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Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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Fünfzehn Jahre sind nach Tacitus eine sehr lange Zeit für das kurze Menschenleben; aber auch fünf Jahre können dem Erdenbewohner im Guten und Bösen dann und wann eben so viel bieten wie – dann und wann die kürzesten fünf Minuten.

Bleiben wir als Cidher der Alte bei fünf Jahren! Es ist durchaus nicht nöthig, als Cidher der ewig Junge singen:

Und aber nach fünfhundert Jahren
Will ich desselbigen Weges fahren.

Nach fünf Jahren kann Cidher der Alte doch vielleicht noch einmal wiederkommen und zusehen, wie es dann aussieht, und ob der Mensch das Ganze noch immer als Nunc stans ansieht und mit Prügeln nicht aus der Ansicht herauszutreiben ist, daß die Gegenwart die Hauptsache bei der ganzen Geschichte ist.

Fünf Jahre, nachdem wir unseren Preis-Witzbold vom Bettrande seines Freundes Bogislaus ins Leere starrend gelassen haben, legen wir von Neuem die Hand auf ihn und finden, daß diese fünf Jahre den Kohl nicht fett gemacht haben. Das nichtsnutzige Witzemachen! Es hat den armen Teufel nicht in die kleinste Anwartschaft auf den Konsistorialrath, den Reichsgerichtsrath und, am allerwenigsten, den Kommerzienrath hineinbefördert. Es giebt solche Talente, die dem Menschen nur deshalb gegeben werden, um ihn höchlichst erstaunt am Ende seiner Laufbahn anlangen zu lassen. Und ist es gewöhnlich noch für ein Glück zu nehmen, daß er nicht mehr hört, was die Leute hinter ihm drein zu sagen sich erlauben.

Des Menschen Weg auf Erden! Ja, ja; wo man erst tänzelte, gleitet man aus, setzt sich – aber nicht in einen Lehnstuhl, sondern meistens auf ganz was Anderes und rutscht abwärts, mit fabelhafter – nein, mit durchaus nicht fabelhafter Geschwindigkeit abwärts hinein in den Beruf oder das Schicksal, von welchem die Parzen in diesem Falle an der Wiege sangen.

Wer kann denn, wenn er sich seiner jugendlichen, seiner kindlichen Illusionen erinnert, dafür, daß er die Worte, den Inhalt des Liedes nicht verstand, des Liedes, der Weissagung, die ihm bei Sonnen- und Lebensaufgang gesungen wurde? Nur zu viele Sänger und Sängerinnen haben es an sich, daß sie den Text nicht zur Geltung bringen für das Ohr, sondern nur die Noten, und der Teufel soll's dann verstehen, was sie eigentlich da kundgeben. Und die Parzen haben das auch so an sich; ja haben vielleicht diese Art, die Menschen in dumpfe Stimmungen, Gefühle und Einbildungen einzulullen, zuerst in die Welt hineingebracht.

Wer kann es ins Einzelne schildern, wie unser Held sich durch die besagten fünf Jahre durchschlug!

»Sind Sie ein Sohn des alten Kohl? Sie sind ein Sohn des alten Kohl?« fragte man unseren jungen Kohl auf drei oder vier Universitäten; und wenn das gelehrte Volk sich auch noch so arg in den Haaren liegt, dem Abkömmling eines mehr oder weniger berühmten oder berüchtigten Wissenschaftsverwandten hilft's (und vorzüglich »wenn der alte Narr« todt ist) auf die eine oder die andere Weise weiter durch Empfehlungsbriefe, Stipendien, Freitische und Erlaß der Kollegiengelder.

Der wüthendste germanistische Gegner des alten Kohl hat den jungen wahrhaft rührend väterlich durch ein ganzes Semester in Erlangen ausgehalten:

»Sie sind Philologe? Der Sohn des alten Sünders, wollt ich sagen meines Herrn Kollegen Kohl! ein exakter Lateiner, aber freilich sein Deutsch! he, he, he, nehmen Sie es mir nicht übel, junger Herr; aber der selige Papa – nun, nun, wir wollen nicht weiter darauf eingehen. Junger Freund, Ihr lieber Vater und ich haben gerade in dieser Dichtung mehrfach unsere kleinen Kontroversen durch den Druck ausgefochten. Nun, es freut mich, Sie, seinen Sohn, kennen gelernt zu haben. Wenn ich Ihnen hier bei uns in irgend einer Weise nützlich sein kann, so wenden Sie sich dreist an mich.«

Sich dreist an Alles im Leben wenden zu können, das war auch ein Geschenk, welches das Schicksal dem jungen Kohl in die Wiege gelegt hatte.

Nur ein einzig Mal während der jetzt schon mehrfach erwähnten fünf Jahre unbestimmbaren Wandels auf Erden sagte er fast beschämt und nur schüchtern zugreifend: »Das kann ich ja eigentlich gar nicht von Ihnen annehmen!« Aber dieses war auch an dem sonderbaren Tage, an welchem ihm die philosophische Fakultät zu Göttingen oder Erlangen sein Diplom als Doktor der Weltweisheit überreichte; und durchs Staatsexamen fiel er natürlich um so glänzender durch.

Wir können nicht behaupten, daß er sich eigentlich darüber selber gewundert hätte; wir können leider nur mittheilen, daß er sich durch ein wahrhaft schreckliches Concetto völlig vor sich selber rechtfertigen zu können glaubte. Nämlich:

»Es ist nicht Jedem gegeben, nach Korinth zu gehen, und wenn er auch noch so große Rosinen im Sacke hätte.«

Wenn er Trost aus der schauderhaften Eräußerung zog, so können wir ihm denselben höchstens nur gönnen. Wir können in der Richtung Vieles ertragen und gleichfalls Einiges leisten; aber zu hoch darf man den Wechsel auf unser sittliches und ästhetisches Gefühl nicht ziehen. Wir schließen also diesen Abschnitt ab, indem wir mit möglichster Fassung auch die Welt noch für einige Seiten um Schonung, um Nachsicht bitten.

Mit allen seinen großen Rosinen im Sacke ist Kohl in seine Heimathstadt zurückgekehrt, und: »Nicht mal Eine weißgekleidete Jungfer am Thor!«

* * *

Dagegen fand er verschiedene, sogar eine ganze Menge Freunde, wenn auch nicht am Thor, so doch in den Gassen.

Diese fragten sämmtlich: »Kerl, lebst Du denn noch?« und das ist eine sehr hübsche Redensart und wird ihrer herzlichen Innigkeit oder innigen Herzlichkeit halben fürs Erste nicht ausgehen im bruderschaftlichen Verkehr der Menschen allhier auf dieser Erde.

»Wenn Du es erlaubst,« ist die Antwort darauf, und das ist keine Redensart, sondern ein Wort von unendlichem Inhalt und grimmiger Bedeutung, so lachend, so gleichgültig oder so dröhnig es auch hingesprochen werden mag.

Geht nur mal dem Dinge etwas tiefer als bis auf die oberste Haut und fragt euch, wer von eurer Bekanntschaft recht vom Herzen aus euch die Erlaubniß giebt, noch zu leben und das Leben auch weiter zu behalten?«

Wenn ihr nicht auf ein gutes Mädchen trefft, getroffen seid. das sich selber den lieben Hals für euch abschneidet, sich für euch zu Tode hungert und ihren letzten Unterrock versetzt, um euch beim Leben und guter Laune zu erhalten, so spielt nur den Diogenes mit der Laterne. Von Mama soll natürlich nicht die Rede sein; die ist selbstverständlich hors de concours; aber ist nicht schon euer eheleiblicher Papa im Stande, mit ziemlicher Kühle zu bemerken: »Mein Sohn, bedenke, daß ich allmählich mein Möglichstes an Dir gethan habe. Liege mir also nicht ferner auf der Tasche, komm mir nicht zu häufig mit Deinen Angelegenheiten in meinen Weg. Es ist nichts unangenehmer, als wenn Einer Einem an jeder Ecke im Wege steht. Du lebst, und das ist mir eine Genugtuung; aber nun sei auch dankbar und komme mir nicht weiter in den Weg! Mache mir Ehre, lieber Junge, bringe es zu etwas und lade mich meinetwegen so oft, wie Du willst, als Großpapa zu Gevatter. Auf die silbernen Pathenlöffel soll es mir nicht ankommen. Grüße Deine gute Frau, und ich komme gerne morgen zu Tische; aber mit Deinen Wechseln verschone mich. So im Großvaterstuhl muß der Mensch endlich einmal an sich allein denken dürfen.«

Kohl junior hatte, wie wir wissen, keinen lebenden Vater mehr zum Großvater zu machen. Daß ihm die Mutter nicht mehr lebte und ihm das beste Leben vom Herzensgrunde aus, trotz aller eigenen Bedrängniß wünschen durfte, ist auch bereits gesagt worden. Die Mädchen aber, die sich den Hals für Einen abschneiden lassen und sich noch gar ein Vergnügen daraus machen, die findet man nicht sogleich, wenn man nach ihnen sucht; und sie suchen Einen gar nicht. Solche Sache macht sich jedes Mal nur ganz und gar durch Zufall; solchen süßen Fund thut man nur, wenn man beim Spazierengehen, auf dem Marsche oder mitten im Gedränge an so was am allerwenigsten denkt. Nachher giebt's aber auch eine um so größere Verwunderung über das himmlische Wunder. Der Glücksfall verdient jedes Mal genau aufgeschrieben zu werden, wird es aber, Gott sei Dank, nicht.

»I Puppe,« rief an einer der Straßenecken der Vaterstadt Jemand, der sich in den letzten fünf Jahren ebenfalls recht verändert hatte, und zwar, wie die Mehrzahl der Menschheit mit Recht sagen durfte – zu seinem Vortheil. »Dies geht denn doch über die Puppen! Du lebst noch, Kohl?«

»Mein Bogislaus!« flötete der alte beste Freund und Bekannte aus jenem Loche der Flöte menschlicher Empfindung, welches es möglich macht, sofort in die Redensart überzugehen: »Wenn es Dir Vergnügen macht, so kannst Du auch mir gewogen bleiben.«

»Du kommst nicht an mein Herz?« fragte aber diesmal seltsamer Weise der frischgebackene Doktor der Philosophie, sofort mit dem großen Rest der Menschheit anfügend: »Mensch, Du siehst aber famos aus! Merkwürdig wohlgenährt und ohne Schmeichelei höchst anständig. Und dieser Stich ins Pastorale? Mensch, woher hast Du diesen Bauch und diesen Rockschnitt? Und woher diesen Haarschnitt, und – Donnerwetter, diesen Moschus- und Chlorkalkgeruch?«

»Das bringt nun einmal das Geschäft so mit sich, mein bester Kohl.«

»Das Geschäft? Zum Henker, was für ein Geschäft denn?«

»Wenn Du lieber willst, liebe Puppe – die Kunst!«

»Die Kunst? Mensch, muß man denn aussehen wie ein Bonze, um der erste Portrait-, Kirchen- und Kreuzgangmaler Deutschlands zu sein? Und was hat unser früheres Herumkriechen in allen möglichen Kellern und Kathedralen mit diesem nichtswürdigen Parfüm zu thun, halb wie ein Sterbezimmer und halb wie eine Centralfriedhofskapelle?«

Mit dem wohlwollenden Lächeln eines Mannes, der aus der wohlgesicherten Höhe auf drunten sich abängstendes Gewimmel herabblickt, sagte Herr Bogislaus Blech, indem er eine ziemlich umfangreiche, ernsthaft aussehende schwarze Ledermappe mit Silberpressung unterm Arm vornahm, sie öffnete und dem erstarrenden Freunde zur Einsichtnahme hinhielt: »Meine jetzige Spezialität.«

»Barmherziger Himmel, auch Du?«

»Auch ich.«

»Photograph?«

»Photograph.«

»Ist das eine Spezialität? Ja – alle Hagel und Wetter, was ist denn das? und dies? Ein todtes Kind in Blumen – ein – siehe Hamlet, Akt fünf, erste Scene – seit neun Jahren verstorbener Lohgerber –«

»Geheimer Kommerzienrath von Bromberger.«

»Blech,« schrie der Freund, jetzt fast wie wüthend die Mappe zusammenklappend und sie dem Freunde wieder unter den Arm schiebend, »Blech, jetzt endlich damit heraus: wie bist Du zu diesem komfortablen Bauch gekommen, und wie kommst Du zu dieser lugubern Insektensammlung?«

»Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.«

»Das nennst Du Kunst? Und das nennst Du eine heitere Kunst?«

»Mein, liebe Puppe, ich citire Dir den hohen Dichter nur deshalb, um Dir an seinem Beispiel zu zeigen, daß die größesten Idealisten sich am meisten zu irren pflegen. Ernst sei die Kunst, um das Leben möglichst heiter zu verbringen. Geschäft nenn ich dieses.«

»Kerl, ich habe es satt, mich hier an dieser Ecke mit Dir im Kreise herumzudrehen. Was hast Du aus Dir gemacht, Bogislaus? Was bist Du geworden?«

Er hatte den Freund an der Brust gepackt und drückte ihn gegen die nächste Hauswand.

»Leichenphotograph, offiziell!« sagte Bogislaus, durchaus nicht mit einer Stimme wie aus dem Grabe heraus, sondern freundlich, leichthin, wie Jemand, der auf eine Frage eine eigentlich ganz selbstverständliche Auskunft giebt, eine Erklärung, an die der Andere bloß zufällig augenblicklich gerade nicht selber gedacht hatte.

Doktor Kohl hatte denn auch nichts hierauf zu erwidern; er that nur noch eine Frage. Nämlich. »Gehst Du eben in Dein Atelier oder zu Tische?«

»Zu Tische,« sprach Bogislaus, und der Andere sagte.

»Dann gehe ich mit.«

* * *

Es war derselbe Speisekeller, in welchen wir die beiden Freunde schon einmal hinunterbegleitet haben. Sie brachten gottlob denselben guten Magen und gesegneten Appetit mit sich die Treppe hinunter wie vor fünf Jahren; und sie fanden auch dieselbe Ecke frei wie vor fünf Jahren; aber Doktor Kohl hatte diesmal »keinen vergilbten Ulk, keinen schlechten Witz, keinen Meidinger zu verkneipen«.

»Erst zählen, dann zahlen,« murmelte er; brummte jedoch dann um so lauter: »In welcher Nacht der tausend und einer kommst Du doch schon vor, unheimliches Geschöpf, fettglänzend nächtlicher Weile mit Messer und Gabel auf einem Leichensteine sitzend und schmatzend? Ich habe so eine dunkle Erinnerung, daß Du mir auch aus jenen alten Sagen wieder auftauchst. Leichenphotograph! Zum Henker, Blech, wer war es doch, der in jenen süßen Mären Mittags im Kreise seiner Familie mit einem Ohrlöffel sich fütterte, um den Appetit unversehrt für das Abendessen, die Mitternacht und den Kirchhof aufzuheben? So hilf mir doch, alter Gulerich! Du mußt es ja am besten wissen und kommst auch vielleicht mit ihm in der Gesellschaft zusammen heute Abend.«

Bogislaus reichte wohlbehaglich seinem Freunde Warnefried die Speisekarte:

»Heute Mittag erlaubst Du mir wohl –« und Doktor Warnefried Kohl erlaubte es.

Nachher tauschten sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen während der letzten fünf Jahre aus. Diejenigen Kohls kennen wir im Allgemeinen, was vollkommen genügt. Hören wir also noch, was der Andere zu erzählen hatte.

»Man steht vor einer Thür und möchte gern hinein, und man findet sich vor einer Thür – nämlich wieder herausgeworfen. Wie man in eine Kunst hineingeräth, schiebt man auf sich und hält es für sein eigenes ungeheures Verdienst; wenn man wieder aus ihr heraus ist, schiebt man's natürlich auf Andere. Liebe Puppe, ich will selbstverständlich sagen, nicht Alle thun solches. Einige besinnen sich zwischen Thür und Angel, in der unangenehmsten Epoche ihres Daseins eingeklemmt, auf sich selber und nehmen Vernunft an. Viel seelisches Verdienst ist nicht dabei, die große Offenbarung kommt einfach aus dem Magen; aber es sind nicht die Dummsten, die von diesem Organ aus bei sich selber endlich wirklich einkehren, das kann ich Dich versichern; denn ich gehöre selber zu den seltenen Spezies, welche unser Herrgott in seiner Käfersammlung abseits des profanen Vulgus eines speziellen Korks würdigt.«

»Weniger Blech und mehr –«

»Kohl willst Du sagen und hast vollkommen Recht. Aber sei nur ruhig – et tua fabula narratur; wie ich hoffe, erzähle ich zum Theil auch Deine Geschichte, lieber Kohl.«

»Als Vates, als Seher vielleicht – hoffentlich. Nur zu.«

»Wie ich in die Kunst hineingerathen bin, weißt Du und hast in jüngeren, grüneren Jahren mit mir in dem Wunsche geschwelgt, Deinen Freund als Akademieprofessor auf der Spitze der Leiter zu sehen.«

»Ist mir nicht im Traume eingefallen. Höchstens theilte ich damals Deinen Wunsch, daß sämmtliche Akademieprofessoren nur einen Hals, ne, nur einen anderen, mehr nach hinten, nach dem Hofe zu gelegenen Körpertheil haben möchten. Du machtest mir Spaß, wenn Du in Deinen gehobenen Stimmungen gegen die Wand tratest. Ich erinnere mich, daß Du einmal in der Verzückung sogar eine Thürfüllung eingetreten hast.«

»Ja, ja,« seufzte Bogislaus, »Luft machen muß man seinem Herzen doch, nicht wahr?«

»Natürlich.«

»Siehst Du, ich bin zwar nur aus Landsberg an der Warthe und genug Grenzpolacke, um euch sogenannten unverfälschten Germanen allerhand Stoff zu allerlei faulen Redensarten und schlechten ethnographischen Witzen zu geben; aber wenn ich aus Athen, Florenz, München und anderen dergleichen Kunststädten zu gleicher Zeit gewesen wäre, könnte ich heute nicht genauer wissen, daß nichts seine Grenzen sich so nahe hat als wie der Drang nach dem Ideal. Für die gesunde Natur natürlich! Liebe Puppe, ich hatte es in den Fingern; – ich hatte Talent, ich hatte Talente aus Landsberg euch mitgebracht. Was bei ausgiebig warmem Ofen im Winter, was bei ausnehmend fetter Verpflegung und sehr anständigem Getränk zu jeder Jahreszeit aus mir geworden wäre, weiß ich nicht. Vielleicht wenig. Aber bei nothdürftiger Verköstigung würde unbedingt nicht nur in der Architektur, sondern auch im Portrait was Mächtiges, was Großartiges, was Epochemachendes aus mir möglich gewesen sein, – das weiß ich. Dem krassen, blassen Hunger war Dein armer Freund nicht gewachsen, Kohl. Du redetest vorhin von dem Ohrlöffel lieblicher orientalischer Sagen; mir war dies Fütterungsinstrument eine unliebliche Wirklichkeit. Neulich Dein erster guter Witz bedeutete meine letzte gute Mahlzeit. Ich sah ins Bodenlose, Du verschwandest mir in demselben. Hätte ich mich an jenem ersten April noch für ein einziges halbes Jahr satt fressen können, so würde ich den Gipfel erreicht haben; aber –

Beim Entern hat ein Schiffsbeil
Die Faust ihm abgehackt,

singt Freiligrath –«

»Und fährt fort,« zitierte Kohl –

»Er stürzte jäh zurücke,
Das Meer begrüßt ihn dumpf,
Hier warf's ihn aus, noch blutet
Der unverbundne Stumpf.«

»So ist's,« sprach dumpf wie der Ocean Bogislaus Blech. »Kellner, noch einen Schoppen und dem Herrn auch einen! was so ein polackisch-germanischer Magen fürs Ideal ausstehen kann, leistete ein solcher wahrscheinlich zum ersten Mal in höchster Vollendung, und leider in mir, in mir – hier unter dieser Weste. Es wurde damals ja Sommer, und allerlei Feldfrüchte wuchsen mitleidsvoll der Kunst, der hohen Göttin in den Hals. Ich grub draußen nach Wurzeln, und wurde beim Rübenausziehen ertappt und wegen Felddiebstahl vors Tribunal geschleift. Meine Studienmappe rettete mich noch einmal. Ich hatte selbstverständlich einzig und allein als Stilllebenmaler mir meine Modelle auf der Flur gesucht; aber ich sagte mir doch: arme Puppe, gieb's auf; dies geht so nicht länger, laß andere Vegetarianer dran, du hast dich genug geopfert; die Gottheit will den ästhetischen Dampf nicht, der vom Altar, von dir zu ihr emporwallt. Und ich gab es auf. Ich trat diesmal in meiner letzten höchsten Erregung nicht gegen die Wand, sondern gegen meine letzte Leinwand, welche der Pfandleiher nur dann nehmen wollte, wenn ich sie erst chemisch von der darauf befindlichen Farbenleistung gereinigt haben würde. Du kennst Bögler. Du kanntest doch Bögler, Kohl?«

»Habe nicht das Vergnügen.«

»Thut gar nichts. Er war nicht in Landsberg an der Warthe mit dem Drang nach dem Ideal auf die Welt gekommen. Er war einfach aus Berlin und wußte von den Windeln an, was die Welt heute will: Panoramen und Photographien. Das Genie widmet sich im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts den ersteren, das bescheidene Talent legt sich auf die letzteren. Ich hatte ihn jahrelang tief unter mir gesehen; jetzt sagte er zu mir: ›Wenn Sie eben nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie doch einmal zu mir herauf, Blech. Ich habe einen architektonischen Hintergrund nöthig und komme damit in drei Teufels Namen nicht zu Stande. Vielleicht haben Sie eine Idee, welche dem Publikum imponirt und es anregt, zu Haufen seine Rückseite dagegen zu kehren. Eine Kleinigkeit thut da Riesenhaftes in einem Aushängekasten an einer belebten Straßenecke. Einen Stich ins Portraitfach haben Sie ja wohl?‹ Der Herr hält einem oft sonderbare Finger von der Höhe hin; ich ergriff diesen mit beiden Fäusten und stieg zu Bögler hinauf. Und als ich oben gewesen bin, bin ich selbstverständlich oben geblieben. Ich hatte nicht nur eine Idee, ich hatte mehrere. In dieser Hinsicht bin ich nicht ohne Nutzen mit Dir, Freund, Puppe, alter braver Kerl, alter lieber Kohl, herumgekrochen. Natürlich hatte Bögler sich nicht zu dem Publikum gerechnet, dem imponirt werden sollte. Aber ich rechnete ihn ebenso natürlich dazu und imponirte ihm, wie Michelangelo im Cinquecento der Société de Rome imponirt hat. Am nächsten Abend trank ich mit meinem Leo dem Zehnten Brüderschaft, und vierzehn Tage später waren wir Bögler und Kompagnie; und das sind wir auch heute noch.«

»Erlaube mir aber –«

»Der gute Kerl! Wem ein Gott auf die Stirn klopft und die Augen für seinen angeborensten Beruf öffnet, der wird innerhalb vier Wochen mit den zu demselben gehörigen Handgriffen fertig, wenn das Handwerk danach ist. Ich brauchte vierzehn Tage, um Bögler all das Seinige abzusehen. Und dann that ich das Meinige hinzu, und rund um unsere Firma her barsten die Konkurrenten vor Neid, Gift und Galle. Ein volles, glückliches Jahr durch ging mein lieber, lieber Bruder und Kompagnon jeden Mittag gegen zwölf Uhr in den Hauptstraßen der Stadt und belauschte selig und inkognito – ich hatte ihm natürlich seinen Künstlerhaarwuchs bescheeren lassen – vor den Photographiekästen von Bögler und Kompagnie, was das Publikum dazu sagte. Du hast den guten, guten Kerl, Du hast Bögler nicht gekannt, Kohl; ich werde ihn Dir nachher zeigen, in meiner Mappe – in meiner Mappe. Als Spezialist kann ich leider ihn Dir heute noch vorweisen: als zum ersten Mal königliches Blut und Fleisch sich bei uns melden ließ und vorfuhr, ging er mir auseinander. Du sollst ihn unter seinen Lorbeeren sehen in meiner Mappe. Ich habe mir selbstverständlich alle Mühe gegeben und die Platte ist wundervoll gerathen –«

»Er ist todt, und Du hast ihn Dir auch photographirt?«

»Todt und photographirt. Er war nur für einen mittleren Erfolg gemacht. Den höheren, den höchsten ertrug er nicht. Er mußte sich zu Tode saufen, wenn der über ihn kam. Es ist ein Glück, daß die arme liebe Dame nichts davon weiß, aber sie hat ihn auf dem Gewissen – Königliche Hoheit Prinzeß Amalasuntha hat ihn auf dem Gewissen. Ich schickte natürlich ihn im Frack hin, das Dutzend abzuliefern, und am Abend feierten wir selbstverständlich dies größeste Erlebniß in seinem Dasein. Er war im Frack geblieben, und heiß ging er an meinem Arme durch die Novembernacht heim, und acht Tage später war er kühl, sehr kühl, so abgekühlt, wie auch wir zwei einmal sein werden, lieber Kohl. Wenn es Dir recht ist, mein Junge, gehen auch wir jetzt heim; man kommt so unwillkürlich im Erzählen auf Dinge, die Einem doch auf die Nerven fallen, man mag die Sachen noch so tischredenhaft färben. In einer Beziehung stehe ich vor dem Seligen wie vor einem vollständigen Räthsel. Er hatte meine Spezialität mit Entzücken aufgegriffen und meine Erfolge mitgenossen; in seinen letzten Stunden war es ihm aber schauderhaft, ihr gleichfalls anheimzufallen und in einem Aushängekasten friedlich auf dem lorbeerumkränzten Lager zu liegen. Er verbat es sich in seinen Phantasien höchlichst, und ich habe ihm nachgegeben. Ich habe ihn nicht mit ausgehängt; ich habe ihn nur in meiner Mappe und dort will ich ihn Dir heraussuchen. Gehen wir? Ich wohne in der Hanebuttenstraße.«

Sie gingen.

* * *

»Hanebuttenstraße!« murmelte Kohl draußen in der Gasse. »Kannst Du mir vielleicht sagen, warum mir dieser Name anheimelnd, gemüthlich die Phantasie füllt, Blech?«

»Keine Ahnung. Vielleicht der Name selber. Nun, das Nähere fällt Dir wohl von meinem Fenster aus ein.«

»Möglich,« sagte Kohl, und dann standen sie zwei oder drei Mal in einer der Hauptstraßen der Stadt still, und der schöne Bogislaus deutete jedes Mal auf einen glänzenden Glaskasten voll seiner jetzigen künstlerischen Leistungen, und im Weiterwandern redeten beide Freunde weiter über Kunst, Leben und Tod.«

»Kannst Du Dir wohl vorstellen, liebe Puppe, daß schon verschiedene Leute, und nicht bloß Frauenzimmer, meinethalben auf der Polizei gewesen sind, um auf die Entfernung meiner besten Abzüge zu dringen, von wegen Erregung öffentlichen Aergernisses und unnöthigen Schauders?«

»Das kann ich mir sehr wohl vorstellen! Und wie Eltern ihr todtes Kind – und wenn auch noch so sehr unter Blumen –«

»Lebendige Nacktheit weiblichen Geschlechts gefiele auch Dir besser. Natürlich! Mir auch,« sprach Bogislaus mit der Ruhe des besten Bewußtseins. »Aber süße Puppe, das ist keine Spezialität. Das konnte Bögler auch, und ich werde Dir unsere Geheimmappen vorlegen; ich bin ihm auch dabei mit Talent und Verständniß zur Hand gegangen. Aber, wie gesagt, darin hatten Bögler und Kompagnie schon allzuviele Mitbewerber um die öffentliche Zustimmung. Hierin war ich allein. Hierin war ich nicht nur als Künstler, sondern auch als Charakter einzig im Geschäft; denn hierzu gehört nicht bloß Hand- und Handwerksfertigkeit, sondern auch Geist, Gemüth – Herz. Und das Letztere bringe ich nicht nur den trostlosen Müttern, sondern auch den glücklichen Erben mit. Ich weiß mich auf diesem Felde zu benehmen, und ich kenne Gott Lob keinen Kunstgenossen, der mir hier als Mitstreber die Stange hält.«

»Eigentlich scheußlich!« murmelte Kohl; doch ruhig berichtete der Freund weiter:

»Beruhige Deine Gefühle, die Polizei hat mich vor sich kommen lassen, und ich bin hingegangen, sie von der Lächerlichkeit der ihr gestellten Zumuthungen zu überzeugen. Ich halte Dich nicht für so ruchlos, ihre Meinung über die Sache nicht zu theilen bei besserer Ueberlegung. Was beleidigte ich denn? welche Saite im Menschen schlug ich zu scharf an? Gar keine! auch ich kam nur einem längst gefühlten Bedürfniß nach, und was das ethische Moment anbetraf, nun, so legte ich in meinem Schaukasten nur einen nackten Schädel neben das nackte Fleisch. Das Publikum in den Gassen, vom kleinsten Schulmädel aufwärts, hatte einfach die Wahl. Kein Philosoph kann's besser leisten. Und weißt Du, was sie nach meiner gelassenen Auseinandersetzung gethan hat?«

»Wer? bei allen Göttern der Ober- und Unterwelt, wer?« rief Kohl.

»Unsere hiesige Polizeiverwaltung,« sprach Bogislaus Blech ebenso gelassen, als ob er jetzt vor ihr stünde. »Sie hat nicht nur, was sich von selber verstand, meine Ansichten gelten lassen, sondern sie hat auch meine Talente anerkannt. Sie hat mich ihrerseits nützlich verwendet und verwendet mich auch heute noch so.«

Kohl sperrte diesmal nur den Mund auf.

»Ja, wenn sie einen Spitzbuben für ihre Privatsammlung zu photographiren hat; solch einen von der Art, welche von sechs Wachtmeistern vor dem Objektivglas gehalten werden muß; dann ruft sie mich mit meinem Apparat und meinem Auge. Ich habe das Auge, Puppe, welches euch bändigt. Man spricht von ihrem Auge, dem Auge der hohen Polizei, aber das ist lächerlich. Sie selber verläßt sich auf meines, und ich mache damit ihre ungebärdigsten Kunden zahm. Also – hüte Dich, schön's Blümelein! komme mir als schöne Leiche, als schöner Geist oder in der Zuchthauszwangsjacke, ich bin zu Deinen Diensten. Aber jetzo komme fürs Erste mit herauf. Hier stehst Du am Fuße der sechs Treppen, die zu mir führen. Du bist mir oben willkommen, sei es für eine Viertelstunde, sei es für ein Vierteljahr. Im Nothfall melde ich Dich auch nicht bei meiner hohen Gönnerin, der Polizei – an«

»Du bist doch ein guter Kerl, Bogislaus,« seufzte Kohl.

* * *

Wir sind Alle schon in photographischen Ateliers gewesen und wissen, wie es darin aussieht. Diejenigen, welche in Kohls Privatwohnung gewesen sind, wissen ebenfalls, wie es darin aussieht; für die, welche nicht darin waren, gilt, was gute Tanten alle Tage zu ihren Nichten sagen: Kinder, für euch ist das nichts. – Kohl besah Alles genau, was ihm Blech in seinem neuen, besseren, behaglicheren Künstlerdaheim zu zeigen hatte. Verdruß, Verwunderung und Bewunderung wechselten in ihm in raschester Folge und zwar immer durcheinander. Endlich faßte er sämmtliche Stimmungen zusammen in dem langhingedehnten, langhingestöhnten Ausruf:

»Mensch, Du kannst ja auch jeden Augenblick heirathen!«

»Freilich,« sprach der schöne Bogislaus ruhig.

»Und bist auch wohl sogar schon auf dem Sprunge?«

Der Andere zuckte die Achseln.

»Es giebt in unserem Fache die oben erwähnte andere Spezialität, bei welcher ein wohlgewachsenes, nicht zu mageres und nicht allzu häßliches und vor allen Dingen nicht zu prüdes liebes Eheweib, das Einem im Geschäftsinteresse jeden Augenblick gefällig zur Verfügung steht, zum wünschenswerthesten eisernen Atelierbestand gehört. Was geht es die Polizei an, was für Aufnahmen ich von meiner hübschen jungen Frau mache? Aber Du hast Dich ja bereits selber überzeugt, daß dergleichen Requisiten und Acquisitionen nicht mehr zu meinen Spezialitäten gehören. Im Geschäftsinteresse kann ich gewiß in jeglichem passenden und unpassenden Augenblick heirathen; aber – will mich denn Die, die ich für mich passend hielt?«

Es ging nicht anders, der einstige Mitstreber nach dem Ideal mußte das Fenster öffnen, um einen Athemzug frische Luft sich hereinzuholen. Er that's, hing sich halben Leibes hinaus und fuhr sofort wieder um:

»Donnerwetter, der Pathe Schnarrwergk! Da kriecht ja der alte Schnarrwergk drunten in der Tiefe!«

»Der wohnt auch noch in der Hanebuttenstraße,« sagte Bogislaus. »Wenn ich nicht irre, zog er drüben ein, als Du auszogest, die Welt zu gewinnen, das heißt, uns hier für längere Zeit aus dem Gesichtskreise verschwandest. Der Mann mit dem Affen! Das Haus, in welchem Du Dich augenblicklich befindest, ist erst während Deiner Abwesenheit erwachsen; aber gleich bei meinem Einzuge machte man mich aufmerksam: Drüben wohnt auch der Mann mit dem Affen! und setzte selbstverständlich hinzu: Die Beiden sollten Sie mal photographiren.«

Kohl saß auf dem Stuhl am Fenster, mit beiden Händen auf den Knien. Für einen jungen Doktor der Weltweisheit in den allerbesten Jahren bot er den allerkatzenjämmerlichsten Anblick dar.

»Nur ein Lustrum, ein kurzes Lustrum,« ächzte er, »und meines seligen Alten bester Freund! ein altes Geräthe, an das – ich viele Jahre nicht gedacht! Sein Pithekus! Unser Aller Ahnherr! Und Fräulein Müller – unser Rosinchen Müller. Der alte Schnarrwergk und Fräulein Rosine, meiner seligen Alten liebstes junges Herzblatt.«

»Mir scheint, Dir fehlt etwas, Puppe?« sprach der Freund, dem Gastfreunde die Hand auf die Schulter legend. »Meine Spezialitäten erfordern es nicht, Dich zu bitten, ein freundliches Gesicht zu machen; aber um ein vernünftiges möchte ich Dich doch ersuchen. Was geht Dich noch der Thierarzt Schnarrwergk an? Wenn ich nicht irre, hat er Dich mit Deinem letzten Gesuch allhier um pekuniäres Unterdiearmegreifen schnöde ablaufen lassen?«

»Das hat er.«

»Siehst Du!«

»Nein, nichts sehe ich, gar nichts! Aber zu meiner Promotion hat mir Jemand anonym sechshundert Mark zugehen lassen; und der Geldbrief war unterzeichnet: Hanno.«

»Hanno?«

»Ich habe natürlich Tage lang, Nächte lang gerungen und mir den Kopf zerbrochen, um den unbekannten Wohlthäter herauszubringen. Es ist kein Winkel in meiner Seele und meinem Leben, den ich nicht hundert Mal nach dem Geheimniß aus- und eingekramt habe bis eben, bis in die letzte Minute. O ich Esel, Esel, ich stupider Tropf! Hanno – der Periplus – Umschiffung der Westküste von Afrika! Erstes Zusammentreffen des gebildeten Menschen mit dem rohen, unverfälschten Urbruder, dem Gorilla! Da ist ja gar kein Zweifel mehr möglich: der alte Schnarrwergk war jener göttergleiche karthaginiensische Suffet mit den sechshundert Reichsmark. O Gott, o Gott, so dumm zu sein! Aber auf der Stelle werde ich sofort zu dem lieben, alten Manne hinüberstürzen, um ihm meine Haut anzubieten. Mit Thränen der Rührung halte ich ihm still, wenn er sie mir abziehen will, um sie im Tempel des Kronos bei seinen anderen Lebensreiseerinnerungen aufzuhängen.«

»Ich verstehe und billige Deine Gefühle,« meinte Bogislaus, zwar auch gerührt, aber doch etwas gefaßter. »Deine Ansicht ist mir glaubhaft. Wie ich den alten Griesgram allgemach kennen gelernt habe, ist er eines solchen Witzes fähig. Aber überlege, liebe Puppe, sollte er Dir nicht Deine Haut schenken, jedoch Dich abermals aus der Thür werfen? Könnte er Dich nicht fragen, was Du ihm für seine sechshundert Mark von Deinem Periplus um die Freitische sämmtlicher deutscher Universitäten mitbrächtest? Was würdest Du antworten, wenn der Greis sich erkundigte, was Du eigentlich mit seinem oder Deinem Doktor jetzt am hiesigen Orte Gedeihliches, Nützliches und Nahrhaftes im Auge hättest? Würdest Du den Muth besitzen, diesen braven, grauen, karthagischen Suffeten und deutschen Vieharzt noch einmal anzupumpen?«

Der Doktor der Philosophie Kohl saß jetzt auf dem Sopha des photographischen Spezialisten und hatte die flachen Hände zwischen den Knien aneinander gelegt und wiegte die Schultern hin und her, wie ein Mensch, dem ins Gewissen geredet wird, und zwar von einer Stelle aus, von der her ihm das Ding um so verblüffender erscheint, je lächerlicher und unberechtigter es ihm im Grunde vorkommt.

»Deine Meinung ist also, ich sollte so von hinten an ihn heranzukommen suchen, um ihm meine Dankbarkeit auszudrücken?«

»Ich würde diese Umsegelung unbedingt anrathen. Der alte Bursche hat einen Ruf in der Hanebuttenstraße, der ihn in früheren unschuldigeren Jahrhunderten zweifelt ohne erst als Brunnenvergifter auf die Folterbank und nachher als Hexenmeister an den Brandpfahl, auf den Scheiterhaufen abgeliefert haben würde.«

»Du hast Dich wirklich jetzt recht gemüthlich und anerkennenswerth verständig im Dasein eingerichtet,« sagte Kohl, wie selbst- und weltvergessen an den Wänden umherstarrend. »Bloß indem Du Einiges abschütteltest, auf welches Du sonst einigen Werth legtest –«

»Einiges? So ziemlich Alles! Je veränderter ich Dir vorkomme in der Hinsicht, desto schmeichelhafter ist es für mich. Und ich würde Dir rathen –«

»Was würdest Du mir rathen?« rief Kohl mit gespanntester Aufmerksamkeit, mit feurigstem Interesse aufspringend.

»Ich würde Dir rathen, gleichfalls die Narrenjacke Deiner Illusionen an den Nagel zu hängen, und sie höchstens für die Benutzung im Rath der Alten der hiesigen Karnevalsgesellschaft vor den Motten zu schützen, sonst aber es wie ich zu machen und Dich auf Deine wahren, wahrhaftig angeborenen Talente zu legen.«

»Den Teufel auch, es hat nicht jeder Deine Un– Un– Unerschütterlichkeit –«

»Sage ruhig ein anderes Wort,« sprach der schöne Bogislaus. »Uebrigens weiß ich die Zeit noch, wo Du mir beide Thürme auf dem Brette der Unverfrorenheit vorgeben konntest. Du erfreutest Dich eines sauberen Rufes in Hinsicht auf Alles, was der edlere Mensch mit Vorliebe an sich vermißt. Mich hielt wenigstens mein wallend Lockenhaar in der Meinung der Welt über Wasser; aber Dich kurz und bürstenhaft geschorenen Grobian hat auch Dein guter, feinfühliger, seliger Vater in meiner persönlichen Gegenwart aus seinen Büchern einen unkultivirten Vandalen und aus seinem Herzen und Gemüthe einen borstigen Knoten genannt. Seltsamer Weise scheinst Du weniger hürnen von Deinen Reisen und Abenteuern heimgekehrt zu sein, als Du ausgezogen bist. Du bist weich geworden, Kohl! werde wieder hart, Kohl! werde hart, hart und lege Dich sodann auf Deine eigensten Talente!«

Fürs Erste legte sich Kohl seiner ganzen Länge nach aufs Sopha des Anderen, schlug beide Hände unter dem Hinterkopf ineinander und sprach:

»Rede weiter, Knabe; aber zuerst schiebe mir das Rückenkissen unter, und hier Deine Schlummerrolle unter den rechten Arm. Ich glaube, ich höre besser im Liegen, was Du noch an Weisheit in Dir hast.«

Der Freund kam dem Wunsche gemüthlich und gleichgültig nach, sagte aber gleichfalls gähnend:

»Ich für meinen Theil glaube, daß ich längst das Meinige bemerkt habe.«

»Wirklich?« rief Kohl, noch einmal emporschnellend und den Freund hell angrinsend. »Gott sei Lob und Dank! ich meinte schon, das liefe in alle Ewigkeit so weiter.«

»Der schöne Rest ist Dir gestiegen,« lächelte kindlich der freundliche, der immer noch hübscheste photographische Spezialist der Stadt; doch der Andere drehte ihm den Rücken zu, drehte das Gesicht nach der Wand und gab längere Zeit nichts weiter von sich als verworrene Töne, die durchaus nicht mehr sagten, als sie bedeuteten.

»Ich freue mich unbändig, daß ich den alten, lieben Sohn wieder in der Nähe habe,« sagte Bogislaus, sich mit seiner Cigarre in einem »Amerikaner« bequem einnestelnd. Als anständiger Germane legte er die Füße jedoch nur auf den Tisch und nicht in die Fensterbank. Beiläufig an dieser Stelle: Fräulein Rosine Müller wohnte ebenfalls noch drüben in Numero dreiunddreißig der Hanebuttenstraße, in einem Stockwerk mit dem Kreisthierarzt a. D. Schnarrwergk.

* * *

Es giebt Dinge, Verhältnisse, Zustände und Berufsarten, gegen die der Mensch sich mit Händen und Füßen wehrt, wenn er eben hineingeräth, und die er nachher ganz und gar für sich zugeschnitten findet, wenn er endlich drin steckt.

»Probire mal den da,« sagte das Schicksal, unserem Paul Warnefried Kohl einen Lebensrock hinhaltend, vor dem viele Leute in vollster Bestürzung mit dem rechten Arm in das linke Aermelloch gefahren sein würden. Doktor Kohl fuhr sofort mit dem rechten Arm in das rechte Loch, und die närrische, freilich ein wenig kurze und luftige Jacke paßte ihm vollkommen auf den Leib.

»Her mit der Spezialität!« rief er seinerseits, und Dutzende von guten alten Bekannten meinten:

»Das haben wir uns doch gleich gedacht. Dazu eignet er sich ausnehmend. Dies hat ihm die Parze gerade so gut an der Wiege gesungen, wie Anderen den Kommissionsrath, den Hofrath, den wirklich geheimen Rath oder den offenbaren Kommerzienrath.«

Von hier und da im deutschen Vaterland hatte er einer oder der anderen Zeitung seiner Vaterstadt Notizen, Briefe, kurz »Korrespondenzen« zugehen lassen. die gewöhnlich zwischen drei und vier Uhr Morgens geschrieben worden waren, häufig der Redaktionsstriche bedurften, aber nie einen der Herren Redakteure in Zweifel darob ließen, daß hier eine »verwendbare Feder« am Werke sei. Nun war er wieder zu Hause, und die Redakteure der Abendzeitung, Hofrath Winkler und Friedrich Kind, würden vor vierzig, fünfzig Jahren unbedingt Lara citirt haben:

Da kommt er plötzlich wieder, einsam, stumm:
Woher weiß keiner, keiner räth warum,
Und schließlich scheint es minder wundersam,
Daß er zurück, als daß er jetzt erst kam.

Die »Schriftleiter« des augenblicklich vorhandenen Tages thaten das nicht; die wußten von George Noel, Lord Byron gerade so viel, wie jener spätere Pharao, der von Joseph durchaus nichts mehr wußte.

Der ernsthafte Charakter unter ihnen, welcher noch den alten Kohl nicht nur gekannt, sondern auch gewürdigt hatte, sagte:

»Ihr Herr Vater, Herr Doktor, würde ein sonderbares Gesicht zu Ihren Einsendungen gemacht haben; aber – Sie wissen ja, wir haben dieselben teilweise verwendet, und wenn Sie jetzt hier am Orte Ihr Talent in dieser Hinsicht zu verwerten wünschen, so sind wir gern bereit, Ihnen unsere Spalten zu öffnen, aber freilich behalten wir uns alle Rechte, die uns unsere verantwortungsvolle Stellung giebt, vor.«

Der leichtere, heiterere Leiter des anderen Blattes, dem der alte Kohl persönlich gar nicht bekannt gewesen war, der aber mit dem jungen bei mehr als einer Gelegenheit in mehr als einer fröhlichen Nacht den Sonnenaufgang möglichst weit hinauszuverschieben gesucht hatte, der meinte:

»Wenn Du es mal über dem Strich bei uns versuchen willst, Kohl – mit Vergnügen. Aber was hast Du von der Langweilerei? Bleibe Du mit den übrigen Besten der Nation unterm Strich. Sieh mal, das deutsche Volk will es ja so. Es will seine Besten unter dem Striche haben. Ich versichere Dich, lieber Freund, die sechzig Millionen edelster Menschenrasse gestatten sich nur sehr selten den Luxus, durch Druck vervielfältigten Geist ganz jenseits unseres Striches. Du hast Geist, Kohl, und Du bist uns damit willkommen; aber ich rathe Dir gut: gieb ihn unter unserem Striche aus.«

Unser Freund versuchte es natürlich trotz alles vernünftigen Zuredens, über seinen eigenen Schatten zu springen. Er leistete einige Leitartikel und darin alles Mögliche, nur leider gerade nicht das, was die Göttin der Staats- und Welt-Wissenschaft-Kunst- und Klugheit Denen, die sie nährt und kleidet, als ein Unerläßliches abverlangt. Eigentlichen Unsinn hatte er nicht geschrieben; doch im hohen Grade etwas, was der Gegenpartei das unendlichste Vergnügen bereitete. Ob er durch Zufall das Gegentheil von dem gesagt hatte, was er hatte sagen wollen, wissen wir nicht; aber seine redaktionellen Freunde meinten:

»Kohl, Kohl, das Diktatorthum besorgen wir schon selber und bauen wie Cincinnatus unseren eigenen Kohl. Dazu brauchen wir wirklich keinen neuen Mitarbeiter und bezahlen ihn noch weniger. Hier waren Sie zu sehr Humorist, nun versuchen Sie es mit etwas Humoristischem unterm Strich. Sie haben uns aus der Fremde einige recht heitere Skizzen eingesendet, nun versuchen Sie das von hier aus; aber nochmals, bleiben Sie, und zwar jetzt ganz formell, unter dem Strich. Berücksichtigen Sie, daß Sie auch unter dem Striche für unsere sechzig Millionen, nach der letzten statistischen Abrechnung, sich verständlich und angenehm zu machen haben. Nehmen Sie sich zusammen!«

Kohl nahm sich zusammen. Er schuf vom Platze aus etwas Humoristisches für die Region unter dem Striche. Von dem Sopha seines Freundes Bogislaus schrieb er über die jetzige Spezialität desselben, und der Spezialist meinte natürlich: »Donnerwetter, das ist ja eine ganz himmlische Reklame!« und irrte sich sehr.

In Abwesenheit des einen redaktionellen Freundes druckte die Redaktion die wirklich humoristische und geistreiche Ausarbeitung, und nach seiner dadurch beschleunigten Heimkehr nahm der Chef der Schriftleitung seinen Schützling völlig außer sich beim Kragen:

»Menschenkind, bist Du denn ganz des Teufels? Da, sieh mal her! Fünfzig Abonnementskündigungen auf einem Brette! Weißt Du, was Du jetzt gewesen bist? Dem germanischen ästhetischen Durchschnittsverhältniß bist Du zu hoch gewesen! Und weißt Du, was Du gethan hast? Du hast das deutsche Gemüth beleidigt; Du hast uns in unseren zartesten Gefühlen angegriffen. Glaubst Du, daß unser Publikum sich in unserem Blatte wie im Theater Alles gefallen läßt? Ist es Dir denn noch nie klar geworden, daß das Volk immer uns büßen läßt, was es selber in seinem Privat- und öffentlichen Leben und Vergnügen sündigt? Bringe Du Deinen Leichenphotographen auf die nächste Sommertheaterbühne mit der dazu gehörigen Musik, und Du bist ein gemachter Mann. Unter unserem Strich aber hast Du jetzt uns zum zweiten Mal unglücklich gemacht; und ich sage es Dir hiermit offen heraus, Du wirst bei uns nicht zum dritten Mal die Gelegenheit finden, unsere Kreise zu stören. Gehe hin und verjage anderswo die Spatzen, Du unqualifizirbare, taktlos-hypergenialische Druckpapier-Vogelscheuche. Gänzlich unbrauchbarer Kohl – bester armer, guter Kohl! Du nimmst es mir doch nicht übel?«

* * *

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