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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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28.

»Überwinden.«

Randers lächelte müde.

Wenn man seine Kunst hat, wie Gerdsen, Frau und Kinder hat.

Und doch, du hast recht, alter Freund. Überwinden.

Er schrieb einen Brief an Gerdsen und zerriss ihn wieder.

Auf der Fensterbank lag der Revolver. Er nahm ihn, fast mechanisch. Er presste den kalten Stahl ein paarmal gegen die Stirne. Das tat ihm wohl.

Dann ging er hinauf, die Waffe in der Hand, und stand unschlüssig vor Helgas Zimmer, die Hand auf dem Türgriff.

»Leer,« sagte er leise, »alles leer. – Nein, ich will nicht – das nicht. –«

Er ging wieder hinunter, lief ins Watt hinaus, kehrte um und ging in die Dünen.

Es war kalt und feucht. Der Nebel stieg aus der See und kroch an den Strand, stieg aus den feuchten Dünentälern, wallte wie ein leichter Rauch über die dunkle Heide, verschleierte die kleinen Lachen und Tümpel.

Randers achtete nicht darauf. Ihn fröstelte, ein Fieberschauer schüttelte ihn. Aber er ging weiter.

Wohin?

Der Nebel wuchs. Von oben fiel ein bleiches Licht in diesen weisslichen, wehenden Dunst, in dem Randers ziellos umherirrte. Sein Schatten begleitete ihn, ein Gespenst, wuchs plötzlich wie aus der Erde neben ihm auf, dehnte sich auf einer Nebelwand zu grotesker Grosse hinauf, fuhr plötzlich zusammen, als erschrecke er vor etwas und wollte sich in sich selbst verkriechen.

»Schatten! Gespenster!«

Randers sagte es ganz laut.

»Das bist du. Dein eigentliches Ich, das dich höhnt. Ein Nichts. Ein Spuk. Ein Nebel.«

Was war das?

Gesang?

Deutlich hörte er es. Tiefe, orgelartige Töne.

Die Brandung. Der Wind.

Es wuchs.

Das waren nicht Wind und Wellen.

Er steckte sich die Finger in beide Ohren.

Es sang, sauste und brauste.

»Du bist krank.«

Er sagte es laut, ruhig.

Das Wort befreite ihn.

Krank!

Er lachte, lachte laut und hart auf.

»Krank! Warst du je gesund?«

Und dann fiel er, schlug lang hin, war über irgend etwas gestolpert.

Wie nass die Heide war. Es quatschte und quirlte ordentlich, als er aufschlug. Er legte die nasse Hand auf die Stirn. Wie kühl. Wie köstlich kühl.

Helgas Hand.

Ihr Kuss.

Wie kalt ihre Hand war; eiskalt.

»Was quälen Sie mich so.«

Das hatte auch Fides gesagt. Seltsam. Nein, nicht seltsam. Er war eine Qual für andere.

Ach, er war ein elender Mensch, ein armer, elender Mensch. Quälend und gequält.

Er erhob sich, taumelte weiter und wäre beinahe wieder hingestolpert.

Der Nebel war so dicht, ganz dicht, ganz verfilzt.

Randers stand still. Er wusste nicht mehr wohin. Er getraute sich nicht weiter zu gehen. Es waren hier sumpfige Stellen, tiefere Tümpel, in denen er schon ersticken konnte, wenn er so hineinschlug, mit dem Gesicht, wie vorhin ins Kraut. So mit dem Gesicht in das schmutzige, schlammige Wasser.

Dann würde er ersticken.

Elendig zu Grunde gehen.

Er erinnerte sich mit einmal eines Tümpels hier in den Dünen, worauf er eine kranke Wildente schwimmen gefunden hatte. Er scheuchte sie damals mit dem Stock, aber sie hielt sich ängstlich in der Mitte des Tümpels, er konnte sie nicht erreichen.

Zu Hause der Ententeich, im Heimatsdorf. Der grosse graue Erpel, den er als Kind immer so geneckt hatte. Er hatte immer gerne die Tiere geneckt. Vor allem die Hunde.

Inge Jönksen, wie kam er plötzlich auf Inge Jönksen?

Er sah sie die Wäsche aufhängen, in dem kleinen Garten hinter dem Haus. Und die Pappel. Die hohe Pappel, von der aus er so lustige Rundschau hielt.

Und jetzt ward alles lebendig, jagte alles in rasendem Tanz an ihm vorüber. Eine wilde Jagd von Bildern und Erinnerungen.

Sein ganzes, verpfuschtes Leben.

Fides, seine Flucht aus Rixdorf.

Warum quälen Sie mich so. –

Sie, sie hätte ihn gerettet.

Verworfen, gerichtet. Wie du mir, so ich dir.

Stark sein, Mann sein, in Schönheit leben.

Zu leicht befunden. Nicht einmal in Schönheit sterben. Nein, erbärmlich, jämmerlich davonlaufen.

Fides!

Er sah sie vor sich, deutlich, wie sie schluchzend über dem kleinen Tisch des Pavillons lag.

Und er fiel nieder, kniete in das nasse Heidekraut, lag zu ihren Füssen, umklammerte ihre Kniee, fasste ihre Hände, ihre beiden Hände.

Wie kalt sie waren.

Eiskalt.


Randers lag mit dem Gesicht in dem nassen Dünenkraut. Aus der rechten Schläfe sickerte Blut.

Der Nebel, von dem Schuss in Bewegung gesetzt, legte sich wieder über ihn. Ein gespenstisches Leben war in diesen Dunstmassen.

Weisse Arme streckten sich langsam aus, tasteten an den Dünen hinauf und zogen sich langsam wieder zurück. Lange, feuchte Haare flatterten. Todblasse Gesichter öffneten grosse traurige Augen, erzitterten, verzerrten sich zu Fratzen und zerrannen in Nichts.

Aber über dem Nebel war der Himmel klar, und Stern stand an Stern.

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