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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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15.

Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war auch da und sie wärmte noch.

Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten segelten über das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war längst im Speicher. Ein paar Krähen hüpften auf den kahlen Schollen, flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder.

Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal bücken, ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er hatte seinen Rock zugeknöpft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den Rücken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu können.

Fides fröstelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten über das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft.

Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tür schliessen. Zwei vertrocknete Waldmeisterkränze hingen an einem Nagel, und der welke Duft machte die Atmosphäre noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster liessen nur ein gedämpftes Licht herein und verstärkten das Gefühl der Abgeschlossenheit.

Fides hatte ein Vergnügen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz grün zu sehen. Sie wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal, dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug in die Stadt.

Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne wäre sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer.

»Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter über?« meinte Randers. »Ich denke mir das so schön.«

»Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam.«

»Das ist doch schön.«

»Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch käme. Aber es ist ja gar nichts Gescheites in der Nähe, kein Umgang, der einem zusagte.«

»Sie sollten mit nach Sylt kommen.«

»Ja, das wäre was. Aber Papa tut's nicht.«

»Auf ein paar Wochen nur.«

»Kommen Sie doch mit in die Stadt,« sagte sie. »Aber Sie haben ja solche Sehnsucht nach dem Meere,« setzte sie schnell hinzu. »Ich kann mir denken, wie Sie sich wegsehnen von hier.«

Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte, die Kirchen, sah sich von ihr in eine höhere Geselligkeit eingeführt, in die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten eröffneten sich ihm, wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wünschte! Dass sie es wünschte und aussprach! Das machte ihn ganz glücklich.

»Wie gerne würde ich mit in die Stadt gehen,« sagte er.

»Aber?« fragte sie, da er zögerte.

»Diese Idee kommt zu plötzlich, so überraschend,« sagte er langsam und unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen.

»Nein, es geht nicht,« sagte er mit einem plötzlichen Entschluss. »Das ist ja alles – aber nein, es darf nicht sein!«

Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervös, und verzweifelte Blicke nach den Fenstern werfend, als wäre es ihm zu schwül hier.

Fides sass auf dem roten Plüschkissen, auf der einzigen langen, lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem kleinen Borkentisch.

»Ich hatte mir das so schön gedacht,« sagte sie. »Aber wenn es nicht sein kann –« Es klang weich, fast wie ein Seufzer.

Sie hatte das gedacht? Schon früher daran gedacht? Hatte es sich ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall?

»Ja, aber meine liebe gnädigste Komtesse, ich täte es so gerne, schon allein, da Sie es wünschen –«

»Aber ich bitte Sie, meine Wünsche! Sie sollen durchaus nicht das geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt gesehnt –«

»Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie wüssten, wie schwer – es waren so – ich werde diese Wochen nie vergessen, die ich hier verlebte.«

»Ja, es war recht hübsch. Aber es wird doch jetzt schon recht unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt.«

Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein plötzliches Umschlagen der Stimmung.

»Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervös,« sagte sie und stand auf. »Was haben Sie für eine Unruhe! Sie können gewiss die Zeit nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch.«

Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton.

»Sie missverstehen mich, Komtesse,« sagte Randers.

»Wie so?«

Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre, verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Lächeln herauszuhelfen, aber es misslang.

»Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit – es ist ja nur eine Flucht – vor mir selbst – vor all diesen – diesen Unmöglichkeiten.«

Er rannte wieder auf und ab, während sie angelegentlich durch das rote Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an die Scheibe gedrängt.

Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte.

»Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt,« fuhr er fort, als sie schwieg, und es klang fast verzweifelt.

Er sah sie an, aber sie rührte sich immer noch nicht.

Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er über die Blässe ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen.

Und plötzlich – war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken? – eine tiefe Röte überflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie schlug die Hände vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie leise:

»Warum quälen Sie mich so?«

»Fides!« rief er.

Aber sie eilte an ihm vorüber, liess sich auf die Bank fallen, legte den Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Hände drückend, weinte sie krampfhaft.

»Fides!«

Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand, erhob sich wieder und sprach, über sie hingebeugt, auf sie ein.

»Nein, nein, o nicht,« stammelte er. »Was ist dies alles – Komtesse. Aber nein – Fides, liebe, liebe Fides.«

Und wieder lag er vor ihr auf den Knien.

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