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Der Mann, der seinen Namen änderte

Edgar Wallace: Der Mann, der seinen Namen änderte - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Mann, der seinen Namen änderte
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3-442-01194-9
created20111021
projectid4dc4e359
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5

Im nächsten Augenblick hatte Doktor Fordham Marjorie aus dem Zimmer gedrängt. Er faßte sie am Arm und zog sie zur Tür.

»Sie haben doch einen Wagen hier?«

»Was – was ist – denn geschehen?« fragte sie fassungslos.

Er antwortete nicht, sondern schob sie in die stürmische Nacht hinaus. Nachdem die große, schwere Eichentür hinter ihm zugefallen war, gab er dem Chauffeur eine Weisung, die sie nicht verstehen konnte.

»Steigen Sie doch ein«, sagte er dann ungeduldig zu ihr.

»Was ist passiert?« fragte sie wieder. »Gehen Sie zur Polizei?«

Er gab ihr auch diesmal keine Auskunft und stieg hinter ihr in den Wagen.

Schweigend fuhren sie durch das Dorf, und erst als sie am äußersten Ende hielten, begann er zu sprechen.

»Sie müssen jetzt zu Mr. Vance zurückkehren. Bis dahin dürfen Sie keinem Menschen erzählen, was Sie hier erlebt haben. Verstehen Sie mich?«

Sie sah ihn entsetzt an. Ihre Lippen zitterten, und sie war den Tränen nahe.

»Nein, ich werde niemandem etwas sagen«, erwiderte sie leise.

»Ich rufe Mr. Vance an. Er wartet in seinem Büro auf Sie, das hat er auch schon in seinem Brief erwähnt.«

»Ist Sir James tot?«

»Hoffentlich nicht«, entgegnete Doktor Fordham kurz.

Nach diesen Worten stieg er aus, schlug die Tür zu, und der Chauffeur fuhr weiter.

Als Marjorie in Paddington ankam, war sie erstaunt, Mr. Vance auf dem Bahnsteig zu finden. Die Rückreise war ihr schneller vergangen als die Hinfahrt. Ihre Gedanken hatten sich unausgesetzt mit den schrecklichen Ereignissen in Schloß Tynewood beschäftigt, und erst bei ihrer Ankunft in London kam ihr wieder zum Bewußtsein, wie hungrig sie war.

»Doktor Fordham hat mir am Telefon gesagt, daß er Ihnen leider nichts anbieten konnte. Sie müssen jetzt sofort etwas essen, und dann habe ich noch mit Ihnen zu sprechen.«

»Haben Sie schon alles erfahren?«

Er nickte.

»Ist – ist – Sir James –«

»Wir wollen nicht über die Sache sprechen, bis Sie gegessen haben«, sagte Mr. Vance liebenswürdig und anscheinend gut gelaunt, obwohl er in Wirklichkeit sehr verstört war. »Sie kommen jetzt mit mir in meine Wohnung.«

Erst als sie sich gestärkt und ein Glas Portwein getrunken hatte, erwähnte er Sir James Tynewood und die Tragödie wieder, die sich auf dem Schloß abgespielt hatte.

»Zunächst muß ich Ihnen eines ausdrücklich sagen«, begann er. »Sir James Tynewood ist nicht tot.«

»Gott sei Dank!« Sie atmete erleichtert auf. »Ich bin so entsetzlich erschrocken, als ich das Blut sah ...«

»Es war nur eine Fleischwunde, und er hat sich wieder erholt. Sein Zustand hat sich sogar so weit gebessert«, sagte er mit großem Nachdruck, »daß er morgen England mit einem Schiff verlassen wird.«

Sie starrte ihn verständnislos an.

»Will Sir James ins Ausland gehen?«

Er nickte.

»Begleitet ihn Lady Tynewood?«

»Nein, sie bleibt hier.«

»Aber – ich verstehe das alles nicht.«

»Sie werden die Sache auch niemals ganz verstehen können. Aber glauben Sie mir nur. Der Baron fährt morgen nachmittag mit dem Schiff ›Carisbrooke Castle‹ nach Kapstadt.«

Sie schüttelte ratlos den Kopf.

»Ich kann diese Rätsel nicht lösen. Was macht denn Mr. Smith von Pretoria? Fährt er auch nach Afrika?«

Er nahm die Zigarre aus dem Mund und betrachtete sie kritisch.

»Er begleitet Sir James«, erklärte er dann langsam. »Aber jetzt werde ich Sie in meinem Auto nach Hause schicken.«

*

Wenn Marjorie schon am Morgen nicht sehr mitteilsam gewesen war, so glich sie einer Sphinx, als sie spät abends nach Hause kam. Mrs. Stedman wollte natürlich zu gerne wissen, warum ihre Tochter so lange ausgeblieben war und was sie so ungewöhnlich erregt hatte. Aber nach einiger Zeit gab sie ihr Fragen verzweifelt auf.

Die geheimnisvollen Vorgänge auf Schloß Tynewood wurden noch rätselhafter für Marjorie, als sie am Montagmorgen wie gewöhnlich im Büro erschien und Mr. Vance traf. Er sah so aus, als ob er von all den Dingen, die am Sonnabend passiert waren, nichts wüßte. Nach ihren Erlebnissen in Tynewood erschien ihr die alltägliche Arbeit langweilig und uninteressant. Von ihrem Chef sah sie an diesem Tag wenig. Im allgemeinen klingelte er ihr, wenn er sie brauchte, da er nicht gern gestört wurde. Hatte sie eine Frage oder brauchte sie eine Auskunft von ihm, so mußte sie sich von ihrem Zimmer aus telefonisch mit ihm in Verbindung setzen.

Aber der Rechtsanwalt hatte die Angewohnheit, ab und zu mit der elektrischen Klingel zu spielen, wenn er in Gedanken war, und es kam fast jeden Tag vor, daß sie auf sein Zeichen hin in seinem Büro erschien, ohne daß er die Absicht gehabt hatte, sie zu rufen.

Spät am Montagnachmittag, als sie sich gerade zum Fortgehen fertigmachte, klingelte es in ihrem Zimmer. Sie legte den Mantel wieder ab, nahm Stenoblock und Bleistift und öffnete die Tür zu dem Arbeitszimmer ihres Chefs.

Dr. Fordham saß Mr. Vance am Schreibtisch gegenüber. Erschrocken blieb Marjorie stehen, denn sie erkannte sofort, daß der Rechtsanwalt sie nicht brauchte und wieder in einem Augenblick der Zerstreutheit auf den Knopf gedrückt hatte.

Die beiden Herren unterhielten sich lebhaft und kümmerten sich nicht um sie. Keiner sah sich nach der Tür um.

»Dann ist er also tatsächlich tot. Es tut mir wirklich leid um den armen Jungen!« sagte Mr. Vance gerade, als sich Marjorie lautlos entfernte.

»Ja, es ist sehr traurig«, entgegnete Fordham. »Aber ich dachte, ich hätte Ihnen am Telefon schon gesagt, daß nicht die geringste Hoffnung bestand, ihn zu retten.«

Schnell trat Marjorie in ihr Zimmer zurück und schloß die Tür leise hinter sich. Noch eine geraume Weile hielt sie die Klinke in der Hand, ohne sich dessen bewußt zu werden.

Sir James war also doch tot! Warum hatte Mr. Vance sie nur belogen? Und weshalb war dieser Mann wohl ermordet worden?

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