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Der Mann, der seinen Namen änderte

Edgar Wallace: Der Mann, der seinen Namen änderte - Kapitel 10
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Mann, der seinen Namen änderte
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3-442-01194-9
created20111021
projectid4dc4e359
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9

Mrs. Stedman sah nervös zu ihrer Tochter hinüber.

»Aber Marjorie, du hast dir Lady Tynewood zur Feindin gemacht!« sagte sie vorwurfsvoll.

Die alte Frau besaß keinen starken Willen und war eigentlich nicht befähigt, ein Kind zu erziehen und ihre Mutterpflichten zu erfüllen. Aber es gibt viele Frauen, die ihrer Aufgabe in dieser Beziehung nicht gewachsen sind, ihre Kinder nicht verstehen und nur neben ihnen herleben.

»Das ist doch sehr gleichgültig«, erwiderte Marjorie hoffnungslos. »Die Feindschaft von Lady Tynewood ist die geringste meiner Sorgen.

»Sie war aber gut mit uns befreundet, und ich bin sicher, daß Onkel Alfred es nicht gern sehen würde, daß du eine Dame von Adel derartig beleidigst.«

»Ach, Mutter, ich kümmere mich nicht um solche Damen von Adel.« Marjorie war den Tränen nahe. »Sie hat ihren Titel doch nur durch Heirat erhalten, und ihr Mann hat ihn auch nur geerbt, weil sich seine Vorfahren Verdienste erworben haben. Adel hat doch nur dann Wert, wenn er durch persönliche Tüchtigkeit erlangt wird.«

»Das klingt ja wie Hochverrat«, erklärte Mrs. Stedman streng. »Ich wünschte nur, du würdest nicht derartig sozialistische Ideen äußern.«

Marjorie mußte trotz ihrer unglücklichen Stimmung lachen.

»Wir wollen uns nicht über Adelstitel streiten, Mutter. Ich habe so viele andere Dinge mit dir zu besprechen, die weit wichtiger sind.« Sie wußte nicht, wie sie am besten beginnen sollte. »Wohnst du eigentlich gern in diesem Haus?« fragte sie schließlich nach einer Pause.

»Selbstverständlich!« Mrs. Stedman hielt diese Frage für einen ungeschickten Versuch Marjories, das Thema zu wechseln. »Aber ich sage dir, daß Lady Tynewood –«

»Wir wollen vorläufig einmal nicht über diese Dame reden«, entgegnete Marjorie geduldig. »Aber gibt es nicht wertvollere Dinge, die du mehr liebst als das Leben in diesem Hause, wo du von allem Komfort umgeben bist?«

»Ich glaube schon«, erwiderte die alte Frau unsicher. »Wenn man zum Beispiel daran denkt, daß man in nicht allzu langer Zeit sterben wird –«

»Nein, das meinte ich nicht«, sagte Marjorie ernst. »Ich wollte über sehr reale, lebenswichtige Dinge mit dir sprechen über das Glück und die Ehre deiner Tochter.«

Mrs. Stedman sah plötzlich auf, und ihre Mundwinkel senkten sich.

»Was meinst du damit – die Ehre deiner Tochter?« fragte sie bestürzt. »Du hast doch nicht am Ende etwas von dem Geld für dich gebraucht, das du für das Hospital gesammelt hast?«

Marjorie erhob sich und trat zum Fenster.

»Ich weiß wirklich nicht mehr, ob ich lachen oder weinen soll.«

»Dann lache, bitte.« Mrs. Stedman rückte ihre Brille zurecht und griff nach einer illustrierten Zeitung. »Meine Stimmung ist schon trüb genug.«

»Mutter, nehmen wir einmal an, daß wir von hier fortziehen müßten.« Marjorie wandte sich wieder um. »Und daß wir vielleicht wieder so leben müßten wie früher.«

»Wie kommst du nur auf so absurde Ideen!« Mrs. Stedman schauderte zusammen. »Das würde ich keine Woche überleben! Die Großzügigkeit und Güte deines lieben Onkels Alfred hat uns doch glücklicherweise diese Sorge abgenommen.«

»Aber nimm doch einmal an, daß wir trotzdem dazu gezwungen würden«, erwiderte Marjorie verzweifelt.

»Nicht einmal im Traum würde ich das annehmen«, entgegnete ihre Mutter ärgerlich. »Du regst mich in der letzten Zeit wirklich furchtbar auf, Kind. Mit keinem Gedanken denkst du daran, daß du eine herzleidende Frau vor dir hast. Willst du mich denn durchaus krank machen und mich unter die Erde bringen? Ich hoffte schon, daß du heute wenigstens etwas teilnehmend und rücksichtsvoll zu mir wärst. Ich muß dir nämlich etwas mitteilen.«

»Du mußt mir etwas mitteilen?« wiederholte Marjorie langsam. Eine ungewisse Furcht befiel sie. »Aber es ist vielleicht besser, daß ich zuerst erzähle, was ich dir zu sagen habe. Wieviel Geld haben wir eigentlich in den letzten Jahren gespart, Mutter?«

»Gespart?« rief Mrs. Stedman mit schriller Stimme. »Wovon hätten wir denn sparen sollen? Du bist wohl ganz von Sinnen?«

Marjorie sah sie verstört an.

»Was, du hast gar nichts gespart? Aber wir haben doch jährlich zweitausend Pfund von Onkel Alfred bekommen – das sind vierzigtausend Shilling! Und brauchten keine Miete zu zählen und hatten Gemüse und Obst aus dem Garten! Es blieben doch nur die Löhne für die Dienstboten und die Rechnungen für den Haushalt übrig – da mußt du doch gespart haben!«

Mrs. Stedman schüttelte den Kopf, und zwei Tränen liefen über ihre Wagen.

»Nein, ich habe kein Geld sparen können«, entgegnete sie weinerlich. »Ich habe mein Konto auf der Bank sogar schon um fünfhundert Pfund überzogen – und – und –« Sie schluchzte heftig auf.

»Und?« fragte Marjorie mit schwerem Herzen. Sie war blaß geworden und strich mit zitternden Händen über ihr Haar. »Sage mir die volle Wahrheit, Mutter.«

»Ich habe auch noch über tausend Pfund Schulden«, stieß Mrs. Stedman hervor. Marjorie sank in den nächsten Stuhl.

»Sieh mich doch nicht so schrecklich an! Ach, ich wünschte manchmal, ich hätte überhaupt kein Kind. Du hast mich niemals richtig getröstet, wenn ich es am meisten nötig hatte!«

Marjorie faßte sich nur mühsam, und es gelang ihr kaum, ein Wort über die Lippen zu bringen.

»Wem schuldest du denn das Geld?«

»Lady Tynewood«, erwiderte ihre Mutter jetzt gereizt und beleidigt. »Ich weiß gar nicht, was dir eigentlich einfällt, mich derartig auszufragen. Ich bin deine Mutter, und du solltest Achtung vor mir haben. Aber die modernen jungen Mädchen denken ja immer nur an sich selbst und niemals an ihre Eltern!«

Marjorie sah zum Fenster hinaus. Nun wurde ihr plötzlich klar, was die stundenlangen Besuche ihrer Mutter in der Villa der Lady Tynewood bedeuteten. Sie wunderte sich jetzt auch nicht mehr darüber, daß Alma Mrs. Stedman stets im Auto abholen ließ.

»Du hast das Geld wohl beim Bridgespiel verloren?« fragte sie leise. »Mr. Javot hat sicher auch mitgespielt?«

»Ja.« Mrs. Stedman war wieder kleinlaut geworden und schluchzte. »Marjorie, ich hatte in der ersten Zeit so fabelhaftes Glück! Ungefähr tausend Pfund habe ich gewonnen. Später habe ich dann dauernd verloren. Aber Alma war sehr liebenswürdig und nett zu mir. Du mußt sie nicht falsch beurteilen. Sie hat sich wirklich wie eine Freundin mir gegenüber benommen und niemals ihr Geld verlangt, obwohl ich weiß, daß ihr eigenes Einkommen ziemlich klein ist.«

Marjorie ging auf ihre Mutter zu und legte freundlich den Arm um ihre Schulter.

»Gib mir das Versprechen, daß du nie wieder spielst. Wir können uns das nicht leisten.«

»Nein, so darfst du nicht sprechen. In den nächsten Tagen werde ich alles wieder zurückgewinnen – und noch mehr dazu«, erklärte Mrs. Stedman eifrig. »Du hast keine Ahnung, was für entsetzliche Karten ich bekommen habe.«

»Das kann ich mir schon vorstellen, wenn du gegen Alma Tynewood gespielt hast«, sagte Marjorie mit einem bitteren Auflachen.

Konnte sie ihrer Mutter unter diesen Umständen überhaupt von dem Brief erzählen, den sie erhalten hatte? Es hatte ja gar keinen Zweck, die Sache mit ihr zu besprechen. Welche Hilfe oder welchen Trost sollte sie in ihrer schweren Lage von dieser Frau erwarten, die jede Hilfe und jeden Trost für sich selbst in Anspruch nahm wie trockener Sand, der das Wasser aufsaugt und nicht zurückgibt? Ihre Mutter hatte mehr als tausend Pfund Schulden gemacht, und in der nächsten Woche hörten ihre Einnahmen auf. Dieser Schlag mußte die alte, selbstsüchtige Frau zu schwer treffen. Marjorie biß sich auf die Lippen und schaute auf ihre Mutter nieder, die gekrümmt in dem großen Sessel saß und hemmungslos weinte.

»Gräme dich nicht so sehr«, sagte sie tröstend. »Wir werden schon fertig werden und durchkommen. Das Haus ist ja schließlich auch noch etwas wert.«

»Was redest du da? Das Haus ist auch noch etwas wert?« fuhr Mrs. Stedman plötzlich auf. In ihrer Entrüstung vergaß sie, die Rolle der bekümmerten, alten Frau weiterzuspielen. »Du glaubst doch nicht etwa, daß wir das Haus verkaufen oder eine Hypothek aufnehmen sollten? – Außerdem habe ich bereits mehrere Hypotheken darauf genommen«, fügte sie halb trotzig hinzu.

Marjorie hatte geglaubt, daß sie nichts mehr aus der Fassung bringen könnte, aber bei dieser Mitteilung brach sie doch beinahe zusammen.

»Du hast Hypotheken auf das Haus eintragen lassen?« fragte sie mit schwacher Stimme. »Aber Mutter, es gehört dir doch gar nicht! Du kannst doch nicht ohne Einwilligung von Onkel Alfred Hypotheken aufnehmen! Darüber hat doch nur er zu bestimmen!«

»Er hat uns das Haus doch geschenkt«, erwiderte Mrs. Stedman gekränkt. »Er hat es mir direkt übergeben, und ich kann damit machen, was ich will. Marjorie, du regst mich ganz entsetzlich auf! Und gerade jetzt dachte ich, daß du an Onkel Alfred schreiben würdest. Er hat dich so gern, und du könntest ihn doch tatsächlich bitten, daß er uns mit Geld aushilft. Schreibe ihm, daß du heiraten möchtest, oder so etwas Ähnliches ...«

»Daß ich heiraten möchte!« wiederholte Marjorie und lachte hysterisch auf.

Dann eilte sie plötzlich ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.

Mrs. Stedman sah ihr verblüfft nach und hörte noch, daß ihre Tochter die Treppe hinaufstürmte, die Tür ihres Schlafzimmers hinter sich zuschlug und den Schlüssel umdrehte.

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