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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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1.

Randers an Gerdsen.

Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, können Sie daraus ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht ausreichten. Es mussten Betäubungen sein. Alkohol!

Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich reinigt: Die Natur. Die See.

Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein Betäubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann. Fördert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe höher, eine Stufe hinaus aus meinem Gefängnis? Ist sie nicht nur Gefängnisarbeit eines Sklaven, der sich nützlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht ein Betäubungsmittel hat?

Aber ich will mich nicht betäuben. Das ist so feige, so philiströs, so dumm, so unwürdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betäubt alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das Leben erträglich machen, so müssen es Rauschmittel sein. Sie kennen diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln! Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur.

Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhöhtes Leben, bei mir Bekämpfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole? Puff, weg damit! Aber können Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben täglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnüren, ihm einen Stein auf den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch trägt und nicht zu sehr wächst, ihm die Füsse zu binden, damit es nicht auf den Einfall kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Quält man so sein Leben?

Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar. Es gibt für mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die, langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmünden.

Ich habe allerlei für Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein versiegeltes Paket zurück. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie überhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich für meine Person entbinde Sie davon. Wir müssten eigentlich täglich zusammen arbeiten, und das widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin wühlen, es bringt doch auch so seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes Pulver. Aber mündlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder vor Scham das Wichtigste nur eben berührt, das ist, als sollte man sich in Gegenwart eines andern nackt ausziehen.

Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen Tick. Und auf die Natur! Erklären Sie beides aus seinem ästhetischen Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu an innerer Berufung. Er ist nur ästhetischer Genüssling. Der Natur gegenüber reicht das ja aus, daher fühlt er sich bei ihr am wohlsten. Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt »produktive Talente« vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe, das ihn allein ästhetisch reizt, allein für ihn in Betracht kommt. Na, Sie werden es schon machen.

Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von früher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion!

Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus.

Ihr Randers.

P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein älteres Stimmungsstück, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stilübung, die Sie vielleicht als Beweisstück für meine unzureichende Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen Seite hin brauchen können. Übrigens meine Verse! Ich wollte Sie immer bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt überlegt, ändern lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als »Dokumente«, als Belege für mein Halb- oder Garnichtskönnen. Wenn Sie sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht!


Was für ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht,
Dass ich in meinen Tränen bin erwacht?
Was für ein Traum doch war's?
Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt,
Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt?
Ist's nicht dein Bild?
Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand
Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt?
Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei?
Zerriss es denn auf ewig, jenes Band,
Das dich und mich zu schönstem Bund umwand?
Zerriss es ganz?
So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut,
Ein einsam Kissen, feucht von meiner Tränenflut?
So bleibt mir nichts?


Friedenstraum.

In stillen, tagesabgeschiednen Nächten,
Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht,
Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten,
Gespenstisch Flüstern ob der Heide spricht,
Dann hör ich auf, zu hadern und zu rechten,
Wenn goldner Friede sternhernieder bricht,
Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schächten
Endlich ein trautes, stilles Dämmerlicht.


Vogelkönigtum.

Vogel, du bist der König der Welt,
Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefällt.
Fliegst in die freien Lüfte,
Fliegst über Berg, über Meer, über Feld,
Vogel du freier, du Herrscher der Welt.

Überall darf der Himmel dir blauen,
Überall darfst du die Welt erschauen,
Überall lässt du die Woge dich grüssen,
Himmelentstürzt dir die Brust von ihr küssen;
Täglich eroberst du neu dir, ein Held,
Vogel, du freier, zu eigen die Welt.


Wie es sein sollte!

Was ist das Glück? Ein niedres kleines Haus,
Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben;
Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus,
Und Hände winken, lassen mich nicht bleiben;
Vom Strande tönt der Nordsee dumpf Gebraus,
Die Sonne blinkert golden in den Scheiben,
Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein,
Wir sind mit unsrem goldnen Glück allein.


Einsame Weihnachten.

Gestern überkam mich die Weihnachtsstimmung mit übermächtiger Gewalt. »Stille Nacht, heilige Nacht,« so klang es von der Strasse herauf; Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so grässliches Getute erträglich? War es nur diese unverwüstliche Melodie, dieses schönste aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier geschmiegt, und »Stille Nacht, heilige Nacht« klang es von meinen Lippen.

Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnächtige Stimmung ist mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr genügen lassen, denn ich würde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende, glitzernde Einsamkeit der ländlichen Umgegend.

Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es hernieder; in glitzernden Sternen stäubt es fein, so fein herab. Will sich ein Geheimnis, beglückend, beseligend, auf die Erde betten? Leise Klänge klingen mit. Oder ist's Täuschung? Klingt der Schnee in herniederrieselnden Tönen unhörbar fast und doch so deutlich, weich, so wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine märchenweisse, schmale Frauenhand herniederlastet?

Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft. Zwischen den langausgesponnenen Schneefäden dringt es wie von schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthüllen möchte.

Es ist drei Uhr nachmittags. Die Dämmerung hat begonnen. Ich bin weit hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am verdüsterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am Weihnachtsabend trübe und ewig novemberhaft der dunkle Strom?

Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus Tannen aufgebaut, jäh stürzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade verlaufenden, dunkelgrünen Wände überblicken. Stille, lautlose Stille, umfängt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer Krähenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens, aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee.

Aber da saust es plötzlich zwischen den Stämmen heran! Ein schwaches Klingelgeläute! Stärker und stärker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet steigt aus ihren Nüstern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse, kräftige Männergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes Schlittendröhnen!

Vorbei!

Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt.

Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustürklingeln eine stürzende Schar, und immer wieder die Enttäuschung. Aber endlich ist er angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den scharrenden Absätzen; in der geöffneten Tür heisst eine schöne Frau den Schwager willkommen; die Kinder umdrängen den Onkel mit freudigem Lärm, und das Jubeln will kein Ende nehmen.

Und wieder läutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! »Aus des Herzens tiefem, tiefem Grunde« läutet die Vergangenheit empor. Immer mächtiger fluten und überschwemmen mich die Klänge. Und da wandelt sie mir nah zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die fröhliche, selige Kinderzeit.

Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei Brüder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald grüsst uns aus der Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer ein dichter Garten seine grünen Kränze schlingt. Endlich sind wir daheim bei Vater und Mutter. Es weihnachtet überall. Von Kuchen und Marzipan, von Pfeffernüssen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen strömt ein würziger Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtüberfrorenen Fenstern hasten die Mädchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei.

Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit. Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich hält das Gefährt. Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Händchen an den Grosseltern empor.

Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen. Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schüchtern mit im Chor. Und dann tun sich die Türen weit auf, und vor uns flutet und flimmert der schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit; fröhlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim!

Ich habe mich in lichte Träume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich weiss nur zu wohl, dass sie sich trüber und trüber spinnen werden. Wollen nicht schon einsame, schweigende Gräber aus der Ferne herüberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht.

Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter: dunkler dräuen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Stämmen der Schnee, denn die Dämmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat ihren sternenbesteckten Mantel über die stille Erde ausgebreitet. Und doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen führt noch etwas anderes, Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe läuten sie den heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und trägt ihn über den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen diese Töne nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang. Alles grüblerische Denken erlischt; nur ein beglücktes Empfinden, nur der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht.

Hat ihn je ein Dichter voll auszuschöpfen vermocht, so dass allein sein Wort den mächtigen Zauber ans Licht beschwor?

Das Weihnachtsevangelium fällt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam rührend auch die herzenseinfältigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: »Und es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hüteten ihre Herde bei Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn umleuchtete sie.«

Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht, die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Händels ebenso einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in Tönen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel rührt, und aus der Höhe herniedersäuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und knistern – von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden blickenden Augen – ein Weihnachtsmärchen in der Weihenacht unter den Tannen – und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie.

Und mir – mir rinnen die Tränen von den Wangen herab – aber himmlische, heimliche Klarheit umleuchtet auch mich – die Klarheit des Herrn in der Weihnacht.

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