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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 102
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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101

Die feindlichen Verwandten

 

Auch Diotima sprach in dieser Zeit wieder einmal ihren Vetter an. Es war hinter den Wirbeln, die sich zäh und unablässig durch ihre Zimmer drehten, eines Abends eine Lagune von Stille an der Wand entstanden, wo er auf einem Bänkchen saß, und Diotima kam wie eine ermüdete Tänzerin und setzte sich neben ihn. Das war lange nicht geschehen. Seit jenen Spazierfahrten und als ob es ihre Folge gewesen wäre, hatte sie den »außerdienstlichen« Verkehr mit ihm gemieden.

Diotimas Gesicht war von Hitze oder Ermüdung leicht gefleckt.

Sie stützte die Hände auf die Bank, sagte »Wie geht es Ihnen?« und sonst nichts, obgleich sie doch unbedingt anderes hätte sagen müssen, und blickte mit etwas geneigtem Kopf geradeaus. Es erweckte den Eindruck, daß sie stark »angeschlagen« sei, so es erlaubt ist, das boxerisch auszudrücken. Sie verwandte nicht einmal Sorgfalt darauf, daß ihr Kleid gute Figur machte, wie sie da hockte.

Ihr Vetter dachte an zerzaustes Haar, einen Bauernkittel und blanke Beine. Es blieb, wenn man den falschen Putz von ihr herunterschlug, ein kräftiges und schönes Stück Mensch übrig, und er mußte sich zurückhalten, um nicht einfach ihre Hand in seine Faust zu nehmen, wie es die Bauern tun.

»Arnheim macht Sie also nicht glücklich« stellte er ruhig fest.

Sie hätte diese Zumutung vielleicht zurückweisen sollen, fühlte sich aber recht sonderbar bewegt und schwieg; erst nach einer Weile entgegnete sie: »Seine Freundschaft macht mich sehr glücklich.«

»Ich hatte den Eindruck, daß Sie seine Freundschaft etwas quält.«

»Oh, was Sie sagen!?« Diotima richtete sich auf und war wieder Dame. »Wissen Sie, wer mich quält?« fragte sie und war bemüht, den Ton einer leichten Unterhaltung zu finden. »Ihr Freund, der General! Was will dieser Mensch? Warum kommt er her? Warum starrt er mich immer an?«

»Er liebt Sie!« entgegnete der Vetter.

Diotima lachte nervös. Sie setzte fort: »Wissen Sie, daß ich vom Kopf bis zum Fuß erschauere, wenn ich ihn sehe? Er erinnert mich an den Tod!«

»Ein ungewöhnlich lebensfreundlich aussehender Tod, wenn man ihn unbefangen betrachtet!«

»Ich bin offenbar nicht unbefangen. Ich kann es mir nicht erklären. Aber mich ergreift eine Panik, wenn er mich anspricht und mir auseinandersetzt, daß ich ›hervorragende‹ Ideen bei einer ›hervorragenden‹ Gelegenheit ›hervorragen‹ mache. Mich beschleicht eine unbeschreibliche, unbegreifliche, traumhafte Angst!«

»Vor ihm?«

»Wovor sonst?! Er ist eine Hyäne!«

Der Vetter mußte lachen. Sie schmälte hemmungslos wie ein Kind weiter. »Er schleicht herum und wartet, bis unsere schönen Bemühungen tot zusammenbrechen werden!«

»Und wahrscheinlich ist es das, was Sie fürchten! Große Kusine, erinnern Sie sich daran, daß ich Ihnen diesen Zusammenbruch seit je vorhergesagt habe? Er ist unvermeidlich; Sie müssen sich auf ihn gefaßt machen!«

Diotima sah Ulrich hoheitsvoll an. Sie erinnerte sich recht gut; mehr als das, sie erinnerte sich in diesem Augenblick an die Worte, die sie zu ihm gesagt hatte, als er seinen ersten Besuch machte, und diese waren wohlgeeignet, sie jetzt zu schmerzen. Sie hatte ihm vorgehalten, daß es ein großer Vorzug sei, eine Nation, ja eigentlich die Welt aufrufen zu dürfen, damit sie sich inmitten der Materie auf den Geist besinne. Sie hatte nichts Verbrauchtes, Altgeistiges gewollt; dennoch war der Blick, mit dem sie heute ihren Vetter ansah, eher schon überhoben zu nennen, als noch überheblich. Sie hatte ein Weltjahr erwogen, einen Aufschwung, einen krönenden Kulturinhalt gesucht; sie war bald nahe daran gewesen, bald wieder weit weg; sie hatte viel geschwankt und viel gelitten; die letzten Monate kamen ihr vor, wie eine lange Überfahrt, wo man von Wogen ungeheuer gehoben und fallen gelassen wird, die sich in gleicher Weise wiederholen, so daß sie, was früher oder später war, kaum noch unterscheiden konnte. Nun saß sie hier, wie ein Mensch, der nach ungeheuren Anstrengungen auf einer Bank sitzt, die sich, Gott sei Dank, nicht bewegt, und augenblicklich nichts tun will, als etwa dem Rauch seiner Pfeife nachzuschauen; ja so lebhaft beherrschte eine solche Stimmung Diotima, daß sie selbst diesen Vergleich wählte, der an einen alten Mann im Spätsonnenschein erinnerte. Sie kam sich wie ein Mensch vor, der große, leidenschaftliche Kämpfe hinter sich hat. Mit einer müden Stimme sprach sie zu ihrem Vetter: »Ich habe sehr viel mitgemacht; ich habe mich sehr verändert.«

»Wird es mir zugute kommen?« fragte der.

Diotima schüttelte den Kopf und lächelte, ohne ihn anzusehn.

»Dann will ich Ihnen verraten, daß Arnheim hinter dem General steckt, nicht ich; Sie haben ja doch die Schuld an seinem Vorhandensein allezeit nur mir gegeben!« sagte Ulrich plötzlich. »Erinnern Sie sich aber, was ich Ihnen geantwortet habe, als Sie mich deshalb zur Rede stellten?«

Diotima erinnerte sich. Fernhalten, hatte der Vetter gesagt. Aber Arnheim, der hatte gesagt, sie solle den General nur freundlich aufnehmen! Sie fühlte in diesem Augenblick etwas, das ließ sich nicht beschreiben; so, als ob sie in einer Wolke säße, die ihr rasch über die Augen stieg. Aber gleich war das Bänkchen unter ihr wieder hart und fest, und sie sagte: »Ich weiß nicht, wie dieser General zu uns gekommen ist, ich selbst habe ihn nicht eingeladen. Und Doktor Arnheim, den ich gefragt habe, weiß selbstverständlich auch nichts davon. Es muß irgendein Versehen unterlaufen sein.«

Der Vetter lenkte nur wenig ein. »Ich kenne den General von früher, aber wir haben uns zum erstenmal wieder bei Ihnen gesehn« erklärte er. »Es ist natürlich sehr wahrscheinlich, daß er hier im Auftrag des Kriegsministeriums ein wenig herumspioniert, aber er möchte Ihnen auch ehrlich helfen. Und ich habe es aus seinem Mund, daß sich Arnheim auffallend viel Mühe mit ihm gibt!«

»Weil Arnheim an allem Teil nimmt!« entgegnete Diotima. »Er hat mir geraten, den General nicht zurückzustoßen, da er an seinen guten Willen glaubt und in seiner einflußreichen Stellung eine Gelegenheit sieht, unseren Bestrebungen zu nützen.«

Ulrich schüttelte heftig den Kopf. »Hören Sie sich das Gegacker rings um ihn an!« sagte er so unvermittelt, daß die Umstehenden es hören konnten und die Hausfrau in Verlegenheit geriet. »Er läßt es sich gefallen, weil er reich ist. Er hat Geld, gibt allen recht und weiß, daß sie freiwillig Reklame für ihn machen!«

»Warum sollte er das denn tun?!« erwiderte Diotima ablehnend.

»Weil er eitel ist!« fuhr Ulrich fort. »Maßlos eitel! Ich weiß nicht, wie ich Ihnen den ganzen Inhalt dieser Behauptung begreiflich machen soll. Es gibt eine Eitelkeit im biblischen Sinn: man macht aus der Leere eine Schelle! Eitel ist ein Mensch, der sich beneidenswert vorkommt, wenn zu seiner Linken der Mond über Asien aufgeht, während zu seiner Rechten Europa im Sonnenuntergang verdämmert; so hat er mir einmal eine Reise über das Marmarameer beschrieben! Wahrscheinlich geht der Mond hinter dem Blumentopf eines verliebten kleinen Mädchens schöner auf als über Asien!«

Diotima suchte nach einem Platz, wo man nicht von den Leuten, die herumstreiften, gehört würde. Sie sagte leise: »Sie sind durch seinen Erfolg gereizt« und leitete ihn durch die Zimmer; dann richtete sie es mit einer klugen Bewegung so ein, daß sie unauffällig durch die Tür schritten und ins Vorzimmer traten. Alle anderen Räume waren von Gästen besetzt. »Warum« hub sie dort an »sind Sie ihm feindlich gesinnt? Sie bringen mich dadurch in Schwierigkeiten.«

»Ich bringe Sie in Schwierigkeiten?« fragte Ulrich erstaunt.

»Es könnte mich doch vielleicht verlangen, mich mit Ihnen auszusprechen? Aber solange Sie sich so verhalten, darf ich Ihnen nichts anvertrauen!«

Sie war in der Mitte des Vorzimmers stehengeblieben. »Bitte vertrauen Sie mir ruhig an, was Sie zu sagen haben« bat Ulrich. »Sie haben sich ineinander verliebt, das weiß ich. Wird er Sie heiraten?«

»Er hat es mir angetragen« erwiderte Diotima, ohne Rücksicht auf den unsicheren Platz, wo sie sich befanden. Sie war von ihren eigenen Gefühlen überwältigt und stieß sich nicht an ihres Vetters unziemlicher Gradheit.

»Und Sie?« fragte dieser.

Sie wurde rot wie ein ausgefragtes Schulkind. »Oh, das ist eine Frage voll schwerer Verantwortung!« entgegnete sie zögernd. »Man darf sich zu keiner Ungerechtigkeit hinreißen lassen. Bei wirklich großen Erlebnissen kommt es auch nicht so sehr darauf an, was man tut!«

Diese Worte waren Ulrich unverständlich, da er die Nächte nicht kannte, in denen Diotima die Stimme der Leidenschaft überwand und bis zur reglosen Gerechtigkeit der Seelen gelangte, deren Liebe wie ein nach zwei Seiten ausgerichteter Wagbalken schwebt. Darum hatte er den Eindruck, daß es vorläufig besser sei, den schnurgeraden Weg der Aussprache zu verlassen, und er sagte: »Ich möchte über mein Verhältnis zu Arnheim gern mit Ihnen sprechen, weil es mir unter diesen Umständen leid tut, daß Sie den Eindruck von Feindseligkeit haben. Ich glaube Arnheim gut zu verstehen. Sie müssen sich vorstellen: Was sich in Ihrem Haus vollzieht, ich will es nach Ihrem Wunsch eine Synthese nennen, das hat er schon unzähligemale mitgemacht. Die geistige Bewegung, wo sie in der Form von Überzeugungen auftritt, tritt sogleich auch in der Form entgegengesetzter Überzeugungen auf. Und wo sie sich in einer sogenannten großen geistigen Persönlichkeit verkörpert, dort fühlt sie sich so unsicher wie in einer ins Wasser geworfenen Pappschachtel, sobald dieser Persönlichkeit nicht freiwillig von allen Seiten Bewunderung erwiesen wird. Wir sind, wenigstens in Deutschland, von der Liebe zu anerkannten Persönlichkeiten wie die Betrunkenen gerührt, die einem neuen Mann um den Hals fallen und ihn aus ebenso dunklen Gründen nach einer Weile umstoßen. Ich kann mir also lebhaft vorstellen, was Arnheim empfindet: Es muß wie eine Seekrankheit sein; und wenn er sich in solcher Umgebung erinnert, was man mit Reichtum, durch geschickte Anwendung, ausrichten kann, so hat er nach langer Wasserreise zum erstenmal wieder festen Boden unter den Füßen. Er wird bemerken, wie Vorschlag, Anregung, Wunsch, Bereitwilligkeit, Leistung in die Nähe des Reichtums streben, und das ist durchaus ein Abbild des Geistes selbst. Denn auch Gedanken, die Macht gewinnen wollen, hängen sich an Gedanken, die schon Macht haben. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll; der Unterschied zwischen einem strebenden und einem streberischen Gedanken läßt sich kaum fassen. Ist aber diese falsche Verknüpfung mit dem Großen einmal anstelle der weltlichen Armut und Reinheit des Geistes getreten, so drängt sich, und natürlich mit Recht, auch das für groß Geltende und schließlich das ein, was durch Reklame für groß gilt und durch kaufmännisches Geschick. Dann haben Sie Arnheim in aller Unschuld und Schuld!«

»Sie denken sehr heilig heute!« erwiderte Diotima spitz.

»Ich gebe zu, daß er mich wenig angeht; aber die Art und Weise, wie er die gemischten Wirkungen der äußeren und inneren Größe hinnimmt und eine vorbildliche Humanität daraus machen möchte, könnte mich allerdings zu wilder Heiligkeit reizen!«

»Oh, wie Sie irren!« unterbrach ihn nun Diotima heftig. »Sie stellen sich einen blasierten reichen Mann vor. Aber für Arnheim ist Reichtum eine unglaublich durchdringende Verantwortung. Er sorgt sich um sein Geschäft, wie es ein anderer um einen Menschen täte, der ihm anvertraut ist. Und Wirken ist für ihn eine tiefe Notwendigkeit; er begegnet der Welt freundlich, weil man sich regen muß, um, wie er sagt, geregt zu werden! Oder sagt das Goethe? Er hat es mir einmal eingehend auseinandergesetzt. Er steht auf dem Standpunkt, daß man Gutes erst dann zu wirken beginnen könne, wenn man überhaupt zu wirken begonnen hat; denn ich gestehe, daß auch ich manchmal den Eindruck hatte, er lasse sich zu sehr mit jedermann ein.«

Sie waren unter diesen Worten in dem leeren Vorzimmer auf und ab gegangen, wo nur Spiegel und Kleider hingen. Jetzt blieb Diotima stehn und legte die Hand auf den Arm ihres Vetters. »Dieser in jeder Weise vom Schicksal ausgezeichnete Mensch« sagte sie »hat den bescheidenen Grundsatz, daß der Einzelne nicht stärker ist als ein verlassener Kranker! Können Sie ihm nicht beipflichten: Wenn ein Mensch einsam ist, so gerät er in tausend Übertreibungen!« Sie blickte zu Boden, als ob sie dort etwas suchte, während sie den Blick ihres Vetters auf ihren gesenkten Augenlidern ruhen fühlte. »Oh, ich könnte von mir selbst sprechen, ich bin in der letzten Zeit sehr einsam gewesen« fuhr sie fort »aber ich sehe es auch an Ihnen. Sie sind verbittert und nicht glücklich. Sie stehen in einem Mißverhältnis zu Ihrer Umgebung, das man an allen Ihren Ansichten merkt. Ein eifersüchtiges Naturell, stellen Sie sich allem entgegen. Ich will Ihnen offen gestehn, daß sich Arnheim bei mir darüber beklagt hat, daß Sie seine Freundschaft zurückweisen.«

»Er hat Ihnen erzählt, daß er meine Freundschaft wünscht? Da lügt er!«

Diotima sah auf und lachte. »Gleich sind Sie wieder übertrieben! Beide wünschen wir Ihre Freundschaft. Vielleicht gerade deshalb, weil Sie so sind. Aber da muß ich etwas weiter ausholen; Arnheim hat folgende Beispiele dafür gebraucht: –« Sie zögerte einen Augenblick, dann verbesserte sie sich: »Nein, es würde zu weit führen. Also kurz: Arnheim sagt, man müsse die Mittel gebrauchen, die einem seine Zeit an die Hand gebe; man soll sogar immer im Sinne zweier Ansichten handeln, nie ganz revolutionär und nie ganz gegenrevolutionär, nie völlig liebend, noch völlig hassend, nie einem Hang folgend, sondern alles entfaltend, was man in sich hat: Das ist aber nicht klug, wie Sie es ihm zumuten, sondern das Zeichen einer umfassenden, Oberflächenunterschiede durchstoßenden synthetisch-einfachen Natur, einer Herrennatur!«

»Und was hat das mit mir zu tun?« fragte Ulrich.

Der Einwand hatte die Wirkung, daß er die Erinnerung an ein Gespräch über Scholastik, Kirche, Goethe und Napoleon und den Nebel von Bildung zerriß, der sich um Diotimas Kopf verdickt hatte, und sie sah sich plötzlich sehr deutlich neben ihrem Vetter auf dem länglichen Schuhkasten sitzen, auf den sie ihn im Eifer niedergezogen hatte; sein Rücken wich eigensinnig den hinter ihm hängenden fremden Mänteln aus, während sich ihr Haar darinnen verwirrt hatte und gerichtet werden mußte. Indes sie es tat, antwortete sie: »Sie sind doch das Gegenteil davon! Sie möchten die Welt nach Ihrem Ebenbild umschaffen! Sie machen immer irgendwie passive Resistenz, wie dieses schreckliche Wort lautet!« Sie war sehr glücklich darüber, daß sie ihm so ausgiebig ihre Meinung sagen konnte. Aber sie durften nicht da sitzen bleiben, wo sie saßen, das überlegte sie zwischendurch, denn jeden Augenblick konnten Gäste aufbrechen oder aus anderen Gründen ins Vorzimmer kommen. »Sie sind voll Kritik, ich erinnere mich nicht, daß Sie je etwas gut gefunden hätten« fuhr sie fort; »aus Opposition loben Sie alles, was heute unerträglich ist. Wenn man angesichts der toten Wüste unserer entgötterten Zeit sich ein wenig Gefühl und Intuition retten möchte, kann man sicher sein, daß Sie das Spezialistentum, die Unordnung, das negative Sein schwärmerisch verteidigen!« Sie stand dabei lächelnd auf und gab ihm zu verstehen, daß sie einen anderen Platz suchen müßten. Sie konnten nur in die Zimmer zurückkehren oder, wenn sie das Gespräch fortsetzen wollten, sich vor den anderen verstecken; das Tuzzische Schlafzimmer wäre wohl durch eine Tapetentür auch von dieser Seite zu erreichen gewesen, aber es kam Diotima doch zu vertraut vor, ihren Vetter dorthin zu führen, zumal beim Ausräumen der Wohnung für den Empfang jedesmal eine unberechenbare Unordnung in diesem Raum angehäuft wurde, und so blieben als Zuflucht nur die beiden Mägdekammern übrig. Der Gedanke, daß es eine lustige Mischung von Zigeunerei und Aufsichtspflicht sei, Rachels Zimmer, das sie sonst nie betrat, einmal unerwartet zu besichtigen, entschied. Im Gehen und während sie den Vorschlag entschuldigte und dann in der Kammer sprach sie weiter auf Ulrich ein: »Man gewinnt den Eindruck, daß Sie Arnheim bei jeder Gelegenheit konterminieren wollen. Ihr Widerspruch schmerzt ihn. Er ist ein großer Fall des heutigen Menschen. Er hat und braucht darum den Anschluß an die Wirklichkeit. Sie sind dagegen immer auf dem Sprung ins Unmögliche. Er ist Bejahung und ganz ausgeglichen; Sie sind eigentlich asozial. Er strebt nach Einheit, ist bis in die Fingernägel um Entscheidung bemüht; Sie setzen eine formlose Gesinnung dagegen. Er hat Sinn für Gewordenes; Sie aber? Was tun Sie? Sie tun, als ob die Welt erst morgen anfangen sollte. So sprechen Sie doch?! Vom ersten Tag an, gleich als ich Ihnen sagte, daß uns eine Gelegenheit geboten sei, Großes zu tun, haben Sie sich so gegeben. Und wenn man diese Gelegenheit als ein Schicksal ansieht und im entscheidenden Augenblick zusammengeführt worden ist und sozusagen mit schweigend fragendem Auge auf Antwort wartet, gebärden Sie sich recht wie ein böser Junge, der stören will!« Sie hatte das Bedürfnis, durch gescheite Worte die verfängliche Situation in dieser Kammer zu unterdrücken, und indem sie ihren Vetter etwas übertrieben auszankte, gewann sie Mut zu dieser Situation.

»Und wenn ich so bin, wozu können Sie mich verwenden?« fragte Ulrich. Er saß auf Rachels, der kleinen Zofe, kleinem Eisenbett, und Diotima saß auf dem kleinen Strohstuhl, eine Armlänge vor ihm. Aber da erhielt er von Diotima eine bewundernswerte Antwort. »Wenn ich mich einmal vor Ihnen« sagte sie unvermittelt »ganz gemein und schlecht benehmen könnte, würden Sie sicher wundervoll wie ein Erzengel sein!« Sie erschrak selbst darüber. Sie hatte bloß seine Widerspruchslust bezeichnen und den Scherz machen wollen, daß er gut und lieb sein würde, wenn man es nicht verdiente; aber unbewußt war dabei eine Quelle aufgesprungen und hatte Worte zum Vorschein gebracht, die ihr, nachdem sie ausgesprochen waren, sofort etwas sinnlos vorkamen und doch überraschenderweise ihr und ihrer Beziehung zu diesem Vetter anzugehören schienen.

Dieser fühlte es; er sah sie schweigend an, und nach einer Pause erwiderte er mit der Frage: »Sind Sie sehr, sind Sie maßlos in ihn verliebt?«

Diotima blickte zu Boden. »Was gebrauchen Sie für ungehörige Worte! Ich bin doch kein Backfisch, der sich verschossen hat!«

Aber ihr Vetter beharrte. »Ich frage aus einem Grund, den ich ungefähr angeben kann: ich will wissen, ob Sie schon das Verlangen kennen gelernt haben, daß alle Menschen – ich denke dabei auch an die ärgsten Scheusale, die nebenan in Ihrem Zimmer sind – sich nackt ausziehen, einander die Arme um die Schultern schlingen und statt zu reden singen möchten; Sie aber müßten sodann von einem zum andern gehen und ihn schwesterlich auf die Lippen küssen. Wenn Sie es für zu anstößig halten, kann ich vielleicht Nachthemden zugestehen.«

Diotima erwiderte auf jeden Fall: »Sie geben sich mit netten Vorstellungen ab!«

»Aber sehen Sie, ich, ich kenne dieses Verlangen, wenn es auch lange her ist! Es hat doch sehr angesehene Leute gegeben, die behauptet haben, so sollte es eigentlich auf der Welt zugehen!«

»Dann sind Sie selbst schuld, wenn Sie es nicht tun!« fiel ihm Diotima ins Wort. »Man braucht es außerdem nicht so lächerlich auszumalen!« Sie hatte sich daran erinnert, daß ihr Abenteuer mit Arnheim unbezeichenbar sei und das Verlangen nach einem Leben weckte, wo die sozialen Unterschiede verschwinden und Tätigkeit, Seele, Geist und Traum eines sein sollten.

Ulrich erwiderte nichts. Er bot seiner Kusine eine Zigarette an. Sie nahm sie. Wie die Duftwolken das »enge Kämmerlein« füllten, überlegte Diotima, was sich Rachel denken werde, wenn sie die verhauchten Spuren dieses Besuchs finden wird. Sollte man lüften? Oder am kommenden Morgen der Kleinen Aufklärung geben? Merkwürdigerweise bewog sie gerade der Gedanke an Rachel zum Bleiben; sie war schon nahe daran gewesen, das allzu sonderbar werdende Beisammensein aufzuheben, aber die Vorrechte geistiger Überlegenheit und der für ihre Zofe unerklärliche Zigarettenduft eines geheimnisvollen Besuchs wurden irgendwie das gleiche und bereiteten ihr Vergnügen.

Ihr Vetter betrachtete sie. Es wunderte ihn, daß er so zu ihr gesprochen hatte, aber er fuhr fort; er sehnte sich nach Gesellschaft. »Ich will Ihnen sagen,« nahm er wieder das Wort »unter welchen Bedingungen ich so seraphisch sein könnte; denn seraphisch ist wohl kein zu großer Ausdruck dafür, daß man seinen Nebenmenschen nicht bloß körperlich erträgt, sondern sich ihm sozusagen bis unter den psychologischen Lendenschurz auch anfühlen kann, ohne einen Schauder zu empfinden.«

»Ausgenommen, er ist eine Frau!« schaltete Diotima in Erinnerung des üblen Rufes ein, den ihr Vater in der Familie genoß.

»Auch das nicht ausgenommen!«

»Sie haben recht! Was ich den Menschen in der Frau lieben nenne, kommt ungeheuer selten vor!« Ulrich hatte nach Diotimas Auffassung seit einiger Zeit die Eigenschaft, daß seine Ansichten den ihren nahe kamen, aber es blieb doch immer verfehlt und nicht ganz ausreichend, was er sagte.

»Ich will es Ihnen ernst beschreiben« sagte er diesmal hartnäckig. Er saß vorgebeugt, hatte die Unterarme auf die muskulösen Schenkel gelegt und blickte finster zu Boden. »Wir sagen heute noch: ich liebe diese Frau, und ich hasse jenen Menschen, statt zu sagen, sie ziehen mich an oder stoßen mich ab. Und um einen Schritt genauer müßte man hinzufügen, daß ich es bin, der in ihnen die Fähigkeit erweckt, mich anzuziehen oder abzustoßen. Und noch um einen Schritt genauer müßte man dem hinzufügen, daß sie in mir die Eigenschaften hervorkehren, die dazu gehören. Und so weiter; man kann nicht sagen, wo da der erste Schritt geschieht, denn das ist eine gegenseitige, eine funktionale Abhängigkeit so wie zwischen zwei elastischen Bällen oder zwei geladenen Stromkreisen. Und wir wissen natürlich längst, daß wir auch so fühlen müßten, aber wir ziehen es noch immer beiweitem vor, die Ursache und Ur-Sache in den Kraftfeldern des Gefühls zu sein, die uns umgeben; selbst wenn unsereiner zugibt, er mache einen anderen nach, drückt er es so aus, als ob das eine aktive Leistung wäre! Darum habe ich Sie gefragt und frage Sie noch einmal, ob Sie schon je maßlos verliebt oder zornig oder verzweifelt gewesen sind. Denn dann begreift man bei einiger Beobachtungsgabe ganz genau, daß es einem mitten in der höchsten Erregung seiner selbst nicht anders geht wie einer Biene am Fenster oder einem Infusorium in vergiftetem Wasser: man erleidet einen Bewegungssturm, man fährt blind nach allen Seiten, man schlägt hundertmal gegen das Undurchdringliche und einmal, wenn man Glück hat, durch eine Pforte ins Freie, was man sich natürlich hinterdrein, in erstarrtem Bewußtseinszustand, als planvolle Handlung auslegt.«

»Ich muß Ihnen einwenden,« bemerkte Diotima »daß das eine trostlose und unwürdige Auffassung von Gefühlen wäre, die das ganze Leben eines Menschen zu entscheiden vermögen.«

»Es schwebt Ihnen vielleicht die alte, langweilig gewordene Streitfrage vor, ob der Mensch Herr seiner selbst sei oder nicht« entgegnete Ulrich, rasch aufblickend. »Wenn alles eine Ursache hat, dann kann man für nichts, und dergleichen? Ich muß Ihnen gestehn, daß mich das in meinem ganzen Leben nicht eine Viertelstunde lang interessiert hat. Es ist die Fragestellung einer Zeit, die unmerklich überholt worden ist; sie kommt von der Theologie, und außer Juristen, die noch sehr viel Theologie und Ketzerverbrennung in der Nase haben, fragen nach Ursachen heute nur noch Familienmitglieder, die sagen: Du bist die Ursache meiner schlaflosen Nächte, oder: der Kurssturz in Getreide war die Ursache seines Unglücks. Aber fragen Sie einen Verbrecher, nachdem Sie sein Gewissen aufgerüttelt haben, wie er dazu gekommen ist! Er weiß es nicht; auch dann nicht, wenn sein Bewußtsein nicht während eines einzigen Augenblicks der Tat abwesend war!«

Diotima richtete sich höher auf. »Warum sprechen Sie so oft von Verbrechern? Sie lieben das Verbrechen besonders. Das muß doch etwas bedeuten?«

»Nein« entgegnete der Vetter. »Es bedeutet nichts. Höchstens eine gewisse Angeregtheit. Das gewöhnliche Leben ist ein Mittelzustand aus allen uns möglichen Verbrechen. Aber da wir schon das Wort Theologie gebraucht haben, möchte ich Sie etwas fragen.«

»Gewiß wieder, ob ich schon einmal maßlos verliebt oder eifersüchtig war!?«

»Nein. Überlegen Sie einmal: Wenn Gott alles vorher bestimmt und weiß, wie kann der Mensch sündigen? So wurde ja früher gefragt, und sehen Sie, es ist noch immer eine ganz moderne Fragestellung. Eine ungemein intrigante Vorstellung von Gott hatte man sich da gemacht. Man beleidigt ihn mit seinem Einverständnis, er zwingt den Menschen zu einer Verfehlung, die er ihm übelnehmen wird; er weiß es ja nicht nur vorher – für solche resignierte Liebe hätten wir immer Beispiele –, sondern er veranlaßt es! In einer ähnlichen Lage zu einander befinden wir uns heute alle. Das Ich verliert die Bedeutung, die es bisher gehabt hat, als ein Souverän, der Regierungsakte erläßt; wir lernen sein gesetzmäßiges Werden verstehn, den Einfluß seiner Umgebung, die Typen seines Aufbaus, sein Verschwinden in den Augenblicken der höchsten Tätigkeit, mit einem Wort, die Gesetze, die seine Bildung und sein Verhalten regeln. Bedenken Sie: die Gesetze der Persönlichkeit, Kusine! Es ist das wie ein gewerkschaftlicher Zusammenschluß der einsamen Giftschlangen oder eine Handelskammer für Räuber! Denn da Gesetze wohl das Unpersönlichste sind, was es auf der Welt gibt, wird die Persönlichkeit bald nicht mehr sein als ein imaginärer Treffpunkt des Unpersönlichen, und es wird schwerhalten, für sie jenen ehrenvollen Standpunkt zu finden, den Sie nicht entbehren mögen . . .«

So sprach ihr Vetter, und Diotima wandte gelegentlich ein: »Aber lieber Freund, man soll doch alles gerade so persönlich tun wie nur möglich!« – Schließlich sagte sie: »Sie sind wirklich sehr theologisch heute; von dieser Seite habe ich Sie ja gar nicht gekannt!« Sie saß wieder wie eine ermüdete Tänzerin da. Ein kräftiges und schönes Stück Weib; irgendwie fühlte sie das selbst in ihren Gliedern. Sie hatte ihren Vetter wochenlang gemieden, vielleicht waren es sogar schon Monate. Aber sie mochte den Gleichaltrigen. Er sah lustig aus, im Frack, in der schwach beleuchteten Kammer, schwarz und weiß wie ein Ordensritter; dieses Schwarz und Weiß hatte etwas von der Leidenschaft eines Kreuzes. Sie sah sich in der bescheidenen Kammer um, die Parallelaktion war weit, große leidenschaftliche Kämpfe lagen hinter ihr, dieses Zimmer war einfach wie die Pflicht, gemildert durch Palmkätzchen und unbeschriebene ausgemalte Ansichtskarten in den Spiegelecken; zwischen diesen, von der Pracht der Großstadt umkränzt, erschien also Rachels Gesicht, wenn die Kleine sich im Spiegel betrachtete. Wo wusch sie sich eigentlich? In jenem schmalen Kästchen mußte, wenn man es aufklappte, eine Blechschüssel stehn – erinnerte sich Diotima, und dann dachte sie: dieser Mann will und will nicht.

Sie sah ihn ruhig an, eine freundliche Zuhörerin. »Will mich Arnheim wirklich heiraten?« fragte sie sich. Er hat es gesagt. Aber er hat dann weiter nicht darauf gedrungen. Er hat so viel anderes zu reden. Aber auch ihr Vetter hätte eigentlich, statt von abliegenden Dingen zu reden, fragen müssen: Wie steht es also? Warum frug er nicht?! Es kam ihr vor, daß er sie verstehen müßte, wenn sie ihm ausführlich von ihren inneren Kämpfen erzählte. »Wird es mir zugute kommen?« hatte er gewohnheitsgemäß gefragt, als sie ihm erzählte, daß sie sich geändert habe. Frech! Diotima lächelte.

Diese beiden Männer waren im Grunde gemeinsam recht sonderbar. Warum war ihr Vetter auf Arnheim so schlecht zu sprechen? Sie wußte, daß Arnheim seine Freundschaft suchte; aber auch Ulrich, nach seinen eigenen heftigen Bemerkungen zu schließen, wurde von Arnheim beschäftigt. »Und wie er ihn mißversteht,« dachte sie noch einmal, »man kann nicht dagegen aufkommen!« Übrigens lehnte sich jetzt nicht nur ihre Seele gegen ihren an Sektionschef Tuzzi verheirateten Körper auf, sondern zuweilen lehnte sich auch ihr Körper gegen die Seele auf, die durch Arnheims zögernde und übersteigernde Liebe am Rand einer Wüste schmachtete, über der vielleicht nur eine täuschende Spiegelung der Sehnsucht zitterte. Sie hätte ihr Leid und ihre Schwäche mit ihrem Vetter teilen mögen; die entschlossene Einseitigkeit, die er gewöhnlich an den Tag legte, gefiel ihr. Arnheims ausgeglichene Vielseitigkeit war ja gewiß höher zu stellen, aber Ulrich würde im Augenblick einer Entscheidung nicht so schwanken, trotz seiner Theorien, die alles am liebsten ins völlig Unbestimmte aufgelöst hätten. Das fühlte sie und wußte nicht, woran; wahrscheinlich gehörte es zu dem, was sie von Anfang ihrer Bekanntschaft an für ihn gefühlt hatte. Wenn ihr in diesem Augenblick Arnheim als eine ungeheure Anstrengung, eine königliche Bürde ihrer Seele vorkam, eine Bürde, die ihre Seele nach allen Richtungen überragte, so schien ihr alles, was Ulrich sagte, einzig und allein die Wirkung zu haben, daß man über hunderterlei Beziehungen die der Verantwortung verlor und in einen verdächtigen Zustand der Freiheit geriet. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis, sich schwerer zu machen, als sie war; und nicht recht zu sagen wodurch, aber es erinnerte sie gleichzeitig daran, wie sie als Mädchen einmal einen kleinen Knaben auf ihren Armen aus einer Gefahr getragen, und er hatte sie eigensinnig mit den Knien immerzu gegen den Bauch gestoßen, um sich dagegen zu wehren. Die Kraft dieser Erinnerung, die ihr so unvorhergesehen eingefallen war, als wäre sie durch den Schornstein in das einsame kleine Zimmer gefahren, brachte sie ganz aus dem Gleichgewicht. »Maßlos?« dachte sie. Warum frug er sie immerzu danach? Als ob sie nicht maßlos sein könnte?! Sie hatte vergessen, ihm zuzuhören, sie wußte nicht, ob es am Platz sei oder nicht, sie unterbrach ihn einfach, schob alles fort, was er sprach, und gab ihm auf alles und ein für allemal und lachend (nur daß ihr vorkam, sie lache, war in der plötzlichen planlosen Aufregung nicht ganz verläßlich) die Antwort: »Aber ich bin ja maßlos verliebt!«

Ulrich lächelte ihr ins Gesicht. »Das können Sie gar nicht« sagte er.

Sie war aufgestanden, hatte die Hände am Haar, sah ihn mit erstaunt stehenbleibenden Augen an.

»Um maßlos zu sein,« erklärte er ruhig »muß man ganz genau und sachlich sein. Zwei Ich, die es wissen, wie fraglich Ich heute ist, halten sich aneinander, so stelle ich mir das vor, wenn es durchaus Liebe sein muß, und nicht bloß eine übliche Betätigung; sie sind so ineinander verkettet, daß eines die Ursache des anderen ist, wenn sie fühlen, ins Große verändert zu werden, und treiben wie ein Schleier. Da ist es ungeheuer schwer, keine falschen Bewegungen zu machen, selbst wenn man eine Zeitlang schon die richtigen hat. Es ist einfach schwer, in der Welt das Richtige zu fühlen! Ganz entgegen einem allgemeinen Vorurteil, gehört beinahe Pedanterie dazu. Übrigens habe ich Ihnen gerade das sagen wollen. Sie haben mir sehr geschmeichelt, Diotima, als Sie mir die Möglichkeit eines Erzengels zusprachen; bei aller Bescheidenheit, wie Sie gleich sehen werden. Denn nur wenn Menschen ganz sachlich wären – und das ist ja beinahe dasselbe wie unpersönlich –, dann wären sie auch ganz Liebe. Weil sie nur dann auch ganz Empfindung und Gefühl und Gedanke wären; und alle Elemente, die den Menschen bilden, sind zärtlich, denn sie streben zueinander, nur der Mensch selbst ist es nicht. Maßlos verliebt sein, ist also etwas, das Sie vielleicht gar nicht möchten . . .!«

Er hatte versucht, das möglichst unfeierlich zu sagen; er zündete sich zur Regelung des Gesichtsausdrucks sogar eine neue Zigarette an, und auch Diotima nahm aus Verlegenheit eine, die er ihr anbot. Sie machte eine spaßhaft trotzige Miene und blies den Rauch in die Luft, um ihre Unabhängigkeit zu zeigen, denn sie hatte ihn nicht ganz verstanden. Aber in seiner Gänze als Geschehnis wirkte es doch lebhaft auf sie, daß ihr Vetter alles das mit einemmal gerade in dieser Kammer, wo sie allein waren, zu ihr sagte und sich dabei nicht die kleinste gewöhnliche Mühe gab, ihre Hand zu fassen oder ihr Haar zu berühren, obgleich sie die Anziehung, die die Körper aufeinander in dieser Enge ausübten, wie einen magnetischen Strom spürten. – Wenn sie sich nun . . .? dachte sie. – Aber was konnte man überhaupt in dieser Kammer tun? Sie sah sich um. Wie eine Dirne benehmen? Aber wie macht man das? Wenn sie flennen würde? Flennen, das war ein Schulmädelwort, das ihr plötzlich einfiel. Wenn sie plötzlich täte, was er verlangt, sich ausziehen, den Arm um seine Schulter legen und singen, was singen? Harfe spielen? Sie sah ihn lächelnd an. Er kam ihr wie ein ungezogener Bruder vor, in dessen Gesellschaft man treiben könnte, was man wollte. Auch Ulrich lächelte. Aber sein Lächeln war wie ein blindes Fenster; denn nachdem er der Verführung unterlegen war, dieses Gespräch mit Diotima zu führen, fühlte er sich bloß davon beschämt. Dennoch ahnte ihr dabei etwas von der Möglichkeit, diesen Mann zu lieben; es kam ihr so vor, wie ihrer Ansicht nach die moderne Musik war, ganz unbefriedigend, aber voll einer aufregenden Andersartigkeit. Und obgleich sie annahm, daß sie natürlich mehr davon ahne als er selbst, begannen, wie sie vor ihm stand, ihre Beine heimlich zu glühen, so daß sie mit einer Miene, als ob das Gespräch schon zu lange gedauert hätte, ihrem Vetter etwas plötzlich sagte: »Lieber Freund, wir tun etwas ganz Unmögliches; bleiben Sie noch einen Augenblick hier allein, ich werde vorausgehn, um mich wieder unseren Gästen zu zeigen.«

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