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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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5.

Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfäller.

Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben, deren weitüberhängende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel schwammen. Im Schilfgürtel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien, leuchtend in dem saftigen Grün um sie her.

Randers kämpfte mit der Lust eine besonders prächtige Lilie zu pflücken, als Claus Mumm heranschlürfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte.

Der Alte ging gebückt unter einer Last dürren Zweigholzes und gestützt auf einem derben Knüppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er rückte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmütze und sah mit scheuem Blick aus den kleinen, trüben, rotumränderten Augen zu Randers auf. Ein stummer unterwürfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte unter mehr als unter der Last des seinem mürben Rücken aufgeladenen Holzes.

»Dag Mumm, wo geit?«

Der Alte blieb stehen.

»Na, woans is dat? hebben Se noch nix hürt?«

»Ne Herr! He sitt ja nu erst.«

Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbrüstig, pfeifend. Eine traurige, gedrückte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken Augen passte.

»Hebben Se denn Hoffnung?« fragte Randers

Ein kurzer Aufblick der müden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten sich die alten Beine in schlürfende Bewegung. Es lag etwas Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen.

»Adjüs Mumm,« rief Randers ihm nach. »Laten Se man den Mood nicht sinken.«

Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzählt, dessen einziger Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe Erzählung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestört. Nachher waren sie nicht wieder darauf zurückgekommen. Jetzt war Randersens Neugier durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er nicht ausfragen mögen.

Es war ein Mädchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die unverständliche Tat eines überall beliebten, unbescholtenen Burschen. Ein Rätsel. Um eine ältere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind von ihm trug, erfüllen zu können, hatte er den Mord begangen. Warum tötete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin?

Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der Fall interessierte ihn. Es war etwas für seinen psychologischen Spürsinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne Bauernnovelle für die Feinschmecker.

Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas. Was wollte er nicht alles. Er würde auch diesmal nicht über den Plan hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskönner. Aber einerlei, vielleicht glückte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzählte so nett umständlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur Verzweiflung bringen musste, aber für den Psychologen gerade das rechte war, weil es ihm Fäden in die Hand gab.

Auf hügeligen Wegen hatte Randers allmählich auch den Hochwald durchquert. Der schmale Waldstieg mündete durch einen Wallausschnitt in einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus, ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugrünen Hafers, dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdächer, ein ganzes Dorf. Ganz hinten Wald, lang ausgestreckt.

Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu können.

»Ob man weiter geht?« sagte er laut.

Eine heisse Luft lag über den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel spannte sich wolkenlos darüber.

Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen.

»Die Sonne bei der Arbeit,« sprach er halblaut. »Die Sonne beim Brutgeschäft. Diese grosse Muttertätigkeit.« Es lag ein leiser Widerwille im Ton.

»Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebären. Sinnlos, zwecklos. Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur.«

Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurück in den Wald. Da draussen war ein Schweissduft über der üppigen Kornlandschaft. Mühseliges Sichabrackern ums tägliche Brot.

Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht.

Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Füssen aufraschelte und die dürren Zweigabfälle knackten.

Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand.

Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen gesprochen hatte. In der Nähe des Lohteiches sollte er sein.

Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an Busch, voller roter, reifer Früchte. Er naschte. Er gab nicht viel um dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht hängen sehen, ohne zu pflücken, wahllos, wie sie ihm am nächsten hingen.

Dann bekam er es satt und legte sich auf den Rücken. Der Boden war stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen nur wenige grosse Bäume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein grosses Stück Himmel. Es hing nur ein einziges Wölkchen da oben, wie vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum.

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