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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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8.

Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel und das Fürstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es her, eine schwarze Wand, die sich gleichmässig vorschob. Eben hatte noch die Sonne hinter dem Fürstenberg ein rotes Feuer angezündet, und jetzt war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt rührte sich. Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zögernd, schwer auffallend, gleichsam versuchsweise.

Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer seine beiden Kühe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren Holzpflöcke schleiften über den Kies des Gartens.

Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die Holunderbüsche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die Fensterflügel rüttelten in den Angeln und eine Tür schlug zu.

Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen, und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom Gesimse. Drüben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her.

»Wie ein Schiff im Sturm,« sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stürzten aufs Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hörte ihr Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsgürtel.

Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitän auf der Brücke. Der ist blass bis unter die Mütze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem Geländer der Kommandobrücke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit heftigen, überredenden Gebärden. Er schüttelt den Kopf, er will nicht weichen. Nicht vom Platz!

»Der Held! Der Held der!«

Randers rief es ganz laut. Er glühte vor Aufregung. Könnte er da oben stehen. Sein Leben dafür!

Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind, und hinein in den brüllenden, schäumenden, herrlichen Mannestod.

Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in die Blitze und auf die sturmgepeitschten Bäume, als Mutter Petersen ins Zimmer stürzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schönfelde gegangen, um etwas vom Krämer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem Unwetter unterwegs.

»So'n Gör is ja zu dumm!«

Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen wollte das nicht dulden.

»Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!«

Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen Schirm mitnehmen wolle. Aber er hörte nicht, er lief nur immer darauf los.

Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich hinausgelaufen?

Er atmete in tiefen Zügen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen.

Welch ein, Ächzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter Lustgefühl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gälte es ein Unglück zu verhüten. Er stürmte nur immer gerade aus und dachte nichts anderes als: wie köstlich, wie ganz köstlich!

Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebüsch geflüchtet. Sie hatte den roten Rock von hinten über den Kopf genommen, und vorne aufgehoben und ihre Krämerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen zu schützen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen Wollunterröckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der künstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt.

Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte.

»Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja ganz nass!«

»Ich will dich holen, sie ängstigen sich schon um dich.«

»Was 'n Unsinn!«

Er stand neben ihr, triefend.

Was nun? Er hätte doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah nicht aus, als ob sie sich fürchtete.

Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein.

»Wir können hier doch nicht stehen bleiben,« meinte er.

»Aber es regnet ja noch so.«

Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen könnte; sie reichte ihm gerade bis zur Achselhöhle. Das kam ihm so lustig vor. Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu hatte. Das sah er ihr an.

»Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen Arm.«

Sie wehrte auch nicht länger ab, sondern lachte herzlich über diesen Spass.

»Aber Sie machen so lange Schritte,« sagte sie, bemüht, mit ihm Takt zu halten.

Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schön die Blitze seien, und wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat gewiss eingeschlagen.

Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der stürmischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fühlte jede Bewegung des jungen, lebenswarmen Körpers. Eine keusche Zärtlichkeit überkam ihn. Er war jetzt ihr Beschützer.

»Geht's so? Gehst du auch trocken?«

»Wunderschön!«

Er führte sie vorsichtig um jede Pfütze herum, so dass sie über seine ängstliche Vorsorge lachte.

»Ich hab doch schon nasse Füsse.«

»Das geht aber nicht.«

»Das macht mir nichts.«

Ihr hübsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus.

»Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?«

Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte?

So brachte er sie leidlich trocken nach Haus.

Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen und die kühle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer Hessen.

Ihm war sonderbar schwül zu Mute.

Als er endlich einschlief, ängsteten ihn wirre Träume.

Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verrücktwerden! Er schlägt danach, er stürzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie lächelt, er würgt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose Angst.

Und dann ist es nicht Christine, die er gewürgt hat, sondern die graue Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die Puppe seiner Schwester.

Und dazu blitzt es unaufhörlich.

Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er müsse jetzt nach oben kommen, es wäre höchste Zeit, das Schiff würde gleich sinken. Und er stürzt nach oben, stösst die Knie an den harten messingbeschlagenen Stufen der schmalen Kajütentreppe. Und oben steht der Kapitän auf der Kommandobrücke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt immer mit hastigen Stössen nach seinen Händen. Randers sieht seine Hände an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun stecken sie dich ein.

Und das alte blöde Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an.

Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will fliehen und kann nicht. Jemand hält seine Beine umklammert.

In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf derselben Stelle über dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange geschlafen haben, keine Viertelstunde.

Diese wüsten Träume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte!

Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er dabei empfunden, als er diesen weissen Hals würgte, dass diese dummen, glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Höhlen traten.

Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Können Träume etwas in uns hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus?

War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum auslöste?

Auslöste?

Also mussten Mordgelüste in ihm verborgen sein!

Er meinte nicht auslösen, er meinte es anders. Es war natürlich nichts als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und so intensiv wie kaum je beim Wachen.

Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelüste in uns. Und er glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Möglichkeit, wenn auch noch nicht das Motiv.

Und er lag und grübelte weiter nach, verbohrte sich hartnäckig darin.

Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu rätselhaft vor.

Oder konnte Liebe in plötzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein ganz bestimmtes Gefühl bejahte das in ihm. Aber die Fäden bloss legen, wie sich das zusammenspinnt. Die allmählichen Übergänge. Es geschieht da nichts sprungweise.

Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen!

Er schlief zuletzt wieder ein über diese Grübeleien.

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