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Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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Von diesem Tage an geht die Geschichte durchgängig im Zeichen des Lar weiter. Aus seinen Glasaugen sah der Pithekus Dinge, wie sie ihm weder in seinen Heimathwäldern auf Borneo oder Sumatra, noch bis jetzt in der europäischen Menagerie und am allerwenigsten im Haushalt des Thierarztes außer Dienst Schnarrwergk zu Gesichte gekommen waren. Nie hatte der Ahnherr einen Abkömmling gegen den anderen so menschlich werden sehen wie jetzt den alten Nachbar in der Hanebuttenstraße gegen die junge Nachbarin.

Einen Augenblick hätte er wirklich Angst haben dürfen, daß die Zärtlichkeit über das Maaß hinausgehe. Wenn jedoch eine Angst übel am Platze gewesen wäre, so würde es diese gewesen sein. Der Lar war aber auch in diesem Falle klüger als die gesammte Nachbarschaft der Hanebuttenstraße. Er dachte nicht wie so ziemlich die Gesammtheit der letzteren:

»Na, na, da sieht man wieder mal, daß Alter, Erfahrung und Grämlichkeit nicht vor Thorheit schützt.«

Dessentwegen könnten wir dem Alten und der Jungen so flüchtig über die nächstfolgenden drei oder vier Jahre hinweghelfen, wie wir unserem braven Freunde Kohl über sie hinweggeholfen haben.

Aber das wäre doch zu schade.

Den dickfelligen Lümmel konnte man schon seines Weges laufen lassen und nur das Notwendigste über seine Schicksale innerhalb des erwähnten Zeitraumes anmerken; aber das zarte Verhältniß zwischen dem grauen Unthier, dem Thierarzt Schnarrwergk, und der kleinen hübschen Müllerin fordert zartere Handhabung.

In dieser mürrischen, zänkischen, lärmvollen Welt ein stiller, vergnügter Winkel, in den man sich selber nur zu gern mit hineingedrückt haben möchte!

»Wo stecken Sie, Müllerchen? . . . Wo bist Du den ganzen Tag gewesen? . . . Sie hat man doch seit einem Jahrhundert nicht mehr zu Gesichte gekriegt, Herr Schnarrwergk!« wie oft sind diese und hundert andere ähnliche Fragen und Ausrufe diesseit und jenseit des Ganges in Nummer dreiunddreißig laut geworden! Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Bei gutem und schlechtem Wetter. Bei Lachen und Verdruß, bei Gesundheit und Krankheit.

Die erste Redensart nach dem vorhin beschriebenen merkwürdigen Sommersonntagsnachmittagsregentage lautete natürlich:

»Nun, Jungfer, was macht der Schnupfen?«

»O ich danke, Herr Schnarrwergk; es geht damit. Ich hatte ja meine neue Glückshand in der Tasche und zwar frisch aus der Mutter Erde heraus.«

»Richtig!«

»Und übrigens ist es auch nicht das erste Mal gewesen, daß ich nach Hause mehr geschwommen als gegangen bin, Herr Schnarrwergk.«

»Herr Schnarrwergk. Sag mal, mein Kind, thätest Du mir wohl nicht den Gefallen und nenntest mich Herr Veterinärarzt Schnarrwergk? Es liegt besser auf der Zunge.«

»Wenn Sie – es – wünschen, Herr – Herr –«, stotterte Rosinchen.

»Zehntausend Teufel, Himmeldonnerwetter, nein, ich wünsche das gar nicht! Der Nachbar Schnarrwergk bin ich, mein Allergnädigstes! Ueberwinden Sie sich nur und rufen Sie die alte Fratze: Nachbar! Sie hört drauf, und es hat wenigstens den Vortheil, daß es kürzer auf der Zunge liegt.«

»Wenn Sie's denn erlauben,« sagte Fräulein Müller sehr gesetzt mit einem neuen Knix. »Aber dann bitte ich auch um das Du Ihrerseits – Nachbar; denn das liegt doch am kürzesten auf der Zunge.«

Der Alte sah das Kind eine Weile scharf von der Seite an, dann meinte er:

»Hast Du diesen Blick für die Menschen? Nun, dann sollst auch Du Deinen Willen haben, und wenn Du nichts Besseres vorhast, so komme für eine halbe Stunde zu mir herüber. Ich habe auch Zeit.«

»Wenn Sie erlauben, Nachbar, so bin ich in fünf Minuten bei Ihnen. Es hat mich schon längst gelüstet, Ihren kuriosen Haushalt endlich einmal im Einzelnen im Inneren zu sehen. Er beißt doch nicht mehr, Nachbar?«

»Wer beißt nicht mehr? Ja so, Er! Der Lar. Der Pithekus. Nein, der nicht; und was sonst noch den Rest seiner Zähne gebrauchen kann, das sieht sich seine Leute vorher darauf an, ehe es zuschnappt. Wage Dich nur herein.«

Und Fräulein Müller wagte sich hinein und besah sich den Affen, sowie den Haushalt des alten Schnarrwergk zum ersten Mal ganz in der Nähe; und der Historiograph ist an dieser Stelle gezwungen, ganz gegen seine Gewohnheit eine Geschichte einzuschieben. Nämlich er, – der Geschichtschreiber, hatte einen lieben alten Freund ( have pia anima!), der ein großer Dante-Kenner und Verehrer war und den er dann und wann besuchte, um mit ihm deutsche Kultur-Geschichte zu bereden und vor Allem, als die Zeit gekommen war, mit ihm seine Freude an den Ereignissen des Jahres Achtzehnhundertsechsundsechzig zu haben. Diesen theuren, greisen Freund traf er, immer natürlich der Historiograph, eines Tages in erklecklichster Aufregung in seinem Studirstübchen hin und her schreitend, während seine Kolossalbüste des großen Florentiners mit der bekannten aus der Hölle stammenden Verdrießlichkeit ihm dabei zusah.

»Was haben Sie denn? Was ist denn vorgefallen? Um Gottes willen, beruhigen Sie –«

»Was ich habe? was vorgefallen ist? Denken Sie sich, Verehrtester. Kommt vor zwei Stunden Der und Der – vielleicht sind Sie ihm noch in der Gasse begegnet –, fragt, ob ich einen Augenblick Zeit habe – ich habe jedenfalls genug, um ihn aufzufordern, den Hut abzulegen, und er thut's und – stülpt seinen Hut meinem Dante – meinem Dante da auf – setzt sich fest – liest mir, mir zwei Stunden lang aus seinem neuesten lyrischen Epos vor – immer mit seinem Hute auf meinem Dante, auf meinem Dante da! Und ich – Sie kennen mich – ich habe die Entwürdigung zwei Stunden lang in mich hinein zu fressen und zu des Menschen läppischen Trochäen zu lächeln und höflichen Beifall zu murmeln. Setzt seinen Hut meinem Dante Alighieri auf! können Sie sich das zweistündige, innerliche, hülflose Kochen in mir vorstellen?«

»Wohl, wohl, bis zur Präkordialangst in das eigene Zwerchfell hinein; aber der hohe Meister lieh Ihnen doch auch jetzt das rechte Wort zur Bemeisterung Ihrer vollberechtigten Gefühle:

Erbarmen und Gerechtigkeit verschmähn
Dies Volk. Sprich nicht, sieh hin und geh vorüber!«

» Non ragioniam di lor, ma guarda e passa,« murmelte der Freund aus dem dritten Gesange des Inferno, »ja, aber sitzen Sie einmal durch zwei volle Stunden vor solchem Aergerniß und sehen Sie nicht hin! Stülpt seinen trivialen Filz – dieser Mensch – während er in die Brusttasche nach seinem Manuskript greift – stülpt seinen Hut meinem Dante auf, meinem Dante auf die ewige Marmorstirn . . .!«

Es dauerte keine acht Tage, da setzte Fräulein Rosine, wenn sie zum Nachbar auf Besuch kam und ablegte, ihr Hütchen seinem Pithekus auf, ohne daß ihm, dem Lar, das Ding übel stand, oder er, der alte Schnarrwergk, es übel auffaßte und es für ein Sakrilegium hielt.

* * *

Nicht daß das Fräulein anfangs zu ihm eingegangen wäre, als ob es drüben ganz sicher sei. Das Meiste, was sie bis jetzt immer noch vom alten Schnarrwergk wußte, stammte doch aus ihren Erfahrungen bei der Frau Professorin Kohl her, und die waren nicht schön. Es dauerte eine ziemliche Zeit, ehe Rosinchen sich mit der Frage herauswagte:

»Und jetzt, da wir nun an diesem wonnigen, schaurigen Winterabend hier so gemüthlich bei einander sitzen, sagen Sie mal, Nachbar, weshalb haben Sie denn bei der Frau Professorin nicht ein einziges Mal ein gutes Wort für mich gehabt? nicht den kleinsten freundlichen Blick?«

»Gnrrrrrr.«

»Jawohl! Das war der Ton, wenn ich Ihnen ganz gegen meinen Willen mit dem Theebrett in den Weg geschoben wurde. Bitte, noch einmal! O die alten Zeiten bei der Frau Professorin, wenn ich Ihren Schritt auf der Treppe hörte und die Frau Professor sagte: »Da ist er! rufe meinen Mann.«

»Der arme Teufel,« brummte Schnarrwergk. »Sein Schicksal allein konnte euch sämmtlich Einem zuwider machen; wenn man auch nicht schon seine eigenen Erfahrungen am eigenen Leibe dazu gehabt hätte. Kam ich des Vergnügens wegen zum alten Kohl – einem Menschen, dem man noch dazu auf dem Schachbrett den Thurm vorgeben mußte? Aus Dankbarkeit kam ich. Aus mitleidiger Dankbarkeit, weil er die Last, welche das Geschick dem Herzen nach mir bestimmt hatte, sich seiner Zeit auflud. Hast Du nie bemerkt, daß er von Zeit zu Zeit die linke Schulter und den Arm ein wenig rieb und das Gesicht dabei verzog?«

»Jawohl. Bei Witterungsumschlägen sprach er stets von seinem Rheumatismus.«

»Rheumatismus! Wer ihn, sein Weib und mich beim Whist mit dem Strohmann sah, der glaubte es nicht, daß einmal der Knochenmann den vierten Mann zwischen uns gemacht hatte. Wer die spinnige alte Schachtel mit ihrem Giftlächeln die Karten mischen sah, der hielt es nicht für möglich, daß sie einmal als allerliebste süßlächelnde Zwanzigjährige uns auf Leben und Tod auf die Mensur gebracht hat. Sieh mal nach dem Ofen, der Wind liegt auf den Fenstern – das ist ein nettes Schneetreiben und die richtige Zeit, solch alten Kohl aufzuwärmen. Sie wollte mich nehmen und besann sich eines Besseren und nahm ihn. Ich schoß ihm eine Kugel in die Schulter, gleich nachdem er mir eine am rechten Eselsohr vorbeigeschickt hatte, und ich habe zwanzig Jahre lang mit ihm Schach, und mit ihm und seinem Weibe Whist gespielt aus Gewissensbissen und Dankbarkeit. Zwanzig Jahre lang habe ich ihm sein Dasein zwischen den Krallen seines Hausdrachens erträglicher gemacht. Zwanzig Jahre lang habe ich meine Undankbarkeit gegen ihn gebüßt; aber wenn mir dabei ein neues junges Weibsbild vor die Füße lies, dann –«

»Dann hatten Sie natürlich nichts weiter zu sagen als: Gnrrrrrr. Und aus dieser Stimmung heraus haben Sie sich denn auch wohl Ihren Affen angeschafft und als Hausgötzen aufgestellt? O Gott, wie tragisch und wie komisch! Aber, Nachbar – da Sie das Wort mal so wollen – da haben wir uns ja Alle in Ihnen gänzlich geirrt – bloß der junge Herr Kohl nicht!«

»So?«

»Jawohl! Denn wir, nämlich Alles, was so zu sagen zartere Gefühle zu haben glaubt, wir haben Sie immer ganz und gar, durch und durch tragisch genommen. Wir haben Ihr Abschreckendes auf was wirklich und in Wahrheit Fürchterliches geschoben. Wir sind um Sie und Ihren Affen auf den Zehen herumgegangen, als ob ein Todter im Hause läge, wie als wie um etwas wirklich Bedauernswerthes. Nur der junge Herr Kohl nicht.«

»Hmmm!«

»Wissen Sie wohl, was der sagte, wenn Sie Ihre Schachpartie verloren gaben, trotzdem daß Sie dem Herrn Professor einen Thurm vorgegeben hatten? Und wenn Sie wüthend die Figuren durcheinander rüttelten, bloß weil Sie ihm die Ehre nicht gönnten, Ihnen Schach und Matt zu bieten?!«

»Kann's mir schon denken.«

»Nein, das können Sie gar nicht! Wollen Sie es mir auch gewiß nicht übel nehmen, wenn ich es Ihnen jetzt nachträglich mittheile, Nachbar?«

»Gnrrrrrr.«

»Na denn: Ist das ein himmlischer Kerl! sagte der junge Herr Kohl, na, und wenn Der das von Jemandem sagte, dann, gnade Gott, war es auch einer!«

Nachdem sie einmal auf den jungen Kohl gekommen waren, kamen sie öfter auf ihn. Thierarzt Schnarrwergk knüpfte merkwürdiger Weise jedes Mal, wenn er sentimentaler, elegischer als gewöhnlich wurde und von sich selber redete, an den Lümmel an. Und zwar auf eine Weise, als ob er seit Jahren dazu auf seine junge Nachbarin gewartet habe.

»Weißt Du, Kind, es war ein Naturband zwischen dem greulichen Bengel und mir. Ich hatte ihn, so zu sagen, idealisch an Kindesstatt angenommen.«

»Ach, das ist ja reizend!«

»Je mehr ich mich über ihn zu ärgern hatte, desto häufiger wuchs die Ueberzeugung in mir: von Rechts wegen gehörte das Unthier Dir! von Rechts wegen gehörte er unter Deine Fuchtel; und da sitzest Du nun und siehst ihn von dem braven germanistischen Pinsel von Vater und der lächerlichen Hexe seiner Mutter immer mehr verzogen werden. O, wie habe ich ihn in der Phantasie gehauen, wenn ihn der Alte mein guter Sohn und wenn die Alte ihn mein Schäfchen nannte. Was würde ich aus Dem gemacht haben, wenn das wirklich mein Junge gewesen wäre? Die Natur spielt so, Kind! Ganz wie Du selber, Schnarrwergk, gerade solch ein Flegel wie Du. Mit den nämlichen Anlagen zum Wohlwollen und zur Feindschaft gegen Götter und Menschen wie Du! Und darfst Dein eigenstes Eigenthum, Dein anderes Ich, Dich selbst in neuer Form nicht an der Kehle nehmen und es gegen die Wand drücken: Menschenkind, vergeude Deine schönsten Gaben nicht unnöthig; gehe doch nicht zu verschwenderisch mit Deinen Anlagen um; spare auf Dein Alter, wenn auch Du vielleicht einmal der Menschheit gegenüber –«

»Mit Deinem ausgestopften Affen allein sein wirst. O Nachbar!« rief Rosinchen. »O lieber Himmel, weshalb haben Sie mich denn jetzt zu sich herübergeholt, Herr Doktor, Herr Thierarzt?«

»Nachbar – Nachbar Schnarrwergk.«

»Jetzt muß ich mir doch vorkommen wie eine arme Fliege, die Sie aus einem mir gänzlich unbekannten Grunde mit der Klappe verschont haben. Bei solchem Charakter, was thun, was wollen Sie eigentlich mit mir?«

»Weiß ich es?« schnarrte der Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk. »Weibervolk! Wahrscheinlich Deinetwegen mich noch einmal vor dem Lar dort blamiren! Weil der Narr nicht von euch lassen kann. Nichtsnutziges, abgeschmacktes Kindergesindel. Glaubst Du etwa, daß ich ein Viertel-Menschenalter durch mit dem Pinsel, dem Professor Kohl seinetwegen Schach gespielt habe?«

»Der Frau Professorin wegen?« fragte Fräulein Müller und behielt das Mündchen nach der Frage eine Weile zierlich geöffnet, bis es ihr der Alte durch die Erklärung schloß:

»Es gewährte mir eine Genugtuung, und es gereichte mir zur Befriedigung, ihre Nase spitz und roth und ihre Locken dünn, grau und silberweiß werden zu sehen. Als sie zum ersten Male wieder braun – mit einem falschen Scheitel zum Whist erschien, habe ich meinem alten Freund Kohl mit Rührung die Hand unterm Tische drücken dürfen: sie erinnerte mich zu sehr an seine und meine Jugend und – ihre. Sie hatte in ihrer kindlichen heiteren Lebendigkeit eine gewisse Aehnlichkeit mit Dir, Kind. Sie –«

»Der junge Herr hatte vollkommen Recht: Sie sind ein – ein – himmlischer – Mann! Und sie war ein gutes Mädchen, und ist dem Herrn Professor eine gute Frau gewesen, und ist eine gute Mutter gewesen; und wenn ich nicht auch ein gutes Mädchen wäre, so könnte ich wahrhaftig wünschen, daß die Witterung draußen, der Schnee und Wind, für diesen Abend einigen rheumatischen Einfluß, diesmal auf Ihr linkes Schulterblatt, habe – bloß um Sie noch ein bißchen mehr an Ihre Jugendzeit zu erinnern. Also den Affen da haben Sie bloß da stehen, weil Sie auch in solchem Verhältniß zu uns stehen wie alle Uebrigen? . . . Also für diesmal: recht guten Abend, Herr – Nachbar – Schnarrwergk! Ihre gehorsamste Dienerin, Herr Kreisthierarzt oder Herr Veterinärarzt Schnarrwergk.«

* * *

Nachdem sie so weit waren, kamen sie einander natürlich noch näher. Vorzüglich in den Erinnerungen aus ihrem Vorleben.

»Er ist gräßlich,« dachte Rosinchen, »aber es ist mit ihm doch wie mit so vielem Anderen auf Erden: aus der Ferne ist er am gräßlichsten. Wenn man ihm nahe kommt, ist er lange nicht so schlimm, wie er aussieht. Wenn ich nur erst heraus hätte, ob er wirklich einen rechten Grund zu seiner Griesgrämlichkeit hat. Aber ich kriege es heraus, und sollte ich dabei hier in seiner Gesellschaft auch bei einer spitzen rothen Nase und bei einem falschen Scheitel anlangen.«

»Weshalb hat man Dich gestern den ganzen Tag weder gesehen noch gehört, Kleine?« fragte der alte Schnarrwergk.

»Allerseelen, Nachbar. Sie haben wohl nicht daran gedacht. Ich bin bei meinen Eltern gewesen; erst auf dem Kirchhofe und dann zu Hause im Winkel. Ach Gott, ich weiß ja eigentlich zu wenig von ihnen, und deshalb halte ich mich an diesem Tage am liebsten am stillsten und denke mir allerlei: wie es wohl gewesen ist und wie es wohl gewesen wäre, wenn wir uns einander hätten behalten dürfen bis heute. Ich bin dann wirklich nicht für Geselligkeit aufgelegt, Nachbar, sondern so allein wie möglich mit mir und meinen Einbildungen.«

»Hm. Da war ich freilich keine Gesellschaft für Dich.«

»O, Sie wohl; aber –«

»Aber der Lar nicht, willst Du sagen. Ach, der arme Kerl! Nun, Kind, ich habe es nicht gewußt, oder nicht daran gedacht gestern, daß Allerseelen war; aber zufällig habe ich mich doch auch mit meinen seligen Eltern beschäftigt und eine Unterhaltung über sie gehabt und zwar mit Dem da. Der da hatte liebende Eltern, aber ich –«

»Herr Nachbar, Denen, die ihre Eltern schlagen, wächst der Finger aus dem Grabe; und Sie selber haben mir ja einmal in einem vertrauten Augenblick gestanden, daß Sie in Ihrer Jugendzeit – ich weiß wirklich nicht, wie ich mich ausdrücken soll . . .!«

»Daß ich in meiner Jugendzeit ein heilloser Schlingel war. Mädchen, fahre mir nach eurer Weise nicht immer durch den Gedankenzusammenhang! Na ja, ich fiel ihnen, meinen Eltern, glücklicher Weise so früh aus dem Neste, daß ich ihnen heute gerecht werden kann, ohne daß später einmal mein Grabhügel wie ein Spargelfeld aussehen wird.«

»Ach, so früh sind auch Sie schon verwaist?«

»Schön verwaist! Aus dem Neste gefallen? Herausgeschmissen! – Das ist Dein Junge! schrie der Alte und schlug dabei eine Tischecke ab. Dein Junge ist es, zeterte die Alte, wenn er mich vor der Zeit umbringt, ist's nur, weil er auf Dich artet. – Mach aus ihm, was Du willst, aber rufe mich zum Zeugen für den letzten Verdruß, wenn er am Galgen hängt! riefen sie Beide; und wer seine Prügel kriegte, welche Kniee er umklammern mochte, das war ich! Ja, mein Mädchen, heute sage auch ich: seine längst, seine schon weit im voraus verdienten. Ich bin nicht als Milchsuppe in die Welt hineingegossen, aber schön war's nicht, wie mich das Schicksal gleich von Anfang an versäuerte. Nimm nur mal an, daß mich die Alte zum Theologen, zum christlichen Pfarrer machen wollte, und daß der Alte seiner Zeit den Theologen an den Nagel gehängt und seines Vaters, meines Großvaters, Geschäft als Schweinemetzger übernommen hatte. Er war wegen seiner Würste weit berühmt; aber er wollte sonderbarer Weise doch auch wieder darüber hinaus. Er wünschte mich als Mediziner, als berühmten Arzt zu sehen. Damit keines von Beiden seinen Willen kriegte, und da sie mir von Schulwegen auch gerade nicht das Beste schriftlich und mündlich gaben, war das Ende vom Liede, daß man mich zum Vetter Hagenbeck, einem Hufschmied, in die Lehre gab. Vor ein paar Jahren habe ich, nicht zu Allerseelen, aber an einem schönen Sommertage – zwanzig Meilen von hier an seinem Hügel gestanden, eigens zugereist, und mit der Stockzwinge angeklopft und eingebohrt: Bleibe Er ruhig liegen, Herr Vetter, es ist noch immer so hier oben, wie es zu Seiner Zeit war. Er hat sich Seiner Zeit meinetwegen Mühe genug gegeben; bemühe Er sich heute ja nicht meinetwegen und hebe Er den Kopf vom Kissen. Es ist nichts Neues passirt; ich sitze nun an Seiner Statt mit wackelndem Kopf und knickendem Gebein und suche im Zeichen des Pithecus Satyrus nach einem jüngeren Affen, an den ich Seine Wohlthat weitergeben kann.«

»Aber, lieber Nachbar,« rief Rosinchen, ihre Hände faltend, »das ist ja nun auf einmal etwas ganz Anderes! etwas sehr Schönes, sehr Gutes, wenn – wenn man sich erst zurecht darin gefunden hat!«

»Dummes Zeug! Eine unnöthige Abschweifung ist es, Frauenzimmer! Berichten wollte ich Dir, was der Vetter Hagenbeck sagte und that, nachdem er mich ein halb Jahr in der Lehre gehabt hatte. – Da haben Deine Eltern kreuzüber Recht, Junge, sagte er: weder zum geistlichen noch zum leiblichen Menschendoktor passest Du; aber es giebt ein Drittes, da es mit dem Hufschmied auch nichts sein wird. Werde Vieharzt! Das war mein Beruf von Rechts wegen; ich habe es aber nur bis zum Hufdoktor gebracht. Du hast Liebe zum Geschöpf außerhalb der Menschheit und überhebst Dich nicht über es. Hast es mir zu Dank gemacht, wie Du vorhin mit dem alten Lebenskameraden, des Schusters Stukenbergers blutrünstigem blindem Schimmel und seinem ruinirten Schuhwerk umgegangen bist. Zu Hause ist man wohl nicht ganz in der richtigen Art mit Dir umgegangen; also, hast Du Lust, so hole nach, was Du in Wissenschaften versäumt hast; auf Schulen halte ich Dich aus, so lange es nöthig ist. Machst Du mir Ehre, so soll es mir ein Behagen sein, doch noch einen Doktor der Welt geleistet zu haben, der einen scharfen Blick und eine sanfte Hand hat für die Kreatur, die ihren Schmerz aussteht und stirbt und es nicht mit Worten sagen kann, wie ihr dabei zu Muthe ist.«

»O Nachbar Schnarrwergk!« flüsterte die junge Nachbarin. »Wie haben Sie es doch fertig gebracht, daß Sie nicht bloß der Hanebuttenstraße, sondern auch dem Herrn und der Frau Professor Kohl und dem jungen Herrn Warnefried und der ganzen übrigen Welt weismachten, daß Sie nur Ihren Affen, den Orang-Utang da anbeteten und Alles, was Mensch heißt, für nichts achteten?«

»Dummes Zeug. Junge Gans, da steht der Lar, der Hausgott, und sieht euch Volk aus seinen Glasaugen an; ich aber habe ihm in die Augen gesehen, als er im letzten Stadium der Schwindsucht sich an mich anklammerte. Ich habe ihn selber ausgestopft und ihm die Augen des Herrn Vetters Hagenbeck eingesetzt. Sieh Dir endlich einmal das Beest genau an, Mädchen. Du hast es noch nicht gethan. Menschenaugen, mein Kind! die Augen des Vetters Hagenbeck, so gut es zu machen war. Ich weiß nicht, wem Er nachahmte; aber ich gehe in seinen Fußstapfen und sehe die Welt aus seinen Augen. Ich habe ihm in seinem Sinne Ehre gemacht und es im zweiten Husarenregiment zu einem guten Roßarzt, nachher im Kreise zu einem guten Thierarzt auf der Erde gebracht.«

Fräulein Rosine Müller hat diesmal dem Lar nicht genau ins Gesicht gesehen; aber sie ging scheu hin zu ihm und nahm ihm ihren Hut vom Kopf und hing ihn an den Nagel an der Thür über den Überzieher des alten Viehdoktors, und dann sagte sie:

»Herr Warnefried Kohl hatte wohl Recht, wenn er Sie nannte, wie er Sie nannte; aber er drückte sich ganz und gar nicht richtig aus. Nachbar, Sie sind viel schlimmer und viel besser, als Sie sind; und im Grunde hatte der junge Herr Kohl, was auch seine Privatmeinung sein mochte, gar keine Ahnung von Ihnen.«

»Aber Du jetzt?«

»Jawohl! obgleich ich auch nur ein Mittelding zwischen Ihnen und dem da – bin! Denn nur als mit einem Frauenzimmer haben Sie sich mit mir eingelassen, sich meiner angenommen und mich Ihres Umgangs gewürdigt. Aber ich kenne Sie jetzt doch, mein Herr Nachbar.«

»Dagegen komme man nun mal auf!« brummte Nachbar Schnarrwergk.

Nach einer geraumen Weile, an diesem Abend oder vielleicht an einem anderen – wir können das nicht so genau bestimmen; aber es kommt auch nicht viel darauf an – meinte oder wiederholte Rosine:

»Wie schade ist es, Nachbar, daß Sie das Alles nur mir allein erzählen und nicht der ganzen Welt, vorzüglich der Hanebuttenstraße und vorzüglich hier in diesem Hause. Was haben wir Alle Alles Ihnen und Ihrem Aff– Ihrem Pavi– nein, nein, Ihrem – Ihrem Waldmenschen in die Schuhe geschoben! In keinem Buche aus der Leihbibliothek ist es zusammenfassen, was wir uns über Sie und Ihren greulichen Hausgötzen zusammengereimt haben, und nun ist Alles nichts, gar nichts; oder – vielmehr etwas viel Besseres, das Allerbeste sogar. Wer hätte das ahnen können, daß so wenig Schreckliches hinter Ihnen Beiden steckt? daß Sie zwei –«

»Nur ein Humbug sind. Ein haarig Fell mit Stroh darin. Ein Haufen alter Kleider mit Stroh darin. Die Spatzen abzuschrecken –«

»O nein, nein, nein! ganz und gar nicht! Gerade das Gegentheil. Wenn ich mich nur richtig ausdrücken könnte! wenn ich es nur zu sagen wüßte, wie ich es meine!«

»Meine liebe Tochter,« sprach der alte Schnarrwergk, seiner Nachbarin näher rückend und ihr verdrießlich, aber doch väterlich-vertraulich die Hand aufs Knie legend; »jetzt will ich's Dir als ein großes Geheimniß verkünden oder als ein albernes Räthsel lösen: die Welt ist viel trivialer, oder, wenn Du es auf deutsch willst, viel nichtsbedeutender, als sie sich einbildet. Es ist in Wahrheit die größte Seltenheit auf Erden, daß ein Mensch aus wahrhaft pathetischen Gründen etwas Rechtes im Guten oder Schlimmen, nach der Licht- oder nach der Schattenseite hin, wird, oder zu Stande bringt. Wir werden meistens durch Kleinigkeiten zu Helden, Narren, Verbrechern oder Parakleten gemacht. Wir werden aber auch gewöhnlich nur durch Kleinigkeiten zu Tode geärgert. Bonaparte kann seine Schneiderrechnung nicht bezahlen, geht hin, heirathet die Maitresse Barras und marschirt zur italienischen Armee. An Schiller schreibt Körner: Schneider Müller fragt auch an, wann Du zurückkommst, und Schiller geht hin und schreibt den Don Carlos. Der Nachbar Schnarrwergk wird mit einem mißrathenen Zwerchfell in die Zeitlichkeit geboren; was Anderen eine Fliege ist, wird ihm zu einer Hornisse, und er geht hin und macht dem Universo und der Hanebuttenstraße mit einem ausgestopften Pavian bange. Verlaß Dich darauf, Kind, und glaube nicht sofort daran, wenn wir Dir mit dem Pathos kommen. Kleinigkeiten sind's, die uns in die Zeitungen und in die Mäuler der Leute bringen, die uns zu Welteroberern, Dichtern, Künstlern, Mördern, Selbstmördern, Zucht- und Irrenhauskandidaten machen.«

»O Gott, das ist so lieb von Ihnen, daß Sie mir dies Alles sagen, Herr – Herr Nachbar; aber eigentlich ist es doch schlimmer als irgend was, was ich von Ihnen weiß oder von Anderen gehört habe. Und ob Sie ganz Recht haben, weiß ich nicht; aber ich habe mir wirklich so die Sachen nicht vorgestellt. Vorzüglich wenn ich in der Schule von großen, guten und schlimmen Menschen hörte. Und mit der Musik ist es doch jedenfalls anders!«

»So? Kennst Du die Wiener Gassenhauer, zu welchen Dein Amadeus Mozart die Noten gefunden hat? Weißt Du, wie man die neunte Symphonie schreibt? Ohrenzwang muß man dabei haben! Mit seinem Hauswirth, mit seiner Dienstmagd, mit seinem Neffen und seinen sonstigen Angehörigen muß man sich dabei das nächstliegende Hausgeräth gegenseitig an die Köpfe werfen – dann wird es das Rechte!«

»Dies kann ich nicht mehr mit anhören,« rief plötzlich, wie wenn sie sich mit aller Kraft zusammenfaßte, Fräulein Müller, und dem Nachbar zum dritten Male einen Knix hinsetzend, sagte sie, und sogar sehr schnippisch:

»Gute Nacht, Nachbar. Und ich behalte doch Ihre Glückshand auch diese Nacht und bis auf Weiteres unter meinem Kopfkissen!«

* * *

Bis auf Weiteres! In der Nacht, welche dieser Unterhaltung folgte, meinte Fräulein Rosine Müller kurz vor dem Einschlafen, oder vielmehr bereits im Halbtraum:

»Es ist eigentlich wundervoll! Im Adreßbuch steht er mir, so lange ich ihn mir vom seligen Herrn Professor her denken kann, als Menschenfresser; und nun bin ich mit ihm auf einen so guten Fuß gekommen, daß er meint, ich verstünde Alles, was er wir herphilosophirt, und sogar mich meine Ansichten ruhig aussprechen läßt. Und bloß, weil ich mir aus einem bißchen Regen bei einer Landpartie nichts gemacht habe. Ja, da hat er Recht; so sind die Menschen!«

Am anderen Morgen ging das Leben weiter in gewohnter Weise. Am folgenden wieder so, und so weiter; und es fiel gar nichts Besonderes vor. Der Nachbar Schnarrwergk stieg mit dem rechten Beine zuerst aus dem Bett und verhielt sich so ruhig, als ob er gar nicht da sei. Der Nachbar Schnarrwergk stieg mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bett und erregte einen oder mehrere Zusammenstöße im Hause und in der Nachbarschaft, die weder seinen Ruf noch den seines Hausgötzen, seines Pithekus, verschönten. Rosine ging ihrer musikalischen Kundschaft nach bei schlechtem und bei gutem Wetter, einerlei ob sie mit dem linken oder dem rechten Fuße zuerst den Boden vor ihrem Bette erreicht hatte. Sie prüfte die Dauerhaftigkeit ihrer Nerven und ihrer guten Laune in gewohnter Weise an dem Talent oder dem Gegentheil desselben bei ihren Schülerinnen; aber Keiner fragte sie, wie sie sich dabei befinde.

Es kamen Zeiten, wo der Nachbar sich so muffig betrug, daß die Nachbarin ganz ärgerlich dachte:

»Er hat vollkommen Recht: der Mensch ist nicht so schlimm oder gut, wie er aussieht, sondern bloß von Natur aus ein trübseliger Patron. Und von dem Herrn Thierarzt Schnarrwergk war's nichts als eine Grille, daß er mich als dritten Mann zu seinem greulichen Affen in den Bund aufnahm. Nun meinetwegen, ich sitze hier auch ganz gut bei mir allein.«

Es war damals ein schöner Sommerabend, und sie saß wieder am offenen Fenster, nachdem sie »drüben« vergeblich den Versuch gemacht hatte, ihre sieghafte gute Laune, ganz abgesehen von den Nerven, an den Mann zu bringen. Aber gerade darum konnte man es ihr um so weniger verdenken, daß sie sich nicht nur verwundert, sondern ganz altjüngferlich mit verzogener Nase aufrichtete, als sie sich plötzlich von der Thür aus durch den Nachbar, den Herrn Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk, angesprochen hörte. Er fragte aber:

»Willst Du mir einen Gefallen thun, Kind?«

Und das Wort aber machte sofort Alles wieder gut.

»Herzlich gern, Nachbar, wenn es mir irgend möglich ist.«

»Ich möchte vor Schalterschluß noch einen Brief, einen Geldbrief zur Post befördert haben. Willst Du mir das besorgen? Ich bin mit den anonymen Anzüglichkeiten und Grobheiten, welche ich dem Adressaten zu sagen hatte, erst eben zu Ende gekommen; und nun traue ich meinen alten Beinen den Eilschritt nicht recht zu. Es ist da Noth am Mann, und ich habe es gewagt und bin der Mann gewesen.«

Fräulein Rosine stand bereits straßenfertig da:

»Geben Sie, Nachbar.«

Sie warf einen Blick auf die Adresse und fuhr mit dem Ruf: »O Gott, aber –« fast ein wenig erschreckt, jedoch nicht zum Tode, auf, als sie las: »Herrn Studiosus Phil. Kohl in ××× Kattreppeln Zweiundzwanzig, Hinterhaus, drei Treppen hoch, links, bei der Wittwe Fumian. Anliegend 600, schreibe: Sechshundert Mark.«

»O, wie würden sich der selige Herr Professor und die Frau Professorin hierüber freuen,« rief sie schon im Laufen, dem Thierarzt Schnarrwergk ihr Stübchen, ihre offenen Schubladen, ihre offene Schreibmappe und alles Andere unbedenklich zur freiesten Verfügung und zum rücksichtslosesten Durchstöbern überlassend. Auf der Treppe aber schon überlegte sie: »Wenn dieses nicht kurios ist!! Wie kommt Er denn hierzu? Gerade als wenn sie ewig in zärtlicher Zärtlichkeit verkehrt hätten. Ich halte es hier in Händen, aber ich glaube es doch nicht! O, und die Frau Professorin! ob die das wohl glauben würde? Ich habe doch mehr als einmal den Besen, den Kohlenkorb und andere Fallen wieder aus dem Wege geräumt, wenn sie gesagt hatte: Heute Abend schenkt uns der Ekel wieder das Vergnügen, Rosinchen.«

Sie kam, athemlos, gerade noch recht, vor Postschluß. Es war der letzte Brief, der bei diesem schönen Sonnenuntergang noch in die Klappe gereicht wurde. Und als sie langsamer zurückging, immer noch das Ereigniß bedenkend, stand schon der Vollmond im lichtblauen Abendhimmel, und der Nachbar Schnarrwergk saß an seinem geöffneten Fenster und rauchte seine Pfeife zu ihm hinauf, und der Affe, der Lar, stand auch noch da, wie er zu stehen pflegte

Und als Fräulein Müller leise und fast gerührt meldete. »Er ist glücklich noch mitgekommen. Es war eben noch Zeit. O, Nachbar Schnarrwergk, wie gut Sie sind, und – wie wird der junge Herr Kohl sich freuen!« da schnarrte der alte Schnarrwergk greulicher denn je zuvor:

»Laß mich endlich mit dem infamen Bengel in Ruh! Und daß Du kein leisestes Wort von dieser Dummheit Dir entfahren läßt, Mädchen! Für heute habe ich mich mit dem Schlingel ausreichend genug beschäftigt. Aber wenn Du nichts Besseres vorhast, so setz Dich da auf Deinen Stuhl und dämmere ein Stündchen mit mir in den Abend hinein.«

»Wie hübsch der Mond da steht, Nachbar.«

»Jawohl, sehr angenehm und behaglich. In einer Stunde wird er die Herrschaft über die Welt haben und mit seinem geborgten Licht der Menschheit imponiren und abgeschmackte Gefühle erregen. Laß ihn, und guck – da liegt natürlich auch wieder der andere Flegel, der Blech, im Fenster und gafft herüber und hält seine Maulaffen feil.«

»Lassen Sie doch Den, Nachbar. Der imponirt mir gar nicht und erregt mir weder abgeschmackte, noch geschmackvolle Gefühle.«

»So?« fragte der Alte recht langgedehnt, an seiner Pfeife saugend. »Hm!« sagte er; doch darauf rief Fräulein Rosine Müller trotz allem vorhinnigen Entzücken über den Nachbar Schnarrwergk recht ärgerlich:

»Was wollen Sie denn mit Ihrem Hmhmhm? Aber ich weiß es schon; den schönen Abend wollen Sie mir wieder verderben; doch – nun gerade nicht! Und weil Sie es denn schon zu wissen scheinen – nun denn, wenn mir was die Hanebuttenstraße zuwider machen könnte, so wäre es Der da drüben.«

»Aber er hat es doch so gut mit Dir im Sinn. Und ist gar kein übler Mensch. Er weiß mit seinem Pfunde zu wuchern und seine Gaben an den Mann zu bringen.«

»Meinetwegen! aber wenn er sie an eine Frau bringen will, so soll er sich eine andere als mich suchen! Lieber Herr Nachbar, in diesem Augenblick rede ich endlich zu Ihnen wie zu einem Vater: nämlich, da er mir neulich die Gelegenheit dazu aufgedrungen hat, so habe ich ihm meine Meinung gesagt; auch gerade bei einem solchen Sonnenuntergangsmondscheinabend im Stadtpark, wo er auf Sie kam, und mein Verhältniß zu Ihnen, und zuletzt – zuletzt – mich – mich –«

»Fragte, ob Du nicht Dein Verhältniß zu mir mit ihm theilen wolltest für gut und böse, für Gesundheit und Krankheit, für Leben und Tod?«

»Ja, ja, so ungefähr!«

»Und Du hast ihn nicht gewollt?«

»Ne!« sagte Fräulein Rosine Müller. »Und noch dazu auf mein Verhältniß zu Ihnen hin? Nein, nein, doch lieber nicht!«

»Trotz meiner Glückshand unter Deinem Kopfkissen?«

»An die habe ich bei der dummen Gelegenheit doch wahrhaftig nicht denken sollen? ich bitte Sie, Nachbar! Und dann, sehen Sie einmal, wie bei dieser thörichten Rednerei der liebe Mond über uns gekommen ist, ohne daß wir es gemerkt haben. Wie deutlich man heute Abend den Mann in ihm sieht!«

»So? thut man das?«

»Ich meine natürlich nur die hohen Berge und tiefen Thäler und sonstigen Landschaften auf ihm. Nachbar, Sie scheinen es wirklich darauf abgesehen zu haben, mich zu ärgern; aber geben Sie sich keine Mühe, heute Abend gelingt es Ihnen nicht. Ich setze mich dafür gerade heute Abend zu sehr hinein in die Seele der Frau Professorin, meiner lieben Wohlthäterin. Würde die Ihnen ein liebes Gesicht heute Abend machen, trotzdem daß Sie Beide wirklich nicht für einander paßten; – vielleicht – weil Sie zu große Ähnlichkeit mit einander hatten.«

Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk hielt seine Hand hin und sagte:

»Du brauchst freilich auch im Mondschein des Lebens keinen mehr oder weniger wohlmeinenden, keinen mehr oder weniger naseweisen Berather. Du findest Dich schon allein zurecht.«

»Ach, sagen Sie das nicht, Nachbar. Bei Tage geht es wohl schon; aber bei so schönem Mondschein wie heute, wie häufig habe ich da allein gesessen, wenn ich mich nicht zurecht finden konnte, und mich nach meiner ohne mich verstorbenen Mutter gesehnt habe und mir die fließenden Thränen getrocknet: ist es denn nöthig, daß es so viel Unruhe und Rathlosigkeit auf Erden giebt? Ach, wenn Du Einen wirklich wohlmeinenden Menschen hättest, an den Du Dich in Deinen Verlegenheiten wenden könntest! Wie dankbar muß ich schon Ihnen sein, Nachbar, des Hauswirths und meines Klaviers wegen. Und dann mit Ihrer Glückshand; und nun, zum allerbesten, mit Ihrer Güte gegen die Frau Professorin Kohl!«

* * *

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