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Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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Das Buch.

Das Haus Kohl bestand schon einmal aus Vater, Mutter und Kind. Der Vater, der alte Doktor Kohl, war einer unserer unbekannteren Germanisten, die Mutter war die Frau Professorin Kohl und das Kind war unser jüngerer Doktor Kohl, eben der Kohl, welcher auf Seite Fünf wieder taufen läßt und also das Geschlecht fortgepflanzt hat.

In den Büchern sitzt solch ein mit dem deutschen Alterthum sich beschäftigender Universitätsprofessor gewöhnlich in einem Museo und Heimwesen, bei dem Einem unwillkürlich der Name »Altdorf« im Sinn und in der Phantasie aufsteigt. Wenn der gelehrte Mann aus den Fenstern seiner Studirstube nicht die Krähen im Schnee auf dem klosterhofähnlichen kleinen Marktplatz spazieren gehen sieht, so blickt und riecht er in blühende Lindenbäume und hat bei angezündeter Lampe Abends das Fenster zu schließen, um nicht bei seiner grüblerischen Arbeit zu sehr durch das geflügelte vielgestaltige nächtliche Schwarmgesindel aus der Wissenschaft des Kollegen der Insektologie, gegenüber am Marktplatz, gestört zu werden. Ein Gaudeamus ein Stoßt an, Erfurt – Dillingen – Rinteln – Wittenberg soll leben! von ferne, vollenden das Stimmungsbedürfniß des modernen Lesers, und jeder Codex, ja jeder Schweinslederband, der in die moderne Miethswohnung, drei Treppen hoch, des Professors Dr. Kohl kommt, spricht dem Dinge Hohn und macht ein verwundert Gesicht zu seiner neuesten Umgebung.

Professor Dr. Kohl sah Zeit seines Lebens weder im Winter noch im Sommer aus irgend einen zu seinen Studien passenden Klosterhof hinaus; er hatte sich ganz wie Unsereiner mit seinen Idealen und Realitäten in den ganz gewöhnlichen Miethskasernen des neunzehnten Jahrhunderts, und zwar meistens im dritten Stockwerk, zu behelfen. Und noch dazu in einer Universitätsstadt, die sich bereits ganz bedenklich zu einer Großstadt ausgewachsen hatte: nämlich dem zweiten Hunderttausend ihrer Bewohner ziemlich nahe gekommen war, wenn sie es nicht schon überschritten hatte. Das ist kein Vergnügen für einen scheu angelegten Menschen. Zumal wenn er eine Frau hat, die den Fehdehandschuh, welchen ihr das heutige Leben jeden Tag vor die Füße wirft, jedesmal wacker aufnimmt und – das Bessere immer drei Häuser oder drei Gassen weiterab liegend wähnt.

Die Familie zog und fand überall dasselbe. Der Nagel, den man inwendig einschlug, kam überall draußen wieder zum Vorschein. Die Oefen rauchten überall, und die Frau Professorin, die »Mama«, rauchte dann überall auch, aber wie ein Vulkan, der neue Lava in sich gekocht hat und bereit ist, jeden beliebigen Augenblick sie über seine nächste Umgebung zu ergießen. Die Thüren hatten sich überall »geworfen« und jedes Haus hatte sich »gesetzt«, was stets recht unangenehme Risse in den Tapeten hervorbringt. Die Hauswirthe hatten überall nur ihren »eigenen Eigennutz« im Auge, und die Hauswirthinnen waren noch gräßlicher als die Hauswirthe. Einen Gesammtstolz auf sein Geschlecht kennt ja das Weib nicht, also konnte auch von der »Mama«, von »meiner Frau«, von der Frau Professor Kohl nicht verlangt werden, daß sie sich der Energie der jedesmaligen Miethgeberin im Blick aufs Alleigene freue oder sie nur gelten lasse.

Professor Dr. Kohl fand also in dieser unruhevollen Welt eine bleibende Stätte nicht; weder für sich, noch seine Codices, noch seine eigenen Manuskripte. Er befand sich leider mit seinem Schreibtisch und mit dem Stuhl vor demselben auf einer fortwährenden Wanderschaft; und sein Sohn schiebt's pietätvoll nur darauf, daß sein »braver Alter« es auch zu nichts Bleibendem in seiner Wissenschaft gebracht hat.

»Ich versichere Sie,« pflegte der brave Sohn zu sagen, »es ging dieses ewige Rücken Keinem mehr gegen den Strich als mir. Ich reagirte auch nach Möglichkeit dagegen; zuerst mit kindlichen, sodann mit jugendlichen Kräften. Meine bleibende Stätte, nämlich den untersten Platz auf der Schulbank in jeglicher Klasse, vom ABC-Buch an bis in die Prima des hiesigen Ottoadalricheums, hielt ich fest bis zum Äußersten. Zu etwas Bleibendem in den Wissenschaften habe ich es sonderbarer Weise auch nicht gebracht. Aber finden Sie es nicht lächerlich unlogisch, daß mein Papa dann gerade hierüber Gewissensbisse hatte und kummervoll es aussprach: es thue ihm leid, mich in die Welt gesetzt zu haben? ›Der Knabe ist das reine Vieh. Er giebt weder Thränen, wenn man ihn mit der Hand der Liebe streichelt, noch giebt er Funken, wenn man ihm mit härteren Anmahnungen an seine bodenlose Nichtsnutzigkeit näher geht. Ich weiß nicht, was aus dem Jungen noch einmal werden soll; von mir hat er diesen betrüblichen Widerwillen gegen alles über das gewöhnliche, tagtägliche Bedürfniß Hinausliegende nicht,‹ sagte mein Vater. Wenn dann wieder meine Mama fragte: ›Soll das etwa ein Stich auf mich oder meine selige Mutter sein?‹ so war es immer ein wahres Glück und eine Erlösung, wenn die in voriger Woche gemiethete Magd in die stille Studirstube meines rathlosen Erzeugers eintrat, um der Familie anzukündigen, daß auch sie am nächsten Ersten wieder ziehen werde und sich wieder zu verändern wünsche.«

* * *

Wir haben Alle jeden Augenblick wenn nicht die Lust, so daß Bedürfniß, uns zu verändern. Wir legen uns von der rechten auf die linke Seite und von der linken auf die rechte; und zuletzt legen wir uns von der Erde in dieselbe, aus dem Leben in den Tod: auch nur aus tief innerlichstem, wenn auch nur selten mehr als dunkel empfundenem Bedürfniß nach Veränderung.

Professor Dr. Kohl zog zum letzten Mal und überließ dieses Mal auch seinen wissenschaftlichen Apparat ohne Herzbeben und Nervenkrämpfe seinem guten Weibe ganz zu freier Verfügung nach besserem Verständniß in solchen Angelegenheiten. Er kam von einer letzten Universitätsvorlesung nach Hause, und er schrieb einen letzten Satz in einer Abhandlung über den Straßburger Eidschwur Ludwigs des Deutschen nicht zu Ende. Sein Schlingel von Junge fand ihn, wie einen Helden der Wissenschaft gefallen, die Feder in der erstarrten Hand, vor seinem Schreibtische. Und da er damals schon selber als Student die Universität, wenn auch nicht die Vorlesungen seines Vaters, besuchte, so war er gefaßt und vernünftig genug, nicht ein tolles Geschrei zu erheben und seine Mutter vom Küchenherd ohne alle Vorbereitungen zu dem größten Schrecken ihres Lebens herbeizuzetern. Er ging leise zu ihr hinaus in die Küche und brachte ihr die Trauerkunde so sanft als möglich bei, nachdem er ihr den Rührlöffel aus der Hand genommen und ihr einen Stuhl untergeschoben hatte. Nachher sagte er: »Er (der alte Herr) hat zu viel in sich hineingefressen an Aergerniß und Grimm. Mit einem so verdorbenen Magen wie der seinige geht doch selten ein Mensch aus der Welt. Er dachte nie zuerst an sich selber und gab deshalb auf seine liebe Verdauung nicht die geringste Achtung. Ach, hätte er doch stets auf sein wahres Innere den Nachdruck gelegt und immer seinen augenblicklichen Chylus im Auge behalten! Alles, Alles, nur kein Sodbrennen als Produkt seelischer Ausregung! O Gott, was für ein freundlicher Siebzigjähriger hätte er werden können, wenn die Welt um ihn her so behaglich gewesen wäre, wie er es verdiente!«

Dagegen sprachen die guten Freunde und Bekannten: »Die arme Frau! die arme Wittwe! Sie hat wahrhaftig das Ihrige ausgestanden mit diesem nervösen, eigensinnigen, unpraktischen, weltfremden, abstrus-gelehrten Idioten. Sie könnte ordentlich von Frischem wieder aufleben. Uebrigens soll es mich wundern, wie sie mit dem Grobian, ihrem vierschrötigen Flegel von Jungen, sich demnächst im Leben einrichten wird. Die Vermögensverhältnisse werden recht bedenklich sein, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn in dieser Hinsicht der Tod des Alten nicht doch als ein Verlust zur Geltung kommen würde.«

Seltsamer Weise lebte die Frau Professorin nach dem Tode des Gatten nicht von Frischem auf; sondern im Gegentheil. Sie verkam, und nicht allein unter der Einwirkung der in Wahrheit recht schlechten Vermögensverhältnisse, in denen sie von dem wissenschafts- und pflichtgetreuen gelehrten Germanen zurückgelassen worden war.

»Er war ein wunderlicher Mensch, mein Junge,« seufzte sie. »Du bist gottlob anders. Du hast mehr von mir. Aber er fehlt mir doch! Er fehlt mir hier, er fehlt mir da, er fehlt mir überall, und es ist mir seit seinem Hingange in der Welt nichts mehr, wie es sein sollte. O Gott, das geht bis zu seiner Sorte Tabak! Du hast den Rest davon aufgeraucht, und nun qualmst Du mir eine andere Sorte, die nicht mehr Dein seliger Vater ist. Da steht sein Schreibtisch; ich sehe ihn mit jeder seiner Bewegungen daran sitzen – bitte, Warnefried, geh davon weg, sitze nicht so drauf und baumle mit dem rechten Bein; es macht mich zu nervös, und ich halte es nicht aus. O mein armer, guter Kohl! so unversehens! so unvermuthet! so ohne daß man es Dir bei herzlicher, bitterer, letzter Pflege hätte noch sagen können, wie gut Du warst, und wie ich Alles, was ich that, nur um Deinetwillen that, auch wenn Du den Kopf dazu schütteltest! . . . Jawohl, Du hast leider, leider Recht, Warnefried, Du wächst mir nicht mehr in seine abgelegten oder jetzt ja hinterlassenen Kleider hinein, also bringe mir nur euren Universitätsjuden; aber – weißt Du was – mache die Sache mit ihm möglichst hinter meinem Rücken ab. Ich kann, kann diesmal nichts damit zu thun haben!«

»Na, alte Frau, kommst Du jetzt aus Dir heraus?« brummte der gute Sohn mit den Zähnen auf der Unterlippe, aber wahrlich nicht aus Grimm. »Na, laß es nur sein; ich weiß schon. Von wunderlichen Heiligen soll man nur bei euch Frauenzimmern reden. Entwickelt sich jetzt die Gloriole, der helle himmlische Schein um die alte liebe Tüllmütze? Laß es nur gut sein, bist uns Beiden, dem Alten wie dem Jungen, die einzige Vernünftige in der Familie gewesen und wirst es bleiben, des Hauses Mama, dem Alten da drüben in der vierten Dimension, und dem Jungen hier in den verruchten drei bekannten anderen. Liebe, liebe Mutter, so beruhige Dich doch nur!«

Die letzten acht Worte sind nicht hinter den Zähnen gesprochen worden. Der Junge hielt dabei die alte Frau im Arm, und die alte Frau weinte.

Von dem Tode des Professors Dr. Kohl hatte die Welt doch Notiz genommen. Die Lokalblätter hatten die Nachricht von seinem Ableben mit einigen weiteren Ausführungen über Tag und Jahr seiner Geburt, über seinen Studiengang, über seine verdienstlichen litterarischen Leistungen begleitet. Die Fachzeitungen hatten ausführliche Nekrologe gebracht und seiner Bedeutung für seine Wissenschaft einen würdigen Raum gegeben. Auch mündlich war mit Anerkennung von ihm gesprochen worden: er gehörte zu den Todten, die eine Spur, wenn auch eine nicht von Horizont zu Horizont reichende, hinter sich lassen. Seine alte mürrische Frau ließ gar keine Spur hinter sich. Ihr Name erschien nur noch einmal in der Kirchenliste; und dann noch einmal in der Zeitung, nämlich als der Tag der Versteigerung ihres Nachlasses dem Publikum bekannt gemacht wurde.

Und der Junge, »unser Sohn«, unser Paul Warnefried, konnte nicht das Geringste gegen diese Versteigerung machen. Er konnte nur zusehen, aber mitbieten konnte er nicht, als man seine Kinder- und Jugenderinnerungen, als man seiner Eltern, seiner Mutter letzte Habseligkeiten unter den Hammer brachte.

Die Auktion mußte abgehalten werden, um die letzten Bequemlichkeiten des letzten Lebensjahres der Wittwe, um die Schulden ihres Sohnes zu bezahlen; und in dieser Auktion ging Alles dahin, was begünstigtere Leute an alten, älteren und ältesten Erinnerungszeichen in ihr Leben weiter mit hineinnehmen. In dieser Hinsicht ist es sogar ein Glück, daß die Erinnerungen nicht auch an den Wänden der Wohnungen heutiger Durchschnittsmenschen haften. An den Wänden unserer Mietwohnungen haften die Erinnerungen so wenig wie die Nägel, welche die Photographien, die Farbendrucke und die Spiegel daran festhalten sollen. Nun wurde auch der Mutter Mantel, ihre Ueberschuhe und ihr Regenschirm dem Meistbietenden zugeschlagen. Es ging die Wärmflasche fort, die der gute Sohn ihr in ihrer letzten Krankheit so oft ins Bett geschoben hatte. Und ihr alter Theekessel, und die beiden lächerlichen alten Vasen, die ihr von den Polterabendsgeschenken sich erhalten hatten. Der Student sah nicht bloß die Stühle und Tische seiner Eltern, er sah auch sein altes zerschnitzeltes Stehpult, an dem er meistens was Anderes als wissenschaftliche Beschäftigungen getrieben hatte, unterm Hammer. Er hatte die Fäuste dazu, den Halunken zu hauen, der es unter verächtlichem Grinsen erstand als »Brennholz«, und er hatte sich zu bezwingen und seinen Grimm an der erloschenen Cigarre zu verkauen. Da setzte sich eine dicke Person mit dreidoppeltem Unterkinn in seiner Mutter Korbstuhl und bot von da aus mit auf des Vaters alten Papierkorb; und er, Warnefried, durfte nur ganz im Inneren einen Wunsch denken, der laut ausgesprochen und von Erfolg begleitet, »das Thier in die Luft gesprengt und in Atomen an die Wand geschmettert« haben würde. Er suchte sich gegen das: Zum Ersten – Zum Zweiten – Zum Dritten und Letzten zu helfen, indem er an Bekannte dachte, die den ganzen Ballast ihres Vordaseins mit sich herumschleppten, unter ihm keuchten und sich mit ihm lächerlich machten. Aber es half ihm wenig: er bot doch bei jeglichem Stücke innerlichst zum Ersten und zum Zweiten und zum Dritten und Letzten mit und versetzte jedesmal dem laut zum Letzten Bietenden einen Tritt, der ihn »bis über den Horizont hinaus aus unserer besten Stube« beförderte.

Er bezwang Alles, was doch so den Menschen bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten an Wehmuth anfliegt, und brachte es richtig wieder fertig, daß man sich an ihm ärgerte und seine wohlverdienten Bemerkungen über ihn machte.

»Das soll der Sohn vom Hause sein, der so 'ne Gesichter und Witze hierzu macht?« fragte die dicke Trödlerin in der Mutter Stuhl. »Na, mein Junge sollte es sein! dem würde ich noch vor meinem seligen Abscheiden ein paarmal als Gespenst erscheinen!«

»Ich kenne den Lümmel ganz genau und habe ihm wirklich ein paarmal so um Mitternacht oder nach Mitternacht meine Meinung über ihn mitgetheilt als Miethsherr,« brummte der Hauswirth, der auch mitbot in der Versteigerung und trotzdem, daß er Alles noch billiger kriegte, als er vermuthet hatte, doch nicht seine Gefühle gegen den »Letzten aus meinem dritten Stock« zu bändigen vermochte.

Es hat aber Alles auf Erden ein Ende und also auch eine Auktion.

»Wollen Sie die Güte haben, meinen Hausschlüssel nicht zu vergessen, Herr Kohl?« sagte der Hauswirth merkwürdig höflich-vorsichtig vor dem letzten Gesicht und Gestus seines »Exinquilinen« in seinem Hause. »Sie werden ihn ja wohl noch zufälliger Weise in der Tasche bei sich besitzen, und ich erlaube mir nur, daran zu erinnern. Ha, ha, ja davon trennen sich ja die jungen Herren am schwierigsten? Es that mir recht leid – diese letzten traurigen Erlebnisse Ihrer werthen Familie in meinem Hause. So ein gelehrter Herr! Und es war eine so liebe Frau, Ihre Frau Mutter, die Frau Professorin! Wohl ein bißchen scharf –«

»Wollen Sie sonst noch was, Herr Betzger?«

»Nun, da Sie selber darauf kommen, vielleicht noch in der Küche die gesprungene Fensterscheibe –«

»Wollen Sie die Gewogenheit haben, mir mit der Frau Gemahlin und den übrigen lieben Ihrigen gewogen zu bleiben,« sagte der Student.

Uebrigens hatte der Mann und Hauseigentümer mit allen Hypotheken über sich und seinem »Eigenthum« sehr Recht. Der Student trug seinen, des Wirthes, Hausschlüssel noch bei sich in der Tasche und hatte ihn abzuliefern als das Letzte von seinem sogenannten Vaterhause.

* * *

»Was noch? sagt der Dichter, die Welt ist weggegeben,« sagte drüben in der Gasse dieser gemüthlose junge Mensch, die Hände in beide Hosentaschen schiebend, in denen er leider nur zu gut Bescheid wußte, um in ihnen lange nach irgend etwas, das nach einem Trost in der Verlassenheit sich anfühlen lassen konnte, zu suchen. Alles, was es auf der Erde Gutes, Angenehmes, Wünschenswertes gab, lag vor ihm – Alles! Ja Alles! Es war Alles noch für ihn zu haben.

»Eine saubere Situation!« brummte er. »Ich danke für so 'ne Stellung des Einzelnen gegen das Ganze. Nun braucht bloß noch der liebe Himmel zu kommen und zur unfreiwilligen Eigenthumslosigkeit die beiden anderen Gelübde fortwährender Keuschheit und ewigen beschränkten Unterthanenverstandes zu verlangen, und das Vergnügen am Dasein ist vollständig. Ich danke ganz gehorsamst – i mein Je, Rosine! was ist denn das? Ziehen Sie denn auch wieder, Fräulein Rosinchen?«

»Wie Sie sehen, Herr Kohl.«

»Das ist ja reizend! Zwei Seelen und ein Gedanke – zwei Schicksale und ein Möbelwagen! Kann ich Ihnen behülflich sein, Fräulein Rosine? Soll ich Ihnen was tragen? Die Lampe vielleicht? Oder das Vogelbauer? Ich bin gänzlich frei von aller irdischen Last und stelle mich Ihnen vollständig zur Verfügung. Da fängt es auch wahrlich leise an zu regnen. Was haben Sie denn da so hübsch eingewickelt?«

»Unsere alte Uhr. Wenn Sie wirklich nichts Besseres anzufangen wissen, so nehme ich Ihre Freundlichkeit an. Da – spannen Sie mir den Schirm auf und halten Sie ihn mir über. Ach, diese Aprilschauer! Man kann sich doch nie auf die Sonne in seinem Leben verlassen. Nun, mein Pianino habe ich gottlob wenigstens trocken drüben.«

»Die Familienuhr könnte ich doch vielleicht auch tragen?«

»Ne, Herr Warnefried. Lieber nicht. Aber behalten Sie mir meinen Dienstmann und seinen Ziehkarren ein bißchen mit im Auge. Man kann nie zu vorsichtig sein.«

»Du lieber Himmel, wenn ich doch Ihre Welterfahrung mein nennte, Fräulein Rosine!«

»Die könnte Ihnen freilich vielleicht manchmal von einigem Nutzen sein. Ja, wenn man von seinen jüngsten Jahren an sich ohne Vater und Mutter hat durchschlagen müssen! Sie haben doch Ihre lieben, seligen Eltern, Ihre auch mir so gute liebe Mutter, wenigstens bis in ein vernünftigeres Alter hinein behalten dürfen.«

»Glauben Sie?«

»Jawohl glaube ich! Und wenn Sie das Glück, das Sie gehabt haben, nicht besser benutzt haben, so ist das Ihre Schuld, Herr Kohl, und Sie sollten sich was schämen, wenn Sie daran zweifeln, daß es das höchste Glück ist, sich in seine liebsten Erinnerungen einzuwickeln wie in ein warmes Tuch.«

»Sowohl mein Papa wie meine Mama sind nie in ihrem Leben ihres einzigen Kindes wegen, nämlich meinetwegen, Fräulein Rosine, beim Photographen gewesen. Und einem Maler in Oel oder Schwarzkreide haben sie ihrem Jungen zu Liebe auch nicht gesessen. Ihre Hinterlassenschaft deckt eben die Kosten ihres letzten betrüblichen Aufenthalts in diesem Jammerthal. Den Hausschlüssel habe ich abliefern müssen. Wickeln Sie sich mal in meine Familienerinnerung wie in ein warmes Tuch, Fräulein Rosine. Ich ziehe mit den Händen in den Hosentaschen –«

»Den Regenschirm halten Sie ja über mich und meine alte Uhr.«

»Es war auch nur symbolisch gesprochen. Aber nun ganz unsymbolisch: das Möbel, das doch auch Sie nur, Rosinchen, mir in die Hand gaben, schickt der Herrgott aus dem innersten Sprichwort heraus im richtigen Augenblick dem geschorenen Lamme. So habe ich doch wenigstens noch ein paar Gassen lang ein Dach über dem Kopfe. Fräulein Rosine, Aprilwetter, Gründonnerstagswetter, Osterwetter! Ein sauberer Osterhas, der uns zwei armen Waisen seine Eier ins Versteck legt!«

»Und da biegt der Mensch natürlich in die unrechte Straße ein. He, Sie da, Menschenkind, Dienstmann – rechts herum. Jesus Christus!«

Der Student zog den aufgespannten Regenschirm ein, überließ die junge Dame und alte Hausfreundin seiner verstorbenen Mutter nebst ihrer Stutzuhr dem Aprilschauer und sprang lieber ihrem übrigen fahrenden Hausgeräth zu Hülfe; und dazu war's die höchste Zeit. Man biegt an einer wimmelnden Straßenkreuzung nicht ohne Gefährdung seiner Last von der falschen nach der richtigen Ecke hinüber, wenn man einen hochbeladenen Handwagen hinter sich her zieht.

»Esel! Büffel! Kameel!« schrie ein ältlicher Herr, der auch seinem Umzugskarren das Geleit gab, wie mitten aus einem Handbuch der Zoologie heraus, Fräulein Rosines Dienstmann an, und ebenfalls aus der Naturgeschichte klang es zurück:

»Selber'n Kameel! selber'n Büffel! selber'n Esel!« aber mit dem Zusage aus der Gesellschaftslehre, aus der Wissenschaft des Verhältnisses von Mensch zu Mensch: »Holla, Bollizei! So was soll man sich gefallen lassen? Und noch dazu auf offener Straße? Erst beweisen, wer hier schuld dran ist. Sie oder ich, oder lieber mein Fräulein hier?!«

»Aber nur nicht gleich zwischen Kollegen nach die Pollizeih schreien, Kollege,« mischte sich gottlob beruhigend- vorwurfsvoll der Karrenzieher des Alten ein. »Was liegt, liegt, Schafskopf! Erst aufsuchen, dann auseinander wickeln und dann meinetwegen ewige Feindschaft oder'n brüderschaftlichen Kümmel – meinetwegen auch mit Kalmus. Aber Herr Doktor Schnarrwergk, ich meinte, Sie wären doch viel zu sehr von der Wissenschaft und Philosophie, um um solch 'ne Kleinigkeit so'n Aufhebe zu machen. In zwei Minuten haben mein Kollege und ich ja Alles wieder in Ordnung.«

»Bist Du denn das, Kohl?« fragte der als Herr Doktor Schnarrwergk angeredete alte Herr. »Zum Henker, dann halte mir doch ausnahmsweise nicht Deine gewohnten Maulaffen feil, sondern greif mit zu. So lassen Sie doch die dummen Scherben da, Dienstmann, und kommen Sie hierher! Die ganze Bescheerung im Dreck.«

Die »dummen Scherben« stammten natürlich von den drei oder vier armen Blumentöpfen Fräulein Rosines. Mit den Scherben war freilich nichts mehr anzufangen, aber die Erde um die Wurzelstöcke der Myrten und Reseden war »wie ein Pudding aus der Form« gekommen, und so war das Unglück für die junge Dame gottlob nicht sehr groß.

»Wir setzen sie in neue Erdenwaare und das Zeugs treibt wie toll weiter, Rosinchen,« sprach der Student. »Na, und nun wollen wir hier mal sehen, was wir vom Weltuntergang retten können. Sie auch auf dem Umzuge, Herr Pathe? Das ist ja wieder die reine Völkerwanderung, würde mein seliger Vater sagen. Uebrigens zuerst: Recht guten Morgen, Herr Pathe Schnarrwergk. Sie befinden sich?«

»Ausgezeichnet, mein Lieber,« schnarrte der Alte, seinem Namen alle Ehre machend. Daß er innerlich hinzusetzte: Dummer Lümmel! ist vorauszusetzen. »Willst Du mit zugreifen, Kohl, oder nicht?«

»Wir sind ja schon dabei. O, Mensch, Mensch, mit welchem Ballast schleppst Du Dich!«

Der alte Herr blickte von unten aus seinen jungen, wie es schien, nur zu gut Bekannten scharf an, dann murmelte er etwas Unverständliches; und da die Dienstmänner derweilen rasch und geschickt das Ihrige gethan hatten, die Verwirrung zu lösen und den Schaden zu mindern, so konnte jeder seines Weges weiterziehen unter Anwendung von etwas mehr Vorsicht wie vorher.

Daß die Aprilsonne, die Sonne »so um Ostern herum«, jetzt wieder lustig und unschuldig hernieder lachte, war auch was werth, wenn auch der »Pathe« Schnarrwergk hinter seinem Karren schreitend, von unten auf zu ihr emporblinzelnd, ein Gesicht machte, wie: Ja, thu nur so!

In Bewegung hatten sich beide Karren gesetzt; aber nicht, um sich in entgegengesetzter Richtung voneinander zu trennen. Fräulein Rosines Habseligkeiten zogen voran und Schnarrwergks irdische Güter folgten ihnen, während die Eigenthümer und der junge Kohl auf dem Bürgersteige nebenher schritten. Der junge Kohl nicht mehr mit den Händen in den Taschen, sondern unter jedem Arm den topflosen, erdverfilzten Wurzelstock eines jungfräulichen Myrtenbäumchens tragend.

»Haben Sie mich je schon einmal so gesehen?« fragte er.

»Nein!« lachte die junge Dame. »Es ist auch zu freundlich von Ihnen, Herr Warnefried, und ich bin Ihnen auch wirklich recht sehr dankbar für Ihre Güte.«

»Das ist doch auch wohl das Wenigste, worauf ich aus unserer alten Bekanntschaft her Anspruch habe, Fräulein,« brummte der Jüngling, und in demselben Augenblick sagte Herr Schnarrwergk hinter den beiden jungen Leuten:

»Es soll mich doch wundern, wie lange diese Prozession noch bei einander bleibt? Kindsvolk, dem der Verdruß noch Spaß – sogar den besten Spaß machen kann!«

Höflichkeitshalber hatte der jüngere Mann über die Schulter natürlich die Unterhaltung auch mit dem älteren aufrecht zu erhalten. »Ziehen Sie denn auch, Herr Schnarrwergk?«

»Etwa nicht? Wenn das ein Witz sein soll, so hast Du da neben Dir ein empfänglicheres Verständniß für dergleichen dumme Fragen zu erwarten. Wünschest Du noch was zu wissen?«

Ganz kleinlaut sagte der Jüngling mit den Myrtenstöcken: »Gar nichts! Doch – vielleicht – wenn ich fragen darf: wohin denn?«

»Geht Dich das was an? Gottlob gar nichts. Aber wenn Du einmal doch den alten Thierarzt Schnarrwergk nöthig haben solltest, so merke Dir meinetwegen noch einmal meine Adresse. Auch schon Deines seligen Katers wegen. Hanebuttenstraße Numero dreiunddreißig, drei Treppen hoch.«

Ehe der junge Kohl die bündige Versicherung abgeben konnte, daß er nicht gewillt sei, Hanebuttenstraße dreiunddreißig, drei Treppen hoch, umgehend eine Visite abzustatten, hatte er von neuem seine Aufmerksamkeit der jungen Begleiterin zuzuwenden.

»Ach Herr Je! ach Herr Je!«

»Na, was haben Sie denn, Fräulein Rosine?«

»Aber das ist ja auch meine jetzige Adresse: Hanebuttenstraße Numero dreiunddreißig, drei Treppen.«

»Nicht möglich!«

»Ja doch, ja wohl! Ich bin auch auf dem Wege nach der Hanebuttenstraße und nach derselben Hausnummer und demselben Stockwerk. O Herr – Herr – Schnarrwergk, Sie haben wohl bei dem Herrn Professor und bei der lieben Frau Professorin nicht auf mich Acht gegeben. Mein Name ist Müller, Rosine Müller.«

»Möglich! Mein Name ist Schnarrwergk, Thierarzt außer Dienst,« brummte der alte Herr. »Stelle mich nur dann und wann noch einmal der Menschheit im spontanen Affekt zur Verfügung, Fräulein Rosine Müller.«

»Möglich!« sagte Fräulein Müller. »Schade, daß ich keinen Gebrauch davon machen kann! Ich halte mir keinen Kanarienvogel.«

* * *

Herr Schnarrwergk, bei seinem höher und schwerer bepackten Karren sich haltend, blieb jetzt ein wenig zurück. Die zwei jungen Leute, das leichtere Gepäck der jungen Dame im Auge behaltend, schritten rascher weiter und waren also dem Alten bald aus der Gehörweite.

»Das ist ja ein gräßlicher Mensch! Und ich habe mir bei Ihrer seligen Mutter so große Mühe gegeben, auch ihn gern zu haben!« rief Fräulein Rosine, scheu über die Schulter zurücksehend. »Ist das wieder ein Verdruß und eine schöne Geschichte! So ein Greuel Wand an Wand! Solch ein Grobian! Nein, sehen Sie ihn doch nur an! Sehen Sie ihn hinter uns her hinken. Gucken Sie das Gesicht! Wie kamen nur Ihre lieben guten Eltern zu der so genauen Bekanntschaft mit solchem Unthier?«

»Sie glauben vielleicht, daß er mich einmal aus spontanem Affekt, aus freiwilligen. Mitleid, aus der Taufe gehoben habe?« lachte der Student. »Nein, ganz so tief war ich doch selbst in den Windeln noch nicht herunter, Fräulein Rosine. Ne, er that es nur auf wiederholte Aufforderung, und ich habe es einfach herablassend gelitten. Sie wissen ja aus eigener Erfahrung, welch ein liebenswürdiger Hausfreund meines seligen Papas und meiner seligen Mama er immer war. Ich habe ein gewisses freundschaftliches Verhältniß mit ihm in der Phantasie immer aufrecht erhalten. Für mich hat er hoffentlich wenigstens die Theilnahme eines Onkels des verlorenen Sohnes im Evangelium. Er selber schlachtet natürlich kein gemästet Kalb meinetwegen; aber er kommt, wenn der Besserungs-Fest-Braten mal auf dem Tische steht, doch – ebenfalls nur auf Einladung. Und, Rosinchen, ich lade ihn mir ein, wenn es einmal so weit mit mir ist. Ich möchte ihn dann um keinen Preis bei dem Vergnügen missen –«

»Bitte, aber auf mich rechnen Sie dann lieber nicht bei Tische, Herr Kohl! Mich hat er doch stets ein wenig zu abwehrend in Ihrer lieben Eltern Wohnung behandelt!« lachte Fräulein Müller, aber mit einem tiefen Seufzer fügte sie hinzu: »Nun, da sind wir ja denn in der Hanebuttenstraße, und da ist die Nummer dreiunddreißig. Jetzt halten Sie mir den Daumen über das Wort: Gesegnet sei dein Eingang, Herr Kohl. O Gott, Gott, ich habe nun wieder einmal das tiefinnerste Gefühl, als sei ich vom Regen in die Traufe gekommen!«

»Na, vor dem Papa Schnarrwergk brauchen Sie sich doch nicht zu fürchten,« beruhigte der Student.

»Ach Gott, wer denkt denn noch an Den? Hat man denn nicht tausenderlei Anderes schon von länger her auf der Seele, wenn man so wieder einmal ins Unbekannte hinein muß? Versetzen Sie sich doch mal in meine Stellung in der Welt! . . . Kann er denn Musik vertragen?«

»Donnerwetter, ja – das weiß ich nicht!« rief der junge Begleiter. »Bei mir zu Hause, wissen Sie ja, wurde keine gemacht; da wurde mit ihm nur Schach oder höchstens ein solides Whist gespielt. Und bei ihm? ne, da habe ich auch nichts bemerkt, was auf die Firmen Stradivarius oder Steinwegius hindeutete. Ob musikfromm? Bei Gott, leider keine Ahnung, Fräulein Rosine!«

»Na, dann muß das mir auch einerlei sein. Mein Leben muß ich mir machen, und an mein Piano laß ich mir nur den Klavierstimmer, aber nicht den Thierarzt kommen. Das können Sie ihm dreist sagen, wenn Sie wirklich noch im vertraulichen Verhältniß mit ihm stehen.«

»Ja, in – einem – sehr – vertraulichen,« sagte der junge Mann ziemlich kleinlaut. »Aber wissen Sie was, Fräulein?« fuhr er erheitert fort. »Ich könnte es Ihretwegen zu verbessern suchen!«

»O, legen Sie sich doch meinetwegen ja keinen Zwang auf, Herr Kohl!« erwiderte Fräulein Müller. »Ich habe mich, Gott sei Dank, auch ohne fremde Hülfe bis jetzt ganz gut durchgeschlagen.«

* * *

Wann mochte diese Hanebuttenstraße wohl den idyllisch-ländlichen, von Hecken, Ackerfeldern, Wiesen und Gärten erzählenden Namen erhalten haben? Sie, jetzt ein wimmelnd Gäßchen im volkreichsten, getösevollsten Theile der Stadt! Außer ihrem Namen erinnerte jetzt hier nichts an Heimstätte, Duft und Farbe der wilden Rose. Aber aus den neuesten Stadtplänen kann man immer noch recht gut den Lauf der Ummauerung und Umwallung – erst nach dem Muster Meister Albrecht Dürers und später der Kunst Sebastian Le Prêtre de Vaubans oder Menno van Coehoorns verfolgen; und das ist die Sache. Die Hanebuttenstraße ist sicherlich auch einmal ein grünumbuschter Weg unter der mittelalterlichen Stadtmauer oder auf dem »Glacis« des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gewesen.

Da man gegen das Ende des achtzehnten Säkulums oder im Anfange des neunzehnten endlich einsah, daß weder Vauban noch Coehoorn den Feind abhielten, innerhalb der Gräben und Wälle die erklecklichsten Brandschatzungen auszuschreiben und die unverschämtesten Kontributionen einzufordern, so war man so vernünftig, auf den mißlichen Schutz ganz zu verzichten. Zumal da er in Friedenszeiten auch noch dazu gesundheitsschädlich war und die frische Luft viel zu sehr abhielt. Die Mahl-, Schlacht- und Judensteuer ließ sich ja doch an den Thoren aufrecht erhalten, und den Sperrgroschen konnte der Unteroffizier auch ohne schweres Geschütz, ohne die Bastionen, Halbmonde, Courtinen und Ravelins dem athemlos eine halbe Minute zu spät anlangenden Publikum abnehmen.

Die Stadt ist längst aus ihren Mauern und Wällen heraus und auch über die Vorstädte aus der Zeit des alten Fritze, oder unseres letzten Kurfürsten, oder, oder, oder und so weiter weggewachsen. Die ältesten Häuser in der Hanebuttenstraße sind von 1774 und die jüngsten sind von heute. Die Nummer dreiunddreißig aber stammt aus den zwanziger oder dreißiger Jahren unseres gegenwärtigen Jahrhunderts, das heißt aus der schändlichsten, dummsten Bauepoche, welche die Welt- und Kunstgeschichte je gesehen hat. Aus der Zeit, in welcher unsere doch sonst auch gar nicht dummsten und ganz braven Väter und Großväter jeden Kreuzgang als »eine alte Kegelbahn« abbrachen, und sich noch etwas darauf zu Gute thaten, wenn sie zum Beispiel den Dom von Goslar für 1504, schreibe fünfzehnhundertundvier Thaler losgeschlagen hatten.

Regen wir uns nicht unnöthig auf: wir brechen jetzt schon, zur Sühne, ihre Architekturprodukte wieder ab. Wir sind eben so pietätlos wie sie, unsere Väter und Großväter. Mit Fug und Recht reißen wir ihnen ihre, von ihnen doch auch manchmal für längere Dauer berechneten Bauwerke wieder ein. Und jeder anständig ästhetisch veranlagte Mensch bietet gern beide Hände dazu, und, wenn er es hat, auch das Kapital. Letzteres freilich nicht, ohne sich vorzusehen und zu vergewissern, ob es auch die gehörigen Zinsen tragen werde.

Von der Nummer dreiunddreißig in der Hanebuttenstraße ist gar nichts zu sagen, als daß der dritte Stock der höchste war, oder der oberste: Herr Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk wünschte nie mehr was Anderes als Katzen, Ratzen und Mäuse über seinem Haupte zu haben; er hatte die Kinder und die Nähmaschinen überm Kopfe längst satt.

Zur Rechten und zur Linken und von gegenüber her wurde das Haus durch die allerneuesten Architekturleistungen hoch überragt. Geduckt, kahl, alltäglich lag es da mit zwei messingenen Barbierbecken an der Thür, einem Viktualienladen im Keller und einem Fensterspiegel am ersten Stock; und in Farbe ganz wie der alte Schnarrwergk gelbgrau vom obersten bis zum untersten Stockwerke, vom Hute bis zu den Gamaschen. Er trug nämlich noch die richtigen Veterinärkamaschenschuhe, der Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk.

Oede, kahl und alltäglich, diese Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße! Dem Ansehen nach durchaus nicht von der Mutter Natur zum Nesterbauen für kleine Vögel von der Art Fräulein Rosine Müllers hergerichtet und vorbestimmt. Aber, na, na; Schwalben kleben ihre Nester ja auch oft dahin, wo kein Mensch wohnen möchte, und Schwalben sind doch wirklich nicht nur recht nette, flinke Thierchen, sondern auch wunderhübsch reinlich in ihrer äußeren Erscheinung in den Lüften außerhalb ihrer Wohnung. Innerhalb der letzteren sollen sie leider stets sehr von Wanzen geplagt werden, welche naturhistorische Bemerkung aber nicht das Geringste mit Fräulein Rosine zu thun hat.

Sie sahen Beide jetzt am Hause hinauf, die jungen Leute. Dann fragte Herr Kohl:

»Kann ich Ihnen nun noch bei irgend etwas behülflich sein, Fräulein? Verwenden Sie mich ruhig zu Allem, wozu Sie mich gebrauchen können. Meine Zeit steht vollständig zu meiner Verfügung, also noch viel mehr zu der Ihrigen.«

»Nein, ich danke recht schön. Nein, gewiß nicht. O, ich bin's ja schon seit lange gewohnt, mir selber zu helfen.«

»Hurrah, was hat der alte Schnarrwergk?« rief Kohl. Der Herr Thierarzt war derweilen mit seinem Gepäck ebenfalls vor der neuen Wohnung angelangt und wiederum in arger Verunzürnung mit seinem Lastträger.

Diesmal kam's über einen Affen her. Nicht etwa einen, den sich der Dienstmann vor Feierabend gezeugt hatte, sondern einen, der ihm vom alten Schnarrwergk zu besonders vorsichtiger Behandlung anempfohlen worden war, und mit dem er nach der Behauptung seines gegenwärtigen Arbeitgebers lange nicht genug behutsam umging.

»Mein Pithekus! mein Pithekus! Mensch, geht man so mit seinem Urgroßvater um? Packt man so den Urahnen seines Stammes im Nacken wie 'ne Katze, die man ins Wasser trägt? Mann, würgt man so seinen Vater, seinen Bruder, seinen nächsten besseren Vetter?«

»Selber Ihr Vater!« murmelte der Mann, das ausgestopfte Vieh etwas vorsichtiger auf den Bürgersteig niedersetzend und in seiner entrüsteten Menschenseele es zu den schnödesten Anzüglichkeiten für den alten Herrn benutzend. Laut und verdrossen brummte er: »So sagen Sie denn nur, was Sie zuerst ins Trockene haben wollen von den Habseligkeiten. In fünf Minuten besehen wir wieder den schönsten Platzregen, und mir ist ja Alles einerlei.«

»Bist Du noch da, Kohl? Nun, diesmal ist das ja fast ein Segen. So fasse doch mit an.«

»Verwenden Sie mich ruhig zu Allem, wozu Sie mich gebrauchen können, Herr Pathe. Wo soll ich anfassen?«

»Ebenbild Gottes, hier meinen Pithekus Satyrus schaffe mir unlädirt ins Trockene und die Treppe hinauf; aber vorsichtig, wenn ich bitten darf, junger Pavian.«

»Sie kennen mich doch!« grinste der gute Jüngling, als ob ihm eben die größte Schmeichelei gesagt worden wäre.

»Was soll ich denn nun zuerst nehmen, Herr Doktor?« fragte der Dienstmann. »Die Bücher oder die Bettsponde?«

»Sie bleiben gefälligst hier unten auf den Siebensachen sitzen und halten mir Menschen und Hundevolk von den Herrlichkeiten ab, bis ich aus dem Fenster rufe; – ne, bis ich wieder herunter komme. Vorsichtig mit dem Stammvater, Kohl!«

Und der Alte schwang das eiserne Feldbett sich auf die Schulter und stieg mit ihm in das dritte Stockwerk der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße hinauf, als trüge er nur ein leichtes Federkopfkissen. Der junge Mann folgte mit dem ausgestopften Pithekus wie mit einem kranken Kinde auf dem Arm. Und als sie oben im obersten Stock anlangten, lachte Fräulein Rosine aus ihrer Thür und rief:

»Nein aber, Warnefried! Herr Kohl!«

»Jawohl, da bringe ich den Lar, den Penaten, Rosinchen. Sehen Sie sich das Unthier nur mal genau an, Fräulein! So haben Sie vor einigen platonischen Jahren auch mal ausgesehen. Ihr Nachbar Schnarrwergk behauptet es, und er ist ein Mann vom Fach und muß es wissen.«

»Wenn er weiter nichts weiß, dann Dank für meinen Nachbar Herrn Schnarrwergk, und sein Hausgott ist noch lange nicht der meinige.«

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