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Der Mann, der seinen Namen änderte

Edgar Wallace: Der Mann, der seinen Namen änderte - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Mann, der seinen Namen änderte
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3-442-01194-9
created20111021
projectid4dc4e359
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12

Mr. Vance, Chef der renommierten Rechtsanwaltfirma Vance and Vance, war gerade eifrig beschäftigt, als ihm ein Besuch gemeldet wurde. Er las die Karte und zog die Augenbrauen in die Höhe.

»Lassen Sie Miss Stedman näher treten.«

Er erhob sich und ging ihr halbwegs entgegen.

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen«, begann er. »Aber Sie kommen doch hoffentlich nicht zu mir, um sich in Rechtsangelegenheiten beraten zu lassen?«

»Nein, das gerade nicht«, entgegnete sie lächelnd.

»Man erzählt sich ja große Dinge darüber, wie angesehen Sie in Ihrer Gegend sind. Aber nehmen Sie doch bitte Platz. Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Ich muß sagen, daß ich Sie als Privatsekretärin sehr vermißt habe. Ja, der Ruf Ihrer Tüchtigkeit ist selbst bis zu meinem Büro nach London gedrungen. Wie ich hörte, haben Sie eine große Summe für das dortige Hospital zusammengebracht. Ich las auch in der Zeitung, daß Ihnen zu Ehren ein Essen stattfinden sollte. Haben Sie das schon hinter sich?«

»Nein, ich habe es noch vor mir, aber es wird nicht für mich allein abgehalten. Man will nur die Gelegenheit feiern, und alle Leute gratulieren sich, daß die Aufbringung des Fonds so gut gelungen ist. Und zu diesen Leuten gehöre ich auch.« Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht. »Mr. Vance, haben Sie eigentlich jemals meinen Onkel Alfred Stedman gesehen?«

»Soviel ich weiß, habe ich Ihnen diese Frage schon einmal beantwortet.« Er nickte. »Ich kann mich allerdings nur sehr dunkel auf ihn besinnen.«

»Sie wissen aber doch, daß er ein großes Vermögen erworben hat?«

»Gewiß. Das haben Sie mir ja damals geschrieben, und ich kann Ihnen dazu nur gratulieren. Aber was ist denn passiert?« fragte er schnell, als er den traurigen Ausdruck in ihren Zügen sah. »Hat er sein Geld etwa wieder verloren?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Manchmal wünschte ich direkt, daß es so wäre. Nein, das ist es nicht. Aber denken Sie, er hat den Versuch gemacht, über meine Zukunft zu bestimmen«, sagte sie zögernd.

Mr. Vance sah sie etwas verwirrt an, aber dann verstand er plötzlich den Sinn ihrer Worte.

»Ach so, er hat einen Mann für Sie ausgesucht?« fragte er vergnügt und zwinkerte ihr mit den Augen zu.

»Sie haben es erraten.«

»Und wer ist denn der Glückliche?«

»Jemand, den Sie sehr gut kennen.«

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Rechtsanwalts.

»Wie soll ich das verstehen – jemand, den ich sehr gut kenne? Miss Stedman, das müssen Sie mir genauer erklären. Ist es einer meiner Freunde?«

»Ich weiß nicht, ob er ein Freund von Ihnen ist. Ich habe ihn allerdings früher einmal in Ihrem Büro hier getroffen – es ist Mr. Smith von Pretoria.«

Er erhob sich halb aus seinem Stuhl und sah sie ungläubig an.

»Mr. Smith von Pretoria – das ist doch ausgeschlossen!«

»Wenn es nur so wäre!«

Trotz ihres Kummers amüsierte sie sich einen Augenblick über seine Verwirrung.

Dann erzählte sie ihm kurz die näheren Umstände, erwähnte den Brief ihres Onkels, die Unterredung mit ihrer Mutter und deren törichte Handlungsweise. Sie hielt es nicht für angebracht, diese Dinge jetzt noch zu verschweigen.

»Ich bin tatsächlich aufs höchste erstaunt«, erwiderte Mr. Vance etwas betreten, als sie geendet hatte. »Vor allem hatte ich nicht die geringste Ahnung, daß Mr. Smith augenblicklich in England ist.«

Er dachte einige Zeit nach, und Marjorie beobachtete ihn scharf. Ihre Mitteilungen hatten den alten Herrn in ungewöhnliche Erregung versetzt.

»Ich möchte Sie noch etwas fragen, Mr. Vance. Aber bitte sagen Sie mir jetzt die volle Wahrheit. Das klingt zwar etwas unhöflich, aber es handelt sich um meine Zukunft, und da muß ich die Wahrheit erfahren.«

»Was wollen Sie denn wissen?« fragte er ruhig.

»Was bedeutete der Auftritt, den ich an einem gewissen Abend vor vier Jahren in Schloß Tynewood beobachtete?«

Er schwieg eine Weile.

»Darauf kann ich Ihnen nicht antworten, Miss Stedman«, sagte er schließlich. »Wenn ich es täte, würde ich das Vertrauen eines Freundes verletzen, und es würde dadurch ein alter, geachteter Name in den Staub getreten werden.«

»Sie meinen die Ehre des Hauses Tynewood?« fragte sie schnell.

Er nickte.

»Dann beantworten Sie mir bitte eine andere Frage. Wenn ich mich für Pretoria-Smith entscheide, heirate ich dann nicht den Mann, der die Veranlassung dazu war, daß Sir James Tynewood aus England verschwand? Ich sage ausdrücklich nicht, daß er ihn ermordete«, fügte sie hastig hinzu. »Das wäre zu schrecklich. Ich weiß allerdings, daß Sir James Tynewood tot ist. Aber ich habe das Versprechen gehalten, das ich Ihnen gab, und mit keinem Menschen über jene Ereignisse auf dem Schloß gesprochen.«

Er sah Marjorie mit aufrichtiger Bewunderung an.

»Dafür bin ich Ihnen auch zu größtem Dank verpflichtet, Miss Stedman. Und auch Sir James wird Ihnen das sicher hoch anrechnen, wenn er wieder nach England zurückkehrt.«

Marjorie schaute ihn durchdringend an.

»Sir James Tynewood ist tot«, sagte sie fest. Seine Augen verengten sich.

»Ich wiederhole«, entgegnete er ruhig, »daß Sir James Tynewood Ihnen das hoch anrechnen wird, wenn er nach England zurückkehrt.«

Marjorie legte die Hand auf den Schreibtisch.

»Ich will ganz offen und ehrlich zu Ihnen sein. Ich weiß, daß Sir James Tynewood tot ist. Durch einen Zufall habe ich es erfahren. Ich kam damals in Ihr Zimmer, als Sie mit Doktor Fordham darüber sprachen.«

Er erhob sich und ging langsam im Zimmer auf und ab. Nachdenklich hatte er das Kinn auf die Brust gesenkt und die Hände auf dem Rücken gefaltet. Plötzlich blieb er vor ihr stehen.

»Sie haben also die Absicht, Pretoria-Smith zu heiraten?« fragte er.

Sie zuckte die Schultern. »Was bleibt mir denn sonst noch übrig?«

Er rieb sein Kinn.

»Sie könnten noch schlimmere Dinge tun. Pretoria-Smith ist ein sehr liebenswürdiger, charaktervoller Mann und stammt aus einer guten, alten Familie.«

»Heißt er wirklich Smith?«

»Sie wissen doch ganz genau, daß sich viele Leute Smith nennen«, erwiderte er gut gelaunt. »Miss Stedman –« er legte die Hand auf ihre Schulter, »wollen Sie einen guten Rat von Ihrem alten Freund annehmen?«

»Was raten Sie mir denn?«

»Pretoria-Smith zu heiraten«, lautete die erstaunliche Antwort.

»Was, ich soll einen Trunkenbold heiraten?« rief sie erregt und zornig.

»Wie kommen Sie denn auf eine solche Idee?« fragte er betroffen. »Pretoria-Smith ist doch kein Trinker!« sagte er dann ungläubig. »Das müssen Sie mir näher erklären.«

»Mein Vetter Lance Kelman hat eine Reise nach Südafrika gemacht und kennt daher den Mann genauer – wahrscheinlich viel besser als Sie. Er hat mir noch heute erzählt, daß er mit eigenen Augen, sah, wie Pretoria-Smith betrunken in den Straßen umherwankte.« Marjorie war ärgerlich auf ihren alten Chef, weil er ihr den Rat, gegeben hatte, diesen Menschen zu heiraten, and sie beobachtete nun triumphierend seine offensichtliche Bestürzung.

»Mr. Vance, wollen Sie mir nicht wenigstens sagen, wie er wirklich heißt? Ich kann doch nicht einen Mann heiraten, dessen Namen ich nicht einmal kenne.«

Er zögerte und sah sie unentschlossen an.

»Wenn ich Ihnen das mitteile, müssen Sie mir aber versprechen, und zwar feierlich und unverbrüchlich, weder Pretoria-Smith noch sonst jemandem zu sagen, daß Sie es von mir erfahren haben.«

»Gut, das verspreche ich Ihnen«, erwiderte sie sofort.

»Also – er heißt in Wirklichkeit Norman Garrick«, entgegnete er langsam.

»Norman Garrick?« wiederholte sie. Plötzlich glaubte sie einen Zusammenhang zu erkennen. »War er irgendwie verwandt mit dem jungen Mann, der jetzt tot ist?«

Sie konnte den Namen Tynewood im Augenblick, nicht aussprechen.

Mr. Vance suchte Zeit zu gewinnen und antwortete nicht gleich.

»Er ist sein Halbbruder«, sagte er dann leise. »Mehr kann ich Ihnen aber nicht erzählen.«

Er unterhielt sich noch eine Weile mit ihr über das Leben, das sie auf dem Lande führte, und über das große Festessen. Dann verabschiedete sie sich von ihm. Im äußeren Zimmer hielt sie kurz an, um den Bürovorsteher zu begrüßen, mit dem sie früher sehr gut gestanden hatte.

»Man wird wirklich an die guten, alten Zeiten erinnert, wenn man Sie wiedersieht, Miss Stedman«, meinte er vergnügt. »Ich muß schon sagen, es ist nach Ihnen kein Mensch mehr hier gewesen, mit dem ich so gern zusammengearbeitet habe wie mit Ihnen.«

»Ich soll wohl wiederkommen und Ihnen helfen? Sie haben sicher sehr viel zu tun und werden nicht mit der Arbeit fertig«, erwiderte sie lachend.

»Ach, das habe ich mir schon oft gewünscht. Auf meinem Platz sammeln sich die Aktenstöße und die Dokumente, und es ist niemand da, der alles so schön ordnen könnte, wie Sie es früher taten.«

Auf seinem Schreibtisch türmten sich tatsächlich die Schriftstücke in wildem Durcheinander.

»Sie haben es niemals verstanden, Ordnung zu halten, Mr. Herman«, sagte sie und begann rein mechanisch die Papiere zu sichten.

Als sie einen Stoß auf der einen Seite des Schreibtisches niedersetzte, fiel ihr Blick zufällig auf ein kleines Aktenstück, das mit einer roten Schnur zusammengebunden war. Sie nahm es auf, um es zu den anderen Schriftstücken zu legen, und las dabei die Aufschrift.

»In Sachen Norman Garrick.«

Mit einem Ausruf ließ sie den Aktendeckel fallen und starrte den Bürovorsteher an.

»Wer ist denn Norman Garrick?« fragte sie ängstlich.

Mr. Herman sah sie sonderbar an, nahm dann das Aktenstück und schob es in eine Schublade.

»Er ist einer unserer Klienten«, entgegnete er gleichgültig. »Das heißt, er gehörte früher dazu, denn vor einiger Zeit ist er gestorben.«

Zwei Minuten später ging Marjorie wie im Traum die Straße entlang, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander.

Pretoria-Smith war Norman Garrick – und Norman Garrick war tot! Wer war denn nun Pretoria-Smith? Der Mann hatte ja überhaupt keine Existenzberechtigung!

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