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Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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Inseln über und unter dem Winde giebt es in der Geographie; aber außerhalb des Windes giebt es keine. In der Hemeragraphie ist es hiermit anders. In der Tagbeschreibung giebt es nicht bloß Gegenden oberhalb und unterhalb des Strichs, sondern auch außerhalb desselben. Für den Ankündigungstheil erklärt sich die Redaktion gewöhnlich nicht als verantwortlich und sitzpflichtig; – das überläßt sie dem Eigenthümer des Blattes, und dieser nimmt das Uebrige dann und wann nur als nothwendiges Uebel, als den Knochen beim Braten. Aber es liegt ihm, dem Eigentümer, immer daran, zu dem Guten das Bessere zu fügen und mit der Läuterung der öffentlichen Meinung möglichst viel Geld zu verdienen. Hier weiß er dann nach dieser Dichtung hin, was er an seinem Lokalberichterstatter hat, und wenn er da den richtigen Mann gefunden hat, dann ist er vergnügt und giebt was auf den Mann, und hält den Mann fest und zieht ihn hinter dem Rücken der übrigen Herren im Bureau oft mehr zu Rathe, als ihnen, den Herren oberhalb und unterhalb des Strichs, lieb sein kann. Wenn also ein »Chefredakteur« seinerseits einen Mann gefunden zu haben glaubt, auf den er sich dem Besitzer seines Blattes gegenüber verlassen kann, mit dem er hinter dem Rücken des Mannes reden kann, ohne Treulosigkeit befürchten zu müssen, so ist er ebenfalls vergnügt und hält sein glücklich erwischtes seltenes Talent unbedingt fest.

Es ist nicht weiter von dem Platz in der Nationalgalerie bis ins Photographie-Atelier, wie von der Höhe philosophischer Weltverlachung in das Lokalreporterthum.

»Da haben wir ja, was wir und was Sie brauchen, Kohl!« rief diesmal der ernste Mann und wirkliche Gelehrte in der Stadt, der das »dritte« Blatt darin redigirte, entzückt. »Gerade gestern hat uns unser Mann in dieser Richtung in die tödtlichste Verlegenheit gesetzt dadurch, daß er sein Mandat zurückgab und sich uns zu fernerer edelmüthiger Unterstützung empfahl. Es ließ sich freilich so absehen. Sein chronischer, sein unsterblicher Schnupfen mußte in galoppirende Schwindsucht ausarten. Und dabei soff er. Sie scheinen mir wetterfester als der arme Teufel zu sein und werden hoffentlich auch nicht zu rasch den Verlockungen dieses Zweiges unseres Berufs unterliegen. Uebrigens sind Sie mir auch höchlichst willkommen als der Sohn meines hochverehrten alten Lehrers und Gönners, des alten Kohl! Ich habe da wirklich alte Dankbarkeitsschulden abzutragen, und wo ich Ihnen also im Leben und zum Leben behülflich sein kann, da wird das gern geschehen. Brr, nun sehen Sie einmal die Witterung draußen an; man sollte wirklich keinen Hund hinausjagen. Wir behalten Sie nur pro forma probeweise, liebster Freund; in Wirklichkeit betrachten Sie sich ruhig als vollständig zu uns gehörig. Da draußen im Sankt Annenstift ist ja wohl gestern Abend eine Petroleumkochmaschine geplatzt und hat leider eine von den alten Damen vernichtet. Was meinen Sie, wenn Sie den Braten – ich meine das Unglück, sich an Ort und Stelle ansehen würden für unser Blatt. Die Pferdebahn fährt annähernd bis zu der Stätte, und das Abonnement fällt selbstverständlich auf das Blatt. Werden Sie die Freundlichkeit haben, Liebster?«

Der Liebste hatte die Freundlichkeit, und zwar um diese Epoche seines Daseins mit dem Motto: Vogel friß oder stirb! Als er nachher seinem Freunde Bogislaus begegnete und diesen ziemlich grimmig an der Schulter packte, ihn schüttelte und, im Schütteln immer wüthender werdend, grollte: »Dazu ist man nun mit seinen hohen Intuitionen in die Welt gekommen!« meinte der Lichtbildner mit seinem sinnigsten Lächeln:

»Ja, ja, Gott sei ewig Dank, daß die Quälerei endlich ein Ende hat! Offen gestanden, weißt Du wohl, daß es meine innigste Meinung ist, daß Du nunmehr fein darin und schön heraus bist? Du murrst? Bitte, suche mir um Gottes Willen nicht so zu kommen! Es ist meine feste Ueberzeugung, daß Du itzo auf Deinem wirklichen Naturboden, auf Deinem Dir von Mutter Isis erbeigenthümlich zugeschriebenen Felde bist, Kohl. Nun wachse, gedeihe, schieße meinetwegen, wann die Zeit gekommen ist, auch in Samen. Wir sehen uns ja wohl noch dann und wann, also – gehe es Dir gut, mach's gut, liebe, alte Puppe. Wenn ich Deine Feder wieder brauche, so verlasse ich mich natürlich auf Dich einzig und allein in der deutschen Presse und Literaturgeschichte. Wenn auch ich vielleicht dabei ein wenig Dir über die Schulter Deiner Feder die Richtung anweise, so –«

»Renne doch nicht so! Wohin so eilig?« fragte der frischgebackene Ortsberichterstatter; jedoch der Andere verzog sich auf geflügelten Sohlen und that wohl daran; denn sein Blutsfreund und Geistesgenosse trat nur aus diesem Grunde mit dem erhobenen linken Fuß ins Leere, in die Luft und nicht gegen plastisch geformten, animalisch belebten Weltstoff.

* * *

»Rennen Sie doch nicht so, Kohl! Wohin so eilig?« hätten, von diesen Tagen an, seine guten Bekannten leider fortwährend ihm zurufen können. Wie er auch sonst für seinen nunmehrigen festen Beruf geeignet sein mochte, seiner sonstigen gewohnten Gangart nach war er keineswegs dafür geschaffen. In dieser Hinsicht hatte die Natur nichts mit ihm im Sinne gehabt. Zum vierschrötigen, bedachtsamen, gediegenen Hinschieben hatte sie ihm Figur und Bewegungswerkzeuge verliehen und nun – »hätte ich ebenso gut Barbier werden können! Wie soll die Geschichte erst im Sommer werden?« . . .

Aus dem letzten Stoßseufzer geht hervor, daß es eben Winter war, daß es noch Winter sein mußte; und so war das auch – ein Dezembervormittag jener Art, deren nur der behaglichst gestellte Theil der Menschheit vom Fenster aus mit Vergnügen und mit der Redensart: Das Wetter gefällt mir! gewahr wird.

So gegen Mittag. Nicht Schnee und nicht Regen. Ein völlig richtungsloser Wind. An jeder Straßenecke, aus jeder Gasse ein anderer. Alle Regenschirme bald nach rechts, bald nach links heruntergezogen gegen den sehr feuchten Niederschlag, mit gänzlicher Rücksichtslosigkeit gegen den Neben- oder vielmehr Gegenmenschen in Betreff der Möglichkeit. ihn über den Haufen zu werfen und über ihn wegzutrampeln. Es war, wenn nicht am Tage des armen Lazarus, so an dem des großen Christophs und also jedenfalls der heilige Christ nicht sehr fern. In allen Gassen blühte der hübscheste Handel des Jahres, aus allen Plätzen war Markt und zwar Weihnachtsmarkt, und die Menschheit hatte es also nicht ohne Grund eilig und konnte ihre Entschuldigung vorbringen, wenn sie ein Hinderniß auf dem Wege ausrottete wie der grause König Herodes die junge Brut von Bethlehem.

Wer sich ebenfalls mit wenig Grazie und ohne alle milde oder gar herzige Gefühle durch das Gedränge schob, und wem es vor einer eben entlassenen Schule auch nicht auf ein Kindermorden en gros angekommen wäre, das war our own correspondent, Doktor Warnefried Kohl, der Mann, »der jetzt seit einiger Zeit den Lokalbericht im Blatt mit W zeichnete und wirklich seine Sache gar nicht übel machte«.

Er kam selbstverständlich von einem Geschäftswege, denn sonst würde er wohl zu Hause geblieben sein. Seit er »in dem Rade mitlief«, waren die Leute rein wie verrückt geworden, und kein Tag ging hin, an welchem nicht sein Chef, Doktor Rodenstock, sich die Hände reibend, rief: Kohl, wieder Wasser, oder vielmehr Blut auf Ihre Mühle! Da müssen Sie unbedingt hin und uns die Spezialitäten holen. Aber machen Sie rasch, daß unser ähnlich wie Sie talentirter Konkurrent uns nicht die Hauptbrocken aus der Metzelsuppe vor der Nase wegfischt!

»Metzelsuppe ist nicht übel,« hatte Koch auch heute am frühen Morgen gebrummt, und hatte sich auf die Beine gemacht, um als wahrhafter Künstler in seinem Fach einzig und allein aus der Anschauung heraus zu arbeiten.

Er hatte die regentriefende Hecke gesehen, aus welcher der Knüppel stammte, mit welchem der verhängnißvolle Schlag vollführt worden war. Er hatte den schlammigen Pfuhl betrachtet, aus dem man den Leichnam ans Land gezogen hatte. Er war in den Holzstall gekrochen, in welchem die Hand der Gerechtigkeit die junge Mörderin unter den Reisigbündeln und dem Torfvorrath der Gemordeten hervorgezerrt hatte. Da es diesmal eine gänzlich feminine Mordsache war, hatte er sämmtliche Weiblichkeit des Hauses und der Nachbarschaft, vom Weibe, das nur noch kriechen, bis zum Weibe, das kaum schon kriechen konnte, abgehört, und Allen die Versicherung gegeben, daß auch er das Seinige dazu thun werde, damit »unser lieber Herrgott das nicht ungerochen hingehen lasse«.

Mit gefüllter Brieftasche, aber auch mit rother Nase, blauen Händen und halberfrorenen Füßen, hatte er das Innere der Stadt wieder erreicht, mehr als einmal auf seinem Pfade das Bedürfniß, selber einen Mord zu begehen, überwunden und die erlösende That auf noch schlechteres Wetter und noch grimmigere Stimmung verschoben. Jetzt schob er durch den Wald von Tannenbäumen, mit denen einer der Märkte der Stadt besetzt war, und wer ihn für den Weihnachtsmann halten konnte, der mußte ein sehr böses Kind sein und mancherlei auf dem Gewissen haben, für welches er keine vergoldeten Aepfel und Nüsse, kein liebes Zuckerwerk und keine wunderschönen Spielsachen verdiente.

»Ja so, der heilige Christ kommt,« brummte er. »Also deshalb die Wirthschaft und der Verdruß im Hause von oben bis unten! Entschuldigen Sie, ich reite nicht mehr auf dem Steckenpferde, also bleiben Sie mir damit gefälligst aus den Rippen weg!«

Sie hatten es Alle eilig und nahmen ihn durchaus für Luft. Sie hatten es furchtbar eilig mit ihrem Drange, Anderen demnächst eine Freude zu machen, oder auch mit ihrer Beihülfe dazu dem Nebenmenschen möglichst viel Geld abzuzwacken.

»Herr, das waren meine Krähenaugen! Alter Onkel, ich komme für keine Havarie auf, die Sie mit Ihrem Arm voll Liebespaketen an mir erleiden. Nehmen Sie sich Zeit, nehmen Sie sich Zeit! Bedenken Sie –«

Was der alte eilige Herr bedenken sollte, mußte ihm wohl als gänzlich außerhalb seines gegenwärtigen Pfades liegend erscheinen, denn er hielt sich keinen Augenblick dabei auf. Aber er kannte Kohl schlecht, wenn er erwartet haben würde, daß Der seine christfestlichen Reflexionen seinetwegen sofort abbrechen werde.

»Sollte man nicht meinen,« brummte unser Lokalberichterstatter mitten im Wege rücksichtslos gegen Alles, was festlich unterwegs war, aufgestellt, »sollte man nicht meinen, daß die glücklich gestellte Minorität plötzlich überwältigend die Mehrheit erlangt habe? Na, und das selige Genügen von Mann und Weib, Knecht und Magd am Abend des Vierundzwanzigsten oder am Morgen des Fünfundzwanzigsten, das kenne ich doch! Das kenne ich auch noch aus meinem elterlichen – Haus, – ich danke. Für wie Viele grenzt denn dieser liebe Schwindel nicht allzu nahe an den ersten Tag des kommenden Jahres, an dem so Manches zu kommen pflegt, was berichtigt zu werden verlangt? Oedes Getöse, lächerliche Selbstbetäubung! Feiere mir mal da Einer so kindlich, wie ich wohl möchte, die Geburt unseres Herrn und Heilands Jesu Christi –«

»Guten Morgen, Herr Doktor Kohl!«

»'n Mor– sind Sie denn das Fräulein – Fräulein Rosine?«

»Und stehen Sie hier schon lange so und versperren den Leuten den Weg, Herr Kohl?«

»Nur weil ich auf Sie gewartet habe, Fräulein Müller. Etwas Erfrischendes oder Erwärmendes braucht doch der Mensch, der sich, wie ich, heute Morgen wieder zum Besten der Menschheit aufgeopfert hat. Soll ich Ihnen mein Notizbuch vom heutigen Morgen mal offen unters frivole Näschen halten, Rosinchen? Können Sie Blut sehen? Können Sie Verwesung riechen? Hat Sie der Alte zu Hause, der alte Oger Schnarrwergk schon so weit herunter? Als ich, wie mir der Narr, der schöne Bogislaus gerathen hatte, von hinten an ihn heranzukommen suchte, um ihm meinen Dank für den Doktor der Weltweisheit mit Rührung anzubringen, und Sie mich mit aus seiner Stube schoben, um, wie Sie sagten, der greulichen Scene ein Ende zu machen, da habe ich freilich schon merken können, in was für einer heiteren Schule er Sie gehabt hat, Rosine. Sie haben jedenfalls in den letzten Jahren an Charakterfestigkeit gewonnen, Fräulein Müller. Ach, wenn das doch meine selige Mutter, die auch immer so sehr auf Charakterfestigkeit bestand, an Ihnen erlebt hätte!«

»Wollen die Herrschaften nicht wenigstens ein bißchen zur Seite treten?« fragte höflich jetzt ein Schutzmann, und Fräulein Müller sprach:

»Sie müssen mich jetzt wirklich durch ein paar stillere Straßen begleiten, Herr Doktor. Es soll keine Schmeichelei für Sie sein; aber ich habe in der That die letzten Wochen durch auf meinen Stadtwegen nach Ihnen ausgesehen. Ich möchte doch noch einige Worte über die greuliche Scene in der Hanebuttenstraße mit Ihnen reden.«

Unser Berichterstatter sah nach seiner Uhr.

»Eigentlich sollte ich schon längst zu Hause, das heißt auf der Redaktion sein, Fräulein. Aber da Sie es sind, da es meine erste Liebe ist, so muß ich wohl noch fünf Minuten Zeit haben; doch bitte, waschen Sie mir keinen Mohren! Bleiben Sie mir mit dem alten Halunken, dem alten Schnarrwergk vom Leibe. Ich schenke mir Alles, was Sie mir Liebes und Wohlthuendes von ihm und über ihn ans Herz zu legen haben. Bedenken Sie, wie nahe der heilige Christ ist! Reden Sie mir nicht vom alten Schnarrwergk! Bedenken Sie, daß wir uns in der Woche befinden, in welcher die Hähne die ganze Nacht durch krähen, wie Marcellus sagt und ich bestätige. Lassen Sie in so gnadenvoller und geweihter Zeit den Pathen Schnarrwergk zu Hause bei seinem Affen. Ich werde ihn nimmer wieder bei seinen Laren und Penaten aufsuchen!«

»Wissen Sie das so sicher?« fragte Fräulein Müller mit einem mehr ironischen als schelmischen Seitenblick.

»Ganz sicher. Was kümmert mich der alte Flegel?«

»Aber Sie kümmern ihn.«

»Das machen Sie dem Juden Apella weiß, Rosine.«

»Ich weiß zwar nicht, wer der Jude Apella ist; aber der Herr Thierarzt Schnarrwergk bekümmert sich oft recht sehr im Geheimen um Sie, Herr Kohl. Nämlich wir halten jetzt das Blatt, an welchem Sie so drollig und unheimlich beschäftigt sind; und ich lese dem Nachbar Ihr Lokales vor und er macht seine Bemerkungen –«

»Das grenzt freilich ans Unheimliche!«

»Und wenn uns vorher noch so sehr der Schuh drückte, und wenn wir noch so sehr verstimmt waren, und wenn der arme Nachbar Schnarrwergk noch so schlecht von der Menschheit und der Welt den Tag über gesprochen hatte: Sie, Herr Doktor Kohl, bringen ihm immer noch einen heiteren Abend zuwege. Ich weiß nicht, ich finde oft gar nichts in Ihren Sachen; aber zuletzt hilft es nichts, ich muß nolens volens eingestehen, daß so wie Sie Keiner das, was den Tag über passirt, ansieht. Es ist schade, aber Sie werden gräßlich wüthend werden, wenn ich Ihnen ins Einzelne auseinandersetze, wie viel Spaß Sie uns tagtäglich, mit Ausnahme leider des Montags, machen.«

»Junges Menschenwesen, Du bist mir, wie gesagt, die letzten Jahre hindurch in eine schöne Schule beim alten Schnarrwergk und seinem Affen gegangen,« sprach Paul Warnefried Kohl.

»Das bin ich auch, Gott Lob!« erwiderte Fräulein Rosine Müller. »Zweitens aber bin ich doch ein ganzes Jahr älter als Sie, Herr Doktor, und Sie haben wohl nicht das Recht, mich so von oben herab als junges Menschenwesen durch die Narrenkomödie mittrippeln zu sehen.«

* * *

Bei so ausgearteter Unterhaltung sollte man es wirklich ganz vergessen haben, daß man sich auf dem Weihnachtsmarkt befand. Dem war aber in der That noch fortwährend so; und als Kohl jetzt wirklich wohlgesittet bemerkte:

»Wie hübsch Sie aussehen, Rosinchen!« meinte Rosinchen, nicht das Näschen, sondern die wirklich gute, wackere und durchaus nicht häßliche Nase rümpfend:

»Statt dessen könnten Sie lieber sagen: erlauben Sie, daß ich Ihnen tragen helfe, Fräulein Müller.«

»Ja freilich. Alles, was Sie wollen, Fräulein Müller, und Sie selber nur zu gern mit, Fräulein Müller,« rief der Berichterstatter. »Sie sind wirklich beladen, wie es sich mehr für einen Esel oder ein Kameel von meiner Sorte paßt. Zuvorkommenheit gegen die Damen war ja immer meine Force, wie Sie noch aus meiner Mutter Visitenstube wissen; also entschuldigen Sie einfach bloß, daß ich nicht gleich auf Ihre Ueberbürdung Acht gegeben habe.«

»Da also!« sagte kurz Fräulein Rosine.

Sie war in der That ziemlich überlastet. Sie trug eine Tasche, ein Handkörbchen, zwei oder drei Pakete und einen Christbaum von anderthalb Fuß Höhe – einen von den kleinsten seiner Gattung, aber dessenungeachtet ihr wie den Mitmenschen kein geringes Hinderniß beim Weiterkommen auf dem drangvollen Wege.

»Da, den tragen Sie mir, wenn Sie denn die Güte haben wollen, Herr Doktor Kohl,« sagte sie, die Tanne dem Jugendbekannten übergebend. »Aber vorsichtig, wenn ich bitten darf. Keine Zweige und vor Allem nicht die Krone abbrechen, Herr Doktor! So – jetzt brauchen Sie nur noch einen langen weißen Bart, zwei bereifte überhängende Augenbrauen, einen krummen Buckel und einen platzendvollen Sack voll Zuckerpuppen, Birkenruthen und vergoldeter Nüsse daraus; dann haben Sie noch niemals in Ihrem Leben so sehr einem richtigen Knecht Ruprecht geglichen wie in dieser Stunde. Bitte, vorsehen! Er ist für meinen Nachbar Schnarrwergk!«

»Für den paßt er freilich gerade so himmlisch, wie zu – wie zu dem Inhalt meiner Brieftasche. Kennen Sie den Inhalt meinem Brieftasche, Rosine?«

»Ne! Wie sollt ich? Doch freilich! es wird schönes Zeug darin stehen.«

»Das thut es!« rief der Berichterstatter mit hellem Entzücken. »Edgar Allan Poe haben Sie natürlich auch nicht gelesen. Was geht uns der Mord in der Rue Morgue an? Vivat der Weihnachtsmann! Vivat der alte Orang-Utang und Thier- und Menschenwohlthäter Pathe Schnarrwergk! Also vor dessen Lar und Pithekus wollen Sie das kleine Bäumlein mit Lichtern bestecken und mit Zuckerwerk behängen? Und nachher wollen Sie klingeln, und dann möchte ich wohl das Gesicht sehen, was der alte Schnarrwergk macht!«

»Ich bin fünf Jahre lang recht gut mit ihm ausgekommen, Herr Doktor Kohl,« sprach Fräulein Rosine Müller mit beinahe altjüngferlichem Ernst und Nachdruck.

* * *

»Rosinchen, man erwartet mich zwar mit brennender Ungeduld in der Druckerei; aber es hängen uns zu viel Hampelmänner in den Weg, es riecht zu gut rund um uns her nach Pfefferkuchen und anderem dergleichen in den Tag Passenden, und ich lasse die Narren zappeln. Also je heftiger der Alte mich hinausgeworfen hat, desto wärmer hat er Sie an sein dürres Herz genommen, und Sie haben nach der neulichen greulichen Scene wohl gar für mich gesprochen. Jetzt endlich mal im wirklichen Vertrauen: er leugnete es fauchend ab, mir die sechshundert Mark nach Erlangen geschickt zu haben. Flammen, Gift und Galle speiend nannte er mich doch einen sich noch immer nicht ganz richtig bei sich befindenden albernen Lümmel, als er mir auf das erste Wort von meiner überquellenden Dankbarkeit hin den Pfad wieder aus der Thür und die Treppe hinunter zeigte. Nun mal ehrlich, Schwesterchen im Wirrwarr dieser Welt, was wissen Sie davon, da Sie fünf Jahre lang gut mit ihm ausgekommen sind? Sie haben doch wohl nicht bloß an seinem Herzen und Gemüthe, sondern auch dann und wann an seiner Thür gehorcht? Habe ich noch Rücksicht auf ihn zu nehmen; oder habe ich nach seiner letzten Rücksichtslosigkeit das Recht, ihm als Lokalmerkwürdigkeit mit seinem Affen sein Recht in meiner litterarischen Wirkungssphäre angedeihen zu lassen? Rosine Müller, habe ich diesem unverschämten alten Grobian meinen Doktor der Philosophie zu verdanken? Ja oder Nein?«

»Was gehen mich seine Geldgeschäfte und Ihre Philosophien und Doktorschaften an? Wenn Sie nicht so grenzenlos ausschweifend in Ihren Reden wären, dann wäre ich schon früher zu Worte gekommen und hätte Ihnen mitgetheilt, was ich Ihnen sagen möchte.«

»Das hat man nun davon, auf fünf, sechs Universitäten der genialste Bierredner gewesen zu sein!« ächzte der Lokalberichterstatter kleinlaut. »Fräulein Rosine –«

»Er hat Sie zu gern!« nahm ihm Fräulein Rosine Müller mit eifrigst zufahrendem Ernst den neudrohenden Wortschwall vom Munde weg. »Ich begreife es nicht; aber er ist, seit er Sie aus der Taufe gehoben hat, Herr Doktor wie verliebt in Sie.«

»Jawohl, um mich auszustopfen wie seinen Pavian, seinen Gorilla, seinen Pithekus, seinen Lar. Ich fehle ihm gerade noch als Gegenstück auf der anderen Seite von seinem Spiegel.«

Jetzt lachte Fräulein Rosine so herzlich, daß sie deshalb von Neuem stehen bleiben mußte. Dann meinte sie aber:

»Hätte er dann Sie nicht lieber gleich da behalten, die Thür verriegelt und nach dem Messer gegriffen? Nein. Nein! Wissen Sie, was er gesagt hat, nachdem er Sie hinausbekomplimentirt hat? Nehmen Sie es ganz gewiß nicht übel, wenn ich es Ihnen mittheile?«

»Ganz gewiß nicht! Vollständig Pachyderm in dieser wie in anderer Hinsicht! Das wissen Sie doch noch, Rosine, wie oft mein seliger Papa zu seufzen pflegte: Hat der Bengel ein dickes Fell! Mein liebes Fräulein Müller, und unsere Jahre zählen auch in dieser Beziehung mit. Man setzt Ringe an. Mir können Sie heute Alles sagen, was Andere über mich sagen. Hörnen Siegfried ist das reine abgeschälte, weichgekochte Ei gegen mich.«

»Er ist ein zu guter Kerl, hat er gesagt, der Nachbar Schnarrwergk,« sprach Fräulein Rosine Müller. »Und solch ein Esel, hat er hinzugefügt. Und geschlossen hat er mit der melancholischen Betrachtung: Ganz wie ich zu meiner Zeit; aber er ist jetzt anscheinend auf dem richtigen Wege, und der – der – der – der interessirt mich, Nachbarin.«

»Der – der, ach was – der Lümmel interessirt mich, hat er gesagt!« brüllte Doktor Warnefried Kohl. »Verfeinern Sie nichts, Rosine! dazu kenne ich die Redeweise des alten Flegels zu gut. Aber hören Sie, Nachbarin; – Nachbarin nennt er Sie jetzt? – dies ist in der That sehr merkwürdig und des Nachdenkens werth! Donnerwetter, die Idee, wenn wir Beide einmal den greulichen alten Giftmichel in der Hanebuttenstraße als Onkel Schnarrwergkchen unter unseren Laren und Penaten hätten!«

»Hier sind wir in der Hanebuttenstraße, und das ist ein wahres Glück. Nun sehen Sie einmal, Herr Doktor, wie Sie mein armes Weihnachtsbäumchen mißhandelt haben! Gerade als ob Sie von der Mensur mit ihm gekommen wären.«

»Alle Wetter, woher haben Sie denn das Von der Mensur Kommen?« wollte Doktor Warnefried Kohl eben noch fragen; aber da war das liebe Symbol des heiligen Christs seinen Händen bereits entnommen worden, und Fräulein Rosine Müller – des alten Schnarrwergks junge Nachbarin – ihm in Nummer dreiunddreißig hinein entschlüpft mit dem Wunsche, aber leider nicht mit dem diesem Wunsche angemessenen Ernst:

»Gesegnete Mahlzeit, Herr Doktor Kohl!«

* * *

»Was sagen Sie dazu, meine Herrschaften?« wendete sich der Lokalhistoriograph mit einem Blick zum grauen Himmel wie an die Gesammtheit der großen Menschenbrüderschaft. »Was sagst Du nun hierzu, Bogislaus?« fragte er zu den Fenstern des Freundes gegenüber der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße hinauf. Weder der Himmel, noch die Gesammtheit der Menschheit erwiderten etwas auf die Frage. Und da der schöne Freund selbstverständlich nicht zu Hause war, so konnte auch er seine Meinung nicht äußern.

»Das ist ja nun ein wahrer Segen für das bessere Theil von mir, in mir und an mir, daß ich ganz genau weiß, wie kümmerlich der alte Griesgram da oben sich behülft, und daß er nicht im Stande ist, sich auch nur einen lebendigen Affen zu halten. Das sollte Einen ja sonst anlocken, auf der Stelle anzufangen, erbzuschleichen! . . . Aber dies Müllerchen? meiner alten melancholischen Mama einziger Lebenslichtpunkt! Wie sie da auftauchte aus dem widerwärtigen Durcheinander! Mit ihren Körben, Düten, Schachteln und Paketen! mit ihrem Christbaum! Mein Fräulein – Fräulein Rosine – Fräulein Rosine Müller – sollte man es dem kuriosen Frauenzimmer ansehen, daß es schon ein Jahr vor mir jammernd die Wände beschrie? Merkt man es Ihm an, wie Es das Leben gefunden hat? wie Es sich sogar in den Pathen Schnarrwergk gefunden hat? Ja, Beides! und das Letztere – verblüffend! Herrgott, was schlägt es denn da?«

Er griff hastig zuerst nach seiner Pfeife und dann nach seinem Fuß. Das heißt nach der Brieftasche mit der jüngsten Mordgeschichte faßte er vor Allem und sah sodann erst auf die Sackuhr.

Im verdrossensten Barbier-Schlenkertrabe wandte er sich wieder seiner Pflicht zu und verfügte sich zurück ins Geschäft.

Auf der Redaktion empfing man ihn mit den heißesten, röthesten Köpfen und mit dem Angeschnarche:

»Wo bleiben Sie denn? wo stecken Sie denn, Kohl? Wir haben sämmtliche Druckerjungen nach allen vier Weltgegenden hin zur Umschau nach Ihnen und Ihren Schnurren ausgesendet! glauben Sie etwa, daß wenn die Weltgeschichte auch augenblicklich still steht, wir ein Extrablatt an die Abonnenten herumschicken sollen mit der Meldung: Gar nichts vorgefallen!? Bilden Sie sich nur ja nicht ein, daß Sie dann erst recht ins Bummeln fallen dürfen. Der letzte Rest von gesundem Menschenverstand muß es Ihnen doch sagen, daß wir Sie um so nöthiger haben, je öder es sonst um uns her wird.«

»So?« fragte der Lokalberichterstatter.

»Jawohl, so!« erwiderte grimmig der erboste Oberschriftleiter. »Kann das etwa irgend einem Philister Vergnügen machen, meinen heutigen Leitartikel zu lesen? Da liegt die Fahne. Sehen Sie sich das Blech mal an und lassen Sie sich um Gottes Willen um so naiver nach Ihrer Art gehen, je selbstbewußter wir nach der unserigen den Kopf zwischen beiden Fäusten gehalten haben, um die Partei bei einander und die Abnehmerliste auf der Höhe zu erhalten.«

Dr. Kohl nahm den Korrekturabzug.

Ja freilich; vorgefallen war nicht viel heute, um einen verständigen Menschen morgen dahin zu bringen, zu sagen: »Haben Sie gelesen, was diesmal im Blatte steht?«

Die verwittwete Kaiserin von China, als Regentin ihrer fünfhundert Millionen Chineser, hatte im Namen ihres Sohnes wieder einmal der Königin Viktoria von England wegen des ostindischen Opiums ins Gewissen geredet, und die Königin Viktoria hatte der Landesmutter von Sina in einem verweinten Billet nur antworten können: sie, Ihre chinesische Majestät, solle dem lieben Gott danken, daß sie dereinst nur mit ihrem Theetopf in der Hand vor seinem letzten Richterstuhl zur Verantwortung zu erscheinen brauche. »Tien erbarme sich über dich!« hatte die Chinesin über Rußland zurücktelegraphirt, und dies hatte der deutsche Doktor und mittelstaatliche Preß-Oberleiter Dr. Rodenstock nicht etwa so der Stadt erzählt, wie wir hier; sondern er hatte einen statistischen Leitartikel daraus gemacht, bis an den Rand vollgepfropft mit Zahlen, Geographie, Pflanzengeographie, Silber- und Goldwährung und allem, was man sonst noch überschlägt, so lange man noch nicht ganz genau weiß, wer eigentlich Fürst von Bulgarien ist und wann Frankreich sich wieder einmal für archiprêt halten wird.

»Das ist freilich sehr nett; aber – ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, lieber Freund, in Ihrem schwersten Genre. Da haben Sie vollkommen Recht: was hilft Ihnen – uns alle Fülle, alle Gewichtigkeit, wenn sie uns das Publikum erdrückt? Das war es ja, was man mir in unserer Konkurrenzbude unter die Nase hielt: Was hilft mir aller Geist, wenn er den ihn mir bezahlenden Mitmenschen langweilt? . . . Na also, denn ein bißchen Raum auf dem Tische. Sie da, Famule, räumen Sie mal den großen und den kleinen Meyer, den Brockhaus und den Pierer bei Seite. Hübners statistische Tabellen habe ich bei meinen Abenteuern ebenfalls nicht nöthig. So, da haben wir den nöthigen Ellbogenraum.«

Mit »aufgekrämpelten Rockärmeln« ging er, wie er, Kohl, sich ausdrückte, unbändig aufgekratzt an sein blutiges Werk, unbekümmert, wie es um ihn her weiter summte: Grevy und Giers, Bismarck, die Russen und der »Terke«. Ehe ihn jetzo das dumme Zeug störte, mußte es noch viel bunter und besser kommen in der Weltgeschichte. Mit grinsendem Selbstbehagen ging er vorkostend in den Gefühlen seiner Leser auf; und eine Weile folgte er sogar mit der Zunge hinter den Lippen dem Laufe seiner Stahlfeder übers Papier – wie ein schreibend Kind; oder – wie ein von seinem Gott gefaßter Genius. Nur ein einzig Mal nahm er die Feder zwischen die Zähne, blickte träumerisch nach der schwarzgerauchten Decke empor und dann über den Tisch auf seinen Chef hin:

»Wissen Sie wohl, Diktator, daß ich heute hier sitze wie auf einem geflügelten Wiegenpferde?«

»Kohl!«

»Sie sind ja verheirathet, Dr. Rodenstock. Haben Kinder. Eine Frau. Sogar eine liebe, brave Frau. Sollten Sie gar keine Idee davon haben, daß es draußen wahrhaft beängstigend auf Weihnachten zu geht? Ich versichere Sie, es ist so; ich bin eben selber darauf aufmerksam gemacht worden. Haben Sie auch einmal ein Schaukelpferd besessen, ehe Sie Ihren Redaktionsgaul bestiegen? Wußten Sie früher schon, außerhalb dieses trüben Behälters, wußten Sie schon lange, was eine Arche Noäh sei? Aber – vor allen Dingen – haben Sie schon einen Tannenbaum gekauft?«

Der Oberleiter, der eben auf der anderen Seite des Redaktionstisches im verkniffensten Eifer das Zentrum mit den Deutschfreisinnigen multiplizirte, die Sozialdemokraten subtrahirte und die Konservativen und Deutschkonservativen durch die Nationalliberalen dividirte, ließ einen Klex auf die ganze saubere Berechnung fallen, und sah den Frager mit so freudiger aber zweifelnder Ueberraschung an, als ob er ihn selber eben zum heiligen Christ als eine noch nie dagewesene Atrappe geschenkt kriege.

»Waren Sie das, Kohl? Haben Sie eben geredet? Sie scheinen ja sehr nett bei der Sache, das heißt in Ihrer Rubrik Rue Morgue zu sein!«

»Bin ich auch.«

»Bei Allem, was Blut und Tinte ist, was schwatzen Sie denn für Unsinn? Was geht Sie, Kohl, meine Verheirathung, was gehen Sie meine Frau und Kinder an? Was kümmert es Sie, ob der Weihnachtsmann vor der Thür ist oder nicht? Hat etwa gar meine Frau sich hinter Sie gesteckt, um mir ihre Wünsche durch diese Blume kundzugeben? O Kohl, Kohl, nehmen Sie Ihren Kopf zusammen und bleiben Sie bei Ihrer Sache. Mich haben Sie noch konfuser gemacht, als ich schon war. Mit Ihrer Arche Noäh, Ihren Tannenbäumen und Ihrem geflügelten Schaukelpferd. Um Gottes Willen nehmen Sie sich nur in Acht, daß das letztere nicht gerade heute mit Ihnen durchgeht!«

»Es wird ja wohl nicht!« brummte der Mann des Lokalen, unter dem heiteren Gelächter sämmtlicher Herren im Bureau in die düster-unreinliche Tiefe seiner Spezialität zurücksinkend.

»Mit gelehrtem Apparat braucht man nicht zu arbeiten,« brummte er weiter, »die Gefühle Anderer (Fräulein Rosine Müllers?) werden Einem lächerlich gemacht, – gut! arbeiten wir einfach wie gewöhnlich aus uns heraus!«

Und er that's. Und es wurde danach! Gut. Sogar: »Sehr gut!« wie der Verantwortliche des Blattes kopfnickend zugestand, nachdem ihm die rettende Leistung über den Tisch zugeschoben worden war.

Mit beiden Ellbogen auf dem Tische und mit dem Kopfe zwischen beiden Händen nahm der Autor die Billigung trübsinnig-verdrossen hin und brummte nur wie König Friedrichs Grenadier auf dem Schlachtfelde von Kunersdorf:

»Ich meine auch, für sechs Dreier den Tag ist's für heute genug, Fritze.«

* * *

»Der alte Halunke!« brummte Kohl draußen in der Gasse weiter und meinte mit dem liebkosenden Wort sonderbarer Weise den Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk. »Wenn ich von einem Menschen nichts will, wenn mir jemand gestohlen werden kann und ich ihm das deutlich mache, so deutlich als möglich; so bin ich der Letzte, der daran was auszusetzen findet. Aber dieser graue Heimtücker! Das Wurm, das herzige Geschöpf, unser Rosinchen, meiner seligen Mutter Rosinchen – Fräulein Müller behauptet: er liebe mich! . . . Er Liebe Mich! . . . Ich bin fest überzeugt, daß sie – Sie – die sechshundert Mark für meinen Doktor zur Post gebracht hat; – dies Frauenzimmer ist vielleicht im Grunde noch heimtückischer als der verruchte Greis! Diese ironische Betonung, mit der sie mir vorhin bei jedem dritten Wort den Doktor aufhing! – Und was sagt er, der – die bemooste Dachrinnenfratze, als ich mit der Liebe Mühe meinerseits mich ihm auf Bogislaus' Rath von hinten zu nähern versuche? Nichts sagt er, sondern er faßt mich bloß noch einmal in meinem Leben am Oberarm, führt mich erst vor seinen Affen, deutet auf den, führt mich vor seinen Spiegel, deutet auf diesen, geleitet mich zur Thür, öffnet dieselbe wirklich höflich, deutet hinaus, und erst unten in der Hanebuttenstraße komme endlich ich dazu, mich zu fragen, was dies Alles eigentlich zu bedeuten habe! Und nun stehe ich, dank dem Mädchen heute Morgen, noch so hier und habe mich noch dazu zu fragen, was ich wohl dem alten Schnarrwergk, meines seligen Katers bestem Freunde, zum Weihnachten schenken könnte. Zum Henker, in was für eine kuriose Stimmung kann doch selbst der verständige Mensch – ja eigentlich nur der verständige Mensch gerathen, wenn er am richtigen Orte an den Unrechten kommt. Und bin ich nicht vorhin auf dem Weihnachtströdelmarkt sogar an die Unrechte gekommen? Was habe ich mit Christbäumen, Weihnachtspuppen, Zuckerkandis, Steckenpferden und Hampelmännern zu schaffen? Den möchte ich sehen, der mir am Abend des Vierundzwanzigsten klingeln wird und sagen: Nu komm herein, Herze! Na, was sagst Du denn nun? – Wenn das Mädchen, unser Rosinchen, zum Beispiel den korrupten Einfall hätte? Ich glaube, ich wäre im Stande, zum ersten Mal in meinem Dasein zum Lyriker zu werden und es auf Flügeln des Gesanges hinzutragen – weit nach den Ufern des Ganges – ne, bloß jenseit des Ganges zum alten Schnarrwergk, und ihn zu fragen: Na, großer Menschenfeind, wie ist's, wollen Sie auch ewig ein Fragment bleiben, wie Schillern seiner? Dann würde er vielleicht erst seinem Pithekus, seinem Orang-Utang die Hand aufs Haupt legen und sodann dieselbe mir, und wie von Hutten zu seiner Angelika sprach, zu mir sprechen: So stelle ich Dich hinaus in die Menschheit – Du weißt, wer Du bist – Ich habe Dich meiner Rache erzogen.«

Durch das immer verdrießlicher werdende Wetter des Tages immer verdrossener weiter wandelnd, brummelte unser Kohl: »Wenn ich nur nicht schon wüßte, wie's wieder werden wird! Ich werde mir wie gewöhnlich auch einen Affen kaufen; aber keinen seltenen, keinen nur ausnahmsweise nach Europa gelangenden, sondern einen ganz gewöhnlichen, einen bei uns nicht bloß in der Umgegend von Gibraltar einheimischen.«

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