« rief sie aus und bemühte sich, in diese Ahnung recht viel Hohn zu legen.

»Aber natürlich ja!« erwiderte Ulrich, ohne sich unterbrechen zu lassen. »Man nennt das etwas schleierhaft das Gesetz der großen Zahlen. Meint ungefähr, der eine bringt sich aus diesem, der andere aus jenem Grunde um, aber bei einer sehr großen Anzahl hebt sich das Zufällige und Persönliche dieser Gründe auf, und es bleibt – ja, aber was bleibt übrig? Das ist es, was ich Sie fragen will. Denn es bleibt, wie Sie sehen, das übrig, was jeder von uns als Laie ganz glatt den Durchschnitt nennt und wovon man also durchaus nicht recht weiß, was es ist. Lassen Sie mich hinzufügen, daß man dieses Gesetz der großen Zahlen logisch und formal zu erklären versucht hat, sozusagen als eine Selbstverständlichkeit; man hat im Gegensatz dazu auch behauptet, daß solche Regelmäßigkeit von Erscheinungen, die untereinander nicht ursächlich verknüpft seien, auf die gewöhnliche Weise des Denkens überhaupt nicht erklärt werden könne; und man hat, noch neben vielen anderen Analysen des Phänomens, die Behauptung aufgestellt, daß es sich dabei nicht nur um einzelne Ereignisse handle, sondern auch um unbekannte Gesetze der Gesamtheit. Ich will Ihnen mit den Einzelheiten nicht zusetzen, habe sie auch selbst nicht mehr gegenwärtig, aber ohne Zweifel wäre es mir persönlich sehr wichtig, zu wissen, ob dahinter unverstandene Gesetze der Gemeinschaft stecken oder ob einfach durch Ironie der Natur das Besondere daraus entsteht, daß nichts Besonderes geschieht, und der höchste Sinn sich als etwas erweist, das durch den Durchschnitt der tiefsten Sinnlosigkeit erreichbar ist. Es müßte das eine wie das andere Wissen auf unser Lebensgefühl doch einen entscheidenden Einfluß haben! Denn wie dem auch sei, jedenfalls ruht auf diesem Gesetz der großen Zahl die ganze Möglichkeit eines geordneten Lebens; und gäbe es dieses Ausgleichsgesetz nicht, so würde in einem Jahr nichts geschehen, während im nächsten nichts sicher wäre, Hungersnöte würden mit Überfluß wechseln, Kinder würden fehlen oder zu viele sein, und die Menschheit würde zwischen ihren himmlischen und höllischen Möglichkeiten von einer Seite zur andern flattern wie kleine Vögel, wenn man sich ihrem Käfig nähert.«

»Ist das alles wahr?« fragte Gerda zögernd.

»Das müssen Sie doch selbst wissen.«

»Natürlich; im einzelnen weiß ich auch manches davon. Aber ob Sie das vorhin, als alle stritten, gemeint haben, weiß ich nicht. Was Sie über den Fortschritt sagten, klang bloß so, als ob Sie alle ärgern wollten.«

»Das denken Sie immer. Aber was wissen wir über das, was unser Fortschritt ist; gar nichts! Es gibt viele Möglichkeiten, wie es sein könnte, und ich habe eben noch eine genannt.«

»Wie es sein könnte! So denken Sie immer; nie werden Sie die Frage zu beantworten suchen, wie es sein müßte!«

»Ihr seid so vorschnell. Immer muß ein Ziel, ein Ideal, ein Programm da sein, ein Absolutes. Und was am Ende herauskommt, ist ja doch ein Kompromiß, ein Durchschnitt! Wollen Sie nicht zugeben, daß es auf die Dauer ermüdend und lächerlich ist, immer das Äußerste zu tun und wollen, nur damit etwas Mittleres hervorkommt?«

Im Grunde war es das gleiche Gespräch wie das mit Diotima; nur das Äußere war verschieden, aber dahinter hätte man aus dem einen in das andere fortfahren können. So offensichtlich gleichgültig war es auch, welche Frau da saß; ein Körper, der, in ein schon vorhandenes geistiges Kraftfeld eingesetzt, bestimmte Vorgänge in Gang brachte! Ulrich betrachtete Gerda, die ihm auf seine letzte Frage keine Antwort gab. Mager saß sie da, eine kleine Unmutsfalte zwischen den Augen. Auch der Brustansatz, den man im Blusenausschnitt sah, bildete eine hohle senkrechte Falte. Arme und Beine waren lang und zart. Schlaffer Frühling, durchglüht von vorzeitiger Sommerstrenge; diesen Eindruck empfing er, zugleich mit dem ganzen Anprall des Eigensinns, der in so einem jungen Körper eingesperrt ist. Eine sonderbare Vermengung von Abneigung und Gefaßtheit bemächtigte sich seiner, denn er hatte plötzlich das Gefühl, daß er näher an einer Entscheidung stehe, als er denke, und daß dieses junge Mädchen berufen sei, daran mitzuwirken. Unwillkürlich begann er nun wirklich von den Eindrücken zu erzählen, die er durch die sogenannte Jugend in der Parallelaktion empfangen hatte, und schloß mit Worten, die Gerda überraschten. »Sie sind auch dort sehr radikal und sie mögen mich dort auch nicht. Ich vergelte es aber mit gleichem, denn in meiner Art bin ich auch radikal, und ich kann jede Art Unordnung eher ausstehen als die geistige. Ich möchte Einfälle nicht nur entfaltet sehen, sondern auch zusammengebracht. Ich möchte nicht nur die Oszillation, sondern auch die Dichte der Idee. Das ist es, was Sie, unentbehrliche Freundin, mit den Worten tadeln, daß ich immer nur erzähle, was sein könnte, statt dessen, was sein müßte. Ich verwechsle diese beiden nicht. Und wahrscheinlich ist das die unzeitgemäßeste Eigenschaft, die man haben kann, denn nichts ist heute so fremd, wie es Strenge und Gefühlsleben einander sind, und unsere mechanische Genauigkeit hat es leider so weit gebracht, daß ihr als die richtige Ergänzung die lebendige Ungenauigkeit erscheint. Warum wollen Sie mich nicht verstehen? Wahrscheinlich sind Sie gänzlich unfähig dazu, und es ist lasterhaft von mir, daß ich mir die Mühe nehme, Ihren zeitgemäßen Kopf zu verwirren. Aber wahrhaftig, Gerda, manchmal frage ich mich, ob ich nicht unrecht habe. Vielleicht tun gerade jene, die ich nicht leiden kann, das, was ich einmal gewollt habe. Sie tun es vielleicht falsch, sie tun es hirnlos, einer rennt dahin, der andere dorthin, jeder mit einem Gedanken im Schnabel, den er für den einzigen auf der Welt hält; jeder von ihnen kommt sich furchtbar klug vor, und alle zusammen glauben sie, daß die Zeit zur Unfruchtbarkeit verdammt ist. Aber vielleicht ist es umgekehrt, und jeder von ihnen ist dumm, aber alle zusammen sind sie fruchtbar? Es scheint, daß jede Wahrheit heute in zwei einander entgegengesetzte Unwahrheiten zerlegt auf die Welt kommt, und es kann auch das eine Art sein, zu einem überpersönlichen Ergebnis zu gelangen! Der Ausgleich, die Summe der Versuche entsteht dann nicht mehr im Individuum, das unerträglich einseitig wird, aber das Ganze ist wie eine Experimentalgemeinschaft. Mit einem Wort, seien Sie nachsichtig mit einem alten Mann, den seine Einsamkeit manchmal zu Ausschreitungen veranlaßt!«

»Was haben Sie mir nicht schon alles erzählt!« erwiderte Gerda darauf finster. »Warum schreiben Sie nicht ein Buch über Ihre Anschauungen, Sie könnten vielleicht sich und uns damit helfen?«

»Aber wie komme ich denn dazu, ein Buch schreiben zu müssen?!« meinte Ulrich. »Mich hat doch eine Mutter geboren und kein Tintenfaß!«

Gerda überlegte, ob ein Buch von Ulrich jemandem wirklich helfen könnte? Wie alle jungen Leute aus ihrer Freundschaft überschätzte sie die Kraft des Buchs. Es war völlig still geworden in der Wohnung, seit die beiden schwiegen; es schien, daß das Ehepaar Fischel hinter den empörten Gästen das Haus verlassen hatte. Und Gerda spürte den Druck der Nähe des mächtigeren Manneskörpers, sie spürte ihn immer, gegen alle ihre Überzeugungen, wenn sie allein waren; sie lehnte sich dagegen auf und begann zu zittern. Ulrich bemerkte es, stand auf, legte seine Hand auf Gerdas schwache Schulter und sagte zu ihr: »Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Gerda. Nehmen wir an, daß es im Moralischen genau so zugehe wie in der kinetischen Gastheorie: alles fliegt regellos durcheinander, jedes macht, was es will, aber wenn man berechnet, was sozusagen keinen Grund hat, daraus zu entstehen, so ist es gerade das, was wirklich entsteht! Es gibt merkwürdige Übereinstimmungen! Nehmen wir also auch an, eine bestimmte Menge von Ideen fliegt in der Gegenwart durcheinander; sie ergibt irgendeinen wahrscheinlichsten Mittelwert; der verschiebt sich ganz langsam und automatisch, und das ist der sogenannte Fortschritt oder der geschichtliche Zustand; das Wichtigste aber ist, daß es dabei auf unsere persönliche, einzelne Bewegung gar nicht ankommt, wir können rechts oder links, hoch oder tief denken und handeln, neu oder alt, unberechenbar oder überlegt: es ist für den Mittelwert ganz gleichgültig, und Gott und Welt kommt es nur auf ihn an, nicht auf uns!«

Er machte unter diesen Worten Miene, sie in seine Arme zu schließen, obgleich er fühlte, daß es ihn Überwindung koste.

Gerda wurde zornig. »Zuerst fangen Sie immer nachdenklich an,« rief sie aus »und dann kommt das ganz gewöhnliche Gegockel eines Hahns heraus!« Ihr Gesicht war heiß und hatte kreisrunde Flecke, ihre Lippen schienen zu schwitzen, aber irgend etwas war an ihrer Empörung schön. »Gerade das, was Sie daraus machen, ist es, was wir nicht wollen!« Da konnte Ulrich nicht der Versuchung widerstehen, sie leise zu fragen: »Besitz tötet?«

»Ich will nicht mit Ihnen darüber sprechen!« gab Gerda ebenso leise zurück.

»Es ist das gleiche, ob es der Besitz eines Menschen oder einer Sache ist« fuhr Ulrich fort. »Ich weiß das auch. Gerda, ich verstehe Sie und Hans besser, als Sie glauben. Was wollen Sie also und Hans? Sagen Sie es mir.«

»Sehen Sie: nichts!« rief Gerda triumphierend aus. »Man kann es nicht sagen. Auch Papa sagt immerzu: ›Mach dir doch klar, was du willst. Du wirst sehen, daß es Unsinn ist‹. Alles ist Unsinn, wenn man es sich klar macht! Wenn wir vernünftig sind, kommen wir nie über Gemeinplätze hinaus! Jetzt werden Sie wieder etwas einwenden, in Ihrem Rationalismus!«

Ulrich schüttelte den Kopf. »Und was ist eigentlich mit der Demonstration gegen Graf Leinsdorf?« fragte er sanft, als ob das noch dazugehören würde.

»Ah, Sie spionieren!« rief Gerda aus.

»Nehmen Sie an, daß ich spioniere, aber sagen Sie es mir, Gerda. Meinethalben können Sie gern auch das noch annehmen.«

Gerda wurde verlegen. »Nichts Besonderes. Nun eben irgend eine Demonstration der deutschen Jugend. Vielleicht Vorbeizug, Schmährufe. Die Parallelaktion ist eine Schmählichkeit!«

»Weshalb?«

Gerda zuckte die Achseln.

»Setzen Sie sich doch wieder!« bat Ulrich. »Sie überschätzen das. Lassen Sie uns einmal ruhig reden.«

Gerda gehorchte. »Hören Sie einmal zu, ob ich Ihre Lage begreife:« fuhr Ulrich fort. »Sie sagen also, daß Besitz töte. Sie denken dabei zuerst an Geld und an Ihre Eltern. Es sind natürlich getötete Seelen –«

Gerda machte eine hochmütige Bewegung.

»Also sprechen wir statt von Geld gleich von jeder Art Besitz. Der Mensch, der sich besitzt; der Mensch, der seine Überzeugungen besitzt; der Mensch, der sich besitzen läßt, von einem anderen oder von seinen eigenen Leidenschaften oder bloß von seinen Gewohnheiten oder von seinen Erfolgen; der Mensch, der etwas erobern will; der Mensch, der überhaupt etwas will: alles das lehnen Sie ab? Sie wollen Wanderer sein. Schweifende Wanderer, hat Hans es einmal genannt, wenn ich nicht irre. Zu einem anderen Sinn und Sein? Stimmt das?«

»Alles, was Sie sagen, stimmt entsetzlich gut; die Intelligenz kann die Seele nachmachen!«

»Und die Intelligenz gehört zur Gruppe des Besitzes? Sie mißt, sie wägt, sie teilt, sie sammelt wie ein alter Bankier? Aber habe ich Ihnen denn nicht heute eine Menge Geschichten erzählt, an denen bemerkenswert viel von unserer Seele hängt?«

»Das ist eine kalte Seele!«

»Sie haben vollkommen recht, Gerda. Nun brauche ich Ihnen also bloß zu sagen, warum ich auf Seiten der kalten Seelen oder sogar der Bankiers stehe.«

»Weil Sie feig sind!« Ulrich bemerkte, daß sie im Sprechen die Zähne entblößte wie ein kleines Tier in Todesangst.

»In Gottes Namen, ja« erwiderte er. »Aber Sie trauen mir, wenn schon nichts anderes, so doch das eine zu, daß ich Manns genug wäre, um an einem Blitzableiter, selbst am kleinsten Mauergesims auszubrechen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß alle Fluchtversuche doch wieder zu Papa zurückführen!«

Gerda weigerte sich, dieses Gespräch mit Ulrich zu führen, seit ein ähnliches zwischen ihnen stattgefunden hatte; die Gefühle, von denen darin die Rede war, gehörten nur ihr und Hans, und sie fürchtete mehr noch als Ulrichs Spott seine Zustimmung, die sie wehrlos ihm ausgeliefert haben würde, ehe sie noch wüßte, ob er glaube oder lästere. Von dem Augenblick an, wo sie vorhin von seinen schwermütigen Worten überrascht worden war, deren Folgen sie nun dulden mußte, konnte man deutlich bemerken, wie heftig sie innerlich schwankte. Aber auch für Ulrich hatte es damit eine ähnliche Bewandtnis. Eine verderbte Freude an seiner Macht über das Mädchen lag ihm ganz ferne; er nahm Gerda nicht ernst, und da dies eine geistige Abneigung einschloß, sagte er ihr gewöhnlich Unangenehmes, aber seit einiger Zeit wurde er, je lebhafter er ihr gegenüber den Anwalt der Welt abgab, desto wunderlicher von dem Wunsch angezogen, sich ihr anzuvertrauen und ihr sein Inneres gleichsam ohne Arg und ohne Schönheit zu zeigen, oder das ihre anzuschauen, als wäre es so nackt wie eine Wegschnecke. Nachdenklich sah er ihr darum ins Gesicht und sagte: »Ich könnte mein Auge zwischen Ihren Wangen ruhen lassen, wie die Wolken im Himmel ruhn. Ich weiß nicht, ob die Wolken im Himmel gerne ruhen, aber am Ende weiß ich ebensoviel wie alle Hanse von den Augenblicken, wo uns Gott wie einen Handschuh packt und ganz langsam über seinen Fingern umstülpt! Ihr macht es euch zu leicht; ihr spürt ein Negativ zu der positiven Welt, in der wir leben, und behauptet kurz, die positive Welt gehöre den Eltern und Älteren, die Welt des schattenhaften Negativs der neuen Jugend. Ich will nun nicht gerade der Spion Ihrer Eltern sein, liebe Gerda, aber ich gebe Ihnen zu bedenken, daß bei der Wahl zwischen einem Bankier und einem Engel die reellere Natur des Bankierberufs auch etwas zu bedeuten hat!«

»Wollen Sie Tee?!« sagte Gerda scharf. »Darf ich Ihnen unser Haus behaglich machen? Sie sollen die tadellose Tochter meiner Eltern vor sich haben.« Sie hatte sich wieder zusammengenommen.

»Nehmen wir an, Sie werden Hans heiraten.«

»Aber ich will ihn gar nicht heiraten!«

»Irgendein Ziel muß man haben; Sie können nicht auf die Dauer von dem Gegensatz zu Ihren Eltern leben.«

»Ich werde einmal aus dem Haus gehn, selbständig sein, und wir werden Freunde bleiben!«

»Ich bitte Sie aber, liebe Gerda, nehmen wir an, daß Sie mit Hans verheiratet sein werden oder etwas Ähnliches; es läßt sich bestimmt nicht vermeiden, wenn alles so weitergeht. Und nun machen Sie sich einen Plan, wie Sie sich in weltabgewandtem Zustand morgens die Zähne putzen und Hans eine Steuervorschreibung empfangen wird.«

»Muß ich das wissen?«

»Ihr Papa würde Ja sagen, wenn er von weltabgekehrten Zuständen eine Ahnung hätte; die gewöhnlichen Menschen verstehen es leider, die ungewöhnlichen Erlebnisse in ihrem Lebensschiff so tief am Kiel zu verstauen, daß sie sie niemals bemerken. Aber nehmen wir eine einfachere Frage: Werden Sie von Hans verlangen, daß er Ihnen treu sei? Treue gehört zum Komplex des Besitzes! Ihnen müßte es recht sein, wenn Hans an einer anderen Frau seine Seele steigert. Ja Sie müßten das, nach den Gesetzen, die Sie ahnen, sogar als eine Bereicherung Ihres eigenen Zustandes empfinden!«

»Glauben Sie nur nicht,« antwortete Gerda »daß wir über solche Fragen nicht selbst sprechen! Man kann nicht mit einem Schritt ein neuer Mensch sein; aber es ist sehr bürgerlich, daraus einen Gegengrund zu machen!«

»Ihr Vater verlangt eigentlich etwas ganz anderes von Ihnen, als Sie glauben. Er behauptet nicht einmal, daß er in diesen Fragen gescheiter sei als Sie und Hans; er sagt einfach, daß er nicht verstehe, was Sie tun. Aber er weiß, daß Gewalt eine sehr vernünftige Sache ist; er glaubt daran, daß sie mehr Vernunft hat als Sie und er und Hans zusammen. Wenn er Hans nun Geld böte, damit er ohne alle Sorgen seine Studien endlich vollende? Ihm nach einer Probezeit wenn nicht die Heirat so doch den Wegfall eines grundsätzlichen Nein verspräche? Und nur die Bedingung daran knüpfte, daß bis zum Schluß der Probezeit jeder Verkehr zwischen Ihnen unterbleibe, ganz und gar jeder, also auch der, den Sie jetzt haben?!«

»Und dazu haben Sie sich hergegeben?!«

»Ich habe Ihnen Ihren Papa erklären wollen. Er ist eine finstere Gottheit von unheimlicher Überlegenheit. Er glaubt, daß Geld Hans dorthin bringen würde, wo er ihn haben will, zur Vernunft der Wirklichkeit. Ein Hans mit einem umgrenzten Monatseinkommen könnte nach seiner Meinung unmöglich mehr grenzenlos töricht sein. Aber vielleicht ist Ihr Papa ein Phantast. Ich bewundere ihn, so wie ich Kompromisse, Durchschnitte, Trockenheit, tote Zahlen bewundere. Ich glaube nicht an den Teufel, aber wenn ich es täte, würde ich ihn mir als den Trainer vorstellen, der den Himmel zu Rekordleistungen hetzt. Und ich habe ihm versprochen, Ihnen so zuzusetzen, daß von Ihren Einbildungen nichts übrig bleibt, wenn nicht – eben Wirklichkeit.«

Ulrich hatte keineswegs ein gutes Gewissen bei diesen Worten. Gerda stand flammend vor ihm, in ihren Augen waren Tränen und Zorn hintereinander geschichtet. Mit einemmal war freie Bahn für sie und Hans geschaffen. Aber hatte Ulrich sie verraten, oder wollte er ihnen helfen? Sie wußte es nicht, und beides zeigte sich geeignet, sie ebenso unglücklich wie glücklich zu machen. In ihrer Verwirrung mißtraute sie ihm und empfand mit Leidenschaft, daß er ein ihr im Heiligsten verwandter Mensch sei, der es bloß nicht zeigen wolle.

Er fügte hinzu: »Ihr Vater wünscht natürlich heimlich, daß ich mich inzwischen um Sie bewerben und Sie auf andere Gedanken bringen solle.«

»Das ist ausgeschlossen!« stieß Gerda mühsam hervor.

»Das ist zwischen uns wohl ausgeschlossen« wiederholte Ulrich sanft. »Aber so wie bisher kann es auch nicht weitergehn. Ich bin schon zu weit vorgebeugt.« Er versuchte zu lächeln; er war sich dabei im höchsten Grade widerwärtig. Er wollte wirklich alles das nicht. Er fühlte die Unentschlossenheit dieser Seele und verachtete sich, weil sie in ihm Grausamkeit erregte.

Und in der gleichen Sekunde sah ihn Gerda mit entsetzten Augen an. Sie war plötzlich so schön wie ein Feuer, dem man zu nah gekommen ist; fast ohne Gestalt, nur eine Wärme, die den Willen lähmt.

»Sie sollten einmal zu mir kommen!« schlug er vor. »Hier kann man nicht so sprechen, wie man will.« Die Leere der männlichen Rücksichtslosigkeit strömte ihm durch die Augen.

»Nein« wehrte Gerda ab. Aber sie wandte den Blick ab, und traurig sah Ulrich – als ob sie durch dieses Wegdrehen der Augen erst wieder vor ihm emporgehoben würde – die schwer atmende, nicht schöne und nicht häßliche Figur des jungen Mädchens vor sich stehn. Er seufzte tief und durchaus aufrichtig.

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