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Der Mann, der seinen Namen änderte

Edgar Wallace: Der Mann, der seinen Namen änderte - Kapitel 26
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Mann, der seinen Namen änderte
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3-442-01194-9
created20111021
projectid4dc4e359
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25

»Mein Mann hat sich nun wieder vollständig von dem Anfall erholt. Er hat schwer an Malaria gelitten, seitdem er nach Europa kam, und leider war wohl hauptsächlich mein Verhalten dran schuld, daß man seinen Zustand ganz anders beurteilte und ihn für einen Trinker ansah. Ich habe selbstverständlich an Lord Wadham und auch an den Prinzen geschrieben, um sie über den wahren Grund jenes Vorfalls aufzuklären. Mein Mann möchte im Gasthaus von Tynewood logieren, aber das ist natürlich unmöglich ...« Hier unterbrach sich Mrs. Stedman mit der Entschuldigung, daß sich der weitere Inhalt des Briefes nicht zum Vorlesen eigne.

Alma Tynewood konnte jedoch sehr gut sehen und entdeckte weiter unten ihren eigenen Namen.

»Ja, das ist alles, meine Liebe«, sagte Mrs. Stedman, faltete das Blatt hastig zusammen und legte es in ihre Schreibmappe.

»Dann kommt das glückliche junge Paar also nach Hause zurück, und er ist kein Trinker? Wenigstens sagt seine liebe Frau so«, erwiderte Alma nachdenklich. »Es ist wirklich rührend.«

»Ich hoffe, mein Kind wird glücklich«, seufzte Mrs. Stedman.

»Glücklich?« fragte Lady Tynewood belustigt und lachte ironisch. »Diese Art Leute kann doch eine Frau nicht glücklich machen! Und ich bin noch gar nicht davon überzeugt, daß Marjorie –« Sie vollendete den Satz nicht. »Nun, das werden wir ja noch alles sehen. Ich möchte gern freundschaftlich mit Ihrer Tochter verkehren, wenn sie mir nur halbwegs entgegenkommt.«

Alma legte jetzt tatsächlich Wert darauf, mit Marjorie gut zu stehen, denn der Reichtum dieser jungen Frau war ein unerschöpfliches Reservoir für sie, wenn Mrs. Stedmans Spielleidenschaft nicht nachließ.

»Marjorie ist ein gutes Mädchen«, sagte die alte Frau.

Lady Tynewood schaute interessiert in ihre Teetasse.

»Ist sie nicht früher einmal in Stellung gewesen?« fragte sie.

Mrs. Stedman erschrak. »O ja«, erwiderte sie zögernd. »Es ging uns nicht immer so gut wie jetzt. Bevor mein Schwager das Geld zurückzahlte, das er früher einmal von meinem Mann geborgt hatte, mußten wir uns sehr einschränken.«

Sie erzählte anderen Leuten mit Vorliebe, daß Mr. Alfred Stedman ihr das Geld nicht schenkte, sondern eine alte Schuld beglich, und daß ihr Mann in vergangenen Zeiten seinem Bruder viel Geld geliehen hatte.

»Ja, Lady Tynewood, wir haben schlechte Zeiten durchgemacht, weil Mr. Stedman das Geld nicht zurückzahlte. Marjorie war eine Zeitlang bei Rechtsanwalt Vance beschäftigt – eine sehr alte, angesehene Firma. Mr. Vance war früher auch der Anwalt meines Mannes, und er kümmerte sich sehr um Marjorie. Natürlich hatte sie eine Sonderstellung und war von der gewöhnlichen Tätigkeit einer Stenotypistin befreit.«

»Zum Beispiel mußte sie keine Botengänge machen«, warf Lady Tynewood dazwischen.

»Um Himmels willen, nein!« sagte Mrs. Stedman entrüstet. »Mr. Vance war sehr traurig, als sie ihm kündigte, aber ich freute mich, daß sie gehen konnte. Denken Sie, zwei Nächte hintereinander kam sie einmal sehr spät nach Hause, war bleich und zitterte am ganzen Körper. Ich glaubte schon, daß ich den Arzt holen müßte. Ganz zuletzt noch wurde sie in einer wichtigen Angelegenheit von Mr. Vance auf das Land geschickt, und als sie heimkam, brach sie vollständig zusammen. Ich kann mich noch gut auf den Abend besinnen. Am selben Tag erhielt ich einen großen Scheck von meinem Schwager.«

»Ach, hat er damals die große Goldmine entdeckt?«

»O nein, meine Liebe, die hat er erst viele Monate später gefunden«, erklärte Mrs. Stedman. »Er hatte erst eine kleine Ader entdeckt, die aber schließlich zu der großen Mine führte.«

Die alte Frau hatte keine Ahnung von Goldminen, aber sie wußte doch so viel, daß sie Lady Tynewood wenigstens das auseinandersetzen konnte.

»Hat Ihnen Ihre Tochter später einmal erzählt, was sie an jenem Abend gesehen hat oder was sie an den beiden Tagen überhaupt erfuhr?« fragte Alma gleichgültig.

»Marjorie sagt mir niemals, was sie erlebt. Sie ist in der Beziehung furchtbar schweigsam.«

Alma dachte schnell nach.

»War Mr. Vance sehr gut mit ihr befreundet?«

»Das kann ich wohl sagen. Sie müssen bedenken, daß sie doch die Tochter eines alten Klienten war.«

»Hat er noch Briefe mit ihr gewechselt, nachdem sie nicht mehr bei ihm tätig war?«

Die alte Frau schaute erstaunt auf.

»Das ist aber eine sonderbare Frage. Warum interessieren Sie sich denn so sehr für diese Einzelheiten?«

Lady Tynewood lachte.

»Ich möchte eben gern wissen, welche Beziehungen zwischen einem Chef und seiner früheren Privatsekretärin bestanden, nachdem sie nicht mehr zusammenarbeiteten.«

»Es ist merkwürdig, daß Sie gerade diese Frage stellen«, sagte Mrs. Stedman langsam. »Ich hatte nämlich immer den Eindruck, daß Mr. Vance und Marjorie ein Geheimnis miteinander haben. Natürlich kam es überhaupt nicht in Frage«, sagte sie mit ehrbarer Miene, »daß sich Mr. Vance in Marjorie verliebt hätte, denn er hat eine Frau und sechs Kinder. Nein, diese Möglichkeit war vollkommen ausgeschlossen.«

Alma hatte eine größere Lebenserfahrung und hielt, das durchaus nicht für vollkommen ausgeschlossen. Sie war aber bereit, Mrs. Stedman in diesem besonderen Fall zu glauben.

»Ich weiß, daß Marjorie manchmal sehr bekümmert und aufgeregt war«, erzählte die alte Frau weiter. »Als ich einmal eine ganz harmlose Bemerkung machte, wurde sie plötzlich kreidebleich.«

»Was für eine harmlose Bemerkung war denn das?«

»Lassen Sie mich einmal nachdenken.« Mrs. Stedman runzelte die Stirn. »Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich erwähnte nur, daß die frühere Wirtschafterin von Doktor Fordham am anderen Ende des Dorfes ein Haus gemietet hat.«

»Wer ist Doktor Fordham?«

»Ich kenne ihn überhaupt nicht, aber er muß vor einiger Zeit hier im Ort gewohnt haben. Nach seinem Tod ist seine Haushälterin hier geblieben. Ich glaube, Sir James hat ihr das Haus überlassen. Aber Sie müßten doch eigentlich etwas von der Sache wissen.«

»Ich weiß nicht das geringste davon. Aber wo liegt denn dieses Haus? Wohnt die Frau jetzt auch noch dort?«

Mrs. Stedman nickte.

»Ich fragte Marjorie, warum sie sich so sehr für Doktor Fordham interessierte, aber sie ging überhaupt nicht darauf ein, sondern sprach sofort von anderen Dingen.«

»Wie heißt die Haushälterin von Doktor Fordham?«

»Es ist eine gewisse Mrs. Smith«, sagte die alte Frau ungeduldig. »Aber heute sind Sie furchtbar neugierig. Diese Wirtschafterin kann Sie doch unmöglich interessieren. Ach so«, entschuldigte sie sich dann plötzlich, »das Haus gehört ja Sir James. Jetzt verstehe ich –«

Lady Tynewood erhob sich und verabschiedete sich bald darauf.

Sie fand Mr. Javot bei einem Spaziergang im Garten und erzählte ihm kurz, was sie von Mrs. Stedman erfahren hatte.

»Kümmere dich lieber nicht darum«, warnte er.

»Bist du verrückt?« fragte sie ärgerlich. »Siehst du denn nicht ein, was es für mich und für dich bedeutet, wenn James tot ist?«

Er kratzte sich das Kinn.

»Ich sehe eine Menge unangenehmer Folgen, die deine alberne Neugierde haben kann. Du scheinst überhaupt nicht mehr klar denken zu können.«

Sie hatte sich auf eine Gartenbank gesetzt. »Wenn James tot ist«, sagte sie langsam, »gehört alles mir, das Schloß und die vielen Güter. Und wenn er so starb, wie ich annehme, soll dieser gemeine Pretoria-Smith seiner Strafe nicht entgehen.«

»Kümmere dich bloß nicht um diese Dinge«, wiederholte der friedliebende Javot. »Du hast hier einen schönen Wohnsitz und ein bequemes Leben. Du brauchst doch nur Ruhe zu halten und dich deines Daseins zu freuen.«

»Nennst du das hier vielleicht ein Leben?« fuhr sie ihn wütend an. »Ich bin hier für die ganze Welt begraben und sitze in einem kleinen Nest auf dem Lande, wo ich Schweine und Enten großziehen kann! Ich habe den Aufenthalt hier gründlich satt, Javot. Ich will nach London zurück, aber dazu brauche ich viel Geld. Ich muß ein Haus in der Stadt haben und mehrere Autos. Außerdem möchte ich große Gesellschaften geben wie früher.«

»Du kannst doch jetzt schon wieder hingehen und dir dort eine kleine Wohnung mieten –«

»Was, eine kleine Wohnung?« brauste sie auf. »Meinst du, ich würde mich vor meinen Freundinnen blamieren, vor Mollie Sinclair und Millie Vane? Ich möchte ihre Gesichter sehen, wenn ich nach London zurückkäme und nicht standesgemäß auftreten könnte! Glaubst du, ich bleibe in diesem elenden Dorf, weil mir das Landleben Spaß macht? Nein, ich halte es nur aus, weil ich in London nicht repräsentieren kann, wie ich es als Lady Tynewood tun müßte. Weil ich nicht das Geld habe, das mir zusteht! Vor ein paar Tagen habe ich noch einen Brief von Mollie erhalten. Sie fragt mich, warum ich sie nicht einmal nach Schloß Tynewood einlade. Natürlich ahnt sie nicht, wie die Verhältnisse in Wirklichkeit liegen. Nein, ohne Geld gehe ich auf keinen Fall nach London zurück. Ich bin doch keine Idiotin!«

»Wenn du dich nicht ruhig verhältst, wirst du dich auch noch in Tynewood unmöglich machen.«

Sie sprang empört auf und ging fort.

Er lächelte und nahm ein welkes Blatt von einer Rose ab.

»Ja, so ist das Leben«, sagte er und gähnte.

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