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Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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Nämlich es war beinahe so, wie es sich der verstimmte Neuigkeitensucher unter seinem derben Hirnschädel zusammenrückte: dieser alte Schnarrwergk, dieser alte Thierdoktor und Ex-Regimentsroßarzt war wahrhaftig im Stande, sich zum Trost in seinen alten Tagen einen jungen Menschen für seine Rache an der Menschheit heranzuziehen und anzufuttern. Aber Kohl irrte sich sehr, wenn er meinte, daß er von dem weiland Hausfreund seiner Eltern deshalb zum Doktor der Philosophie gemacht worden sei. Das Letztere war doch etwas mehr als eine Grille des Greises gewesen und wurzelte in einem ganz anderen Grunde. Schnarrwergk hatte merkwürdiger Weise geglaubt, Jemandem einen Gefallen dadurch zu erweisen: nämlich – seiner Nachbarin in der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße, Fräulein Rosine Müller.

Damit sind wir wieder da, wo wir angefangen haben. Wie Robinson Crusoe sind wir im Kreis herumgelaufen und richtig wieder an der Stelle angelangt, wo jener zuerst merkte, daß auch auf dieser karaibischen Insel Kannibalen abkochten, und wo wir zu unserem Schrecken merkten, daß es auch diesmal auf unserer Insel Menschenfresser geben könne.

»Sehen Sie sich diesen Affen nur mal ganz genau an, Fräulein Müller,« sagte damals beim Ostereinzug vor fünf Jahren Studiosus Kohl zu der kleinen Freundin seiner verstorbenen Mutter. »So sollen Sie vor ein paar tausend oder ein paar hunderttausend Jahren einmal auch ausgesehen haben, Fräulein. Ihr jetziger Nachbar (hören Sie nur, wie er drunten in der Gasse mit seinem Packträger Zärtlichkeiten wechselt!) behauptet es fest, und er muß es wissen; denn er hat darauf studirt.«

»Wenn er weiter nichts weiß, dann danke ich für seine Weisheit. Das Studium hat er aber wohl einzig und allein vor seinem Spiegel betrieben, Herr Kohl?«

»Und im Umgange mit dem Menschen, wie er heute ist. Im Verkehr mit der Menschheit in ihrer jetzigen Blüthe. Wissen Sie wohl, daß Sie ganz allerliebst aussehen, Rosinchen? Wissen Sie wohl, daß, wenn ich Sie so ansehe und den haarigen Vetter da, ich –«

»Wissen Sie wohl, Herr Kohl, daß Sie wieder mal gröber und unverschämter als irgend ein Anderer werden wollen?«

»Du liebster Himmel, es sollte ja gewiß und wahrhaftig diesmal auf etwas Schmeichelhaftes hinauslaufen, Rosinchen! Zum Henker, was Angenehmes wünschte ich Ihnen zu sagen; aber sofort zeigen auch Sie wirklich ein Stück Verwandtschaft mit Dem da und springen mir mit beiden Vorderhänden ins Gesicht. Wann wird denn Unsereiner endlich einmal dazu kommen, auszureden und zu zeigen, was er Zartes in sich hat?«

Wir blättern nicht zurück; aber so oder doch ungefähr so war die Unterhaltung zwischen den zwei jungen Leuten beim Einzuge in die Hanebuttenstraße gelaufen, und dann war das Weitere gekommen, und Studiosus Kohl hatte Abschied von Fräulein Rosine Müller genommen, und nun erzählen wir, wenn auch nicht der Länge nach, so doch nach der Ordnung, wie Rosinchen, der Pithekus und Thierarzt Schnarrwergk sich als allernächste Nachbarn in einander gefunden hatten. Große Kunstkenner nennen das eine wirklich feine Komposition; aber wenn es in Wahrheit eine solche ist, so können wir ganz gewiß nichts dafür. Wir pfeifen gerade bei diesem Werk, wie uns der Schnabel gewachsen ist, würde unser Freund Kohl sagen. Welch einen wundervollen Waldgesang würde man aber beim Lustwandeln durch den deutschen Litteraturwald zu Gehör bekommen, wenn jeder Vogel darin pfiffe, wie ihm der Schnabel gewachsen ist! –

Das Fräulein hatte an dem, was es vom Thierarzt Schnarrwergk bereits kannte, und dem, was es am Einzugstage mehr von ihm kennen gelernt hatte, nicht wenig Sorge und Unruhe, kurz, eine schwere Last zu Bette zu tragen. Als es todmüde zum ersten Mal in dem neuen Nestchen die Federn um sich ausbreitete und die Decke über dem Kopf zusammenzog, seufzte es: »O, wer doch einen Stern mit seiner Mutter und seinem Vater und sonst noch ein paar guten Leuten allein hätte!« Und als es am nächsten Tage zum ersten Mal den ersten Akkord auf seinem Pianino anschlug, setzte es sich fester auf den Klavierstuhl und blickte scheu über die Schulter nach der Thür und sagte, energisch seiner Bangniß Herrin werdend: »So! Jetzt wird es sich zeigen, ob es sofort zu einem Krach kommen wird – oder – erst – ein paar Tage – später!«

Der erste einweihende Silberton rührte weder den Pithekus noch den Thierarzt Schnarrwergk; und Rosine Müller wagte es weiter – die Bilder wachsen uns hier vollständig in die Hand – sie wagte sich weiter heraus wie ein sich entfaltendes Schneeglöckchen, wie ein flügge werdendes Rothkehlchen, wie ein Maikäfer nach dem Regen. Gleich dem letzteren Insekte fing sie an zu zählen und machte die ersten Läufe auf und ab, schwarze und weiße Tasten durch einander, zuletzt wie ein Wirbelwind. Sie forderte in immer heftigerer Aufregung das Schicksal förmlich heraus, und das Schicksal lächelte gütig. Es sendete diesmal keinen nachbarlichen Stiefelknecht gegen oder keinen groben Hauswirth durch die Stubenthür; keine nachbarliche Grobheit und Kündigung zum allernächsten Termin: Schnarrwergk jedenfalls war musikfest, und seine jüngste Nachbarin seufzte: »Wie als wenn Einem der liebe Herrgott das Korsett aufschnürte! Mein Spiel thut ihm nichts. O, für diese gute Eigenschaft an ihm will ich ihm ja gern hundert schlechte zu gute halten! Wie dankbar muß Unsereine sein, wenn nach der ersten Etüde nicht die Nachbarschaft anklopft und sich die Fortsetzung verbittet! O Gott, beim Herrn Professor Kohl schien er manchmal ein bißchen schwerhörig zu sein – vielleicht hat das zugenommen! Ich bin doch die Letzte, die beim ersten Tastenanschlag verlangt, daß die Welt wie eine musikalische Maus aus dem Loche kommt oder sich wie eine beethovenliebende Spinne von der Decke zum Zuhören herunterläßt. I Gott bewahre!«

Nun machte sie es, durch frühere recht üble Erfahrung gen gewitzigt, auch sanft. Sie übte ihren Fingersatz lieber nicht, wie es sich doch gehörte, zuerst und vor allen Dingen und, was für die Nachbarschaft freilich das Schlimmste ist: ununterbrochen. Vor allen Dingen suchte sie sich der Nachbarschaft durch wirklichen Wohllaut anzuschmeicheln und den nächsthausenden Oger durch Melodie einzulullen. Sie zeigte sich von ihrer besten Seite, die arme kleine Jesuiterin; sie zeigte, was sie konnte. Letzteres war nicht viel, aber es genügte, um ein bescheidenes Laienpublikum der Hanebuttenstraße am schönen Frühlingsabend zu der Frage zu veranlassen:

»Ei, wer spielt denn da so hübsch? und lauter bekannte Sachen!«

Fräulein Rosine Müller brachte das Publikum der Nachbarschaft zum Mitsummen, und damit hatte sie, wie sie hoffte, »wenigstens für ein Quartal« gewonnenes Spiel. Aber der Onkel nebenan schien auch nach der angenehmeren Seite der Tonkunst hin kein hörend Ohr zu besitzen. Er kam nicht, um dem Fräulein ein Kompliment zu machen. Weder beim Zusammentreten auf dem Vorplatz, noch beim Begegnen auf der Treppe nahm er mehr Notiz von ihr als früher im Wohnzimmer der Frau Professorin Kohl.

»Ein Grobian ist er doch und nicht besser als sein Apothekus,« sagte Rosinchen. »Ob ich es wohl wage und auf ihn gar keine Rücksicht mehr nehme?«

Sie wagte es.

Die erste Fingerübung.

Eine Stunde! Zwei Stunden!! Drei Stunden!!!

»O großer Gott, er ist ausgestopft wie sein Affe! O großer Gott, wie gut Du bist,« sagte Fräulein Müller aus befreitem Herzen, nachdem sie vier Stunden lang den alten Schnarrwergk auf die Probe gestellt hatte. »O Gott, endlich endlich, eine ruhige Unterkunft für mich armes gejagtes Huhn!«

Echt frauenzimmerhaft hatte sie bei dem Auf und Ab ihrer zehn Fingerchen auf der Klaviatur nur an den nächsten Nachbar, an den Thierarzt Schnarrwergk oder an den Affen des Thierarztes Schnarrwergk, gedacht. Die weitere Nachbarschaft war ihr natürlich gänzlich aus dem Gedächtniß entfallen. Vierzehn Tage später brummte diese weitere Nachbarschaft:

»Zum Henker, wie sich die Kleine da oben in ihrer Weise verändert hat! Dies hält ja kein Stein aus: Immer und ewig dasselbe und immer tiefer in die Nacht hinein, und so rücksichtslos bei offenem Fenster. Der Person sollte der Wirth doch endlich mal auf die Finger klopfen!«

Es war nämlich ein sehr warmer Sommer auf jenen April gefolgt, ein Sonnensommer; und sämmtliche Leute in der Hanebuttenstraße hielten ihre Fenster bis spät in die Nacht geöffnet und hatten in Ermangelung der Nachtigall auf die Tonleiterübungen der Kleinen in Nummer dreiunddreißig zu horchen, und da war's kein Wunder, daß Fräulein Müller nicht bei Nacht, sondern am hellen Morgen, mitten im Rosenmonat, heftig zusammenschrak, als Schnarrwergk auf der Treppe aus dem Blauen heraus das Wort an sie richtete und zwar das Wort:

»Ich habe drunten mit dem Volk gesprochen. Sie bleiben wohnen. Mich stören Sie nicht.«

Ehe Fräulein sich von dem Schrecken auf der Treppe erholt hatte. hatte der Nachbarspuk das gemeinsame Stockwerk bereits erreicht und war hinter seiner Thür verschwunden, sie mit einem Krach zuschlagend. Fräulein Müller aber verdiente an diesem Morgen, wie sie sich selber ausdrückte, ihr Stundengeld mit Sünden. Sie war bei keiner ihrer Schülerinnen bei der Sache, sondern immerfort bei der grenzenlosen, unvermutheten, schreckhaften Liebenswürdigkeit des grauen Menschenfeindes und Affenfreundes zu Hause.

»Es ist ja zu überraschend! Er? O, wie man sich doch in den Leuten irren kann! Das war ja wie aus dem Märchenbuch! Ich genire ihn nicht, und er hat's auch bei den Anderen möglich gemacht, daß ich wohnen bleiben darf! Hat er mich wohl je eines Blickes gewürdigt, wenn er mich einmal bei der Frau Professorin traf?«

Und am Abend dieses Tages, nicht vor ihrem Pianino, sondern mit dem Nähzeug am geöffneten Fenster sitzend, dachte das Fräulein noch immer:

»Ach, wenn ich ihm doch auch so etwas Unvermuthetes zu Liebe thun könnte! Ach, könnte ich ihm doch auch so einen himmlischen Schrecken einjagen!«

* * *

Der sollte freilich noch gefunden werden, der dem Kreisthierarzt und Regimentsroßdoktor außer Dienst Schnarrwergk je einen himmlischen oder höllischen Schrecken eingejagt hatte. Aber den Lohn für sein gutes Herz, seine gute That, sein gutes Wort kassirte er ein, sobald sich die Gelegenheit gab. In der Weltgeschichte ist es schon öfters dagewesen; aber in einer Geschichte wie dieser noch niemals so. – Fräulein Rosine hörte nicht ein nächtliches Stöhnen von drüben und lief hinüber und fand den Greis verlassen, einsam, mit weißlockigem Kopf zwischen beiden mageren Händen in Thränen und Sehnsucht nach endlich – endlich – endlich einem Herzen in der Oede des hülflosen Alters. Sie hörte ihn einfach schändlich schimpfen und fluchen, mit dem Stuhle rücken, hin und her springen, und das Alles nicht in der unheimlichen Mitternachtsstunde, sondern am hellen, lichten, bürgerlich-ungespenstischen Wochentagsmorgen, so daß sie in ihrem völligen Rechte war, wenn sie, jäh auffahrend, angstvoll, bebend fragte:

»Gott, wem will er denn jetzt den Hals abreißen?«

Und in ihren Schrecken hinein schnarrte es plötzlich:

»Rosine! Sie da – nebenan! Fräulein Müller!«

»Himmel, meint er denn mich? ruft er nach mir?«

Scheu und vorsichtig schob sie den Kopf aus ihrer Thür und sah, daß der benachbarte Greis den seinigen aus der seinigen geschoben hatte.

»Darf ich Sie bitten, Jüngferchen? Bitte, haben Sie die Güte oder wie die Redensart ist.«

Das Jüngferchen näherte sich zögernd, und Schnarrwergk öffnete seine Pforte weiter und lud es durch eine Handbewegung ein, noch näher zu treten.

Es war ein schöner heißer Sommermorgen. Der Sonnenschein lag auf den Fenstern und die Welt im Lichte. Im hellsten Lichte stand Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk inmitten seines Gemaches und war kein Anblick zum Ergötzen, kein vertrauenerweckender Anblick. Wie ein alter Besen, an dem kein gutes Haar mehr war und an welchem sich die wenigen letzten schlechten vor Wuth und Aufregung gesträubt hatten, stand er da, und es war noch anerkennenswerth, daß er trotz seiner Erregtheit so viel Schicklichkeitsgefühl übrig behalten hatte, den zerlumpten Schlafrock um sein dürres Gebein fest zusammengezogen zu halten.

Aber eine Hand hatte er frei, und damit erhielt die junge Nachbarin den Wink, noch näher zu treten.

»So, da bist Du endlich! Die Kehle soll man sich wohl nach Dir abschreien? Da – Du wirst sehen, wo die Knöpfe fehlen.«

Und Fräulein erhielt einen Gegenstand, ein Bekleidungsstück zugeworfen, das wir nicht nennen, weil es zu bekannt ist.

»Es kommt Alles an den Menschen heran. Auch daß er das Nadelöhr nicht mehr finden kann. Uebrigens habe ich mich jetzt allgemach lange genug allein mit dem Ueberdruß abgequält, und es ist meine Absicht, mich in der Hinsicht in Ruhe zu setzen. Hoffentlich hast Du über den schönen Künsten nicht die nützlichen ganz aus dem Auge verloren, Mädchen? Wenn Du fertig bist, häng sie mir über die Thürklinke und klopfe bescheiden. Bring sie mir aber lieber nicht persönlich ins Zimmer; Du siehst, ich bin bei der – Toilette.«

Klapp! Die Pforte war hinter der jungen Dame zugeschlagen, und Rosinchen Müller stand draußen auf dem Vorplatze – mit ihrer Ueberraschung und des Nachbar Schnarrwergks notwendigstem Kleidungsstück. Daß die erstere, die Ueberraschung, so groß war, wie jene von »neulich auf der Treppe«, kann man nicht sagen. Sie war größer.

Im eigenen Stübchen löste sich der Ausdruck drolligster Verblüfftheit auf dem Gesicht der Kleinen allgemach in den des heitersten Entzückens auf.

»Nein, so was ist mir freilich noch nicht vorgekommen!«

Und damit hatte sie leider im wörtlichsten Sinne Recht als vaterlose Waise, die auch keinen Bruder gehabt hatte und von der verstorbenen Mutter auf »so was« wirklich nicht hatte hingewiesen werden können.

Eine geraume Weile mußte sie suchen, wo der Knopf dem Nachbar Schnarrwergk abhanden gekommen war; aber als sie's heraus hatte, da brachte sie es »beinah mit Thränen des Vergnügens« fertig, einen Ersatz für den Ausreißer an Ort und Stelle festzubannen. Als sie den Faden abbiß, seufzte sie vergnügt:

»So gern habe ich seit hundert Jahren nichts gethan.«

Dessen ungeachtet trug sie aber doch ihr vollendet Werk mit spitzen Fingern und auf den Zehen zur Pforte des Nachbars zurück, hing es, scheu über die rechte wie über die linke Schulter um sich blickend, nach Befehl über den Thürgriff, klopfte leise und entfloh hastig mit geducktem Nacken und zusammengerafften Röcken.

»Schön!« grollte es dumpf hinter ihr drein; sie aber schlug ihre Thür hinter sich zu mit einem Krach, wie ihn der Nachbar Schnarrwergk nicht besser zuwege gebracht hätte. Kein Verbrecher hatte nach glücklich erreichtem Zufluchtsort tiefer Athem zu schöpfen als wie sie. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie sich so weit gefaßt hatte, daß sie die Hände zusammenschlagen konnte:

»Aber wenn das nicht himmlisch ist! Aber er ist ja ganz anders, als wie er sich stellt! Aber wenn das so weiter zwischen uns geht, dann sitzt ja ganz gewiß meine selige Mutter mit im Rath der Vorsehung und hat eine Hand in der Sache!«

* * *

Fürs Erste, für eine geraume Zeit ließ es sich nicht an, als ob das so weiter gehen sollte und immer noch besser werden. Die Tage, die Wochen, die Monate gingen hin, und Nachbar Schnarrwergk ließ nichts von sich vernehmen, was darauf hindeutete, daß er das Band nachbarschaftlicher Vertraulichkeit noch fester zu ziehen wünsche; und von der jungen Dame konnte man nicht verlangen, daß sie den Wunsch danach deutlicher äußere, als sich für sie schickte. Dafür war sie in ihrem kurzen Dasein doch schon zu häufig angeschnarcht und zurückgescheucht worden.

»Nein, nein, nur auf keine Grille der Menschheit hereinfallen! Doch noch lieber wieder die Wohnung wechseln.«

Der Alte ließ nichts von sich hören, außer wenn er wüthender als gewöhnlich von einem Gange nach Hause kam und seiner Erbosung gegen seinen Lar Luft machte und ihm in längerer und kürzerer Rede, je den Umständen nach, sein Herz ausschüttete. Rosinchen horchte dann an der Wand, ohne weder ihr Lob noch ihre Schande zu hören; sonst aber gab sie ihre Stunden außerhalb des Hauses ruhig weiter und übte ihre Fingerübungen daheim, ohne wie sonst mit dem Hauswirth und der Welt in Konflikt zu gerathen. Die Tage gingen hin. Es kamen schöne, es kamen häßliche; es wechselten Sonnenschein und Regenschauer, und Donner und Hagelwetter fielen ein, vor denen ihr furchtsam jung Weiberherz nur zu gern Schutz und Trost bei der Nachbarschaft gesucht hätte. Dieses wagte sie dem Nachbar Schnarrwergk gegenüber so wenig, wie sie es wagte, ihn am himmelblaueren Sonn- und Feiertage zu einem Spaziergange aufzufordern. Letzteres hätte doch »von ihm ausgehen« müssen, und – es ging von ihm aus, und zwar wieder so unvermuthet und unter solchen Umständen, daß man im Grunde es schriftlich haben mußte, um es zu glauben.

Nämlich nachdem die Natur Wochen lang ein Gesicht gemacht hatte wie eine Braut, schnitt sie eines wie eben dieselbe, wenn sie zweimal Wittwe geworden ist und damit umgeht, sich vom dritten Mann scheiden zu lassen. Es fing an zu regnen, ganz leise, und es regnete durch acht Tage und acht Nächte, und der neunte Tag war wiederum ein Sonntag, und es regnete auch an diesem, wie gesagt, immer ganz leise, aber desto ununterbrochener. Es war einfach schrecklich, objektiv aus Besorgniß für die Landwirthschaft, subjektiv aus Langerweile.

Dabei den ganzen Tag frei zu haben und nichts mit sich anzufangen zu wissen! Du lieber Gott, die armen Leute, die sich heute ein Vergnügen machen wollten!

Fräulein Müller versuchte es, sich nützlich zu beschäftigen. Das ging nicht. Sie versuchte es mit einem Band von Schillers Werken. Das ging auch nicht. Die Braut von Messina mag bei gutem Wetter ein erhabenes Kunstwerk sein – aber bei solchem! nein, auch die Braut von Messina war bei einem ewigen leisen Regen entsetzlich – nämlich langweilig und fiel gänzlich unter die subjektive Betrachtung des Tages.

Rosinchen verzichtete auf die Braut von Messina, wie sie Nadel und Faden aufgegeben hatte. Sie schob in ihrem Sessel am offenen Fenster beide Hände unter den Hinterkopf, warf einen letzten vorwurfsvollen, matten Blick zum grauen Himmelsgewölbe empor und dachte an nichts mehr, und an ihren Nachbar, den Herrn Thierarzt Schnarrwergk, am allerwenigsten. Wenn sie heute überhaupt an etwas, was mit ihm zusammenhing, gedacht hatte, so war das sein Affe, sein Pithekus gewesen, und da hatte sie gedacht:

»Der hat's wieder gut, der hat's eigentlich immer am besten mit seinem Stroh und seinem Draht im Leibe!«

Der Mann von der schönen Aussicht in Frankfurt am Main hätte sich nicht welterfahrener, nicht weltverlorener, nicht weltentsagender ausdrücken können wie Rosinchen. Man braucht ja nicht immer die Sachsenhauser Brücke, das Deutschordenshaus und Sachsenhausen sich gegenüber zu haben, um das Richtige zu treffen! Auch in der Hanebuttenstraße kann man in Erfahrung bringen, daß es sehr häufig im Leben und in der Welt schlecht Wetter ist, und – daß das gute nicht selten hereinkommt, ohne – vorher anzuklopfen.

»Sind Sie zu Hause, Fräulein? Bist Du noch da, Kind?«

Fräulein fuhr in die Höhe und starrte die Erscheinung inmitten ihres Stübchens an – erst mehrere Augenblicke an, ehe sie sich so weit gefaßt hatte, um Antwort geben zu können.

»Zu Hause? Ei jawohl! Bei dem Wetter, Herr – Herr Schnarrwergk?«

»Bei dem Wetter? Freilich, das Wetter so um Pfingsten herum! Was wollen Sie bei dem Wetter zu Hause sitzen? Ist das auch ein Vergnügen, vom Fenster aus in es hineinzusehen? Wollen Sie mit? Wollen Sie einen Spaziergang mit mir machen? Marsch, setzen Sie den Hut auf oder was Sie wollen. Zu Hause bei solchem Wetter!«

Er sah bei diesem Wort und Vorschlag aus wie der Gott der gegenwärtigen Witterung; aber Fräulein Rosine Müller schlug nichtsdestoweniger lachend in beide Hände.

»O Himmel, es ist ja wahr, es ist wirklich und wahrhaftig wahr: was sitzt man eigentlich bei solchem Wetter zu Hause? Es ist ja draußen merkwürdig schöner. Ja, und es ist wirklich zu freundlich von Ihnen, Herr Schnarrwergk, und wenn Sie mich durch ein paar Straßen mit sich nehmen wollen –«

»Ein paar Straßen!« murrte verächtlich der Greis. »Wie steht's mit Ihrem Schuhwerk, Kind? Zeigen Sie doch mal.«

Auch das that Rosinchen Müller lachend:

»Ich gebe Unterricht bei jedem Wetter, in jeder Jahreszeit und in allen Gegenden der Stadt.«

»Gut. So nehmen Sie Ihren Regenschirm und lassen Sie uns ein – paar Straßen zusammen gehen.«

* * *

Von diesem Spaziergange beim »schönsten Pfingst-Landregen« sind die Zwei als wirklich gute Nachbarn nach Hause zurückgekommen. Aber es ist dazu wahrhaftig unumgänglich nöthig gewesen, daß das Mädchen heile Sohlen unter wegfesten Stiefelchen hatte und auch einen Regenschirm mitnahm, vor allen Dingen aber, daß es gut zu Fuße war und ein wetterfestes, lebensfröhliches Herz mit auf den Weg nehmen konnte.

Ein paar Straßen!

Wo waren die beiden Hausgenossen aus der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße an jenem triefenden Sonntagnachmittag überall gewesen, als sie nach Hause kamen?

Fräulein Müller hätte die ganze Nacht durch kaleidoskophaft davon träumen können, wenn sie nicht der völligen herrlichen Müdigkeit wegen einen vollständig traumlosen Schlaf vorgezogen hätte. Als sie am Abend ihre Knochen zusammensuchte und ihre nassen Kleider über Stühle ausbreitete und an Haken aufhing zum Trocknen, war's das Einzige, was sie noch herausbrachte:

»Ist es die Möglichkeit?! Kann denn der Mensch so viel erleben, wenn er sich nicht vor dem Naßwerden und dem Schnupfen fürchtet? Ach Gott, und wie man alles, was man in der Schule gelernt hat, so rasch vergißt! Es steht doch schon in jeder Naturgeschichte, daß der schlimmste Brummbär, wenn man ihm einen Menschen und einen Honigtopf hinstellt, den Menschen stehen läßt und sich einzig und allein an den Honig hält.«

Der letzte Stoßseufzer ging einzig und allein auf den Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk, der eben drüben gleichfalls seine nassen Hülsen von sich streifte und dabei Töne von sich gab, denen man es mit dem besten Willen nicht anhörte, daß sie Aeußerungen der Befriedigung waren.

Sie waren wahrlich nicht ein paar Gassen gegangen. »Das besorgen wir vielleicht später einmal bei anderem Wetter,« meinte Schnarrwergk. »Allgemeine Aufwäsche heute, Fräulein. Achten Sie auf, Menschen und Gossen pflegen auszusehen, wie sie riechen. Und der Sonntag macht den Ueberdruß nur ärger. Stecken wir die Nase hinaus aus der allgemeinen Krankenstube.«

Das thaten sie. Jenseit der letzten Häuser der Vorstadt, nachdem sie die letzten Schutthaufen, die letzten Neubauten hinter sich gelassen hatten, fing das eigentliche Vergnügen an. Da genossen sie diesmal den herrlichen Tag.

»Guten Tag, Herr Doktor. Auch bei dieser Witterung draußen?« fragte hinter der ersten lebendigen Hecke ein ihnen auf dem ersten wirklichen Feldwege Entgegenkommender. »Gut gegen die Mäuse. Für das Geziefer haben wir lange auf so 'ne Periode gewartet.«

»Wie geht es sonst, Lehmpuhl?«

»Schlecht, Herr Doktor. Seit Sie nicht mehr auf die Praxis zu uns herauskommen, ist es nichts mehr mit dem Viehstand. Mein seliger Vater, Sie wissen doch, daß mein Vater im vorigen Monat gestorben ist? mein Vater sagte noch neulich auf seinem Krankenlager: Ich will Dir was sagen, mein Sohn, wenn sich das mit dem Ochsen nicht bald ändert, dann läßt Du den neuen Mediziner nicht mehr an ihn 'ran. Dann gehst Du mir in die Stadt zum alten Doktor Schnarrwergk und bittest ihn in meinem Namen aus Gefälligkeit um sein Gutachten. Na, der Himmel hat's denn doch nicht gewollt; sie sind Beide auf einen und denselben Tag eingegangen und abgeschieden.«

»Kommen Sie nur immer zu mir, Lehmpuhl. Sie wissen, ich habe mein Herz, wenn auch nicht meine Praxis für Sie Alle behalten.«

»Das wissen wir, Herr Doktor. Ich mache auch gewiß immer Gebrauch von Ihrer Güte. Ferner viel Vergnügen, Herr Doktor.«

»Gleichfalls.«

»O, wir haben heut Abend nur 'ne Komiteesitzung in der Stadt im Hotel Mond. Sie wissen von wegen der Neuwahlen.«

»Dabei verlasse ich mich auf Sie, Lehmpuhl. Wählen Sie mir – komm, Kind.«

Es bleibt der Geschichte der politischen Weltentwickelung für ewig vorenthalten, wen Doktor Schnarrwergk gewählt zu haben wünschte. Er hatte zu viel mit den frucht- und regenschweren Aehren zu thun, die der feuchte Niederschlag auf den schmalen Fußpfad zwischen den Kornfeldern niedergebeugt hatte.

»Ich bin nicht umsonst ein Menschenalter durch ihr Hausarzt gewesen, kleine Müllerin,« brummte er. »Ich kenne sie noch Alle oder doch in ihrem Nachwuchs von ihren Ställen her. Billige, frische Butter verschaffe ich Dir schon, Fräulein Nachbarin. So weit reicht mein Einfluß noch. Zieh die Röcke zusammen, und vorsichtig durch die Sümpfe. Nicht wahr, dies ist doch besser als das Hocken und Grillenfangen im muffigen Hause?«

Sie erreichten Höhen, von denen sie auf die regenverschleierte Stadt zurückblickten.

»Da liegt und qualmt die Bestie,« brummte Schnarrwergk.

»Und hier stehen wir und dampfen,« lachte Rosinchen. »Jawohl, es ist reizend, und ich bin Ihnen so dankbar, o so dankbar.«

»Da Du mir keine verdrossene Schnauze ziehst, sollst Du auch lügen dürfen, junges Frauenzimmer. Jetzt aber vorwärts; das ist der Thurm von Lollenfinken, da links vom Busch. Dort kriegst Du eine Tasse Kaffee, wenn wir das Dorf lebendig erreichen. Da wirst Du möglicher Weise genauer erfahren, was der Thierarzt Schnarrwergk in der Welt bedeutet und in welcher Achtung er bei den Leuten steht.«

Sie erreichten Lollenfinken und die volle Wirthshausstube dort, und Rosine Müller bekam etwas Warmes in den Leib und erfuhr, in welcher Verehrung und Liebe der Kreisthierarzt außer Dienst bei dem Volk dort immer noch stand.

»So,« sagte die Krugwirthin, »bei dem Wetter habe ich schon vom frühesten Morgen an nach dem Herrn Doktor ausgesehen und zu meinem Manne gesagt: Paß auf, heute kommt er, und dann ist er auch so gütig und geht mal mit in den Schweinekoben. Das frißt nicht, das säuft nicht, das verschmähet auch die beste Gottesgabe, aber mir frißt das liebe Vieh selbst in meinen nächtlichen Träumen das Herze ab, und unser jetziger junger Herr Doktor weiß uns und sich keinen Rath, und mein Mann steht vor dem Verhältniß wie das reine Schaf. Läuft das diesmal wieder, wie vorm Jahre, auf die Trichinen heraus, so ist es mir, als müßte ich meine eigenen Kinder zum Seifekochen hergeben.«

Es war auch Musik und Tanz im Krug zu Lollenfinken –

,.Willst Du mal?« fragte Schnarrwergk, immer väterlicher für das Vergnügen seiner Nachbarin in der Hanebuttenstraße Sorge tragend; aber Fräulein Müller wollte diesmal lieber nicht. Es war ihr vielleicht zu viel junges Städtervolk der unschuldigen Sonntagsfreude von Daphnis und Chloe auf Arkadiens Fluren beigemengt.

»Ich glaube, draußen ist es doch angenehmer,« meinte sie, »und ich glaube auch, der Regen hat wirklich ein bißchen nachgelassen.«

Da irrte sie sich; aber der Herr Nachbar trug doch ihrem augenblicklichen Frösteln in ihren nassen Kleidern Rechnung und bestätigte seinerseits:

»Freilich ist's draußen schöner.«

Als sie das Dorf mit seiner Sonntagsfreude wieder hinter sich hatten und ein nicht sehr entfernt vom Ort Schutz bietendes Gehölz erreichten und Rosine Müller trotz all ihrer Willensstärke seufzte: »Gott, welch ein Wetter für Pilze!« fragte der alte Schnarrwergk melancholisch: »Haben auch Sie jetzt schon genug?«

Als aber das Fräulein von Neuem lustig lachend rief: »Ich bitte Sie, es wird ja immer hübscher! Hoffentlich kommen wir bald an einen Teich und gehen ganz ins Wasser; in einen Fischschwanz laufe ich schon aus wie die schönste Melusine –« da grinste der alte Schnarrwergk behaglich wie ein Erbonkel, der eben seine Lieblingsnichte in sein Testament als Haupterbin gesetzt hat, und brummte vor sich hin:

»Bist mein gutes Mädchen.«

In diesem Augenblick wurden sie abermals angesprochen und zwar von Jemand, dem, der äußeren Erscheinung nach, die Kinder lieber nicht gern allein in Wald und Haide begegnen möchten, nämlich von der Kräuterfrau der Stadt drunten hinter dem Nebel und Regenvorhang Im Märchen giebt es nichts angenehmer Gruseliges; aber in der Wirklichkeit, an diesem triefenden grauen Sonntagnachmittag, mitten im Busch, gab es nichts an der Frau Erbsen, was Zutraulichkeit hervorrufen konnte.

Sie trieb kein lärmend Handwerk und konnte also ihrem Beruf auch am Feiertage nachgehen.

»Jeses, Herr Schnarrwergk,« sagte sie, die Frau Erbsen vom Altstädterring, ihren Tragkorb niedersetzend. »Nun ja, es ist schon recht; wenn ich Einen wußte, dem ich heute begegnen konnte, so sind Sie das.«

»Ich hab' die Ehre. Guten Tag, Frau Doktorin, Frau Medizinalrath, Frau Sanitätsräthin,« sprach Schnarrwergk, den Hut lüftend.

»So ist er nun, Fräulein,« wandte sich die alte Dame an das junge Mädchen. »Nehmen Sie's nicht übel, Herr Schnarrwergk, aber ich kann nichts dafür, daß Sie so sind. Denn, Fräulein, Unsereiner sollte sich mal mit dem Doktern, der Medizin und der hohen Sanität befassen, und wenn's nur an Katze, Hund oder der Nachbarin Kind mit Kamillenthee wäre, so wollte die hohe Gesundheit schon schriftlich, mündlich und auch sonst wie dafür sorgen, daß es nicht wieder vorkäme. Aber, Fräulein, Sie sollten sich doch nicht bei solchem Wetter in seine Hand gegeben haben! Wie ist mir denn? ich sollte Sie doch auch schon kennen. Von meiner Ecke am Ring? Wir grüßen uns ja schon seit Jahren, Fräulein. Ach, Herrje ja, richtig, darf ich fragen, wie es mit der Glückshand geworden ist, ob sie den Segen gebracht hat, den ich ihr nachgewünscht habe?«

»Eh, sieh mal hin!« rief der Nachbar Schnarrwergk, seine Nachbarin in der Welt mit hochgezogenen Augenbrauen, doch fast noch freundlicher als schon öfters heute von der Seite ansehend. Und Rosinchen, halb lachend, halb ärgerlich und sehr roth im Gesicht, rief mit dem Fuße aufstampfend:

»Da ich es nicht leugnen kann und die Frau Erbsen natürlich ihren Mund nicht halten kann, sondern ihre tiefsten Geheimnisse ausplaudern muß, so – so – jawohl, ich dachte: hilft es nichts, so wird es ja wohl auch nichts schaden. Ja, ich bin so dumm gewesen, gerade vor zwei Jahren oder noch ein bißchen früher. Es ging mir nicht zum besten damals auf Erden, und wenn der Mensch nicht aus und ein weiß, dann fällt er natürlich auf allerlei Albernheiten und geht mit seiner Angst zur Mutter Erbsen, oder noch fürchterlicher, zum Scharfrichter –«

»Oder zum Thierarzt, Jungfer Müller!« grinste der alte Schnarrwergk.

»Natürlich auch zu dem, wie in tausend Büchern zu lesen ist; und ich bin, als ich mit meinem lieben Lebensunterhalt schlimm daran war, nach dem Altstädterring gegangen, und wenn wer damals geheimnißvoll that mit seinem Zauber, so war's diese gute Frau Erbsen hier; und – nun kann sie selber zuerst das Geheimniß nicht bei sich behalten, sondern muß mich hier am hellen Tage vor dem guten Schulunterricht, jedem Besserwisser und dem Herrn Kreisthierarzt Schnarrwergk blamiren!«

»O Gott, ich werde doch nicht!« ächzte die alte Dame, beide Hände zusammenschlagend. »Aber das Fräulein hat auch ganz und gar Recht; ich bin in meiner Freude, hier in der Ueberschwemmung und ebenfalls naß bis auf die Knochen auf Sie zu stoßen, zur richtigen Schnattergans geworden und kann nun nur heimgehen als arme Sünderin und in meinen Korb voll Grünkraut hineinweinen –«

»Die Hauptsache ist, Rosine, ob der Zauber angeschlagen hat?« meinte Nachbar Schnarrwergk kopfschüttelnd, mit seinem forschendsten Doktorauge seine kleine Nachbarin betrachtend.

»Nun, ich bin wie gewöhnlich mit heiler Haut durchgekommen, unverhungert und unverfroren, ich armer Spatz. Bin ich nicht etwa noch ganz lebendig in der Hanebuttenstraße angekommen, Herr Nachbar?«

»Gott sei Dank!« brummte der Greis.

»Sehen Sie wohl! Nun, wollen Sie schon weiter, Frau Erbsen?«

»In Kummer und Schmerz, allerliebstes Fräulein. Und o, es soll mir nur Einer begegnen, an dem ich meine Wüthenhaftigkeit auslassen darf! Na, so 'ne Dummheit, so 'ne Dummheit, so sein Allerbestes, sein Allerliebstes in die Welt hinauszuschreien, bloß weil man sich freut, bei so schlechtem Wetter noch zwei gute Seelen und liebe Herrschaften draußen im nassen Busch und auf feuchter Wiese anzutreffen und mit ihnen seine Gedanken über die Witterung auszutauschen! Früher hatte ich doch meinen Mann, der mir den Kopf zurechtsetzen wollte bei solcher Gelegenheit, zur Hand. Nun bin ich eine arme Wittwe seit langen Jahren und einzig und allein auf mich selber angewiesen. Also vergessen Sie's nicht, Fräulein; Sie finden Alles bei mir auf dem Ringe, je nach der Jahreszeit: Vogelkraut für den Kanarienvogel, Kreuzkraut, Lavendel, Myrt und Thymian, Sie wissen wohl wozu. Schönen Majoran, wenn die Zeit kommt. Melisse, Salbei und Stiefmütterchen, Beifuß und Basilikum. Auch wenn Sie still kommen und bei Seite fragen –«

»Wünschelruthen, Springwurzeln, wieder eine Glückshand, Frau Erbsen!« lachte Rosinchen, und Thierarzt Schnarrwergk lächelte ausnahmsweise auch einmal und schnarrte:

»Letztere suchen wir heute selber, Mutter Erbsen.«

Doch nun wurde Er schief von der Seite angesehen, und die Kräuterfrau vom Markt der Altstadt murmelte, bereits völlig wieder bei ihrem Wandel und Handel neben ihrer Kundschaft auf dem Markt:

»Solche sucht man nicht; solche findet man nur, Herr Doktor. Und auch nicht zu jedweder Zeit, Herr Doktor! Und auch nicht Jeder, wer will, Herr Doktor. Und auch nicht Jeder für Jeden. Das hängt von den Umständen ab, und so empfehle ich mich Ihnen, Herr Schnarrwergk, und auch Ihnen, liebes Fräulein.«

Den Tragkorb mit der Ausbeute ihrer heutigen Wanderung wieder aufnehmend, verschwand sie hinterm Busch, tauchte noch einmal auf einem Hügel der Stadt zu im abendlichen Nebelregendunst auf und wurde für dies Mal nicht mehr gesehen.

»Dich hätten sie vor zweihundert Jahren auch gebraten wie eine Gans,« brummte ihr Schnarrwergk nach. »Gerupft und gebraten wie eine Gans; aber ohne viel von Thymus serpillum, Artemisia und Origanum majorana an die Tunke zu verwenden. Untergetunkt würde man Dich selber bloß im nächsten Fischteich haben. Bloß um zu sehen, ob Du auch schwimmen könnest. Wenn wir jetzt heil nach Hause kommen, so werde ich Dir bei Gelegenheit mal ein paar Seiten aus dem Hexenhammer vorlesen, Jungfer Rosine Müller, auf daß Du einsiehst, daß junge Gänse ihren Bedarf an Glückshänden und anderen Zaubermitteln nicht bei dem ersten besten alten Weibe einholen sollen, sondern besser thun, in verbis, herbis et lapidibus sich bei wirklich weisen Männern das Nöthige einzuholen. Das Latein geht Dich nichts an; aber marsch – weiterschwimmen! Da unten auf Pannemanns Wiese wird Dir der Nachbar Schnarrwergk zeigen, was 'ne Sache ist.«

Es rieselte ununterbrochen weiter, als sie an Pannemanns Wiese standen.

»Werden wir auch nicht gepfändet?« fragte Rosine bedenklich, als ihr sonderbarer Führer über dieselbe hinschritt.

»Der Kreisthierarzt Schnarrwergk von einem Bauer gepfändet?« grinste der Alte. »Nee, aber ein bißchen feucht scheint es mir hier zu sein.«

»Das nennt er nun jetzt noch nur ein bißchen feucht!« seufzte Rosine bei sich. Laut meinte sie: »Feucht? O nein, feucht ist es gerade nicht, bloß ein bißchen recht naß. Vivat ein warmes Herz und weiter in der Arche Noah! Jetzt ist doch Alles einerlei, wie man nach Hause kommt. Und jetzt nehm ich mir doch auch noch einen Strauß mit nach Hause. – Sehet die Lilien auf dem Felde an – o die Kukuksblumen – und auch keine von ihnen mit einem trockenen Faden am Leibe!«

»Jawohl, da wäre unsere Gelegenheit, Fräulein Müller!« sprach Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk. »So muß sich der Zauber in der Welt machen! So kommt der Segen, der in Worten, Kräutern und Steinen verborgen liegt, an die Rechten! Da ist nun Orchis latifolia, der Händleinskukuk, in voller Blüthe. Und nun mitten hinein und mit beiden Händen zugegriffen, Mädchen. Wer weiß, was wir aus dem heutigen schlechten Wetter nach Hause bringen? Suche Du Dir Deinen Strauß zusammen; ich grabe derweilen nach dem großen Zauber.«

Das Fräulein hatte gar nicht mehr auf ihn gehört. Sie war schon am Werk mitten in der triefenden Wiesenpracht des Jahres. Aber der Herr Nachbar in der Hanebuttenstraße stand noch eine Weile und sah ihr zu, bis auch er ein paar Schritte weiter in die verregnete bunte Unschuldswelt hineinthat, dann ein Messer zog, sich mit demselben niederbeugte und wirklich anfing zu graben. Mit allem Wurzelwerk grub er eines der nächsten Exemplare von Orchis latifolia aus, schüttelte die schwarze, klebende Erde ab und hielt es erst sich und dann der Begleiterin hin:

»Da hast Du den Händleinskukuk, die Glückshand, mein tapfer, gut Mädchen. Wenn der Zauber wirken soll, so muß man ihn eben beim schlechtesten Erdenwetter ausgraben. Da nimm, und künftig brauchst Du nicht mehr die Mutter Erbsen auf dem Wochenmarkt darum verstohlen anzugehen, wenn Dir die Wasser einmal wirklich wieder bis an den Hals steigen und Du Dich nach Jemand am Ufer im Trockenen umsiehst.«

»O danke, danke,« rief Rosine Müller. »Die Gabe und das Wort nehme ich schon gern an und mit nach Hause in die Hanebuttenstraße! Welch ein reizender Tag! O haben Sie Dank, Herr Nachbar, daß Sie mich bei dem wundervollen Wetter mit sich hinausgenommen haben. So lange ich lebe, vergesse ich diesen himmlischen Regentag nicht.«

Der Alte hatte sich wieder zur Erde gebückt und grub abermals neben einem Brennnesselbusche.

»Man muß seine Leute kennen lernen. Da riech mal, das ist aus derselben Familie wie Deine Fortunatushand da und wie der weiße Kukuk oder Nachtschatten, der wenigstens bei Nacht recht angenehm in der Nase ist, die wohlriechende Ragwurz und den langspornigen Kukuk nicht zu vergessen. Nun, was sagst Du zu diesen Mitgliede der großen Familie unter Deinem Näschen?«

»O pfui! das ist freilich recht unangenehm.«

»Sag einfach – wanzenartig! Orchis coriophora, das Wanzenknabenkraut. Wirst es freilich schon ohne meine Weisheit gemerkt haben, Kind, daß es auch in unserer großen Familie allerlei sonderbare Verwandtschaft von Adam her giebt. Und nun wollen wir dem Stänker ebenfalls die Wurzel heben. Guck, da findet die Zauberfrau vom Altstädterring keine vier oder fünf Fingerlein. Zwei alberne nichtsbedeutende Knollen findet sie als Wurzel und hat noch keine Kundschaft dafür gefunden auf dem Altweibermarkt. Mach's wie der Thierarzt Schnarrwergk, Mädchen. Bleib allein, wenn's auch manchmal ein bißchen öde um Dich wird. Hüte Dich vor dem Wanzenkukuk, und auch der weiße Nachtschatten trägt keine Glückshände unter sich. Und nun komm endlich heraus aus dem feuchten Grase. Ich meine, wir haben für heute genug der Wasserbejahung, wie's der alte Goethe nennt. Wie siehst Du aus, Menschenkind! Deine leibliche Mutter würde Dich nicht erkennen.«

Ach, wie sah es aus, das verregnete, lachende und doch mit seiner Rührung kämpfende junge Menschenkind? Nun, eben verregnet-glücklich! Was ist da noch viel zu beschreiben?

Es kam hervor aus der nassen Wiese, das Fräulein mit der Glückshand. Und es kam triefend mit dem Nachbar Schnarrwergk nach Hause, als der Tag sich schon ziemlich zum Abend neigte, was man übrigens kaum merkte, da es den ganzen Tag über des Gewölkes wegen recht graue Dämmerung gewesen war.

In der Hanebuttenstraße Nummer dreiunddreißig schlug das im Hause, was ihnen auf der Treppe begegnete und sonst schon einiges Interesse an ihnen nahm, die Hände über sie zusammen und freute sich, heute, trotz des Sonntages, zu Hause im Trockenen geblieben zu sein. Das hatte natürlich keine Ahnung davon, bei welcher scheußlichen Witterung die richtigen Sonntagskinder das Ihrige erst recht erleben können.

»Nun will ich Dir was sagen, mein Mädchen,« sprach Thierarzt Schnarrwergk mit dem Schlüssel im Schlüsselloch seiner Stubenthür. »Es genügt nicht, daß man mit einem Frauenzimmer Wand an Wand haust oder zwischen vier Wänden, um herauszukriegen, was in ihm ist. Man führe es einen Tag lang im Regen spazieren: behält es dann seine gute Laune, dann läßt sich vielleicht mit ihm auskommen.«

»Das sind ja gräßliche Ansichten über uns!« lachte Rosinchen – eben doch ein wenig verstimmt. Nichtsdestoweniger kam sie aber doch noch mal, mit ihrem Stubenschlüssel in der Hand, zu dem Alten herüber. »Nun? aber neugierig bin ich! Da die Probe an mir gemacht zu sein scheint – bitte, wie habe ich sie denn bestanden?«

»Davon später einmal. Jetzt zieh Dir was Trockenes an und mach, daß Du zu Bette kommst, und komme mir morgen nicht mit einem Schnupfen. Das bitte ich mir aus. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Herr Nachbar Schnarrwergk,« sprach Fräulein Rosine Müller, in einem völligen Hofknix zurücksinkend. Als sich aber die Thür hinter dem Nachbar geschlossen hatte. setzte sie noch hinzu: »Grüßen Sie Ihren Hausgötzen!« und dann nach einer Weile in ihrem eigenen Stübchen: »Das sieht ja aus, als hätte er Lust, in Ermangelung anderer Praxis, mich in die Kur zu nehmen! Na, warte, mach es mir zu bunt, und ich bin es, die Dir räth, Dir einen Thee kochen zu lassen. Aber mit seiner Glückshand war er doch reizend! Ich habe sie doch noch? Ja, gottlob! Und Alles in Allem gebe ich den Regenweg heute für hundert schönste Sonnentage nicht her!«

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