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Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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»Wünschen Sie etwas, Herr Nachbar?« fragte Rosinchen ängstlich, bänglich, schüchtern; fuhr aber im beinahe nächtlichen Halbdunkel erst zurück und dann näher:

»O Gott, er sitzt ja! Warnefried! Nachbar! O sieh doch nur her und greif mit zu, Warnefried, er sitzt ja aufrecht! O lieber Nachbar, was sagten Sie eben? Waren Sie es wirklich, der eben wieder zu uns gesprochen hat?«

»Ich war es,« meinte der alte Schnarrwergk. »Ich habe euch wohl noch nicht lange genug dagelegen und bloß zugehört?« fragte er, und wenn Beides etwas langsam, verquer, gestottert herauskam, so war's damit doch längst nicht so arg, wie der Doktor, der medizinische Doktor, es vorausgesagt, und der Doktor Kohl und die junge Nachbarin es sich vorgestellt hatten.

Sie hatten Beide die Arme unter seinem Kopfkissen und hielten ihn so besser und bequemer aufrecht. Schön anzusehen war er nicht bei diesem winterlichen Lampenschimmer. Hübscher hatte ihn dieser erste Kirchhofswink, nicht mit dem Senseneisen, sondern mit dem Sensengriff und Gestell, nicht gemacht; und wie er von der Einen zu dem Anderen stierte, mußte Kohl trotz seiner Aufregung unwillkürlich denken:

»Selbst dem schönen Bogislaus müßte sich sein Photographieapparat im Innersten umwenden!«

Aber Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk war, was eben doch die Hauptsache ist, wieder völlig bei Bewußtsein:

»So.« . . .

Wir könnten ein halb Dutzend Frage- und Ausrufungszeichen hinter das kleine Wort setzen und träfen schließlich doch nicht die richtige Betonung und volle Bedeutung desselben.

»O, ich bin so glücklich! o bitte, womit können wir Ihnen noch helfen?« schluchzte Rosinchen Müller.

»Krrrrrrrr.«

»Kann ich Ihnen mit irgend etwas dienen, Herr Pathe, lieber Herr Schnarrwergk?« fragte Paul Warnefried Kohl, schmelzend, kindlich-zuthunlich, ohne sich dabei irgend welche Mühe geben zu müssen. Und er zog auch seine Hand nicht unter dem Kopfkissen des kranken Greises weg und packte ihn mit beiden Fäusten mit alter Zartfühligkeit an beiden Schultern, um ihn wie einen Sack zu schütteln und mit einem Ruck platt niederzulegen, als der Greis »mit gewohnter Forsche auf der Mensur« ihn ersuchte:

»Sachte, Grobian!«

Ein wenig schwindelig schien's ihm aber doch noch zu sein; doch sie gönnten ihm alle Zeit, sich allgemach umzusehen und das Auge hierhin und dorthin in seinem Zimmer zu werfen. Jetzt haftete es auf dem Pithekus, und er, Fräulein Rosinens erster und wirklicher Nachbar, murmelte:

»Auch der noch! der Lar! So sind wir ja noch Alle beisammen. Hm, hm, hm; also ihr seid es? Du bist es, Kind, Nachbarin, mein gutes Kind? Aber – wo – kommst denn Du her? wo kommt der Junge her? Ja so – die Gesellschaft habe ich mir ja wohl zusammenträumen sollen! Hm, war wohl 'ne geraume Zeit im Traum abwesend, Du? und Du? ja, wie heißt ihr doch Beide?«

»Mein Name ist Kohl,« murmelte Paul Warnefried unwillkürlich; aber der Alte hörte darauf nicht im Mindesten. Er hatte seinen zitternden Arm um die junge Nachbarin gelegt, um sich noch besser an ihr aufrecht zu erhalten, und weinerlich murmelte auch er: »Weine nicht, Kind, wenn ich auch Deinen Namen nicht weiß. Ich, ich, ich kenne Dich ganz gut. Die Zunge, die Zunge – bloß auf der Zunge habe ich Dich noch nicht. Ro–Ro–Rosine Meier –«

»Müller!« ächzte Kohl.

»Müller,« stammelte der alte Schnarrwergk. »Ich danke, Doktor Kohl. Siehst Du, seht ihr! da habe ich den – das schon bei mir ohne Beihilfe! Gieb mir Deine Hand, Kind, liebes Mädchen. Hast Deine Sache gut gemacht, hast Dich des alten Nachbars angenommen, als ob er es um Dich verdient hätte. Hättest ihn ruhig liegen lassen sollen – können. Und Der da – der – der – unser Doktor –, Röschen, Rosinchen, unser Doktor der Philosophie – wie heißt er doch gleich? Zum Henker, die Namen, die Namen!«

»Kohl! Paul Warnefried Kohl!« half Doktor Kohl, ohne etwas dafür und dagegen zu können, nochmals ein.

»Richtig!« seufzte der alte Schnarrwergk. »Legt mich hin, Kinder, gute Kinder, liebe Kinder. Nur einen Augenblick. Ich besinne mich schon. Mein bester Freund, der alte Kohl –«

»Er kommt der Sache wirklich immer näher,« flüsterte der junge Kohl trotz all seiner Aufregung der jungen Nachbarin des alten Schnarrwergks zu. Augenblicklich aber ist er wieder fertig. Wir wollen ihn nach Wunsch leise hinlegen und ihn ruhig weiter in das Bewußtsein seiner und unserer Lage hineinschlummern lassen. Meinst Du nicht, Röschen?«

»O Gott, ja! Was können wir denn Anderes thun?« . . .

Noch mehr, als sie bis jetzt schon gethan hatten. konnten sie freilich nicht thun. Sie saßen Hand in Hand im dämmerigen Lichte der wunderlichen Krankenstube. Von den Dächern draußen leuchtete der Schnee matt herüber, und in der Hanebuttenstraße war noch viel Bewegung.

Es kam dem jungen Volk am Bett des alten Schnarrwergks immer mehr zu Sinnen und Gedanken, wie es – wie sie an diesem nachdenklichsten Tage des ganzen Jahres in so manchem anderen Jahre gesessen hatten: das junge Mädchen stets in seiner verlassenen Waisenschaft, der junge Mann in oft beinahe zu munterer Gesellschaft. Und sie wußten es, aller Bänglichkeit der sonstigen Umstände zum Trotz, bis in die tiefe Seele hinein, daß Jeder für sich nie so hoffnungsreich behaglich gesessen hatte wie an diesem Abend.

»Und daß man sagen muß, Der da ist es gewesen, der uns endlich zusammengebracht und zu Kindern eines Hauses gemacht hat!« flüsterte Warnefried Kohl, seinen Arm fester um sein Mägdelein legend und mit der Schulter nicht nach dem Pathen Schnarrwergk, sondern nach dem Lar hinwinkend.

»Der?« flüsterte Röschen zurück.

»Natürlich der allein. Erinnerst Du Dich nicht, wie vor fünf Jahren, so um Ostern, Der da ihn mir zur Obhut anvertraut hatte bei eurem Einzuge, und wie ich ihn wie meinen Augapfel behütet habe vor Schaden? Guck, wie die Bestie grinst, als ob sie einzig dazu ausgestopft worden sei, dermaleinst auch unser Hausgott zu werden.«

»Gott behüte!« murmelte Rosine Müller. »Aber Du hast Recht – o Gott, wenn das meine Mutter sehen könnte!«

»Und erst meine Mutter, die es nicht einmal leiden wollte, daß Du Du zu mir sagtest.«

»Ich? Nun das wäre doch zuerst auch Deine Sache gewesen!«

»Du! Du! Du!« flüsterte der junge Kohl, und wenn der alte Schnarrwergk wieder bei Gehör war, so konnte er wiederum noch andere Laute vernehmen, die sich unserer Berichterstattung schüchtern und lieblich-schämig entziehen, und von denen unser Lokalberichterstatter in seinem Blatte auch niemals dem Publikum genauere Auskunft gegeben hat, um irgend eine Nummer des besagten Blattes interessanter zu machen und die Abonnenten beisammen zu halten.

»Die Namen! die Namen!« knarrte es vom Bette her. »Ich habe sie vor mir, die alte Nachtmütze und die Kratzbürste; aber – die Namen, die Namen! Da hatten sie meinen – meinen Jungen in die Welt gesetzt. Er sollte der Trost ihres Alters werden. Ein schöner Trost! ein sauberer Flegel! Mein Junge! . . . Habe meine Freude doch an ihm gehabt! habe auch das Meinige zu seiner Erziehung beigetragen – tragen – nicht wahr, Nachbarin, Sie – Fräulein – Rosinchen – Röschen – gutes Kind?! Aber die Namen, die Namen! die Namen fehlen!«

»Kohl! der alte Kohl, Herr Doktor von Pithekus' Gnaden!« rief, trotz aller Weichheit gegenwärtiger Stunde, der junge Kohl, als ob er doch nicht umhin könne, dem geschlagenen Greise einen dummen Jungen aufzubrummen. » De mortuis nil nisi bene, Herr Thierarzt Schnarrwergk. Sprich Du zu ihm, Röschen! Sag ihm, wie nahe er daran war, sich zu wünschen, daß von dem Wort auch hinter ihm drein ausgiebigster Gebrauch gemacht werde.«

»O, was soll ich ihm sagen? ich verstehe ja kein Latein, Warnefried.«

»Ja so! Er sprach mittelmäßig von meinen – unseren Eltern, Herz! Das Latein wollte auf deutsch bedeuten: Ueber die Todten nur schöne Redensarten.«

»O, Nachbar!« rief Röschen, von Neuem den alten Mann umfassend und unterstützend; denn er saß wieder aufrecht und sah von dem Einen auf die Andere und murmelte Unverständliches und murmelte deutlicher: »Ihr, Ihr?« und fragte: »Wie kommt denn Ihr hierher und so zusammen, und seit wie lange sitzt Ihr hier so da? Wo sind wir? Welch ein Datum haben wir?«

»Sylvester, Herr Doktor!« rief Kohl junior, nach seiner Taschenuhr sehend. »In – in zwei Stunden und fünfunddreißig Minuten brechen wir noch einmal vergnügt ein neues Jahr an. Mein Name ist Kohl, Herr Pathe. Meine Braut, Fräulein Rosine Müller. Es bleibt Alles in der Nachbarschaft, Herr Pathe Schnarrwergk.«

»Es war die Glückshand, die Sie mir zu Pfingsten vor einem Jahr auf der Wiese im Regen ausgruben, lieber, lieber Nachbar, Herr Pathe. Ihre und der Frau Erbsen Glückshand hat uns dazu verholfen, Ihnen in der Noth beispringen und uns – uns – Warnefried und mir zu – zu –«

»Zu einander zu helfen!« murmelte der Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk. »Das ist das Einzige, was mir augenblicklich vollkommen klar ist.«

»Ach, und Sie haben nichts dagegen?« rief Röschen Müller.

Des Alten Auge schweifte von dem jungen Paar zu dem Pithekus hin, und Rosine fing diesen Blick und schluchzte:

»O nein, nein, nein! Da hat auch Warnefried Unrecht! Der ist's nicht gewesen, welcher uns zusammengebracht hat. Der hat nur dumm zugesehen und es nur mit angehört, welch ein guter, lieber Mensch Ihr Herr Pathenkind, mein – mein lieber, guter Warnefried immer gewesen ist; aber wir haben es schon mit einander ausgemacht: ich nenne ihn später einfach Paul; denn das Andere ist uns Beiden viel zu lang und gelehrt und aus der Völkerwanderung.«

»Mein Name ist einfach Kohl, Herr Pathe Schnarrwergk,« grinste Paul Warnefried Kohl, »und ich habe sie gar nicht um ihre Erlaubniß gefragt; seit acht Tagen schon nenne ich sie Röschen und habe den Barbier von Sevilla und die Donna Rosina gründlich an den Haken gehängt.«

In diesem Augenblick pochte es an der Thür. Es war nicht der Freund Blech, der schöne Bogislaus, der Leichenphotograph, der pochte; es war die Frau Erbsen vom Altstädterring.

»Nun, wie steht es, junge Herrschaften? Ich möchte im alten Jahre doch noch einmal nachsehen – ach herrje, i du meine Güte, da sitzt Er ja! ganz munter und natürlich. Wie ich es vorausgesagt habe. Und mit einem Unschuldslächeln ganz wie Der da aus seiner gelehrten Wissenschaft und Heilkunde – wie sein Hausgötze, mit Respekt zu sagen, Herr Doktor Schnarrwergk, wie Ihr Herr Affe, Herr Doktor. Na, und Sie sitzen mit den Glückshänden fest ineinander, junge Herrschaften; und der Herr Doktor hat auch allbereits seinen Segen dazu gegeben und später mal nichts dagegen, daß die Kinder ihrerseits auch ihren Spaß mit seinem Affen haben werden. Ja, ja, es macht noch immer Einer dem Anderen nach in der Welt und fürs Erste wird's damit im Leben und im Sterben noch nicht zu Ende sein. Nur nicht immer gleich das Ende sich vorstellen. Wissen Sie wohl noch, Fräulein, heute vor acht Tagen beim heiligen Christ in der Weihnachtsstube unter Ihrem Tannenbäumchen, wo Sie das Ende von Einem von uns ganz dicht bei sich zu sehen glaubten, weil Sie seinen Kopf ohne vorhandene Besinnung wie ich im Schooße halten mußten? Nu denn, vor allen Dingen ein recht vergnügtes neues Jahr, Herr Doktor, Herr Doktor Schnarrwergk. Und natürlich Ihrer lieben Braut und Ihnen dasselbige, Herr Doktor Kohl. Sie haben meine Glückshand auch bloß aus Ihrer Naturgeschichte und Pflanzenkunde und Botanik erklären wollen, Herr Schnarrwergk; aber das Fräulein hier hat ihre Ihnen auf meinen Rath doch unter das Kopfkissen gelegt, Herr Schnarrwergk. Sehen Sie wohl, jetzt haben wir an uns Allen hier die Wirksamkeit davon! Habe ich nicht Recht, Herr Doktor Kohl? sich immer nur an die nächste liebe Menschheit halten und sich von ihr die Glückshand unters Kopfkissen schieben lassen! Wenigstens für uns armes Volk auf Erden bleibt das immer die Hauptsache. Wie sollte man es auch ausfechten, wenn wir auf dem Altstädterring nicht fest hieran hielten?«

* * *

Nun schlägt es in die Geschichte zwölf hinein; ein neues Jahr beginnt, aber die alte Geschichte bleibt es doch. Sterben muß der alte Schnarrwergk; aber das braucht doch nicht gleich zu sein. Man wird ihm leider nicht den Lar zum ewigen Gedächtniß aus das Grab setzen können; denn in den werden die Motten kommen trotz aller Gegenmittel. Glücklicher Weise wird aber in einer anderen Weise dafür gesorgt werden, daß das Andenken Franz de Paula Schnarrwergks nicht so bald aus der Welt verschwinde. Frau Doktorin Kohl geborene Müller wird noch oft drohen:

»Du, Du! wenn Du nicht gleich artig bist, kommt dem guten Onkel Schnarrwergk sein böser Affe vom Schrank herunter.«

Nämlich zu der Zeit wird der Pithekus nicht mehr als Lar im Zimmer, sondern als Kuriosität draußen auf dem Vorplatz auf dem Schranke stehen, und es wird selten Einer in der Familie sich noch daran erinnern, daß der Herr Pathe ihm dereinst beim Ausstopfen Menschenaugen in den Kopf gesetzt hat. Die Motten werden sich zu sehr von ihm aus in das beste Sopha gezogen haben und: »Du drückst sie mir nicht todt, wenn Du auch noch so lang und dick und so lange darauf liegst, Paul Warnefriedchen,« wird die Frau Doktorin dann aus der Erfahrung a posteriori her behauptet haben. Von dem besagten Sopha aus wird dann aber Paul Warnefried Kohl gesprochen haben:

»Altes Mädchen, Du erinnerst mich gerade zu rechter Zeit. Ich werde morgen mit dem Todtengräber reden, daß Du mit den Kindern zu Allerseelen draußen Alles anständig und in Ordnung findest.« . . .

Aber, wie gesagt: so weit ist's noch lange nicht. Einige Jahre hat es wenigstens damit noch Zeit. Im Vorwort (wenn ein Leser sich noch daran erinnert), im Vorwort dieser ganz alltäglichen, aber deshalb auch ganz wahren Laren- und Penaten-Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte wird ja erst zum ersten Mal getauft, und dabei hat der Pathe Schnarrwergk noch einmal Gevatter gestanden und diesmal mit mehr Vergnügen. Und der Junge heißt nach ihm diesmal Franz: »Franz heißt die Canaille,« hat der glückliche Vater citirt. Wenn aber einer der anderen anwesenden Taufgäste, Herr Bogislaus Blech zum Beispiel, behauptet, die Puppe, der Junge hieße nicht allein nach ihm, sondern er sei auch ihm wie aus dem Gesichte geschnitten, so ist das nur einer seiner gewöhnlichen oberflächlichen Beiträge zur Auffrischung der Unterhaltung. Er, der schöne Bogislaus, könnte ebensogut behaupten, er sei dem Lar wie aus dem Gesichte geschnitten.

Zwölf Glockenschläge; Mitternacht in der Neujahrsnacht! Aber wir brauchen darum nicht feierlich zu werden; wenigstens nicht feierlicher, als wir es schon längst sind. Die Mitternachtsstunde findet trotz alles Lärms, der heute um sie her in der Stadt, und nicht bloß in der Stadt, sondern soweit die christkatholische Zeitrechnung Boden gefunden hat, stattfindet, den alten Schnarrwergk im tiefen heilkräftigen Schlaf und seine Nachbarin im unruhigen, ängstlich-glückseligen Schlummer und die Frau Erbsen vom Altstädterring neben dem Bett des alten Schnarrwergks in Gesellschaft mit ihm schnarchend. Wen sie aber nicht im tiefen Schlaf findet, das ist Dr. Paul Warnefried Kohl, von dem man »solches wahrhaftig auch nicht verlangen kann«. Er ist nicht mit seiner Braut am Bett des Pathen Schnarrwergk vom Tisch in das neue Jahr hineingesprungen. Für diesen sonst ganz zeitgemäßen Spaß liegt ihm diesmal doch Mancherlei allzu schwer auf der Seele. Nachdem er unter den sonderbar forschenden Augen des Pathen, sowie unter dem Lächeln des Laren mit den innigsten Wünschen für sich und sämmtliche Anwesende zum neuen Jahr Abschied genommen hat, hat er das innigste Bedürfniß gefühlt, doch noch ein wenig frische Luft zu schöpfen und dabei Allerlei in möglichst genaue Privatbetrachtung zu ziehen.

Es ist so. Bis jetzt hat er Alles, was ihm in der letzten Zeit begegnet ist, im letzten Grunde doch nur für eine Veranstaltung des Schicksals zu seinem Behagen, zu seinem Vergnügen, zu seinem wohlverdienten Glück genommen: in dieser Nacht ist ihm zum ersten Mal vollkommen das Verständniß aufgegangen, daß es sich damit auch vielleicht etwas anders verhalten könne.

Es ist eine bitterkalte, sternklare Nacht; aber wie er jetzt straßenauf, straßenab wandert, hebt er doch häufig den Hut von der heißen Stirn und fährt sich wühlend durch den Haarbusch. Es ist sehr lebendig um ihn her, heiter aufgeregt, streitfertig, harmlos vergnügt bis zur zärtlichen Umhalsung und giftig-roh, obscön unverschämt bis zum Faustschlag und Fußtritt – Alles. wie es die Nacht mit sich bringt. Wie oft hat diese Nacht auch den Doktor Paul Warnefried Kohl mit sich gebracht in seiner ganzen germanischen Glorie; aber diesmal hat sie sich ohne ihn zu behelfen, und er geht durch sie hindurch und hat gar nichts mit ihr zu schaffen, soweit es ihren Lärm und ihre Leichtherzigkeit anbetrifft.

Einige Male könnte er sogar in seinem gegenwärtigen Berufe wirken; denn es finden in Gassen und auf Plätzen Scenen statt, die der Abonnent gern heiter geschildert sich unter der Rubrik »Lokales« vorführen läßt, wenn die Helden derselben im städtischen Krankenhause, in Privatpflege oder im Polizeigewahrsam die kurze Lust des Augenblicks durch lange Pein abbüßen.

Kohl läßt seine Brieftasche stecken. An keinen Nachtwächter, an keinen Schutzmann wendet er sich mit der Frage, was es hier für ihn gäbe. Er hat in dieser Neujahrsnacht sein Auge nur für sich selber, er ist einzig mit sich selber beschäftigt und, beim Lar des Kreisthierarztes Schnarrwergk, – er hat da seine genügende Beschäftigung, seine Beschäftigung vollauf! Sie könnten ihm selbst tausendmal den Hut eintreiben, die vergnügten oder boshaften Schwärmer der Neujahrsnacht: er würde es stets nur als eine freundschaftliche Ermahnung auffassen, ja noch fester, noch inniger, noch herzlicher bei der Sache zu bleiben und über sich nachzudenken.

Er ist bei der Sache; gottlob ganz, innig, herzlich, fest bei der Sache.

»Wenn ich es nicht so genau wüßte, wie es gekommen ist,« murmelt er, »wenn es mich nicht von jedem Stern da oben anlachte, so – so möchte ich jeden Narren, der mir von jetzt bis Sonnenaufgang begegnen wird, fragen, wie es sich eigentlich gemacht hat! Mein Mädchen, mein Herz, mein braves, verständiges, gutes Mädchen! Es drückt Einem ja natürlich wie ein Berg aufs Zwerchfell – diese Idee, demnächst eine Frau zu haben; aber – gemütlich ist's doch. Nun aber ernsthaft, alter melancholischer Hanswurst, alter umgewendeter Adam. Zum neuen Kohl eine neue Wurst, das ist jetzt das Motto. Sie hat mich und ich habe sie, wir haben uns, und das ist fürs Erste die Hauptsache. Alles Uebrige wird sich finden. Ja, sie soll es gut bei mir haben; ich werde ihr zu Liebe und dem grauen Schlaumeier, dem Pathen, in die Zähne, der Welt zeigen, was der Mensch kann, wenn er will, selbst wenn er mit dem sauberen Namen Kohl auf die Erde und zu seinem Handwerk gelangt ist. Mit dem Laufen nach den dummen Tagesneuigkeiten hat es selbstverständlich itzo sein Ende. Beim alten Schnarrwergk und seinem Lar, aufwärmen werde ich mich jetzo derartig. daß Freund Rodenstock der Erste sein soll, der sprechen wird: Delikat. Da wird mir Niemand mehr Huth und Weide zu kündigen brauchen.«

Jetzt reißt er ganz mechanisch dennoch seine Brieftasche heraus; wahrscheinlich um seine guten Vorsätze sich vorsichtiger Weise doch lieber zu besserer Erinnerung zu Papier zu bringen. Aber er schiebt sie wiederum noch lieber und zwar fast wie wüthend in die Brusttasche zurück:

»Nein, wir behalten's schon so, und werden den verunglückten Schneidergesellen auf der Terrasse von Helsingör diesmal nicht agiren.«

In diesem Augenblick bekommt er einen Schlag auf die Schulter, der gleichfalls nicht von dem Geiste seines Vaters ausgehen konnte. Die Gaslaternen hatte eine sorgliche Polizei in dieser Nacht vorsichtiger Weise so hell als möglich zum Leuchten gebracht. Man kann in so einer zu ernstesten Betrachtungen auffordernden Neujahrsnacht von Polizei wegen gar nicht vorsorglich genug sein. Wüthend, mit weit ausholender Faust herumfahrend, steht er, Paul Warnefried Kohl, im hellsten Licht der Sterne und der Laternen Nase gegen Nase mit dem vertraulich derben Schäker der Stunde und schlägt – ihm die Nase nicht ein. Es ist keine Täuschung möglich. Sein Freund, sein – einstmals bester Freund Bogislaus Blech, der schöne Bogislaus, hat eben hinter ihm gestanden und steht jetzt vor ihm mit seinem gewohntesten, gelassensten, selbstbewußt-laienhaftesten Lächeln und sagt mit mehr als gewohnter Tonlosigkeit:

»Also ein recht behagliches neues Jahr, liebe Puppe; und – zu Deiner Beruhigung die feste Versicherung, die Gewißheit oder wie Du willst, daß der Schwiegerpa–pa–pathe, der alte Halunke Schnarrwergk, der Lar, der Pithekus, der Orang-Utang und sonstige Waldmensch Geld hat: überseeische Besitzungen, liegende Gründe in seinen Palmenwäldern von Borneo, sechs einträgliche Mietshäuser in Pavianopolis – was weiß ich! Ich habe mit unermeßlichem Vergnügen soeben Deiner Unterhaltung mit Dir selber gelauscht und hielt es jetzt für die höchste Zeit, das Meinige dazu zu thun, um Mißverständnisse zwischen Dir und Deinem besseren Bewußtsein zu verhindern.«

»So! Du bist es, Blech? Nun, offen gestanden, dann weiß ich meinestheils nicht –«

»Ob Du mir den Hals umdrehen oder mich von Neuem an Dein Herz nehmen willst. Wie hieß doch der nicht unverständige Griechenländer, der in einem ähnlichen Falle das klassische Wort sprach: ›Haue mich, aber höre mich?‹«

»Gewissenlose, abgeschmackte, lächerliche, öde Bestie!«

»Nun höre ihn Einer! Bin ich Dir etwa seit Aeonen im Geist so vorsichtig aus dem Wege gegangen, um in dieser geweihten Stunde dergleichen aus Deinem Munde zu vernehmen? Wenn ich Dich lieb behalte, obgleich mich Dein Mädchen nicht gewollt hat, was regt Dich das so sehr auf? Willst Du mir hier auf der Stelle Vernunft annehmen oder sollen wir dazu hier in jene Kneipe fallen, oder willst Du mit mir deswegen auf meine Bude steigen – Hanebuttenstraße, gegenüber –«

»Blech!«

»Rufest Du mich da bei dem Namen meines Vaters oder dem Quantum Erdenwitz, so mir meine selige Mutter mitgegeben hat? Aber es ist einerlei. Spaß bei Seite; ich bin Dir in der That in dieser Nacht bis unter diesen Laternenpfahl nachgeschlichen, um in dieser ersten Stunde des neuen Jahres endlich einmal ein ruhiges Wort mit Dir zu reden, Kohl.«

In halber Verzweiflung griff sich der Andere nach beiden Ohren, um sodann zu ächzen:

»So komm. Ich bin auf dem Wege zu Bette. Mach es wenigstens möglich, Dich zum ersten Mal in Deinem Leben bei Deinem frivolen Blödsinn kurz zu fassen.«

Bogislaus schob seinem Warnefried den Arm in den Arm, und es war nicht anders, durch mehrere Gassen mußte er ihn an sich hängen lassen – Kohl seinen Blech, und es stellte sich von Straßenecke zu Straßenecke mehr heraus, daß der schöne Freund le vin tendre in seiner Weise in einem Maße hatte, das ihn, wenn nicht liebenswürdiger, so doch auch über das gewöhnliche Maß seiner Concettis hinaus zu einem recht unterhaltenden Begleiter machte.

»Ist denn Lieben ein Verbrechen? soll kein Leichen- und Corps-de-Ballet-Photograph auch in dieser Hinsicht glücklich werden können? Und ist es nicht nur ein liebes, sondern auch ein gutes, ein wackeres Mädchen, Kohl? Du mußt das allmählich ja auch in Erfahrung gebracht haben, liebe Puppe, und – ohne beleidigen zu wollen, unermeßlicher Esel. Wie lange hätte ich an Deiner Stelle dieses gewußt und längst zugegriffen! Konnte ich ahnen, daß Du Ansprüche erhobest, wo ich nach längerem Verkehr über die Hanebuttenstraße hinweg zu der Gewißheit gekommen war, daß dort auch für meine zartesten Bedürfnisse etwas zu holen sei? Und nun noch gar dumm, eifersüchtig, unüberlegend-grob gegen den ältesten, den besten, den theilnehmendsten Freund Deiner Lehr- und Wanderjahre! Da hört doch Alles auf! So laß doch das Schütteln, oder ich lehne Dich an die nächste Hauswand, rufe nach der allernächsten Sanitätswache und bringe Dich unter Dein eigenes Lokales. So überlege doch, Menschenkind, und benutze Deine Ueberlegungen nicht nur in dem eben beginnenden Jahr, sondern in manchem anderen. Bin ich denn nicht in Deinem Interesse abgeblitzt und mit jungfräulich-entrüstetem Elan vor die Thür gesetzt worden? Habe ich mich nicht in Deinem Interesse auf den Altar meiner Gefühle gelegt und glücklich – für Dich – ausfindig gemacht, daß der graue Grobian, der alte Schnarrwergk, ein Mann von Mitteln ist und seinen Lar, seinen Pithekus nicht bloß mit Heu und Stroh, sondern auch mit den ergiebigsten, sichersten Wertpapieren gefüllt, auf seinem Hausaltar stehen hat?«

»Jetzt höre auf, Blech; oder ich mache ein Ende und bitte Dich –«

»Dir einen Storch zu braten. Nein, das wirst Du nicht thun; aber wenn der gemüthliche Haus- und Familienvogel gekommen sein wird, wirst Du mich und, höre genau, wirst Du auch den alten braven Vater Schnarrwergk zu Gevatter bitten. Du kannst wahrhaftig nichts Vernünftigeres thun. Uebrigens also, Du wünschest wirklich, daß ich mich ein wenig kürzer fasse?«

»Ja. Du würdest mich dadurch wenigstens noch einmal vor unserem letzten Abschied verpflichten«

»Wieder eine ganz reizende Wendung, eine noch niemals sonst dagewesene Redensart. Aber – gut; ich habe mich als verunglückter Heirathskandidat auf der Treppe in der Hanebuttenstraße Numero dreiundsoundsoviel kurz gefaßt; ich werde es auch jetzt noch einmal können. Ja! ich habe dem lieben Kinde – Deinem lieben Kinde, der kleinen Müllerin mich, die Welt und den lächerlichen Bruchtheil von uns, die Sterne am Himmel zu Füßen gelegt, weil ich wirklich der festen Ueberzeugung war, daß das Herzchen für mich passe, und ich bin Deinetwegen abgeblitzt. Deinetwegen, wie es sich jetzt herausgestellt hat, habe ich kein Mittel unversucht gelassen, um herauszubringen, was eigentlich hinter dem alten Schnarrwergk und seinem Lar sei. Kohl, es ist zu dumm, aber es ist eine Wahrheit, daß es mich glücklich macht, die Verhältnisse meinen Fenstern gegenüber in praktischer Hinsicht doch genauer kennen gelernt zu haben als wie Du. Lieber, alter Freund, süße Puppe, er – er vermacht ihr – seiner lieben, jungen und wahrhaftig herzigen Puppe nicht bloß seinen Pithekus, seinen Lar, daß sie sich einen Muff aus seinem Fell machen lasse; sondern er hat das Zeug dazu, dafür zu sorgen, daß sie – daß Du – daß ihr in einer augenblicklich unabsehbaren Reihe von Winterlebens- oder Lebenswinter-Nächten warm sitzen könnt. So komm an mein Herz, Knabe, und nimm es mir nicht übel, daß Du mir längst im Wege standest, als ich Dir in den Weg lief. In dieser feierlichen, aber kalten, in dieser sternglitzernden, schneeknisternden Nacht habe ich mich einzig und allein Deinetwegen in den Gassen umgetrieben, um Dich irgendwie und irgendwo abzufangen und es Dir zu sagen, wie es mich freut, daß Du bei Deinem letzten Vorgehen im öden Dasein nicht allein meine Meinung, sondern auch meinen Geschmack getroffen hast. Sprich noch ein Wort, und ich klettere hier als unausgestopfter Pithekus auf den Laternenpfahl und versichere Dich noch mehr von oben, aber immer brüderlichst, Kohl, wie lieb ich Dich habe und behalte!«

»Wenn ich nur wüßte –«

»Was wünschest Du noch mehr zu wissen? Ja, ihr paßt zu einander, Du und Dein Mädchen; aber ich passe auch zu euch. Daß ich mich heute schon ausstopfen lasse, um gläsern, wie des alten Schnarrwergks Lar, eurem jungen Glück zuzusehen, wirst Du nicht verlangen. Später mag ja auch das einmal geschehen; aber für jetzt nimmst Du mich als Hausfreund an und behältst mich bei euch! Ich helfe euch, eure Kinder zu erziehen – aus den lieben Kleinen wird sicherlich nichts, wenn ich nicht zu Rathe gezogen werde. Die ganze Familie Kohl, den alten Schnarrwergk und den Pithekus eingeschlossen, nehme ich gratis photographisch auf mich. Habt ihr etwas in der Stadt zu besorgen, ich besorge es. Bist Du nicht zu Hause, mache ich Dein armes Weib glücklich durch Dein Lob, so ich hinter Deinem Rücken ihr singen werde. Bist Du zu Hause, so ziehe ich sämmtliche Register meiner Scherzhaftigkeit, damit Du ihr nicht langweilig werdest. Sollst mal sehen, Kohl, ich amüsire sie trotz Deiner Gegenwart, oder mein Name ist nicht Blech! Brauchst Du einen Sündenbock, um Dich vor dem unglücklichen Weibe zu reinigen, so opfere mich dreist. Ich gestatte Dir, mein Kohl, feierlichst hiedurch, bei vorkommenden Gelegenheiten jedesmal – jedesmal zu sagen: Da sitzt mein Blech, Kind; halte Dich an den mit Deinen Vorwürfen; aber wiederhole Dir auch, daß Du ja die Wahl gehabt hast zwischen ihm und mir. Ich –«

»Ich, ich – zum Donnerwetter, ja! ich verpflichte Dich feierlichst hiermit, unausgestopft und voll Stroh, als meinen Lar – unseren Lar. Meine Frau wird vollständig damit einverstanden sein, lieber Bogislaus. Zur Hochzeit bist Du hierdurch selbstverständlich freundlichst geladen und sollst nach dem Pathen Schnarrwergk als Zweiter das Wort haben und zur Sache reden dürfen!«

»Soll ich? darf ich? Na, endlich nimmt der Mensch doch wieder Vernunft an! Liebe Puppe, lieber alter Freund, siehst Du, dafür verspreche ich Dir auch, sie nicht noch genauer darauf aufmerksam zu machen, daß Du sie nur deshalb gekriegt hast, weil sie zu einem vollen Verständniß von uns Beiden – in diesem Falle natürlich von mir speziell – noch nicht vorgedrungen war.«

»Gute Nacht, Blech.«

»Suche wohl zu schlafen, Kohl. – – Verlaß Dich fest darauf; ich komme als Brautführer. Unser Lebensverhältniß kann nimmer durch dergleichen flüchtig-heitere Zwischenfälle gestört werden.«

»Wir rechnen fest auf Dich im Leben und im Tode; bei Tisch und auf der Kommode. Du hast mich vollkommen überzeugt; auch wir können den Lar nicht entbehren im jungen Haushalt. Alter Pithecus Satyrus, verlaß Dich darauf, Du sollst Dein Wort haben bei der Erziehung unserer Kleinen. Nochmals gute Nacht, Blech.«

»Guten Morgen, Herr Doktor Schnarrwergk!« . . . »O Gott, guten Morgen und ein fröhliches neues Jahr, Nach–, lieber Herr Nachbar!« . . . »Guten Morgen, Schnarrwergk!« . . . »Prosit Neujahr, Herr Pathe Schnarrwergk!« . . . »Herr Doktor, ein schönes Kumplement von ganz Lollenfinken, und wenn ich Sie noch am Leben träfe, sollte ich den Korb abgeben, wenn ich Sie aber nicht mehr im neuen Jahr fände, so sollte es uns Allen im Dorfe recht herzlich leid thun, und ich sollte den Schinken, die Würste und das Uebrige wieder mit nach Hause tragen – es wäre zu schade um Sie!« . . .

Die Sonne des Neujahrstages schien auch aus Numero dreiunddreißig der Hanebuttenstraße und leuchtete auch Ihm mit dem ewigen Wohlwollen wenigstens diesmal noch. Er saß ohne Hülfe aufrecht, während er seine Mehlsuppe löffelte und zwischen je zwei Löffeln den Blick zwischen den zwei jungen Leuten hin- und herschweifen ließ.

Die Sonne schien; aber scharf, kalt und klar, und das Wetterglas zeigte selbst gegen Mittag im Schatten so ein zehn bis zwölf Grad unter dem Gefrierpunkt.

»Guten Morgen, junges Volk,« schnarrte der alte Schnarrwergk. »Sind sie endlich Alle weg, die mir und meinem Lar so zum neuen Jahr gratulirten? Sind wir unter uns allein?«

»Nur mein Röschen und ich und der Pithekus, Herr –«

»Da siehst Du, mein Junge, was dabei herauskommt, wenn der Mensch sich einmal fest vornimmt, Vorsehung zu spielen,« sagte der alte Schnarrwergk, mit seinem Löffel auf den Rand seines Kinderbreinapfes klopfend. »Seid ihr auch ohne mich fertig geworden? Habt ihr im Kompagniegeschäft mich unter euren Schutz genommen? Nun – dann seht auch gefälligst zu, wie ihr mit einander und mit mir weiter fertig werdet. Nachbarin, ich habe den Jungen von seiner Geburt an im Auge behalten: im Verkehr mit seinesgleichen ist er nicht übel, und vielleicht machst Du noch etwas mehr daraus als einen bloßen Doktor der Philosophie. Mein Sohn Kohl, Dir kann ich nur sagen: Geh gut mit ihr um! Ich habe sie im Regen spazieren geführt und sie hat ihren guten Humor behalten. Verliert sie den einmal, so wird das nur Deine Schuld sein, Paul Warnefried Kohl.«

»O Nachbar!«

»Sei ruhig, Kind – Kindchen! Ich habe wohl lange genug gefaselt; jetzt bin ich wieder vollkommen bei Sinnen und Ueberlegung, soweit das dem Menschen auf diesem konfusen Erdenball möglich ist. Hm, wie war doch das mit der Glückshand, die wir damals auf der Pfingstwiese ausgruben? Es soll mich doch wundern, hab' ich gedacht, ob die Alte vom Altstädterring mit ihrem Zaubermittelhandel im Recht ist oder nur polizeiwidrigen Schwindel treibt. Jetzt gieb mir noch einmal Deine Hand, Deine Glückshand, mein gutes Mädchen – kleine Nachbarin. Ich habe sie weich und warm unter meinem Kopfe gefühlt in diesen albernen letzten Nächten und Tagen, wo ich wie ein Klotz lag und alle meine Weisheit für mich behalten mußte. War das eine saubere Aufführung um den alten Schnarrwergk her, junges Volk! Hören konnte er dann und wann in lichteren Augenblicken, Kohl; – und sehen auch, Fräulein Müller! Schöne Dinge hat er zu hören und zu sehen bekommen, ihr Beide. Da war es ja ein wahres Glück, daß der Lar da hinter mir auch noch vorhanden war –«

»Sieh, er ist vollständig wieder bei sich, dieser kuriose Lebensinvalide,« murmelte Warnefried. »Aber Den verwerthe mal Einer unter unserem Lokalen!«

»Komm her, Herz,« seufzte der alte Thierarzt außer Dienst, die immer noch schwere Hand mühsam nach seiner Nachbarin ausstreckend, »Was willst Du noch nachträglich roth werden? Was könnte der Mensch sich zur Wartung im menschlichen Elend Besseres wünschen als eine mitleidige Braut? Jetzt gieb dem närrischen Lebensrekruten da einen Kuß vor meinen Augen oder laß Dir einen geben. Der alte Schnarrwergk und sein Affe haben nichts dagegen; und eure seligen Eltern werden sich darum wohl auch nicht im Grabe umdrehen.«

»Das wollte ich ihnen auch nicht rathen,« brummte Kohl junior glückselig; aber Röschen Müller flüsterte leise und schluchzend.

»Ich habe meine ja so wenig gekannt; aber ich weiß es, Warnefried, meiner Mutter dürfte – ich – dreist – von Dir – erzählen.«

Mit welchem letzten Worte die Geschichte ja eigentlich wohl zu Ende wäre und der Berichterstatter seine Leser und Leserinnen, mit herzlicher Theilnahme an ihrer Erdenlust und ihrem Erdenweh, ihren Laren und Penaten anbefehlen könnte. Ob der alte Schnarrwergk, wie unser Freund Blech herausgefunden zu haben glaubte, Geld hatte im Deutschen Reiche und hinterindische Besitzungen, Gold- und Silberminen im Affenlande oder nicht, können wir unserentheils wirklich nicht sagen. Jedenfalls hat unser Freund Kohl das Seinige dazu beigetragen, daß, wie aus dem Vorwort hervorgeht und nun zur letzten allgemeinen Beruhigung dienen wird, »die jungen Leute in ganz guten Umständen leben.«

 

 

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