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Der Mann, der seinen Namen änderte

Edgar Wallace: Der Mann, der seinen Namen änderte - Kapitel 9
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pfad/wallacee/mannname/mannname.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Mann, der seinen Namen änderte
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3-442-01194-9
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projectid4dc4e359
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8

›Ich bin ein alter Mann geworden und habe ein hartes Leben voller Mühsal hinter mir. Es ist möglich, daß ich bald sterbe, und ich kann nicht zugeben, daß mein schwer erworbenes Vermögen von irgendeinem leichtsinnigen jungen Mann durchgebracht wird, in den Du Dich verliebst. Deshalb ist es mein Wunsch und Wille, daß Du heiratest, und zwar möglichst bald. Als Mann habe ich meinen Partner Pretoria-Smith für Dich ausgesucht. Vielleicht wirst Du ihn etwas ungeschliffen finden, aber unter der rauhen Schale verbirgt sich ein guter, ehrlicher Charakter. Es hat lange gedauert, bis ich ihn dazu überredet habe, aber schließlich hat er zugestimmt, weil er seinen alten Partner gern hat. Wenn Du diesen Brief erhältst, ist er schon unterwegs nach England.

Solltest Du wider Erwarten ablehnen, Marjorie, so muß ich natürlich die jährliche Rente, die ich Deiner Mutter zahle, sofort zurückziehen, und dann will ich auch weiter nichts mehr mit Euch zu tun haben. Ich wasche meine Hände in diesem Fall in Unschuld.

Dein Dich stets liebender Onkel
Alfred Stedman.‹

*

Marjorie legte den Brief beiseite, nachdem sie ihn zum viertenmal durchgelesen hatte, denn die Buchstaben tanzten vor ihren Augen.

Ihr schönes Gesicht hatte sich vor Erregung gerötet, und ihre großen, grauen Augen blitzten ärgerlich auf. Sie erhob sich und ging unruhig im Zimmer auf und ab.

Marjorie Stedman hatte eine schlanke, grazile Gestalt, goldblonde Locken und ein feines, zartes Gesicht, das von frischen, roten Lippen belebt wurde.

»Wie kann er nur derartig schreiben!« sagte sie laut und zornig. »Es ist doch vollständig ausgeschlossen, daß ich mir in dieser Beziehung etwas diktieren lasse!«

Sie hatte also einen Heiratsbefehl bekommen! Und dabei hatte sie bisher überhaupt noch nie ernstlich daran gedacht, sich zu binden. Bisher hatte sie nur ungewisse, vage Vorstellungen von einem Mann, den sie lieben könnte. Sie träumte von einem gottähnlichen Wesen, das in höheren Regionen schwebte, und eine Heirat war für sie noch ein Idealzustand, der nichts mit der rauhen Wirklichkeit zu tun hatte. Und nun hatte Onkel Alfred, den sie sonst so sehr schätzte, ihr den kategorischen Befehl gegeben, zu heiraten! Einen Menschen, der Pretoria-Smith hieß!

Sie sprach den Namen verächtlich aus, aber im gleichen Augenblick kam er ihr bekannt vor. Irgendwo mußte sie ihn schon gehört haben. Pretoria-Smith! Seit dreieinhalb Jahren hatte sie durch größte Willensanstrengung jene schreckliche Nacht auf Schloß Tynewood aus ihrer Erinnerung verbannt, obwohl sie selbst nicht weit entfernt von diesem alten Familiensitz wohnte, und obwohl Alma Tynewood durch eine merkwürdige Verkettung des Schicksals fast täglich ins Haus kam. Auch Pretoria-Smith hatte sie vollkommen vergessen. War es derselbe, den sie damals kennengelernt hatte? Aber schließlich gab es doch viele Leute dieses Namens in Pretoria. Vielleicht war er irgendein unkultivierter Mensch mit häßlichen Manieren, den ihr alter Onkel irgendwo in einer wilden Gegend Afrikas aufgetrieben hatte. Sie wußte, daß Mr. Stedman ein bewegtes Leben hinter sich hatte. In seinen früheren Tagen soll er unter Eingeborenen gelebt haben, und sie hatte auch einmal gehört, daß er wegen eines Verbrechens mehrere Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Gesehen hatte sie ihn. noch nicht, denn er hatte sich dauernd im Ausland, in Amerika, Australien, Südafrika, aufgehalten. Aber er war immer sehr gut zu ihr gewesen.

Auch als er vor vier Jahren zu Geld kam, hatte er zuerst in großzügiger Weise für das Kind seines verstorbenen Bruders gesorgt. Seine reichen Zuwendungen hatten es Marjorie ermöglicht, ihre Stellung als Stenotypistin aufzugeben und ein freies, sorgenloses Leben zu führen. Ihre Mutter brauchte nicht mehr in einer kleinen, engen Vorstadtwohnung zu hausen, da Mr. Stedman das alte Stammhaus der Familie zurückgekauft hatte. Wie glücklich hatte sie doch in den letzten Jahren gelebt! Beinahe hatte sie die traurigen Erinnerungen von damals vergessen... Sie hatte viele Bekannte und Freunde in der Gegend und hatte ihre Zeit wohltätiger Arbeit gewidmet. Und morgen war der Tag, an dem man ihr auch offiziell dafür danken wollte.

Diesen günstigen Umschwung in ihrem Schicksal hatte nur das Eingreifen Onkel Alfreds gebracht. Als ihr das wieder klar zum Bewußtsein kam, wurde ihre Stimmung ihm gegenüber wieder ruhiger und versöhnlicher.

Sie setzte sich einen Augenblick und schaute wieder auf den Brief.

»Es hat lange gedauert, bis ich ihn dazu überredet habe«, las sie. Tränen traten in ihre Augen, denn diese Worte bedeuteten eine furchtbare Demütigung für sie.

Onkel Alfred schien überhaupt nicht mehr zu wissen, daß es ein Europa gab, in dem die Menschen über sich selbst bestimmten und keine Sklaven waren. Sie war für ihn nur ein Stück Ware, das verkauft werden sollte. Er kaufte sie mit seinem Geld, um sie dann wieder an seinen Partner zu verkaufen. Und dabei mußte dieser Partner noch ›überredet‹ werden, damit das Geschäft überhaupt zustande kam!

Wieder sprang sie erregt auf. Aber nachdem sie einige Male auf und ab gegangen war, ließ sie sich aufs neue in den großen Sessel fallen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte still in ihr Taschentuch.

Alle Träume von einer herrlichen Zukunft fielen nun in nichts zusammen. Es blieb ihr kein anderer Ausweg, als wieder eine Stellung anzunehmen und für kümmerlichen Wochenlohn zu arbeiten. Sie mußte wieder zurück zu den überfüllten Untergrundbahnen und Autobussen, mußte wieder früh aufstehen und im Nebel durch die häßlichen Straßen der Großstadt eilen, um zur rechten Zeit an ihrer Arbeitsstelle zu sein. Das alte, traurige Dasein würde wieder beginnen, und nach aufreibender Tätigkeit würde sie sich dann höchstens im Jahr vierzehn Tage Urlaub in einer großen Pension eines Badeortes gönnen können.

Ich bin nur neugierig, was Mutter dazu sagen wird, dachte sie, als sie ihre Augen wieder trocknete.

Müde schaute sie auf den gutgepflegten Rasen hinaus, der vor dem alten, grauen Steinhaus mit den schönen Giebeln und den efeubewachsenen Mauern lag. Sie sah auf die Blumenbeete, die jetzt in voller Farbenpracht standen, und auf den Teich, in dem die Enten schwammen. Die armen Tiere wußten noch nichts davon, daß sich nun bald niemand mehr um sie kümmern würde. Wie oft hatte sie dort auf dem bemoosten Stein an der Uferbefestigung gesessen und ihr Spiegelbild im Wasser betrachtet.

Mit einem Seufzer erhob sie sich. Klagen und Jammern half auch nichts. Die Laune dieses reichen, alten Mannes hatte sie plötzlich über Nacht in ein Paradies versetzt, und eine andere Laune vertrieb sie nun eben wieder daraus. Das schwerste war, ihrer Mutter diese Nachricht mitzuteilen. Sie kannte ja den Charakter und die Schwächen der alten Frau, aber sie hatte sie trotzdem gern.

Plötzlich kam wieder eine zuversichtliche Stimmung über sie. Dreieinhalb Jahre lang hatten sie doch zweitausend Pfund erhalten, und sie hatten hier ein verhältnismäßig einfaches Leben geführt. Sicher war ein großer Teil des Geldes gespart worden, und wenn sie diese Summe jetzt nur vernünftig einteilten, brauchten sie doch nicht mehr in ganz so traurige Verhältnisse wie früher zurückzukehren.

»Diesen Pretoria-Smith heirate ich auf keinen Fall!« sagte sie entschlossen vor sich hin, als sie die Wohnzimmertür öffnete.

Sie hatte so laut gesprochen, daß die beiden Damen ihre Worte gehört hatten und sie erstaunt ansahen.

Es war allerdings noch keine Besuchszeit, und als Marjorie entdeckte, wer bei ihrer Mutter saß, hätte sie sich am liebsten gleich wieder zurückgezogen. Aber dazu war es jetzt zu spät. Sie zwang sich also zu einem Lächeln und ging auf die hübsche junge Dame zu.

»Guten Morgen, Lady Tynewood«, sagte sie höflich.

Alma Tynewood hatte ihre Abneigung gegen Marjorie nie ganz verbergen können, aber heute morgen hatte sie besonderen Grund, gegen dieses Mädchen Widerwillen zu empfinden. Ein verächtliches Lächeln spielte um ihre hochrot gefärbten Lippen.

Mrs. Stedman war für ihr Alter noch eine ansehnliche Frau, aber ihr schwächlicher Charakter drückte sich in ihren weichen Zügen aus. Bei dem unerwarteten Eintreten ihrer Tochter kam sie in große Verlegenheit.

»Ach, ich dachte, du wärst ausgeritten; Liebling.«

»Ich reite erst am Nachmittag.«

»Lance sagte mir aber doch, du hättest dich für Vormittag mit ihm verabredet?«

»Ich war heute morgen zu sehr beschäftigt«, entgegnete Marjorie geduldig. »Wenn er am Nachmittag keine Zeit haben sollte, reite ich eben allein.« Mrs. Stedman seufzte unzufrieden und sagte nichts mehr dazu.

»Ich kann mir auch schlecht vorstellen, daß Sie jetzt viel Zeit zum Reiten haben sollten«, sagte Lady Tynewood mit einem boshaften Lächeln. »Sie sitzen doch sicher seit Tagen an der Ausarbeitung der Tischrede, die Sie morgen halten werden.«

»Da täuschen Sie sich. Ich halte keine Rede«, erwiderte Marjorie kurz. »Ich bin auch sicher, daß mich niemand hören will. Das Komitee macht viel Lärm um nichts und übertreibt meine Arbeit, die ich in den Dienst des Provinzialhospitals gestellt habe. Es ist wohl wahr, daß ich als Sekretärin des Hilfskomitees fünfzigtausend Pfund gesammelt habe, aber andere Leute hätten in meiner Stellung genau dasselbe tun können.«

»Aber niemand hat ein so faszinierendes Äußeres wie Sie«, entgegnete Lady Tynewood spitz. »Wenn ich ein Mann wäre, und ein hübsches Mädchen wie Sie käme in mein Büro und bäte mich um eine Zeichnung für einen wohltätigen Zweck, so würde ich sofort mein Scheckbuch aufschlagen und um Angabe der Summe bitten, die ich Ihrer Meinung nach zeichnen sollte. Außerdem haben Sie ja wohl auch Küsse im Dienst der guten Sache verkauft, wie mir erzählt wurde.«

»Das ist eine infame Lüge!«

»Marjorie!« protestierte ihre Mutter leise.

»Aber meine Liebe, jeder Mensch hier weiß es doch und spricht darüber –«

»Sie selbst haben diese böswillige Verleumdung unter die Leute gebracht, Lady Tynewood, ich kenne Sie und Ihre Vergangenheit. Wahrscheinlich war es in Ihren früheren Kreisen üblich, Küsse zu verkaufen und weiter keinen Anstoß daran zu nehmen.«

Alma wurde dunkelrot vor Zorn, und ihre Augen funkelten böse. Aber sie beherrschte sich.

»Die Kreise, in denen ich mich bewegt habe, waren Ihnen natürlich nicht zugänglich«, sagte sie hochmütig. »Morgen werden Sie ja allerdings in allerhöchster Gesellschaft speisen.«

Marjorie biß sich auf die Lippen, um eine heftige Antwort zu unterdrücken. Sie machte sich mit den Papieren zu schaffen, die auf dem Tisch lagen, und ordnete sie, während Mrs. Stedman verzweifelt auf das Tischtuch starrte.

»War es eigentlich Ihre Idee, daß morgen abend an besonders kleinen Tischen gespeist werden soll?« fragte Lady Tynewood mit schlecht verhohlenem Ärger. »Warum wurde ich denn nicht auch an die Ehrentafel gesetzt, wo Seine Königliche Hoheit den Vorsitz führt? Sie thronen ja vermutlich an seiner rechten Seite!«

»Das ist möglich«, erwiderte Marjorie kühl. »Aber ich kann Ihnen die tröstliche Versicherung geben, daß nicht ich diesen Vorschlag machte, sondern Lord Wadham. Ich hatte mit der Platzverteilung nichts zu tun, und es geht mich nichts an, ob Sie an der Ehrentafel sitzen oder nicht.«

»Das sagen Sie jetzt«, entgegnete Lady Tynewood pikiert.

»Ich nehme nicht an, daß Sie sich von mir überzeugen lassen, aber ich pflege die Wahrheit zu sagen und lüge nicht. Eine einflußreichere Persönlichkeit als ich hat die Plätze verteilt, wie ich Ihnen schon erklärte, und wenn Sie von der Ehrentafel ausgeschlossen sind, kann ich nichts dafür.«

»Und wohin hat man mich denn gesetzt?« fragte Alma erregt. »Natürlich zwischen kleine Landbarone, Ärzte und so weiter!«

Marjorie zuckte die Schultern.

»Aber Liebling, du kennst doch verschiedene Mitglieder des Komitees so gut. Kannst du nicht mit ihnen sprechen, daß Lady Tynewood doch noch einen Platz an der Ehrentafel erhält? Bedenke doch, die Tynewoods sind die älteste und angesehenste Familie in Droitshire.«

Marjorie schwieg.

»Nun, wollen Sie Ihrer Mutter nicht eine Antwort geben?« fragte Alma scharf.

»Das werde ich tun, wenn ich mit ihr allein bin. Dann soll sie auch erfahren, aus welchen guten Gründen Sie unter die Landjunker gesetzt werden.«

Lady Tynewood preßte die Lippen aufeinander.

»Ich verstehe schon. Die ganze Geschichte ist eine gemeine Intrige gegen mich – weiter nichts!« »Davon ist mir nicht das geringste bekannt«, erwiderte Marjorie zornig, die allmählich die Ruhe verlor. Ihr Gesicht hatte sich gerötet, und ihre Augen blitzten gefährlich. »Ich kann Ihnen nur das eine sagen, Lady Tynewood: Wenn man Sie an die Ehrentafel gesetzt hätte, dann wäre ich an dem Abend nicht erschienen und hätte überhaupt auf die Teilnahme verzichtet.«

Alma atmete hörbar. Sie nickte Mrs. Stedman kurz zu und ging kerzengerade zur Tür.

»Das soll Ihnen eines Tages noch leid tun. Dafür werde ich sorgen!« zischte sie zwischen den Zähnen und schlug die Tür heftig hinter sich zu.

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