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Der Mann, der seinen Namen änderte

Edgar Wallace: Der Mann, der seinen Namen änderte - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Mann, der seinen Namen änderte
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3-442-01194-9
created20111021
projectid4dc4e359
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24

Das kleine Haus lag am Abhang eines Hügels, und der Garten war von einem neuen, hübschen Zaun eingefaßt. Überall blühten die Kletterrosen.

Als die beiden ankamen, fanden sie den Teetisch gedeckt. Die alte Haushälterin bediente sie.

Der Nachmittag verging erträglich. Marjorie hatte viel Zeit nachzudenken, denn Pretoria-Smith sprach nur wenig und schien in Gedanken versunken zu sein. Eine Weile wanderte er ruhelos im Garten umher. Man hatte von dort aus einen schönen Blick auf das Meer. Später aßen sie zusammen Abendbrot, aber er blieb immer noch einsilbig. Marjorie wurde die Situation mit der Zeit unangenehm, und als die alte Haushälterin fragte, ob sie fortgehen dürfte, löhnte sie entsetzt ab. Die Frau wollte den Abend zu Hause mit ihrem Sohn verbringen, der bei der Marine diente und auf Urlaub war.

»Nein, nein, Sie können nicht gehen, Mrs. Parr. Sie müssen hier bleiben«, sagte sie verstört.

Pretoria-Smith sah erstaunt auf.

»Aber Marjorie, warum soll sie denn nicht gehen? Wenn ihr Sohn auf Urlaub ist, möchte sie doch gern mit ihm zusammen sein. Die Leute bekommen wenig Urlaub in letzter Zeit.«

»Aber ich kann doch nicht allein hier im Haus bleiben«, erwiderte die junge Frau, die dem Weinen nahe war. »Ich kann kein Feuer anmachen und weiß auch sonst nicht Bescheid.«

»Du brauchst doch auch kein Feuer anzumachen, höchstens in der Küche. Und wenn du es nicht kannst, koche ich morgen früh selbst den Tee.«

»Nein, Sie können nicht gehen, Mrs. Parr. Ich brauche Sie. Ich fühle mich nicht recht wohl, und mein Mann war heute auch krank.«

Die Frau sah ratlos und enttäuscht von einem zum andern. Als sie wieder in die Küche ging, folgte ihr Pretoria-Smith.

Fünf Minuten später kam er wieder, und gleich darauf brachte Mrs. Parr den Kaffee, servierte ihn und verschwand.

Sie sprachen noch über gleichgültige Dinge, dann horte Marjorie plötzlich, daß die Hintertür zugemacht wurde.

»Was hat denn das zu bedeuten?«

»Mrs. Parr ist nach Hause gegangen, um ihren Sohn zu sehen«, entgegnete er kühl. »Es ist doch kindisch, daß du dich so fürchtest, Marjorie. Die arme Frau hat wirklich Sehnsucht nach ihrem Jungen.«

Sie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte.

»Schon gut«, sagte sie endlich und versuchte, ihre Angst zu meistern. Sie hatte sowieso noch etwas mit ihm zu besprechen, und plötzlich fühlte sie sich sicherer.

»Ich hörte, daß du Mrs. Parr heute nachmittag den Auftrag gabst, eine Flasche Whisky in dein Zimmer zu stellen.«

Er nickte und sah sie ernst an.

»Ich wünschte aber – ich möchte, daß du das nicht tust«, entgegnete sie ebenso ernst.

Er runzelte die Stirn.

»Es tut mir sehr leid, daß du das nicht haben willst. Und wenn es dir lieber ist, kannst du die Flasche ruhig in dein Zimmer mitnehmen.«

»Ich wäre dann viel ruhiger. Du hältst mich wohl für pedantisch?«

Er lachte.

Zwei Stunden blieben sie noch zusammen, und sie versuchte krampfhaft, sich mit ihm zu unterhalten. Sie sprach über alle möglichen Dinge, um nicht an die eine große Tatsache denken zu müssen, die alles andere in den Schatten stellte. Seit zehn Stunden war sie nun mit diesem Mann verheiratet!

Um halb elf erhob sie sich.

»Ich gehe jetzt zu Bett«, sagte sie, wandte sich ohne ein weiteres Wort um und verließ den Raum.

Als sie in ihrem Schlafzimmer war, machte sie die Tür zu und fühlte nach dem Schlüssel, aber es war keiner vorhanden. Dann erinnerte sie sich, daß ihre Mutter aus Angst vor Feuersgefahr niemals einen Schlüssel in einer Tür duldete. Sie suchte erregt in ihrem Gepäck nach ihrem Schlüsselring, aber keiner paßte. Verzweifelt sank sie auf das Bett und starrte vor sich hin.

Sie war sehr müde. Die Ereignisse des Tages hatten sie doch mehr angegriffen, als sie gedacht hatte. Aber sie konnte nicht schlafen. Sie lag auf der Seite und lauschte angestrengt. Plötzlich hörte sie Schritte auf der Treppe und hielt den Atem an. Pretoria-Smith ging vorüber und schloß seine Tür leise.

Sie wartete eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, aber sie hörte keinen Laut mehr. Als die Uhr auf dem Kirchturm in Brightsea eins schlug, schlief Marjorie endlich ein.

Aber plötzlich fuhr sie entsetzt auf, strich sich das Haar aus Stirn und Gesicht und richtete sich auf. Sie hatte ein Geräusch gehört und wußte nicht, was es zu bedeuten hatte. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Jetzt vernahm sie es ganz deutlich auf dem Gang draußen krachte eine Diele. Sie konnte hören, wie schwer Pretoria-Smith atmete, und verstört beobachtete sie, wie sich die Klinke langsam nach unten senkte. Das Licht in ihrem Zimmer brannte noch. Die Tür öffnete sich leise und vorsichtig, als ob der Eindringling fürchtete, sie aufzuwecken. Pretoria-Smith kam herein. Er trug einen Schlafanzug und schwankte von einer Seite auf die andere.

Er sah zu dem Bett hinüber und hob den Blick langsam, bis er in Marjories bleiches Gesicht schaute.

»Was willst du denn?« brachte sie mühsam hervor.

»Ich möchte den Whisky haben«, erwiderte er mit belegter Stimme.

»Nein, nein, das gibt es nicht«, sagte sie und versuchte, einen scherzenden Ton anzuschlagen. »Du darfst nicht mehr trinken, wirklich, das mußt du nicht tun. Du hast gestern schon soviel getrunken, und wir haben doch abgemacht, daß die Flasche in meinem Zimmer bleiben soll.«

»Aber ich muß den Whisky haben«, entgegnete er müde. »Die Flasche ist hier – ich habe sie selbst hergebracht.«

Sie sah nach dem Waschtisch hinüber und entdeckte tatsächlich die Flasche.

»Es ist das einzige Mittel, das mir helfen kann«, sagte er halblaut.

Er schwankte und wäre gefallen, wenn er sich nicht an der Ecke des Bettes festgehalten hätte. Im gleichen Augenblick schlüpfte sie auf der anderen Seite hinaus und warf ihren Morgenrock um.

»Ich will dir die Flasche bringen. Aber bitte geh jetzt, ich komme dann in dein Zimmer.«

»Es ist das einzige, was mir hilft«, wiederholte er leise und zog sich höher, bis er ausgestreckt auf dem Bett lag. »Ach, mein Kopf – diese entsetzlichen Schmerzen!«

Sie sah ihn bestürzt an.

»Bist du krank?« fragte sie besorgt.

Er nickte.

»Mutter hat hier in der Hausapotheke verschiedene Medikamente.«

Sie ging rasch durchs Zimmer zu dem kleinen Wandschrank und öffnete ihn mit zitternden Fingern.

»Trinken darfst du nichts mehr. Was willst du denn haben?«

»Hast du etwas Chinin?« fragte er schwach.

Sie nahm ein Glas mit weißlichen Tabletten heraus und brachte sie ihm.

»Hier, bitte.«

»Gott sei Dank«, sagte er und griff hastig danach.

»Aber du darfst nicht trinken«, erklärte sie wieder.

»Trinken?« fragte er müde. »Ich habe seit acht Jahren nichts getrunken.«

Sie konnte ihren Ohren kaum trauen.

»Aber du warst doch betrunken, als du damals in den Saal kamst.«

»Betrunken?« wiederholte er und lächelte leicht. Dann schüttete er drei Tabletten in die Hand, legte den Kopf zurück und schluckte sie hinunter. »Bringe mir doch bitte etwas Wasser.«

Sie reichte ihm das Glas vom Nachttisch. Er trank begierig.

»Glaube mir, ich habe seit acht Jahren nichts getrunken. Denkst du wirklich, daß ich an dem Abend betrunken war, Marjorie? Frage doch den Prinzen selbst. Hast du nicht gehört, wie wir beide uns in Suaheli unterhielten? Wir sind alte Kameraden von den Jagdzügen in Südafrika her. Deshalb war er auch so nett zu mir. Ich hatte einen schweren Anfall von Malaria damals. Ich bin fieberkrank, seitdem ich nach England zurückkehrte. Zu dieser Jahreszeit leide ich immer darunter.«

»Malaria!« flüsterte sie, als sie den Zusammenhang plötzlich verstand. »Dann warst du auch während der Trauung nicht betrunken?«

Er lächelte wieder.

»Das hat mir gutgetan.« Er fuhr mit der Hand über die Stirne. »Die Kopfschmerzen sind schon fast weg. Du glaubst, ich wäre an unserem Hochzeitstag betrunken gewesen? Mein Gott, ich habe eine gefährliche Dosis Chinin genommen, um überhaupt für die Feier auf die Beine zu kommen. Fühle doch einmal meine Hand.«

Sie nahm sie in die ihre und hätte beinahe aufgeschrien, denn sie brannte wie Feuer.

»Ich habe beinahe vierzig Grad Fieber. Wenn du es messen willst, kannst du dich davon überzeugen«, sagte er schwach. »Könntest du mir nicht etwas heißen Kaffee geben?«

Sie eilte die Treppe hinunter und hatte im Nu ein Feuer in der Küche angemacht. Mit keinem Gedanken dachte sie daran, daß sie am vergangenen Abend erklärt hatte, nichts davon zu verstehen. Gleich darauf brachte sie ihm eine Tasse Kaffee. Er lag noch auf dem Bett, und sie deckte ihn zu.

»Du bleibst hier bis morgen früh«, erklärte sie entschieden. »Das Fieber steckt hoffentlich nicht an?«

»Ebensowenig wie das Trinken.«

Er lächelte sie noch einmal an und schlief dann ein.

Marjorie setzte sich neben das Bett und beobachtete ihn. Allmählich dämmerte der Morgen im Osten. All ihre Zweifel waren nun beseitigt, und ihr letzter Argwohn war verschwunden. In ihrem Innersten hatte sie bisher fest geglaubt, daß Pretoria-Smith der Mörder von Sir James Tynewood war, der unter anderem Namen in der Schloßkapelle begraben lag.

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