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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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15.

(Tagebuchblätter.)

Der Strandvogt, dieser Hüne, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel seiner Frau zu stehen. Wenigstens überlässt er ihr das Regiment. Die schwerfällige Kraft räumt der rührigen, feineren Intelligenz freiwillig das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den kürzeren, denn seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Fäuste ihn durchzusetzen. Eigentlich ein sehr glückliches Verhältnis.


War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder nachsehen, was noch zusammenhält von dem Kasten. Wie die Säcke rutschten die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg.

Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den stärksten Sturm mit der Gewalt seiner Lungen überbrüllend. Es ist doch etwas herrliches um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der stärkste Mann der Welt! Preisochse!


Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein prächtiger, himmelblauer Tag. Die See gleisst. Ganz köstlicher Anblick, diese gleissende See, ein flüssiges Metall. Von Hörnum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten in der See, wie sie über die Sandbank schäumt.

Böcklinsche Meerweiber natürlich darin, weisse Leiber, in der Sonne leuchtend, triefende Arme, Gelächter, wie wenn Wellen über Muscheln spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurück, balgen sich, toll ausgelassen.

O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton, urfrische Sinnesfreude.


Famoses Weib. Muss doch aufspüren, wo sie sich eingenistet hat. Diese Figur, diese imponierende Zurückhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allen Regeln.


Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hörnum, sitzt sie natürlich in List. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten.


Fräulein Lorenzen aus Tönning. Sie will bleiben, so lange es ihr gefällt, will Einsamkeit. Fräulein Lorenzen aus Tönning, ich suche Sie, wir gehören zusammen.


Natürlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein Dieb übern Zaun. –

Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich träume nur, und nur von ihr. Es ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschäftigt, einen ausfüllt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem Lotteriegewinn.


Wenn man so im Dünensand liegt, der Wind geht über einen weg, und um einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die tausend feinen Körnchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlägt. Und plötzlich fängt der Magen an zu knurren, will nicht länger so liegen, hat Hunger. Aber man hält's eine Weile aus, man liegt gerade so schön, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross wird – das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen.


Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlägt die Zähne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der Strandhafer hält's fest, das Land wächst, die Dünen wachsen, und der Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal wild, brüllt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer weisser Bart weht über den Dünenkamm.

Trutz blanker Hans!


Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich wälze mich schlaflos, steh auf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schläft Fräulein Helga Lorenzen aus Tönning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtiges Kichern.

Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spät für Wenningstedt. Gott sei Dank!

Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz unbefangen. Diese schönen Hände. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der Seele aufsteigen.

Also nicht Tönning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Tönning. Reiche Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. Übrigens ist sie mündig und wird über Vermögen zu verfügen haben. Gefällt mir ausnehmend, dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor davongegangen. Auf eigenen Füssen, Ibsenweib.


Fräulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt täglich. Ist das ein Mädchen! Sie hat Vermögen und will vorläufig »ohne Engagement« leben; Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Nächstes Jahr will sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit.

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