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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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12.

»Was haben Sie denn da?« fragte Fides, als Randers mit einigen beschriebenen Blättern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu finden.

»Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht,« sagte er. »Hier ist es.«

»Das da?«

»Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es Ihnen gefallen wird.«

»Da bin ich doch auch neugierig.«

»Ich finde es übrigens gar nicht hübsch von Ihnen,« setzte sie scherzend hinzu, »dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefällt Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen könnten.«

»Oh,« sagte er betroffen. »Doch! ich bitte! Es ist so schön bei Ihnen. Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas daraus werden.«

»Ich gönnte es Ihnen schon, damit Sie gründlich von Ihrer Romantik geheilt würden.«

Er lachte.

Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren Stuhl zurück und hörte ihm zu.

»Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes, in dem wilden Lister Dünengebirge.«

Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde Gesellen in die hellerleuchtete Hütte ein, und wir richten uns bei überfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein.

Und ich bin der Herr im Hause!

Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern Besuch. Eine Künstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer eigensten, inneren Natur.

Der äusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur.

Der Bechsteinsche Flügel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen Teppichen hörbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen.

Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitäten sind verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger, Grieg vor allem, und dann Löwes unvergleichliche Balladen »Herr Olaf« und »Edward«. Wie das wohl über die Heide klingen wird:

Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
Edward! Edward!

Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer mehr verdichtet, bis sie wie zu einem höllischen Furientanze zusammenwächst.

Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle gemäss sind.

Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen, und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen Akkord.

Der Sturmwind heult und rüttelt an den verschlossenen Läden.

Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu beredt fast, so dass wir zu reden beginnen.

Wie denken Sie über Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben mit Rosmer doch zur Liebe geführt!

Ihre Lippen zucken verächtlich.

Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie das Gefühl der Schuld, das Rosmer gegenüber auf ihr lastet! Von dem Gefühl der früheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, täuscht sie sich über sich selbst. Ein Glück, dass sie in den Mühlgraben gehen kann. Sonst würde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren! Und dann ginge sie auch in den Mühlgraben.

Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige lange!

Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen!

Was sagen Sie zu Edele Lyhne?

Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung nicht.

Sie wissen, dass ich mir Anzüglichkeiten verbitte. Dass der Dichter schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe, die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafür kann nicht Edele, dafür kann nur der Dichter, nur die Männer, jämmerliche, sentimentale Schwächlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe!

Und ihre Lippen begannen herbe und spöttisch zu lächeln.

Und Sie wollen der Schönheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmütige Sentimentalitäten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Ärmster Sie!

Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein.

Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Düne herauf.

Wir klimmen mit Mühe gegen den Sturmwind, um uns stieben schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der ungefügen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen empor; geisterhaft verschäumt die tobende Brandung. Ein verlorner Möwenschrei!

Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fühle ihre Schulter an meiner Brust. Ihre Züge sind schöner als je, aber unbeweglich, und geisterhaft weiss wie Marmorstein!

Und ihre Zähne pressen leise die Unterlippe.

Weltverschollen, in engster Nähe, und doch klüfteweit getrennt!

Und dann schreiten wir stumm hernieder.

Und das Licht brennt noch lange bei mir, während das Dunkel schon stundenlang in ihrem Zimmer wob!

Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und schneeweiss. Zwei Körbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fülle. Den andern Korb schicke ich ihr hinauf.

Eine halbe Stunde später ist sie unten.

Sie Böser, wie gut Sie sind.

Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Hände.

Wie gut Sie sind!

Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmütterlichem Eifer. Sie spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefühl der Schuld bedrücke.

Und schliesslich stützt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an! und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich auf der meinen.

Und nun, Lieber, wollen wir hinaus!

Ich habe übrigens noch eine Neuigkeit für Sie. Mein Freund kommt zu Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe.

Sie schweigt!

Nun, was sagen Sie?

Warum ein dritter in unserm Beisammensein?

Und ihre Augen leuchten weich.

Nun, wie Sie wollen!

Und ihre Stimme klingt plötzlich hart.

Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen.

Ich weiss nicht, was sie will!

Aber nächstes Jahr überlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben lehren! Ich gehe nach Fanö! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen.

»Die arme Jolanthe,« sagte Fides mit einem Ton spöttischen Bedauerns, als Randers schloss.

Er lachte und zuckte die Achseln.

»Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus für das nächste Jahr nicht an,« sagte Fides. »Sie wird an dieser Erfahrung genug haben.«

»Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental binden.«

»Er ist eben ein Phantast,« erwiderte sie mit besonderer Betonung, »der sich unmögliche Verhältnisse erträumt.«

»Sagen Sie das nicht.«

»Aber ich bitte Sie! Übrigens wissen Sie das wunderschön auszumalen.«

»Ist es nicht schön?«

»Sie sind ein Dichter.«

»Nicht doch!«

»Sie können einem ordentlich den Mund wässern machen.«

»Sehen Sie!«

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