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Der Mann im Nebel

Gustav Falke: Der Mann im Nebel - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Falke
titleDer Mann im Nebel
senderPG-US eBook #11075
created20040528
firstpub1899
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11.

Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen liess ihm keine Ruhe mit dem »verdammten« Turm.

Der Waldhüter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues hatte, bewahrte die Schlüssel. Der Mann stand vor der Tür und klopfte einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefährtin und schnupperte, als wünsche er an den Liebkosungen teilzunehmen.

»Der Graf ist oben,« sagte Petersen.

»Darf man denn hinauf?« fragte Randers.

»Ei gewiss!«

Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der Damensattel auf der Stute kündigte auch die Anwesenheit der Komtesse an.

Randers nahm unwillkürlich eine strammere Haltung an, knöpfte seinen Rock zu und rückte nervös an seinem Kneifer.

»Wollen Sie mich bitte vorstellen,« bat er.

»Liebenswürdiger Mann, gar nicht hoch–m–m– mütig,« sagte Petersen.

Oben trafen sie einen Herrn von ungefähr fünfzig Jahren, in leichtem hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die Landschaft und wandte sich nur lässig, kaum das Glas von den Augen absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform betraten.

»Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle,« dachte Randers und musterte die schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten Blicken.

Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel!

Die letzte kuppelartige Krönung des Turmes, zugleich die Bedachung der Treppe, überragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse verdecken. Oder war sie überhaupt nicht mit hinaufgestiegen?

Der Lehrer trat mit einem tiefen Bückling an den Grafen heran.

»Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute.«

Er kam ohne Anstoss über die Anrede hinweg.

»Ah, Sie sind es, mein Lieber.«

Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte Verbeugung.

»Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute,« sagte er. »Die Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft.«

»Ja, ja, zu f–feucht, Herr Graf, zu dicke Luft,« beeilte sich Petersen zuzustimmen.

»Mein Name ist Randers,« schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich gegen den Grafen.

»Herr Dr. Randers,« wiederholte Petersen hastig, als hätte er ein wichtiges Versäumnis gut zu machen.

»Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehört zu haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?«

»Sehr schön, sehr schön,« fuhr er mit einer gewissen, gleichgültigen Lebhaftigkeit fort.

»Wie gefällt es Ihnen bei uns? Schönes fruchtbares Land.«

Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den Horizont ab.

Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers; so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe, immer reserviert.

Aber wo blieb denn die Dame?

Er blickte sich beständig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst.

Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung.

Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird sie schon zum Vorschein kommen.

Aber Petersen zupfte ihn am Arm.

»Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?«

»Ja,« sagte Randers, sah aber nichts.

»Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad über meinen Stock.«

»Ja, ja, ich sehe,« log Randers.

Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch einen Damensattel.

»Papa!« rief mit einmal eine volle, tiefe Mädchenstimme. Eine schlanke Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt.

»Die Komtesse,« belehrte Petersen.

Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen.

Was hatte dieses Mädchen für eine Stimme!

Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen, aber durch Randers gestört, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein flüchtiger, musternder Blick.

Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an.

Wirst du mich vorstellen?

Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt zurück: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei.

Er musste wirklich vorübergehen, musste wieder um den Turm herumgehen und sich von Petersen die Lübecker Türme zeigen lassen. Nicht ein Wort war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung hätte anknüpfen können. Da er dem Grafen vorgestellt war, hätte er es ungezwungen wagen dürfen. Aber was sollte er diesen Augen gegenüber sagen? Augen, die zu dieser Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein norwegisches Berglied.

»Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen,« sagte er zu Petersen.

Der Lehrer sah ihn verständnislos an und lächelte:

»Norwegische Augen?«

»Ja, Fjordaugen,« erklärte Randers.

In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und der norwegischen Stimme an ihnen vorüber. Der Graf folgte und nickte, seinen Hut lüftend, freundlich Abschied.

Und Randers hörte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen hinabrauschen, hörte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle, riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo Steine liegen.

Randers stand, weit über die Brüstung gelehnt, und sah hinab. Er konnte nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur, da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, grünen Zelt leuchten zwei schöne, tiefe klare Augen.

Fjordaugen!

Aber vier schnelle Füsse führen sie in die Ferne. Dort hinten, weit hinten, hinter den Hügeln lag Rixdorf.

Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem grüngoldigen Leuchten darüber.

Fjordaugen!

Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Füssen liegt das Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Möwenschwinge zuckt hell darüber hin.

Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht!

Ein märchenhaftes Grauen überfällt ihn.

Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Höhe, unergründlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gäbe es keine Stürme.

Und jetzt plötzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied. Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klänge, tief und feierlich wie das ruhige Meer.

»Es w–w– wird w–wohl Zeit,« meinte Petersen.

Randers schreckte auf.

»Ja, ja,« sagte er hastig.

Unten musste Randers durchaus etwas trinken.

Er hatte Durst. Der Waldhüter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur Schnaps und Bier.

Randers bestellte beides, für drei Personen. Sie stiessen an. Randers trank hastig.

»Sünd woll lang nich hier wesen,« fragte Petersen den Waldhüter.

»Ne, dat is't erste Mal in düssen Sommer. Süss kömen se öfter mal.«

»Ist es weit bis Rixdorf?« fragte Randers.

»Anderthalb Stunden,« sagte Petersen.

»Zu Pferde?«

»Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht,« sagte der Waldhüter.

Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm Bescheid tun.

Nach dem dritten Glas sagte er:

»Verdammt hübsches Frauenzimmer! Noch jung, was?«

»Na, wo olt mag se sin?« fragte der Waldhüter den Lehrer. »So negentein, twintig.«

»Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all.«

»Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt,« bat Randers. Petersen lachte ihn an, und Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt.

»Das ist doch das Wahre,« sagte er, das frische, schäumende Glas prüfend gegen das Licht haltend. »Vornehm, souverän, aristokratisch.«

Er nahm eine hochmütige Miene an und näselte wie ein Gardeleutnant.

»Äh, ich lach auf die Welt!«

Der Waldhüter sah ihn belustigt an: Wat büst du för een?

»Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer,« eiferte Randers. »Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her.«

»Ja, es hat was f–f–f– für sich,« stotterte Petersen.

Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhüter sah ihn an, wie einen, dem nicht zu trauen ist.

»Sagen Sie selbst, meine Herren,« rief Randers wieder aufschnellend, »hab ich nicht recht?«

»Ach wat,« brummte der Waldhüter ärgerlich. »So'n Lüe möten sin, un anner Lüe möten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek.«

»Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht,« rief Randers. »Das ist ja aber eine Sache für sich.«

»Ja Mau, du v–v–versteihst den Herrn f–f–f–falsch,« legte sich der Lehrer ins Mittel.

»Dat mag sin, ik meen aber man. Ik bün man 'n schlichten eenfachen Kirl, dat heet, min Geschäft häw ik ook liert, da kann mi nüms nich watt in seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Lüe – na ja, du versteihst mi, Petersen.«

Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte an ihm herum.

»Zweimalhundertausend Mark jährlich zu verzehren,« stiess er nach einer Pause heraus. »So viel muss man haben, um anständig leben zu können.«

Nun lachte der Waldhüter aus vollem Hals.

»Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de Botter dorbi to hebben.«

Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort zu kommen.

»Herr Doktor!« rief er, »Herr Doktor! W–w–wissen Sie – Herr Doktor – w–w–w–«. Aber er kam nicht zustande damit.

Als aber das Gelächter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an:

»Herr Doktor, wissen Sie, was ich m–m–mir dann kaufte? Die W–w–welt kaufte ich m–mir! Die W–welt, Herr Doktor!«

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