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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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16.

Es regnete, regnete immer stärker, der ganze Himmel schien sich auflösen zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem beständigen Angriff der Wassermassen nicht halten, löste sich und fiel auf die aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und grossen Pfützen.

Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers wegschwemmen.

Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass rann in Strömen und kleinen Bächen von seinem Regenrock, sammelte sich auf seiner weissen, durchweichten Mütze, rieselte über deren schwarzen Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel und Beinkleider ganz kotig waren.

Aber er lief immer drauf los.

War das nicht der Weg nach Süssen?

Aber es war ja gleichgültig. Er wollte ja nur seinem »Glück« entlaufen, diesem wunderlichen Glück, das ihn quälte, ihn ängstigte, sich wie eine eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein glühender Nagel sich ihm ins Hirn bohrte. O, wie er glücklich war!

Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut? Und eine köstliche Zukunft?

Schwiegersohn des Grafen Bruckner!

Was würden sie alle für Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der Randers!

Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafür bieten? Aus eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine beständige, alles wettmachende Liebe?

Würde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben können, einen simpeln Bürgerlichen ohne Stellung und Vermögen zu nehmen, weil er ihr gefiel.

Sie würde ihn lieb haben und füttern!

Hatte er denn gar keinen Stolz mehr?

Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er könnte es nicht übers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren.

In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefühl, Anstand, Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das theoretische Konzept.

Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu lösen. Pfui Teufel, wie gemein!

Also es ihr sagen, noch hier, heute noch!

Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tür, morgen wollten sie zusammen abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte, um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen.

So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand – nein das ging nicht! Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie nun zusammen gewesen.

Am besten wäre es, er schriebe es ihr von Hamburg aus.

Und so lange sollte er schauspielern? Lügen?

Müde und abgespannt, durchnässt und beschmutzt kam er wieder im Schloss an.

Fides war in ihrem Zimmer, beschäftigt, mit der Zofe die letzten Koffer und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer letzten geschäftlichen Unterredung mit dem Verwalter.

Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten hätte er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war noch früh, kaum sechs Uhr.

In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und ging in den Salon hinunter.

Ein graues, trübes DämmeDämmerlichtschte darin.

Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornblätter klebten an den nassem Scheiben.

Vom Tisch waren alle Mappen und Bücher abgeräumt, die schweren Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag schon ein Hauch von Unwohnlichkeit über dem halbdunklen Raum. Nur die grosse japanesische Vase, die der Gärtner erst gestern mit frischen Chrysanthemen gefüllt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsäule, und die grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie verbannte Schönheiten auf einer einsamen öden Insel.

Der Blüthner war geöffnet.

Ob Fides gespielt hatte?

Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler Silberreif, den sie der vielen Anhängsel wegen beim Spielen ablegte.

Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin.

Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie nachgaben und ein paar leise Diskanttöne wie klagend durchs Zimmer klangen.

Er lächelte, musste lächeln.

Wie nervös er war!

Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch.

Er rückte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im Bass, leise, unrhythmisch. Die Töne rannen, krochen durcheinander, wie brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Töne taten ihm wohl. Er konnte sich nicht genug tun, da unten herumzuwühlen. Aber allmählich löste sich ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest, hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, überrollte ihn mit stürmischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie förmlich: lass mich los, lass mich los!

Plötzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf.

Fides?

Er starrte sie an, wie eine Erscheinung.

Sie lachte laut auf.

»Der arme Flügel. Ist das dein Abschied von ihm?«

Er lachte gezwungen.

»Es war wohl wüst?«

»Aber sehr. Alle Wände zittern vor Angst.«

Er stand etwas beschämt auf, und sie schloss schnell das Instrument.

»Der hat genug für dieses Jahr,« scherzte sie.

»Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?«

Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre Wangen glühten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen.

»Wie ungemütlich ist es hier schon,« sagte sie.

»Und dieses Wetter heute. Wären wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar keine Ruhe mehr.«

Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen gemütlichen Eckplatz gab, und erzählte ihm von ihren Kasten und Koffern, und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen hätte, und plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen wollten. Ob er sich auch so darauf freue.

»Ja,« sagte er und hielt ihre Hand und drückte sie ganz leise.

Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten.

Aber er wünschte, es wäre noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie belogen! Es war ihm plötzlich, als ob etwas in ihm kalt würde. Eine Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein wunderliches Gefühl der Starre, wie ein eisiger Hauch.

Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst getötet.

Es war aus. Er fühlte es.

Leise liess er ihre Hand los.

Es war aus.

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