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Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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Mit dem letzten Worte wären wir denn wohl wieder bei dem jungen Kohl angelangt und bei dem Affen, den er sich in seiner Verlassenheit, und diesmal sogar zum heiligen Christ, möglicher Weise kaufen konnte und wollte. Natürlich mit dem Vorschuß, den er sich vom Doktor Rodenstock in Anbetracht dieser Weihnachtsstimmung, auf das nächste Jahr hin, hatte geben lassen. Daß es damit ganz anders kam, als er es sich vorgestellt hatte, dafür konnte er nichts. Und es kam wirklich verwunderlich anders.

Zuerst blieb es beim schlechten Wetter. Dieses war in den Tagen vom zwanzigsten bis zum vierundzwanzigsten Dezember so widerwärtig, daß selbst das Schicksal es nicht mit seinem Gewissen vereinigen konnte, einen Reporter in es hinauszuschicken. Nicht das Geringste fiel in Stadt und Umgegend vor, was des Berichterstattens werth gewesen wäre. Kohl stellte aus den eingesendeten Reklamen der besten und schlechtesten aller auf das liebe Fest spekulirenden Kaufleute und Fabrikanten der Stadt noch eine letzte »Weihnachtswanderung« zusammen und gab darin seinen letzten »populären« Humor weg.

Nachher war er völlig fertig mit demselben und reif für Alles, was außerhalb desselben liegt. Es geht wie immer gegen all unser Gefühl; aber wir haben ihm noch einmal ein scheußliches Wort nachzuschreiben: am Morgen des Tages Adam und Eva war ihm brecherlich zu Muthe. Und sein Befinden besserte sich auf dem Redaktionsbureau nicht, wurde bei Tische in seinem Restaurationslokale noch schlimmer und auf seinem Sopha nach einer kurzen asthmatischen Schlummerstunde ganz schlecht.

Es wurde ihm elegisch zu Muthe – bis zum »Tagebuch-Anfangen«, und das will viel sagen.

»Ja, ich sollte endlich im Ernste damit beginnen,« seufzte er. »Wenn ich mir selber von meinen Erlebnissen und Erfahrungen schriftlich was hinterlassen will, so wird es Zeit. Zeit? Fuit! Blamire Dich nicht, alter Sohn: auch in dieser Hinsicht ist für Dich – Zeit gewesen, aber nicht mehr vorhanden. Blech! Wüste! Kohl! . . . O Kohl, gab es nicht auch einmal eine noch ferner entlegene Zeit, wo Du Dich bemühtest und Dir einbildetest, eigene Gedanken zu haben? Giebt es denn noch etwas über die nächste Tagesredensart, über das letzte Cliché Hinausliegendes? Wie liegst Du hier, mit dem grauen Himmel da draußen und der zerkauten Cigarre im Maul? Ein einbalsamirter Ichneumon ist doch vorher wenigstens etwas gewesen! hat doch seine Krokodileneier ausgefressen! Aber was hast Du Anderes ausgefressen als Dummheiten? Ein einbalsamirter Pharao faulster Sorte in seiner Pyramide kann für Dich, lieber Junge, noch etwas Beschämendes an sich haben: Mumienweizen zum Beispiel in seiner vertrockneten zehntausendjährigen Faust. Mit Mumienkornblumen vermischt. Donnerwetter, doch eigentlich eine ganz reizende Idee – eine Mumienkornblume!«

Er saß mit ihr, der »Idee«, aufrecht auf seinem Lotterbett:

»Wäre es denn möglich, daß die auch bei mir seit ungezählten Jahrhunderten, Jahrtausenden tief zugedeckt gelegen hätte?«

Er lag wieder, nur in einer etwas bequemeren Lage:

»Na, zum Henker, von wem sollte der liebe, sentimentale Keim bei mir wohl herstammen? . . . Von meiner Mutter gewiß nicht! Die war dazu eine viel zu scharfe Hausfrau und immer viel zu froh, wenn sie ihre Oster-, Pfingst- und Weihnachtsgefühle wieder aus der Seele und Wirtschaft los war und die Quälerei und Unruhe hinter sich hatte. Von meinem seligen Papa? Beim hundsköpfigen Osiris, beim heiligen Stier Apis, geht es mir nicht, und – nicht zum ersten Male – auf, daß diese katzenjämmerliche Stimmung von ihm herstamme, daß ich in meiner Konstitution ihm dafür zu danken habe? Natürlich habe ich es von ihm, von meinem wackeren Alten, dem lieben, prächtigen Kerl. Der arme Kerl. Ist nicht seine ganze Erdenexistenz so eine Mumienfaust voll Mumienweizen, sammt allem Blumenkram dazwischen, gewesen? Ist Der sein lebelang untergefuttert gewesen; mit seiner Wissenschaft, seiner Gelehrsamkeit, seinem Talent zum guten Gatten und Familienvater etcetera. Nichts hat er zum Grünauflaufen und zum Blühen gebracht als mich. Mich! Es wäre zu lächerlich, wenn es nicht zu betrüblich wäre. Nun, der Himmel verleihe ihm eine gedeihlichere Ernte in einer besseren Welt. Hm, wenn man so an Alles zurückdenkt und es sich klarer legt! Sackerment, findet man denn heute die richtige Lage für seine Gemütsbewegung auf dieser verdammten Marterbank?«

Es schien nicht so. Der mißgelaunte Sohn seines braven Vaters, der junge Doktor Kohl schwang jedenfalls die Beine von seinem Sopha zur Erde nieder und saß nunmehr, die Ellenbogen auf den Knien und den zerzausten Haarwulst nebst beiden Ohren fest zwischen den Fäusten:

»Hm, und zu wem kam eigentlich der alte Schnarrwergk? das vivisektionelle Greuel! Wen suchte dieser E-T-A-Hoffmannsche Sandmann bei unseren verdrossenen Laren und Penaten? Mich? meine Mama? oder die bei der wie ein verirrtes allerliebstes herrenloses Kätzlein zugelaufene kleine Müllerin, unseren einzigen Lichtpunkt im ewigen, täglichen Katzenjammergrau, unser Fräulein Rosinchen Müller? Des ewigen Langeweilers, meines Alten, wegen schenkte er uns das Vergnügen und kam! Den holte er sich auch ab zum Spazierenlaufen und zwar bei jeglichem Regenwetter, für dessen Dauerhaftigkeit Zeus wirklich aufkam –«

Der melancholische Grübler, plötzlich völlig von seinem Erinnerung und seiner besseren Einsicht überwältigt, sprang auf, stand inmitten seines Gemaches und seufzte wehmüthig, ingrimmig wie Einer, der wahrhaftig nur durch eigene Schuld irgend etwas versäumt hat:

»Wie war es denn eigentlich? Haben sie mich nicht mit sich nehmen wollen, oder habe ich nicht gewollt? Verdammt – ich, ich habe keine Lust gehabt, sondern mir jedesmal eingebildet, ich wisse etwas Besseres als neben den zwei mürrischen, maulfaulen Greisen, mit ihren sonderbaren Lapidarbemerkungen alle Viertelstunde, draußen im Landregen herumzulaufen! O, ich Esel! ich wollte, ich hätte es heute hier im Trockenen, was ich damals im Nassen nicht mitgenommen habe zwischen dem Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk und dem Professor der Geschichte im Dienst Kohl!«

Er hob die Schultern hoch in die Höhe und schob die Hände tief in die Taschen seiner winterlichen Lodenjoppe. Dabei holte er ein zerkrumpeltes Stadtpostbillet hervor, glättete es noch einmal mechanisch und nahm den Inhalt wieder in sich auf:

Ich erwarte Dich in der Hanebuttenstraße, kindlich, festlich gestimmt. Süße Nacht, heilige Nacht! bringe alle Deine Stimmungen mit; aber auch das Verabredete. Ich meinestheils habe gesorgt. An mir wird es nicht liegen, wenn die Naturhistorie morgen nicht einen Karton in ihre wissenschaftlichen Werke einlegen muß, des Vierhänders wegen, der zwischen uns Beiden in die Erscheinung einzutreten voll und ganz, ganz und voll berechtigt ist.

Ich erwarte Dich bestimmt mit der heiligen Dämmerung!

Dein
Bogislaus Blech.

»Ich wollte, ich wüßte einen Anderen, dem ich mich heute Abend zum heiligen Christ bescheeren könnte,« seufzte Warnefried Kohl. »Ich wollte, ich wüßte einen Anderen, dem ich heute Abend durch irgend etwas, was ich ihm mitbrächte, eine rechte Freude machte.«

* * *

Wir begleiten ihn natürlich so wenig zu Tische wie nachher ins Kaffeehaus. Es kann uns kein Vergnügen gewähren, ihn die gewohnten Partien Skat entweder gewinnen oder verlieren zu sehen. Glück und Unglück bei dem geistreichen Spiel war heute ihm völlig ein und dasselbe. Das Erstere vermochte seine Laune nicht zu verbessern, das Andere sie nicht zu verschlechtern. Es war ihm »im Ganzen zu öde und zu dumm zu Muthe«.

In dieser Stimmung aber treffen wir ihn zwischen drei und vier Uhr Nachmittags wieder in den Gassen und zwar im Begriff, nach Freund Blechs Wunsch und Erwartung das Seinige für das »fragliche Vergnügen« des heutigen Abends einzuholen und mitzubringen. Was er anstatt der Flasche echten alten Jamaikas auf seinem Wege fand, werden wir sofort erfahren.

Sie malen und schildern uns in ihren Büchern und Bildern die heilige Christnacht als im tiefen reinlichen Schnee begraben und mit dem Glitzern der Sterne darüber. Auch ein Schneesturm ist dann und wann gestattet, liegt bequem in der Hand und paßt in die Stimmung. Daß das Wetter zu Weihnachten meistens ganz anders ist, dafür kann weder der Pinsel, noch die Feder der Herren und Damen.

Es ist anders. Es thut Einem noch nicht einmal den Gefallen, ordentlich zu regnen. Aber es hat gewöhnlich geregnet, und das Wetterglas steht zwischen sechs und acht Grad über Null; es ist eine Temperatur, die der Mensch, welcher keine »Weihnachtsgeschichte« zu schreiben und nicht für den Holzschnitt der betreffendem Journalneujahrsnummer zu zeichnen hat, unbehaglich nennt. Nicht warm, nicht kalt – feuchtkalt! und grau, recht grau, so daß die Abenddämmerung mit ihren Lichtern aus Läden und Jahrmarktsbuden zuerst die erste wirkliche warme und der Zeit angemessene Beleuchtung bringt –

»Sie kennen mich, Aigner, und ich verlasse mich auf Sie,« sprach Doctor philosophiæ Kohl, eindringlich-verdrießlich dem Inhaber einer der bekanntesten Firmen der Stadt den Rockknopf fast abdrehend. »Punkt sechs, wenn es rundum klingelt, ist Ihr Kameel mit seiner Last von Getränken, Kaviar und dem Uebrigen in der Hanebuttenstraße. Numero so und so, Herr Photograph Blech, eine Treppe.«

»Aber Herr Doktor?« rief der große Delikatessenmann wirklich vorwurfsvoll. »Ich werde die beiden Herren doch kennen! Verlassen Sie sich ganz auf mich. Mit dem ersten Licht auf der Weihnachtstanne ist der Mann in der Hanebuttenstraße. Ihr ganz Gehorsamster, mein bester Herr Doktor, und recht vergnügte Feiertage.«

»Jetzt noch einige Unfälle – übergefahrene Kinder, ertappte Weihnachtstaschendiebe, Gardinenbrände und gesperrte Pferdebahnlinien für das Blatt, und die Bedingungen zum Vergnügen sind vollständig vorhanden,« brummte der bekannteste Herr Doktor der Stadt, einige Gassen weiter, nach seiner Reporterbrieftasche in der Rocktasche fühlend. »Da haben wir die Geschichte ja schon! Was ist denn hier los, liebster Scharwachtmeister?«

»Scharwachtmei– Herr! was geht denn Sie – ja so, Sie sind es, Herr Doktor, na, das ist was Anderes, entschuldigen Sie. Kommen Sie nur mit Ihrem Notizbuch näher, und – ihr da – kein Gedrängele. Laßt ihm Luft! Madam, wenn ich rathen darf, und Sie noch lieber Einkäufe zu machen haben, die Läden werden doch bald geschlossen. O, eigentlich nichts von Interesse fürs große Publikum, Herr Doktor Kohl. Nur hoffentlich ein Ohnmachtsanfall – wenn auch eine Manchem bekannte Persönlichkeit. Günstigsten Falles bloß ein leichter Schlaganfall für Sie und das Blatt, Herr Doktor. Wir warten nur auf die nächste Droschke für den Herrn Thierarzt Schnarrwergk, wenn Sie ihn vielleicht persönlich kennen.«

»Da hört doch Alles auf!« rief Paul Warnefried Kohl, sowohl die Scharwache, wie die anderen ihm noch im Wege Stehenden bei Seite schiebend. Es war im weihnachtlichen Marktverkehr so ziemlich in der Gegend, wo er neulich auch der kleinen Müllerin wieder begegnet war, und wie gesagt, um die Stunde, wo der grüne Wald, der sich von draußen, oft aus weiter Ferne, je nach den geographischen Umständen, von den Thüringer Bergen, vom Harz, vom Riesengebirge in die Stadt gezogen hat, um ein Beträchtliches lichter und begrenzter geworden ist. Die Stunde, um welche die jungen Tannen sehr im Preise sinken, bis sie endlich zu jedem Preis losgeschlagen werden. Der Rest ist Brennholz.

Inmitten dieses weihnachtlichen Birnamwaldes hatte sich der Pathe Schnarrwergk hingelegt und sein An- und Umsich der Ehrlichkeit des Volkes und dem Schutze der Polizei anheimgeben müssen. Ein altes hinter ihm knieendes Weib hielt sein Haupt im Schooße; die Kräuterfrau vom Altstadtring, die Frau Erbsen hatte ebenfalls ihren Kram der Ehrlichkeit des Volkes anbefohlen und sich ganz dem alten Freunde und Gönner zur Verfügung gestellt.

»Nehmen Sie doch mal die Weihnachtspackete, die er hat fallen lassen, an sich, Herr Doktor. Ein Anfall von Bewußtlosigkeit, Herr Doktor Kohl! Es wird darauf ankommen, ob's sein erster oder sein letzter ist.«

»Du lieber Gott, Frau Erbsen, ist denn noch kein Arzt in Sicht?«

»Die suchen Sie mal, wenn Sie die gerade nöthig haben, Herr Doktor Kohl. Nein, nein, da kommen Sie doch lieber zu mir. Mich finden Sie immer auf meinem Platze, bei gutem und schlechtem Wetter, hinter meinen Körben und Arzneien und wirklichen Heilmitteln. Na, das wissen Sie ja, und haben auch in der Zeitung davon geredet, wofür ich meinen Dank –«

»Verruchte –« wollte der junge Berichterstatter unterbrechen, aber er besann sich eines Besseren. »Was ist denn Ihre Meinung, Mutter Erbsen?«

»Nun, es sieht sich hoffentlich schlimmer an, als es ausfällt. Er athmet wie ein Kind, der alte Schnarcher. Wie ein schlafend, unschuldig Kind liegt er mir hier im mütterlichen Schooße; man sollt's nicht für möglich halten, wenn man ihn seit Menschenaltern im Wachen kennt. Aber die Droschke könnte doch allmählich da sein, Herr Polizeiwachtmeister.«

»Ei, ei, was begiebt sich denn hier?« flötete in diesem Augenblick, dem Freund Kohl über die Schulter, der schöne Bogislaus. »Ist es die Möglichkeit? Der Herr Nachbar! mein herziger Fafnersdrache. O Rosina! Aber ich bitte Dich, liebe Puppe, bester Kohl, was ist denn das für ein neuer Scherz von dem schätzebewachenden, ärgernißmachenden, nachbarschaftnarrenden, menschheitanschnarrenden grauen Unhold? Das ist ja eine saubere Bescheerung – vielleicht auch für unser armes Rosinchen.«

»Ja!« ächzte der Reporter, »eine saubere Bescheerung. Ich verbitte mir übrigens alle albernen Bemerkungen. Sieh nach der Droschke und dem Arzt. Gottlob, endlich!«

Die Droschke kam, und ein Arzt, der den Doktor natürlich auch kannte, und der dem Doktor Kohl seinerseits nicht unbekannt war, fand sich, und fand sich bereit, mit den beiden Freunden und dem Thierarzt Schnarrwergk nach der Hanebuttenstraße zu fahren und das nöthige Weitere zu veranlassen. Er war ebenfalls noch ein junger Doktor, der nicht zu Hause zum Christbaum erwartet wurde und auch keine Einladung zu einem solchen erhalten hatte.

»Wo gehen die Herren nachher hin?« fragte er unterwegs. »Kann man sich nicht noch irgendwo wieder zusammenfinden?«

»Meinen Sie nicht, daß das doch ein wenig von den Umständen abhängt, Doktor?«

»Ja, das kann ich freilich nicht wissen,« meinte der Arzt, seiner weihnachtlichen Stimmung entsagend. »Ich meinte, auch die Herren verrichteten nur einen Zufalls-Samariterdienst. Nu, nu, wir wollen das Beste hoffen.«

In der Hanebuttenstraße schwang sich die Mutter Erbsen mit jugendlichster Behendigkeit vom Kutschbock herab.

»Mein Enkelkind wird sich mit meinem Großhandel im Apotheker- und Küchenwesen wohl richtig nach Hause finden; und so will ich es doch gern persönlich sehen, wo Sie mit dem Herrn Thierarzt verbleiben und in was für Hände er für die nächste Zeit hingegeben ist. So gute Bekannte giebt man doch nicht so aufs Gerathewohl ins Blaue und ins Aschgraue hinein weg.«

* * *

»Es kommt nicht bloß aus Afrika immer etwas Neues, Fräulein,« sagte Bogislaus, an dem Hause Numero dreiunddreißig in der Hanebuttenstraße zu dem Fenster aufsehend, aus welchem der Lichtschein von Rosines Lampe bereits in die Abenddämmerung hineinschien.

Kohl schwankte auf die Bemerkung hin zwischen der Neigung, dem Freunde eine Rippe in den Leib hineinzustoßen, oder ihm den Hut über die griechische Nase hinunterzutreiben. Er unterließ Beides, statt Beides mit einander zu vereinigen. Er strafte den gemüthlosen Licht- und Leichenkünstler nur durch einen verachtungsvollen Blick, der aber gänzlich, und nicht bloß der Tageszeit wegen, an ihm verloren ging.

»Kommen Sie mit dem Alten nach, Doktor, und Sie, liebe Frau; oder warten Sie, bis ich wieder herunter bin und mit zugreife!« rief er und klopfte im nächsten Augenblick schon im dritten Stock an die Thür der jungen Nachbarin des alten Schnarrwergks.

»Ich bin's, Rosine. Erschrecken Sie nicht; aber es ging nicht anders, und ich hielt es auch für meine Pflicht. Und der Doktor meint, diesmal werde es noch nichts auf sich haben.«

Es sah für den Schrecken zu hübsch um das junge Mädchen her aus. Wir wissen schon, wie arg sie in so lieben Dingen im Leben bis jetzt zu kurz gekommen war. Daß Vater und Mutter sie vor einem glänzenden Lichterbaum von Arm zu Armen gereicht hatten, daran erinnerte sie sich nicht mehr, und später waren die goldenen Aepfel und Nüsse auch gerade nicht in ihre Weihnachtsabende hineingerollt. Daß die Frau Professorin Kohl mehr geeignet war, vom braven Knecht Ruprecht oder dem heiligen Niklas die rauhe Seite herauszukehren, lag in ihrer Natur, und muß ihr deshalb zu gute gehalten werden. Das Christkind, welches zum alten und jungen Kohl kam, war gerade nicht das gemüthlichste, und wenn Fräulein Rosinchen dazu eingeladen wurde, dann pflegte der junge Kohl ihr gewöhnlich zuzuflüstern: »Eine saubere Wirthschaft bei uns! ich danke für die Bescheerung, und wie Sie, Fräulein Müller, dies behaglich finden können, das begreife ich nicht.«

Dann und wann hatte das Kind einmal eine Puppe für ein anderes noch jüngeres und ärmeres Kind im Hinterhause anputzen dürfen; sie hatte Strümpfe für wohlthätige Vereine und dergleichen gestrickt; aber was wollte das bedeuten für ihr liebes nach Frieden und Wohlgefallen im Himmel und auf Erden verlangendes Gemüth?

Und nun war sie mit dem letzteren bei dem Nachbar Schnarrwergk und seinem Affen angelangt: glücklich hatte das Schicksal sie dahin kommen lassen, und zum ersten Male in ihrem Dasein war sie mit ganz, ganz sicherem, fröhlich pochendem Herzen bei der Sache! wahrhaftig wie im eigenen Hauswesen, und, ohne auf was Anderes horchen zu müssen, für allen Glockenklang der Christenheit – die Heiden nicht ausgeschlossen! – bereit!

»O, Rosine, daß ich so dazwischen kommen muß!« rief dann der junge Kohl, und –

Drunten in der Gasse am Wagen, als ob es niemals vergoldete Aepfel und Nüsse, lichterbesteckte Tannenbäumchen, Weihnachtsglocken und glückliche Kindergedanken-Stimmungen und Gefühle auf der Erde gegeben habe, sondern nur ein energisches, die Zähne zusammenbeißendes, hülfreiches und verständiges Zugreifen im Leben und beim Sterben . . . wiederum bereit!

Sie brachten ihn glücklich die Treppe hinauf, den Kreisthierarzt Schnarrwergk, den Stadtbekannten, sowohl wegen seiner äußeren wie wegen seiner inneren Erscheinung nicht wenigen Menschen in der Stadt absonderlich genau bekannten alten Schnarrwergk. Sie übergaben ihn noch lebendig, wenn auch ohne Verständniß für den Vorzug, seinem Lar und seiner jungen Nachbarin:

»Der Doktor war für das allgemeine Krankenhaus,« sagte Kohl, und »O, Gott, nein!« rief Fräulein Müller. »Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich – ich dies grämliche, mein zartestes Anschmiegungsbedürfniß weltenweit von sich abweisende Unthier noch einmal auf den Händen tragen würde!« meinte der schöne Bogislaus, worauf Kohl ihn bat, ja seinem Gefühle zu folgen, wenn ihm die Aufgabe zu schwer werde.

Sie kamen mit ihm vor seiner verschlossenen Thür an; aber er hatte den Schlüssel dazu in der Tasche und: »Das muß er sich diesmal schon gefallen lassen, daß ein Anderer ihm ihn hervorlangt,« sprach die Kräuterfrau vom Altstädterring. »Spaßhaft würde es ihm wohl vorkommen gerade bei seinem Gemüthe!«

»O Gott! o Gott!« schluchzte Rosine Müller und kam mit ihrer Lampe aus ihrem Weihnachtsstübchen. »O bitte, gehen Sie nur sanft mit ihm um! er ist doch ganz anders, als die Welt weiß und als er sich gestellt hat!«

»Dann hat er freilich seine Rolle gut gespielt,« grinste Bogislaus Blech, und: »Halt endlich Dein ungewaschenes Maul!« rieth ihm dringend sein bester Freund, ohne jedoch hindern zu können, daß er doch noch hinzufügte: »Ich bin auch nur deshalb mit hinaufgegangen, um zu sehen, was sein Affe jetzt für ein Gesicht zu ihm macht.«

»Dann ist es sicher besser, ich komme morgen und gebe Dir Bericht darüber!« rief Kohl wüthend, dem Pathen Schnarrwergk den Stubenschlüssel in Begleitung von Allem, was ein alter Thierarzt sonst noch in der Hosentasche bei sich führen kann, herausholend.

»Das nenne ich freilich eine Weihnachtsgeschichte, wie sie noch nicht im Buche steht, liebe Puppe.«

»Verlaß Dich darauf, ich komme morgen und erzähle sie Dir weiter; aber jetzt bist Du hier völlig überflüssig, mein Bester. Bitte, thu mir den Gefallen und geh ab.«

»Darf ich das auch diesmal wieder, Fräulein Müller?« fragte der schöne Bogislaus, und Rosine, ihm in Wahrheit auch »diesmal wieder« den Rücken kehrend, hatte nachher »Alles, was er an jenem Abend geschwatzt hatte«, überhört.

»O welch ein schrecklicher Abend!« schluchzte sie. »Und ich hatte mich so kindisch darauf gefreut. O Herr Doktor, Herr Doktor, helfen Sie mir! lassen Sie mir meinen armen lieben Nachbar, lassen Sie mir meinen besten, meinen wirklichen Freund nicht sterben! Es weiß Keiner, wie gut er gegen mich gewesen ist, so wie ich!«

»Es hat wirklich nichts auf sich, liebes Fräulein,« tröstete der Doktor. »Den behalten wir diesmal noch unter uns. Wenn ich offen sein soll, so gewährt's mir sogar einige Genugthuung, ihn auch mal zwischen die Zange nehmen zu dürfen. Er hat die Fakultät von seinen Halbkollegenthum aus oft genug erbost und uns bei jeder günstigen Gelegenheit nicht vorenthalten, was wir sind, wissen und können. Na, warte, alter Sünder, haben wir Dich einmal?«

Die Kräuterfrau vom Altstädterring, die ebensogut mit solchen Fällen Bescheid zu wissen schien wie der Arzt, that wirklich das Beste, dem Thierarzt Schnarrwergk die beste Lage auf seinem Bett zu geben.

»Ach beruhigen Sie sich nur, Fräulein,« rief sie. »Sie scheinen wirklich noch nicht erfahren zu haben, wie zäh Das ist. Es geht gewiß diesmal noch mit einem kleinen Aderlaß und nachher einer ein bißchen schweren Zunge ab. Und verlassen Sie sich darauf, bestes Kind, wacht er nicht greulicher und gröber wie vorher auf, so kommt er wie ein Kind wieder zu seinem Bewußtsein, und da schadet ihm auf seine alten Tage gar nicht so'n bißchen mehr Sanftmuth und Höflichkeit gegen seine Mitmenschen. Aber nun guck Einer, wie ihn das grausliche Beest, das Affenthier da anguckt. Das schöbe ich wirklich aus dem Wege und hinter die Gardine, wenn ich hier die Wartefrau spielen sollte. Mit dem auch noch zur Gesellschaft, das hielte ich nicht aus.«

Sie hatten ihn im Bett, den alten Schnarrwergk; und der Arzt that und verordnete das Angemessene, versprach morgen mit dem Frühesten wieder vorzukommen, und ging. Nachbar und Freund Blech war schon gegangen mit der melancholischen Bemerkung, daß er unter solchen Umständen den heiligen Christ für sich allein feiern müsse und nicht mehr auf seinen Freund Kohl dabei rechne.

»Sollte es doch anders kommen, als wie der Doktor es sich und euch einbildet, Kohl, und solltest Du ihn dann photographirt haben wollen, so rechne Du in der Beziehung trotz Allem auf mich. So ein liebes Andenken im Album –«

Es war sein Glück, daß er draußen war, als er seinen letzten Satz beendete.

»Hanswurst,« sprach Kohl, sich überzeugend, daß die Pforte hinter ihm wirklich ins Schloß gefallen sei.

»Und ich muß jetzt leider Gottes auch nach Hause,« seufzte die Frau Erbsen. »Meine Enkelkinder rechnen zu stark auf mich, und gucken Sie: aus allen Fenstern gegenüber flimmert es schon. O Fräulein, wissen Sie noch, wie er sich damals über Ihre Glückshand lustig machte? O bitte, wenn es möglich ist, legen Sie sie ihm doch unter den Kopf! . . . Und wenn die jungen Herrschaften es erlauben, so will auch ich morgen wieder vorsprechen und mich nach dem lieben alten Herrn erkundigen. Wir sind doch zu gute Freunde und Bekannte seit langen Jahren in Wald und Feld gewesen, um jetzt schon so einen kurzen Abschied von einander zu nehmen! Aber wie hat dies auch gerade zu sonst so segensreicher Stunde kommen müssen?«

Auch sie war gegangen; und als alle Christbäume nicht nur in der Hanebuttenstraße, sondern so weit die deutsche Zunge klingt, und wohl auch noch ein bißchen weiter, dort in Pracht und Herrlichkeit, hier im bescheidenen, aber vielleicht nur noch lieberen Licht erglänzten, da waren unser Berichterstatter, Doktor Kohl, des alten Thierarztes Franz de Paula Schnarrwergk Pathenkind Paul Warnefried Kohl, und das Kind, Fräulein Rosine Müller, am Weihnachtsabend, am Abend des Tages Adam und Eva, allein neben dem Bett des Thierarztes Schnarrwergk, und der Lar stand zu Häupten des Bettes und hätte so treu als wie wir ferner Bericht erstattet, wenn er im Stande gewesen wäre, so sauber als wie wir mit Feder, Tinte und Papier umzugehen.

* * *

Sie hatte im Haar noch einen Flitter Goldschaum und am Kleide hier und da ein Flitterchen Silberschaum hängen, und sie trug noch ein abgebrochen Zweiglein, von ihrem grünen Tannenbäumchen drüben, als ein hübsches Zeichen der Zeit am Busen; und der Berichterstatter der ersten Zeitung der Stadt, der doch täglich so Vieles zu sehen bekam, hatte so etwas wie die Aufregung seiner jungen Jugendbekanntschaft noch nicht zu Gesicht bekommen. Er konnte immer nur von ihr auf den Kranken, von ihr auf den Pithekus, von dem Pithekus auf sie, von dem Kranken auf sie sehen, und wenn er von denen auf sie gesehen hatte, auch von sich selber, wie aus dem Universum heraus, auf sie sehen, immerfort auf sie sehen:

»Ach, thun Sie mir doch den Gefallen, Rosinchen, und beruhigen Sie sich!«

»O Gott, wie kann ich denn das? es ist ja zu schrecklich!«

»Rosine, ich will mich zart ausdrücken: er hat wahrhaftig eine Natur wie zehn Rhinozerosse. Wenn Sie so fortfahren, überlebt er Sie und mich noch um zwei Menschenalter; denn dieses Unglück Ihrerseits halte auch ich nicht länger aus! Auf Ehre, dabei gehe auch ich ein und falle in meine eigene Spalte in unserem Blatt. So sehen Sie doch nur, wie ruhig er da liegt! Kein Kind schläft ruhiger in dieser Nacht mit seiner Puppe im Arm und seinem Magen voll Süßigkeiten.«

Rosine Müller versuchte es, sich zu fassen.

»Es ist wie immer,« seufzte sie leise weinend, »ich soll allein bleiben. Wir hatten uns nach und nach so gut in einander gefunden, und ich hatte mich so sehr gerade auf diesen Abend gefreut. Nun liegt Alles drüben bei mir herum, und er hier! Und auch er ist bloß doch deshalb in den Straßen gewesen, weil er heute wieder an mich gedacht hat. Es soll nun Alles so liegen bleiben, wie es ihm unter dem Arm weggefallen ist, und wie Sie es ihm aus den Taschen ausgeleert haben, Warnefried; aber er hat bei jedem Packet nur an mich gedacht! O, ich habe ja erst durch ihn, im Frühling, im Sommer, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter, kennen gelernt, was ein heiliger Christ zwischen Eltern und Kindern und guten Freunden und Verwandten und Allem, was sich wirklich lieb hat, bedeutet! Nun liegt Alles da, und ich bin auch diesmal allein! nur noch viel schlimmer allein wie mein ganzes Leben durch!«

»Rosine,« sagte Doktor Kohl, weder sie noch die Welt ansehend, sondern nur zwischen seinen Schenkeln durch auf den Fußboden starrend, »ich wollte für Sie und für mich, Sie hätten aus den Einladungen meiner Mama für diese Zeiten einen besseren Eindruck mit in den heutigen Abend herübergebracht. Aber da haben Sie Recht. Was Ihnen das Haus Kohl am Weihnachtsabend bieten konnte, das brauchten Sie nicht für voll gelten zu lassen. Da endete das Vergnügen nach dem offiziellen Lächeln auf dem Stockzahn freilich durchgehend mit einer allgemeinen Verstimmung, wenn nicht Katzbalgerei zwischen Mann und Weib und Hausfreund, zwischen Hausfrau und Magd und Katze und Hund und Allem, was sonst noch zu dem Vergnügen eingeladen worden war oder die Berechtigung hatte, an allem Lieben und Herzigen teilzunehmen.«

»O bitte, reden Sie nicht so. Sie machen Alles nur schlimmer durch solche Reden, die Sie sich selber doch nicht glauben. O mein armer, lieber Nachbar! Fühlen Sie nur seine Hand! Und er war ja auch Ihr Hausfreund; – der beste Freund von Ihrem Herrn Vater und Ihrer seligen Mama und auch von Ihnen, Herr Warnefried. O, es hat ja Keiner gewußt, wie er eigentlich war! selbst auch ich nicht!«

»Dazu gehörte denn auch eine ganz besondere Nase bei dem Geruch, den er um sich her im Verkehr mit der Menschheit verbreitete,« brummte Warnefried, jetzt dem Pithekus zunickend wie mit der Frage:

»Was sagst denn Du hierzu?«

Der Pithekus sagte gar nichts dazu. Er machte nur sein gewohntes heiteres und recht intelligentes Gesicht zur Sache, und der Ausstopfer hatte ihm wirklich einen Zug hineingelegt, der nur bedeuten konnte:

»Kommt mir doch nicht mit Dingen, die ich bis in die Eisenstange in mir hinein schon längst gewußt habe.«

Uebrigens blieb er, und nicht bloß an diesem vierundzwanzigsten Dezember, sondern auch an den folgenden Abenden, Nächten und Tagen, da er leider weder Nase noch Ohr sein konnte, wenigstens ganz Auge – Glasauge freilich; aber doch auch Auge des Vetters Hagenbeck Seligen. Mit innigster, wenn auch lächelnder Theilnahme blickte er hin auf Alles, was jetzt in seinen Gesichtskreis fiel, über Krankheit, Mitleid, Kummer um Menschenelend, Betrübniß um zerstörte Weihnachtsfreude weg und auf den jungen Herrn Kohl und schien zu überlegen, was doch wohl noch aus dem Wirrwarr zu machen sei. Als in der Welt rundum das letzte Licht am Christbaum längst erloschen war, als man die Kinder längst zu Bette gebracht hatte und auch die Erwachsenen davon sprachen, daß es endlich Zeit werde, daran sich zu erinnern, daß Alles ein Ende habe, hatte er, der Lar, sein innerlichstes Vergnügen. Er sah grinsend zu, wie sich die zwei jungen Menschenmächte über die Frage zankten, wer jetzt nach Mitternacht noch wach bleiben solle beim alten Schnarrwergk?

Schade, daß er keine Brieftasche bei sich hatte wie der Lokalberichterstatter Herr Doktor Warnefried Kohl. Ob der Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk, trotz seines bewußtlosen Zustandes und seiner blinden Augen, im Gegensatz zu seinem Lar, ganz Ohr war, das steht dahin und ist in der Zeitlichkeit durch nichts zu beweisen. Vielleicht giebt es aber irgendwo, jenseit der Zeitlichkeit, doch ein Notizbuch, in welchem es ausgezeichnet ist, wie es sich damit verhalten hat.

Gegen zwei Uhr Morgens schluchzte Fräulein Rosine Müller:

»Nun, dann will ich mich in den Kleidern auf mein Sopha drüben legen; aber ich verlasse mich darauf, daß Sie mich wecken, Herr Warnefried, wenn irgend etwas vorfällt!«

»Darauf können Sie sich verlassen, Rosine!« sprach Kohl, und nach einer geraumen Weile sagte er neben dem Bett des alten Schnarrwergk, den Kopf zwischen beiden Fäusten, in sich versinkend:

»Also mein Doktor stammt doch von ihm? Und sie hat den Brief zur Post getragen? Und Er ist doch der beste Freund meines seligen Alten gewesen? Und Sie meiner Mutter liebste Puppe im irdischen Verdruß und Jammer? Liebe Puppe! Das ist ja ein ganz reizender Abend! würde der schöne Bogislaus drüben bei meiner Sendung von Aigner und Kompagnie meinen. Na ja, aber er soll uns morgen kommen mit seinem Photographie-Apparat!«

Nach einer Weite ächzte er:

»Ich habe schon kuriose Weihnachten feiern müssen. Mein Vater hat mir Georges deutsch-lateinisches und lateinisch-deutsches Wörterbuch zum heiligen Christ geschenkt und verlangt, daß ich darob vor Jubel außer mich gerathen solle. Meine selige Mama hat mir dann und wann auch allerlei ausgekramt, was ihr Entzücken sein konnte, jedoch meines nicht war. Später hat nicht selten irgend eine meiner Hauswirthinnen gerade diesen heiligen Abend auserwählt, mir den Gerichtsvollzieher über den Hals zu schicken; aber – so was wie heute ist mir doch noch nie vorgekommen. Herrgott, der Alte da thut mir ja herzlich leid; aber – dieses liebe Mädchen! Ist es denn möglich, daß so ein Herze mit Einem mitläuft durch die schlechte Welt, und man sich nicht einmal die Mühe giebt, darauf hinzugucken? Muß erst ein Lokalereigniß wie das heutige eintreten, um Einem die Gegend um sich selber im rechten Lichte zu zeigen? Halt's Maul, wollt' ich sagen, grinse mich nicht so an, Lar, Pithekus, abgeschmackter, mit Stroh ausgefütterter Vetter! Da – den Hals drehe ich Dir nicht um, sondern nur Dich selber; denn selbst Du siehst mich an mit Augen, die sagen: Kohl, welch ein dumpfes Thier bist Du bis heute gewesen! Da, Gespenst – betrachte Dir lieber die Wand als den Doktor der Weltweisheit von Schnarrwergks Gnaden, ja, zum Donnerwetter, und auch von Rosinchen Müllers Gnaden! Wie kam trotz allem Jammer ihr Vergnügen an der lächerlichen Faxe wieder zum Vorschein, als es vorhin herauskam, daß sie es wirklich gewesen ist, die mit den verruchten sechshundert Reichsmark nach der kaiserlichen Post gelaufen ist! Da hat sie doch einmal wenigstens heute Abend in ihr verstörtes Kindervergnügen, in ihre Thränen hinein lachen müssen. Nun, so ist die Narrenkomödie wenigstens zu etwas gut gewesen, Doktor Warnefried Kohl. Meine herzlichsten Glückwünsche, Herr – Doktor – Paul Warnefried Kohl!«

Er trat von dem Krankenbette zu dem Fenster, um sich einen Athemzug frischer Winterluft hereinzuholen.

»Da schneit es ja doch noch!« sagte er, als sich eine breite weiße wässerige Flocke ihm auf die Nase legte. »Also doch noch, wie wir's morgen früh unterm Strich bringen! Und kein Licht im Himmel und auf Erden; – doch natürlich Blech hat noch Licht. Tiefe Stille – Frieden, Segen und Wohlgefallen der Menschen an einander, Alles tief zugedeckt; bloß die Nase über der Bettdecke! Selbstverständlich ist meine Sendung von Aigner und Kompagnie bei ihm angelangt. Da kenne ich ihn, er hat mich fernerhin zu seiner heiligen Feier durchaus nicht persönlich gegenwärtig nöthig gehabt. Der sitzt recht behaglich gern ganz allein und hat sein Vergnügen am Menschen. Der Schlingel! Wenn ich es ihm nur in die Zähne hinein beweisen könnte, wozu er eine junge Frau nöthig zu haben glaubte! und noch dazu Familie Kohls Fräulein Müller – meiner seligen Mutter und des alten Schnarrwergks Rosinchen – Fräulein Rosine – meines armen Vaters Fräulein Röschen!«

In diesem Augenblick machte der alte Schnarrwergk seinem Namen alle Ehre. Er gab einen Laut von sich, der ziemlich genau zu demselben paßte und aus einem gänzlich aus aller Ordnung gekommenen alten Wanduhrwerk herzustammen schien.

»Das wäre das Letzte von ihm, wenn er gerade jetzt abliefe!« murmelte Doktor Kohl, zu dem Lager des kranken Herrn Pathen rasch zurücktretend und seinen Stuhl daneben wieder wie ein ängstlicher guter Sohn einnehmend. Schade! denn gerade wiederum in diesem Augenblick öffnete auch Bogislaus drüben sein Fenster, um einen erfrischenden Athemzug zu thun, und er würde sicherlich nicht ungern einige teilnehmende Fragen, über die Hanebuttenstraße weg, gethan haben, wenn er den Freund am Fenster des alten Schnarrwergks erblickt haben würde.

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