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Der Mann, der seinen Namen änderte

Edgar Wallace: Der Mann, der seinen Namen änderte - Kapitel 33
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pfad/wallacee/mannname/mannname.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Mann, der seinen Namen änderte
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3-442-01194-9
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32

Pretoria-Smith brach schließlich das lange, peinliche Schweigen, das diesen Worten folgte.

»Nachdem Sie nun Ihre kleine Rolle hergesagt und die nötige Sensation hervorgerufen haben, können Sie machen, daß Sie wieder verschwinden, sonst packe ich Sie am Kragen und werfe Sie hinaus! Und Sie können mit ihm gehen«, wandte er sich an Lady Tynewood.

Sie zitterte vor Wut.

»Er ist tot – das ist wahr!« stieß sie hervor und legte die Hand auf Kelmans Arm. »Kommen Sie.«

Die beiden entfernten sich zusammen.

Pretoria-Smith trat ans Fenster und sah ihnen nach, bis sie durch das Gartentor verschwanden, dann drehte er sich lachend um. »Nun, Mrs. Stedman, was sagen Sie zu alledem?«

Die alte Dame wußte nicht mehr, was sie denken sollte.

Es ist ganz schrecklich«, erwiderte sie nur.

»Ja, entsetzlich!« pflichtete er ihr bei.

Sie sah ihn pikiert an.

»So etwas ist noch nie in unserer Familie passiert!«

»Das ist wirklich schade. In unserer Familie sind viel schlimmere Dinge vorgekommen. Zwei meiner Vorfahren wurden gehenkt, und einem wurde der Kopf mit dem Schwert abgeschlagen. Sie können also ruhig sagen, daß es in der Familie liegt.«

»Schrecklich, schrecklich!« jammerte Mrs. Stedman wieder und schüttelte den Kopf. »Das kommt nun in alle Zeitungen!«

»Das ist weiter nicht schlimm. Wenn es nur nicht in die Magazine und Zeitschriften kommt. Aber im Ernst, Mrs. Stedman, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Es ist wirklich nichts passiert, was Ihnen Grund dazu gäbe.«

»Ich bin mit Lady Tynewood eng befreundet«, erklärte sie aufgebracht. »Und es ist mir furchtbar peinlich –«

»Regen Sie sich deshalb nicht auf. Sie sollen Ihr ganzes Leben lang eine enge Freundin von Lady Tynewood bleiben«, erwiderte Smith vergnügt. »Grämen Sie sich bitte deshalb nicht.«

Aber die alte Dame wollte nicht so leicht auf ihre böse Stimmung verzichten und ging auf ihr Zimmer.

»Was bedeutet das denn alles? Bist du wirklich Norman Garrick?« fragte Marjorie leise.

»Nein. Aber es gibt manchmal Augenblicke«, entgegnete er mit einem seltsamen Lächeln, »in denen ich wirklich nicht mehr weiß, wer oder wo ich bin.« Er holte tief Atem. »Ich glaube, es ist gut, wenn ich so bald wie möglich nach Südafrika fahre.«

*

Merkwürdigerweise sprachen Alma Tynewood und Lance Kelman im gleichen Augenblick auch über die Abreise von Pretoria-Smith. Javot nahm widerwillig an dieser Beratung teil.

»Sie müssen den Haftbefehl beantragen, bevor sich der Mensch aus dem Staube macht«, sagte Lance. »Ich kenne diese Art Leute. Ich habe ihn durch meine Worte gewarnt, und er wird auch prompt darauf reagieren. Die nächste Nachricht von ihm lautet sicher, daß er geflohen ist.«

»Einen Augenblick«, erwiderte Javot. »Wir wollen doch erst einmal Klarheit schaffen. Sie behaupten, daß er Norman Garrick, der Halbbruder von Sir James, ist. Wie haben Sie denn das eigentlich herausgebracht?«

»Das war allerdings sehr schwer«, sagte Lance Kelman und streifte Lady Tynewood mit einem zärtlichen Blick. Aber sie war jetzt nicht in der Stimmung, mit ihm zu flirten. »Wenn Sie so wollen, war es direkt eine Inspiration, zu der mich diese Dame hier veranlaßte. Ich wurde durch sie gewissermaßen zu meinen Erfolgen angespornt. Die Überzeugung, daß meine Bemühungen dazu beitrugen, sie in den Augen der Welt wieder zu rehabilitieren, trieb mich an, Tag und Nacht zu arbeiten –«

»Also, schwätzen Sie keinen Kohl«, entgegnete Javot kühl. »Sagen Sie uns lieber, was Sie eigentlich herausgebracht haben.«

Mr. Kelman sah ihn betroffen an und schluckte ein paarmal.

»Ich habe Doktor Fordhams Reisen nachgeforscht« fuhr er dann etwas kleinlaut fort. »Er kam in derselben Woche in England an, in der Sie Sir James heirateten«, wandte er sich an Alma. »Ich konnte allerdings die Passagierliste nicht mehr einsehen. Aber er kam mit einem anderen Herrn an, der ein paar Tage später mit einem anderen Schiff nach Übersee ging. Die Nacht vor seiner Abreise logierte dieser Herr im Grand Western Hotel in Southampton, weil die Abfahrt des Schiffes um einen Tag verschoben wurde. Er war allein und schrieb sich als Norman Garrick in das Fremdenregister ein. Ich habe die Eintragung selbst gelesen.«

»Das war also zwei Tage nach meiner Hochzeit?«

»Schwören kann ich allerdings nicht auf das Datum, aber auf einen oder zwei Tage kommt es doch wirklich nicht an. Auf jeden Fall wohnte er als Mr. Norman Garrick in dem Hotel und mietete einen Wagen, in dem er an demselben Abend nach Schloß Tynewood fuhr. Das konnte ich noch in der Garage feststellen. Soviel wußte ich, als ich heute zurückkam, und dann habe ich noch die frühere Haushälterin Doktor Fordhams aufgesucht. Wie Sie wissen, kam ich zuerst hierher, und Sie erzählten mir, daß Lady Tynewood schon bei der Frau war.«

Javot nickte.

»Ich stellte meine Nachforschungen bei ihr allerdings ganz anders an als Sie, Alma«, sagte Lance jetzt in herablassendem Ton. »Ich fragte nicht nach Dokumenten, sondern ging direkt auf mein Ziel los und erkundigte mich, ob sie sich auf etwas Wichtiges besinnen könnte, das vor vier Jahren passierte. Und da erzählte sie mir –«, er machte eine Pause, um seinen Worten mehr Ausdruck zu geben, »daß auf dem Schloß ein Herr erschossen worden sei!«

»Woher wußte sie denn das?« fragte Alma schnell.

»Sie erinnerte sich, daß der Doktor Verbandstoffe und Medikamente aus seinem Hause holte. In der ersten Aufregung erzählte er ihr, daß jemand erschossen worden sei. Als er dann aber später heimkam und sie ihn nochmals nach dem Unglücksfall fragte, sagte er, daß er sich versprochen hätte. Der betreffende Herr wäre unerwartet gestorben. Es handelte sich um den Bruder von Sir James. Und dabei hatte sie keine Ahnung, daß der Mann überhaupt krank gewesen war. Damals war nur der alte Pförtner im Schloß, denn Sir James kam nur selten nach Tynewood.«

»Das klingt ja alles ganz gut«, erwiderte Mr. Javot nachdenklich. »Aber was haben Sie denn vorhin für einen Unsinn gefaselt von einem Haftbefehl gegen Garrick?«

»Nun, es ist doch ganz klar«, sagte Kelman unangenehm berührt. »Wenn Sie Ihre Angaben bei der Polizei machen, wird der Haftbefehl sicher morgen früh ausgestellt.«

»Die ganze Sache ist Quatsch«, erklärte Javot. »In diesem Fall wird kein Haftbefehl ausgestellt, glauben Sie mir. Was sagte doch Pretoria-Smith über die Kirche St. Giles in Camberwell?«

Lady Tynewood wiederholte die Worte, und Javot nickte.

»Ich würde dir den Rat geben, einmal hinaufzugehen und in deinem Schmuckkasten nachzusehen«, sagte er ernst. »Vielleicht fehlt doch etwas.«

Sie ging nach oben und kam nach wenigen Minuten bestürzt zurück.

»Es ist also tatsächlich fort!« sagte Javot böse, als er einen Blick auf ihr Gesicht geworfen hatte. »Na, dann bist du ja in einer ebenso schlimmen Lage wie Pretoria-Smith. Und wenn ich ehrlich sein soll, würde ich bei einer Wette eher auf ihn als auf dich setzen. Mir dämmert allmählich der wahre Sachverhalt.«

Er sah zu Lance hinüber, der verständnislos zugehört hatte.

»Vielleicht kommen Sie heute abend wieder, Mr. Kelman. Ich muß jetzt verschiedene Privatangelegenheiten mit Lady Tynewood besprechen.«

»Wenn ich im Wege bin, gehe ich natürlich«, erwiderte Lance.

»Ja, Sie sind ein wenig im Wege«, sagte Javot gelassen. »Vergessen Sie nicht, wir speisen um halb acht.«

Der junge Mann wartete darauf, daß Lady Tynewood ihn zum Bleiben aufforderte, aber als sie sich nicht rührte, ging er und fühlte sich ausgenützt und betrogen.

»Nun wollen wir einmal vernünftig miteinander reden und uns keine Illusionen machen«, begann Javot, als Kelman verschwunden war. »Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen.«

»Was meinst du denn?« fragte sie, aber sie wußte sehr gut, was er wollte.

»Pretoria-Smith hat deinen Trauschein. Unglücklicherweise ist es nicht das Dokument, das deine Verheiratung mit Sir James Tynewood bestätigt. Das wäre auch nicht schlimm, denn für ein paar Shilling kann man sich eine Kopie davon machen lassen. Er hat die Urkunde, in der die Trauung von Augustus Javot und Alma Trebizond Johnson in der Kirche St. Giles in Camberwell bescheinigt wird. Der Teufel mag wissen, wo du den Namen Trebizond aufgelesen hast. Es klingt, als ob dein Vater ein Armenier wäre.«

»Aber er darf es nicht wagen, mich wegen Bigamie anzuzeigen. Wir haben ihn in der Hand.«

Er schüttelte den Kopf.

»Meine liebe Alma, glaube mir, dieser Pretoria-Smith ist ein ganz gewitzter Junge. Den kannst du nicht so leicht fassen. Du hast ihn gar nicht in der Hand. Am besten gehst du morgen zu ihm und sprichst dich einmal richtig mit ihm aus.«

»Ich soll mich mit ihm aussprechen?« rief sie wütend. »Hältst du mich denn für verrückt?«

»Du wärst jedenfalls verrückt, wenn du es nicht tätest. Und ich möchte dir noch eins sagen. Ich liebe diese Gegend und ziehe nicht gern von hier fort. Aber wir kommen natürlich nicht um die Tatsache herum, daß wir – oder vielmehr du in seiner Macht bist, denn ich habe ja kein Verbrechen begangen. Ich habe die Bigamie nur schweigend geduldet und verziehen.«

»Nein, das tue ich nicht«, erklärte sie etwas ruhiger als vorher. »Ich muß mir alles noch reiflich überlegen, Javot. Für mich bedeutet es viel mehr als für dich.«

Sie überlegte die ganze Nacht, und am nächsten Morgen kam sie im Jagdkostüm schon zeitig zum Frühstück.

Javot sah sie erstaunt an.

»Du bist ja heute schon sehr früh aufgestanden?«

»Ja, ich will Kaninchen schießen.«

»Was haben dir denn die Karnickel getan?« fragte er.

»Ich brauche Zerstreuung, und ich bin in einer Stimmung, daß ich morden könnte.«

»Na, dann Heil und Sieg für die Kaninchenjagd«, erwiderte er belustigt.

Sie vermied die Hauptstraße und ging über den Feldweg, der sie zur hinteren Gartentür des Stedmanschen Anwesens brachte.

Pretoria-Smith, der im Schatten eines großen Baumes eine Pfeife rauchte, sah sie und beobachtete, wie sie ihr Gewehr an die Mauer lehnte, bevor sie ins Haus ging.

Zehn Minuten später kam er auch ins Wohnzimmer.

Mrs. Stedman strahlte, denn Alma war in einer versöhnlichen Stimmung. Auch Pretoria-Smith reichte sie lächelnd die Hand.

»Es tut mir unendlich leid, daß ich gestern so heftig gegen Sie war. Es war natürlich ein Irrtum. Hoffentlich verzeihen und vergessen Sie die dumme Angelegenheit.«

Er übersah ihre Hand, erwiderte aber ihr Lächeln.

»Nun, ich muß mich auch bei Ihnen entschuldigen«, sagte er.

Marjorie fühlte einen Schauder, als sie das Spiel beobachtete, das die beiden miteinander trieben.

Sie hatte keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte, denn ihr Mann und Alma waren in fröhlicher Laune und scherzten. Er neckte sie wegen ihrer früheren Bühnentätigkeit. Als sie nachher in den Garten gingen, folgte sie ihnen und sah, wie Lady Tynewood ihr Gewehr aufnahm.

»Warum denn solche Mordwaffen?« fragte er.

»Ich will Kaninchen schießen. Die ärgern mich.«

Dann bemerkte Marjorie entsetzt, daß Lady Tynewood ihr Gewehr sehr unvorsichtig handhabte. Die Mündung zeigte direkt auf das Herz von Pretoria-Smith, und beide Hähne waren gespannt.

Er sah es auch, aber er rührte sich nicht.

»Ich kann Kaninchen nicht leiden« erklärte Alma heftig und drückte ab.

Sie hörte das Knacken, senkte erschreckt die Waffe und starrte ihn wild an. Er schaute in ihr verstörtes Gesicht und lächelte.

»Ich habe mir erlaubt, die beiden Patronen herauszunehmen, bevor ich ins Wohnzimmer kam, Lady Tynewood.«

»Es war ein Zufall«, sagte sie und atmete schwer.

»Beinahe ein Zufall. Sie tun mir im Augenblick wirklich leid. Sie sind in die Enge getrieben, Alma Javot, und Sie wissen keinen Ausweg mehr.«

Ihre Lippen zuckten nervös. Sie hatte sich nicht mehr in der Gewalt. »Ich bin nicht schlimmer daran als Sie«, erwiderte sie.

»Besprechen Sie die Sache mit Javot«, entgegnete er leise, wandte sich um und ging fort.

Marjorie folgte ihm wieder ins Wohnzimmer.

»Sie wollte dich erschießen«, sagte sie betroffen. »Sicher kam sie schon mit dieser Absicht hierher!«

»Ach nein.« Er klopfte ihr freundlich auf die Schulter. »Du machst dir unnötig Kummer und Sorgen.«

»Das sagst du, um mich zu ärgern und wieder zur Vernunft zu bringen. Aber sie hat es doch wirklich versucht?«

»Ja, das hat sie getan. Sie ist eine arme Frau. Ich müßte eigentlich furchtbar böse auf sie sein, aber es ist nicht meine Art, zu hassen oder anderen Menschen etwas nachzutragen. Bedenke doch, wie groß die Versuchung für sie war. Ich meine nicht, mich zu erschießen, sondern den armen Jungen zu heiraten.«

»Du nanntest sie vorhin Alma Javot –?«

»Sie ist Javots Frau, und als sie meinen Bruder heiratete, beging sie Bigamie.«

»Er war dein Bruder?«

Er nickte. »Ich bin bereit, ihr die Rente weiterzuzahlen, und es ist vielleicht besser, daß ich ihr das möglichst bald schreibe, damit sie nicht noch mehr Dummheiten macht.«

»Du bist bereit – wie soll ich das verstehen?« fragte sie.

»Ich bin James Tynewood.«

Sie schwankte leicht. Er dachte, sie würde ohnmächtig werden und legte den Arm um sie. »Das ist ja heute ein aufregender Tag«, sagte sie. »Ich glaube, ich muß mich setzen.«

»Fühlst du dich nicht wohl? Du wirst doch nicht schwach werden?« fragte er ängstlich.

»Wenn du mich hältst, wird es schon vorübergehen.«

Er neigte sich über sie. »Und wenn ich dir jetzt einen Kuß gäbe, würdest du dann entsetzt davonlaufen, oder würdest du ohnmächtig werden?«

»Das möchte ich gern wissen. Willst du es nicht versuchen?«

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