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Der Löwe Alois und andere Geschichten

Gustav Meyrink: Der Löwe Alois und andere Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGustav Meyrink
titleDer Löwe Alois und andere Geschichten
publisherEinhorn-Verlag
yearo.J.
illustratorCarl Olaf Petersen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180517
projectidbe598434
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Zeichnung: Carl Olaf Petersen

Die Erzählung vom Raubmörder Babinski

In schwermütiges Träumen versunken saß ich auf einer steinernen Bank am Ufer der Moldau und blickte in den nächtlichen Nebel hinein. Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die letzten aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt.

Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und aufblickte, lag der Fluß in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von der schweren Nacht eingehüllt, in eintönigem Grau dahinströmte und der Gischt des Staudammes als weißer, blendender Streifen schräg hinüber zum andern Ufer lief. Ich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurückzumüssen in mein trauriges Haus, das wie eine Grabstätte für die Lebendigen tief drinnen in der schmutzigen traurigen Judenstadt lag. Der Glanz einer kurzen Nachmittagsfreude, von der ich fühlte, daß sie nie mehr wiederkehren würde, hatte mich für immer zum Fremdling in meiner Wohnstätte gemacht.

Ich war heimatlos geworden, begriff ich, – hier und drüben, diesseits und jenseits des Flusses. Ein Bild aus der Vergangenheit tauchte plötzlich in meinem Innern auf und ließ mich für einen Augenblick meine trübe Stimmung vergessen: beim Schein einer Lampe saß mein alter Freund, der greise Marionettenspieler Zwakh vor mir und lächelte mich freundlich an, als wollte er mich rufen. Deutlich sah ich das lebhafte Spiel seiner Augen, das seltsam abstach von seinen starren, wie aus Holz geschnitzten roten jugendlichen Bäckchen und dem schneeweißen Haar, als stünde er leibhaftig vor mir, und ich verglich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit den maskenhaften Gesichtern seiner Puppen, die er alljährlich zur Weihnachtszeit auf dem Markte des Altstädter Rings ihre wunderlichen Verbeugungen machen ließ.

»Was sind wir Menschen anderes, als hilflose Marionetten, die ein grausames Schicksal an Fäden führt – hierhin und dorthin, um uns ohne Sinn und Grund plötzlich, wie aus kindischer Laune, fallen zu lassen?« – wollte mich ein melancholischer Gedanke von neuem in das Gefühl einer grenzenlosen Trauer zurückreißen, aber eine leise, fast süße Sehnsucht, – voll jenes Schimmers, den nur die Vergangenheit den Dingen verleiht –, eine immer lebendiger werdende Sehnsucht, meine drei Freunde: Zwakh, den Maler Vrieslander und den Musiker Josua Prokop mit dem Schlapphut, den langen schwarzen Haaren und den dunkeln, ewig lustigen Augen einmal wiederzusehen, hielt mich plötzlich gefangen.

»Sie werden im Gasthaus zum ›alten Ungelt‹ bei einem Glase Grog sitzen«, malte ich mir aus, »und einander tolle, groteske Geschichten erzählen« und, als hörte ich ihre Stimmen dicht in meiner Nähe, stand ich auf und schritt halb im Schlaf über die menschenleere steinerne Brücke in dem Gefühl, ich sei bereits mitten im Kreis meiner Freunde.

Ich tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze Monumente drohend auftauchen und einsame Schilderhäuser und die Schnörkel von Barockfassaden.

Der matte Schein einer Laterne wuchs zu riesigen, phantastischen Ringen wie verblichene Regenbogenfarben aus dem Dunst heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in der Luft.

Dann stand ich mit einemmal in dem Torbogen, von dessen Seitenwand aus eine schmale Tür mitten in das Gastlokal des altmodischen Hauses »zum alten Ungelt« führt, und erstickte einen Augenblick später fast in dem dichten Tabaksqualm.

»Jessas, der gnädige Herr von Pernath! – Mein Kompliment wünsch ich« – sagte eine hohe Knabenstimme; – ich fühlte die kleine Hand des Pikkolos an meinem Mantelkragen zerren und mich fürsorglich in das »Klubzimmer« meiner Freunde geleiten. – – – – – – – – – –

Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen alten Tisch herum, – alle drei, weiße dünnstielige Tonpfeifen zwischen den Zähnen, und das Zimmer voll Rauch.

Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so schluckten die dunkelbraunen Wände das spärliche Licht der altmodischen Hängelampe ein.

In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben Entenschnabelnase! Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen, so daß die Stimmen der Gäste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms herüberdrangen.

Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem Kopf, mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe unter dem Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem vergessenen Jahrhundert. Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken gesteckt, klapperte unaufhörlich mit seinen gespenstisch langen Knochenfingern und sah bewundernd zu, wie sich Zwakh abmühte, der bauchigen Arrakflasche das Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen.

»Das wird Babinski«, erklärte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. »Sie wissen nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzählen Sie Pernath rasch, wer Babinski war!«

»Babinski war«, begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von seiner Arbeit aufzusehen, »einst ein berühmter Raubmörder in Prag. Viele Jahre betrieb er sein schändliches Handwerk, ohne daß es jemand bemerkt hätte. Nach und nach fiel es in den besseren Familien auf, daß, bald dieses, bald jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und sich nie wieder blicken ließ. Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die Sache gewissermaßen ihre guten Seiten hatte, indem man weniger zu kochen brauchte, so durfte wiederum nicht außer acht gelassen werden, daß das Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und man ins Gerede kommen konnte.

Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Töchter handelte.

Überdies verlangte es die Hochachtung vor sich selbst, daß man auf ein bürgerliches Zusammenleben in der Familie nach außen hin das nötige Gewicht legte.

Die Zeitungsrubriken: »Kehre zurück, alles ist verziehen«, wuchsen immer mehr und mehr, – ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig, wie die meisten Berufsmörder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, – und erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit.

In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der innerlich ein ausgesprochener idyllischer Charakter war, mit der Zeit durch seine unverdrossene Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim geschaffen. Ein Häuschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen davor mit blühenden Geranien.

Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu vergrößern, sah er sich benötigt, um die Leichen seiner Opfer unauffällig bestatten zu können, statt eines Blumenbeetes – wie er es gern gesehen hätte – einen grasbewachsenen und schlichten, aber den Umständen angemessen, zweckmäßigen Grabhügel anzulegen, der sich mühelos verlängern ließ, wenn es der Betrieb oder – die Saison erforderte.

Auf dieser Weihestätte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages Last und Mühen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf seiner Flöte allerlei schwermütige Weisen zu blasen.«

»Halt!« unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlüssel aus der Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang:

»Zimzerlim zambusla – deh.«

»Waren Sie denn dabei, daß Sie die Melodie so genau kennen?« fragte Vrieslander erstaunt.

Prokop warf ihm einen bitterbösen Blick zu: »Nein. Dazu hat Babinski zu früh gelebt. Aber was er gespielt haben kann, muß ich als Komponist doch am besten wissen. Ihnen steht darüber kein Urteil zu: Sie sind nicht musikalisch. – – Zimzerlim – zambusla – busla – deh.«

Zwakh hörte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlüssel wieder einsteckte, und fuhr dann fort:

»Das beständige Wachsen des Hügels erweckte allmählich Verdacht bei den Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der gelegentlich von weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der Gesellschaft erwürgte, gebührt das Verdienst, dem selbstsüchtigen Treiben des Unholdes ein für allemal Schranken gesetzt zu haben: Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum. Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden Umstandes eines ansonsten trefflichen Leumunds zum Tode durch den Strang und beauftragte zugleich die Firma Gebrüder Leipen – Seilwaren en gros und en détail – die nötigen Hinrichtungsutensilien, soweit diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung ziviler Preise einem hohen Staatsärar gegen Quittung auszuhändigen. Nun fügte es sich aber, daß der Strick riß und Babinski zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde.

Zwanzig Jahre verbüßte der Raubmörder hinter den Mauern von Sankt Pankraz, ohne daß je ein Vorwurf über seine Lippen gekommen wäre; – noch heute ist der Beamtenstab des Institutes voll Lob über seine vorbildliche Aufführung, ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres allerhöchsten Landesherrn ab und zu die Flöte zu blasen.

Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlüssel, aber Zwakh wehrte ihm.

»– infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pförtners im Kloster der ›Barmherzigen Schwestern‹.

Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging ihm dank der großen, während seines früheren Wirkungskreises erworbenen Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so daß ihm hinlänglich Muße blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig ausgewählter Lektüre zu läutern.

Zeichnung: Carl Olaf Petersen

Die daraus resultierenden Folgen waren hoch erfreulich.

So oft ihn die Oberin Samstagsabends ins Wirtshaus schickte, damit er sein Gemüt ein wenig erheitere, jedesmal kam er pünktlich vor Anbruch der Nacht nach Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral stimme ihn trübe und so viel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte mache die Landstraße unsicher, daß es für jeden Friedliebenden ein Gebot der Klugheit sei, rechtzeitig die Schritte heimwärts zu lenken.

Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte eingerissen, kleine Figürchen feil zu halten, die ein rotes Manterle umhängen hatten und den Raubmörder Babinski darstellten.

Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches.

Gewöhnlich aber standen sie in den Läden unter Glasstürzen, und über nichts konnte sich Babinski so empören, als wenn er eines derartigen Wachsbildes ansichtig wurde.

»Es ist im höchsten Grade unwürdig und zeugt von einer Gemütsroheit sondersgleichen, einem Menschen beständig die Verfehlungen seiner Jugendzeit vor Augen zu führen«, pflegte Babinski in solchen Fällen zu sagen, »und es ist tief zu bedauern, daß von seiten der Obrigkeit nichts geschieht, so offenkundigen Unfug zu steuern.«

Noch auf dem Totenbette äußerte er sich in ähnlichem Sinne.

Nicht vergebens, denn bald darauf verfügte die Behörde die Einstellung des Handels mit den ärgerniserregenden Babinskischen Statuetten.

 

Zwakh tat einen mächtigen Schluck aus seinem Grogglas, und alle drei grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach der farblosen Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Träne im Auge zerdrückte.

Zeichnung: Carl Olaf Petersen

 

*

 

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