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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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7.

Mutter Petersen stand vor der Haustür und trieb Randers mit Händeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspätet, sie warteten schon auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch.

Während des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren Form geworden.

»Liebster Jesu! sei unser Gast
Und segne, was du bescheret hast
Amen!«

Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart.

Später war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm würdelos, unanständig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte.

Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige Tage lang, als sie hier alle die Köpfe senkten und andachtsvoll auf die gefalteten Hände in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Löffel in die Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfältig. Er tauchte in diese einfältige Frömmigkeit mit unter, es kam ein Gefühl des Geborgenseins und des Vertrauens über ihn, wie im Elternhaus, und er empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe marionettenhafte stumme Beten.

Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach, still, fast demütig. Es lag eine gewisse Würde in seinem Tun. Aber Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmässig, im Paradeschritt vor ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum Löffel, während ihr Eheherr auch darin eine gemessene Würde bewahrte, langsam, zögernd nach dem Löffel langte, als schäme er sich, Profanes und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln.

Christine machte es nach Kinderart, gründlich, als sagte sie alle Gebete her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem zum andern, und nie hörte sie vor den Eltern zu beten auf.

Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller.

Randers wusste warum.

»Es war sehr jungshaft von dir,« dachte er. »Wie konntest du dieses Gänschen da küssen.« Er schämte sich.

Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hörend und das Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Hände, das Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkündete und die Säumigen von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den dumpfen Zustand zwischen Wachen und Träumen zurück, bis er sich gewaltsam aufraffte und die Müdigkeit abschüttelte.

Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen:

Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen,
Steht mir vor Augen einer Laube Blühen,
Und vor dem Tische unter goldnen Haaren
Seh flutentief ein Auge ich erglühen.
Was trieb es mich, mit Glück und Stern zu sparen
Und mich zu weihen törichtem Bemühen?
Nun schüre ich in Aschen, die vor Jahren
Geglüht, und seh sie in die Winde sprühen.

Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfälle über Kunst und Literatur, Schuldenberechnungen, Wäschenotizen, und allerlei gleichgültige Aufzeichnungen für den Tag. Manchmal war ein kräftiges Urteil quer darüber geschrieben, wie: Unsinn! Blödsinn! Gewäsch!

Randers hatte eigentlich Notizen für Gerd Gerdsen machen wollen an diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte es nun lieber bis morgen lassen. Es träumte sich so nett hier.

Vom SchülhauseSchulhauselangen abgerissene Töne eines Kirchenliedes, helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers.

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