Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Samuel Major Gardenhire: Der lange Arm - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorSamuel Major Gardenhire
titleDer lange Arm
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
translatorAlfred Peuker
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160712
projectide1fd80f8
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel
Signor Tommaso

Conners drehte den Geschwindigkeitshebel an, zog den Fuß von der Bremse, und wir fuhren in den Frühlingsmorgen hinein. Tanzend flog die lichtgrüne Landschaft an uns vorüber und im Sonnenglaste flimmerte die weiße Straße von Van Cortlandt Park in phantastischen Linien wie ein vom scharfen Luftstrom bewegtes Band.

Wie köstlich war es doch, so in der Frühe des herrlichsten Lenzmorgens dahinzugleiten und den unendlich reizvollen Anblick des Panoramas rings umher in seiner taufrischen Schönheit mit den silbernen Schleiern um Busch, um Baum, zu genießen!

Im Osten über den Gewässern von Long Island aber brauten die Morgennebel und hoben sich, vom Strahl der Sonne zu schimmerndem Weiß verklärt, in schönem Kontrast vom blauen Hintergrunde ab.

Nicht oft wurde mir der Vorzug zuteil, Conners auf diesen Ausflügen begleiten zu dürfen. Ich verfügte nicht über viel freie Zeit wie er, glaubte auch, daß er die Stunden auf dem Automobil oder seiner Jacht ungestörtem Nachdenken sowie stiller Einkehr widmete und daher allein zu bleiben wünschte.

Zuweilen glückte es mir jedoch, mich ihm unter irgend einem Vorwande anzuschließen und so wie jetzt des seltenen Vergnügens seiner Gesellschaft in den kargen Stunden der Erholung zu erfreuen.

Bei der Geschwindigkeit, die er einschlug, verbot sich jede Unterhaltung von selbst, aber sobald wir uns der Stadt näherten, mußte Conners wieder bremsen.

Wir nahmen gerade an einer Stelle, wo Bäume und Gebüsch hart an den Rand der Straße traten, eine Kurve, als wir plötzlich: »Halt, Halt! Vorsicht!« rufen hörten.

Mit einem Griff schaltete Conners den Motor aus und drehte das Vorderteil des Wagens gegen eine verwilderte Hecke am Wege, wahrscheinlich das Überbleibsel irgend einer alten Parkumzäunung.

»Sie da! Können Sie den verdammten Skandal nicht abstellen, bis ich die Biester beruhigt habe?«

Zwei scheuende Gäule vor einem ländlichen Gefährt brachten sich mit ihrer Unruhe gegenseitig in Aufregung, wozu der ältliche Mann auf dem Vordersitz durch Reißen an der Leine und Peitschenhiebe noch beitrug. Schließlich standen beide Tiere kerzengerade auf den Hinterbeinen, und nun verwünschte ihr Lenker sämtliche Automobile und ganz besonders das unsrige bis in den tiefsten Abgrund der Hölle.

Kaum hatte Conners jedoch bemerkt, daß auf dem Rücksitz des hin- und hergeschleuderten Wagens eine Dame mit zwei Kindern saß, als er sofort das Steuerrad festmachte und absprang. Ich folgte ihm, nicht ohne Furcht vor der Peitsche des Wüterichs, doch gelang es uns in wenigen Augenblicken, die Pferde, an deren Zügel sich je einer von uns hängte, durch freundliches Zureden zu beruhigen und an dem drohenden Ungetüm, daß ihr Entsetzen erregt hatte, vorüberzuführen.

Während sich die Dame bedankte, schied der Mann unversöhnt, und lange noch trug uns der Wind vereinzelte Äußerungen seiner Ansichten über Automobilisten zu.

Der Zwischenfall hatte mir ein wenig die Stimmung verdorben, was mich beim Weiterfahren zu der ziemlich übellaunigen Bemerkung veranlaßte: »Wer hat eigentlich die dumme Behauptung aufgestellt, daß Tiere Intelligenz besäßen? Ich habe wenigstens noch keine in ihnen entdecken können. Tier bleibt Tier!«

»In diesem Falle war der Mann das unvernünftige Stück Vieh,« sagte Conners lachend, »und sicherlich die ungeeignetste Persönlichkeit, der man zwei gute Pferde und noch dazu ein paar Kinder anvertrauen durfte.«

»Ein Automobil scheut wenigstens nicht,« fuhr ich fort, »und doch wollte der Kerl, der sich einbildet, ihm und seinen blödsinnigen Viechern gehöre die Chaussee, uns den Weg verbieten. Sie haben Ihr Fahrzeug jederzeit in der Gewalt; seine bockigen Gäule, von denen er nie wissen kann, was ihnen in der nächsten Sekunde einfällt, haben aber in seinen Augen mehr Existenzberechtigung. Wahrscheinlich glaubt der steif und fest an die höhere Intelligenz der Tiere!«

»Na, aus seiner Handlungsweise war das gerade nicht zu erkennen,« wandte Conners ein.

»Ach was! Sein Geschimpfe galt uns,« erwiderte ich, »er schlug nur aus Wut mit der Peitsche um sich. Den Pferden aber gab er keine Schuld; dabei laufen diese Tiere stets mit gespitzten Ohren herum und erschrecken über jeden Quark, der ihnen neu ist. Pferde verursachen mehr Unglücksfälle im Jahr als sämtliche Eisenbahnen des Landes.«

»Lassen Sie sich den Genuß der schönen Fahrt dadurch nicht verkümmern,« sagte Conners. »Menschen erschrecken auch oft bei einem ungewohnten Anblick. Entsinnen Sie sich nicht jenes Ausspruchs von Victor Hugo, daß nur das Unbekannte Schrecken einflöße. Für die Pferde war das Auto das Unbekannte, wie es ein blauer Sonnenschirm für den Löwen ist. Und doch sah ich schon einmal ein Paar Vollblüter seelenruhig in dem zischend entweichenden Dampf einer Lokomotive stehen. Ich für meine Person gehöre zu den Leuten, die von der Intelligenz dieser sogenannten ›blödsinnigen Viecher‹ überzeugt sind. Und ich könnte Ihnen noch weit mehr Beispiele anführen: ja, ich habe Tiere gekannt, denen fehlte zum Vaterunser nur die Sprache, und ein paar darunter hätte man gut und gern zur Präsidentenwahl zulassen können.«

»Alle Wetter!« rief ich aus, »das müssen Sie mir erzählen!«

Gähnend stellte Conners, bei dem sich die Folgen des Frühaufstehens geltend machten, den Motor auf langsamere Fahrt.

»Das mit dem ›Vaterunser‹ und der ›Präsidentenwahl‹ dürfen Sie natürlich nicht so wörtlich auffassen, wenn ich diejenigen etwas in Schutz nehmen will, über die Sie sich so ärgern. In der Tat habe ich bei Pferden, die doch meiner Schätzung nach nicht gerade auf der allerhöchsten Stufe stehen, Eigenschaften kennen gelernt, die einen Menschen zieren würden. Ferner kannte ich einen Hund, der sogar logisch denken und überlegen konnte. Ich lernte ihn bei Gelegenheit eines mißglückten Falles kennen, aber da ich damals jung war und mitten im Leben stand, habe ich mich nicht weiter für derartige Sachen interessiert.«

»Wenn man Ihr vorgerücktes Alter von einem Vierteljahrhundert in Betracht zieht, müssen Sie damals allerdings sehr jung gewesen sein,« sagte ich lachend. »Doch ich will Ihre augenblickliche Stimmung nicht ungenützt vorübergehen lassen. Erzählen Sie, bitte!«

»Es lag damals ein Fall vor, bei dem ich die beste Gelegenheit hatte, die geistigen Fähigkeiten von Mensch und Tier gegeneinander abzuwägen. Und ich muß sagen, daß die Menschen dabei nicht gerade glänzend abschnitten,« begann er, ebenfalls lachend. »Bei dem Hunde und der Reihe von Ereignissen, in denen er eine Rolle spielte, handelte es sich um einen gewissen Mr. Finn Williams, eine sehr charakteristische Persönlichkeit, ja, in mancher Hinsicht eine so charakteristische, daß er sich von allen andern Menschen wesentlich unterschied. Er war sozusagen ein Mißgriff der Natur, oder besser noch ein wandelndes Beispiel für die Unergründlichkeit ihres Wirkens. Ich denke, ich erzähle Ihnen mal von meinem Erlebnis im Westen.«

Die Frühlingsluft und der Reiz der schnellen Fortbewegung ließen mir das Blut in den Adern prickeln.

»Ein Erlebnis religiöser Art?« neckte ich ihn. »So wie bei den Heilsversammlungen da hinten in Chautauqua?«

»Eher ein irreligiöses,« antwortete er und fügte mit spöttischem Augenzwinkern hinzu: »Wenn Sie nichts dagegen haben, mein Bester, gibt's nämlich eine ganze Menge Land, das noch westlicher liegt als Chautauqua, von dem gewisse Leute auf Staten Island jedoch keine Ahnung zu haben scheinen. Sie sind ein ungläubiger Thomas. Da fällt mir ein Satz aus dem Buche eines englischen Schriftstellers ein: ›Wer gelernt hat zu glauben, hat wenigstens etwas gelernt.‹«

»Heutzutage werden aber gerade die Zweifler in den Himmel gehoben,« entgegnete ich.

»Nicht von den Anhängern der ›Christian Science‹,« versetzte er lachend, »und deren gibt's einige Millionen. Nun wohl! Ein Teil der Geschichte passierte in einem Bergwerk, das damals meinem Vater gehörte. Der Name des Ortes tut nichts zur Sache, aber es ist weit von hier, und der Zeitpunkt liegt auch schon eine geraume Weile zurück, vielleicht kommt es mir aber nur so vor.

»Unter den etwa zweitausend Menschen – meistens Männern –, die sich dort zusammengefunden hatten, herrschte ein ziemlich zügelloses Leben, in das dieser Mr. Williams nicht recht hineinpaßte. Er war von irgend woher hineingeschneit, es schien ihm aber zu gefallen, obwohl gerade an dieser Zufluchtsstätte schiffbrüchiger Existenzen sein geckenhaftes Wesen doppelt auffiel. Da die Natur so eine Art Knalleffekt aus ihm gemacht hatte, trug er meistens ein selbstbewußtes, übermütiges Wesen zur Schau und kam sich sehr wichtig vor – was ein trauriger Irrtum seinerseits war.

»Diese Charakterveranlagung mußte ihm unter derartigen Verhältnissen notwendig zum Verhängnis werden. Er war von schlankem, athletischem Körperbau und imponierender Größe. Sein leichtgelocktes Haar war schwarz wie der dichte kunstreitermäßig aufgewichste Schnurrbart, unter dem blendend weiße Zähne hervorblitzten, und die stechenden Augen hatten einen hypnotisierenden Blick. Dazu kam noch, daß er mit Frauen umzugehen verstand, eine Begabung, die einem derartigen Menschen verderblich werden mußte.

»Wenn ich gesagt habe, daß an dem betreffenden Ort ein zügelloses Leben herrschte, so meine ich damit, daß dort keinerlei geschriebene Ver- oder Gebote existierten.

»Jeder konnte tun und treiben was er wollte, vorausgesetzt, daß er keinem in die Quere kam. Dieser Grundsatz ist der erste und ursprünglichste auf der Stufenleiter der Ordnung, und hätte Mr. Williams ihn beachtet, – was aber seinem Charakter nach für ihn wohl zu den Unmöglichkeiten gehörte – so wäre manches anders gekommen. Mein Vater, der ihn kurz nach seiner Ankunft sah, schätzte ihn ganz richtig mit den Worten ein:

Mit der Post herein,
Auf der Bahre davon.

»Das industrielle Unternehmen, das Mr. Williams ins Leben rief, war ein ›Saloon‹ – eine Whiskykneipe. Und um sich noch mehr einzubürgern, nahm er eine Frau.

»Fast die ganze zur Auswahl stehende holde Weiblichkeit – ungefähr ein Dutzend an der Zahl – bewarb sich in erbittertem Konkurrenzkampf um diese Auszeichnung. Doch seine Wahl fiel schließlich auf die unscheinbarste und reizloseste von allen, mit der er einen den Verhältnissen angepaßten Haushalt gründete. Alles wäre auch ganz gut gegangen, wenn die übrige verschmähte Damenwelt sich bei der vollendeten Tatsache beruhigt und Mr. Williams eine etwas weniger weitherzige Auffassung von der ehelichen Treue gehabt hätte. So aber begann es in den Kreisen der eingesessenen Bürger zu gären, und bald schien eine Katastrophe unvermeidlich. Doch nichts focht Mr. Williams' ungetrübte Seelenruhe an, die seinem in übertriebenem Selbstbewußtsein wurzelnden Mut entsprang.

»Nun aber begannen allerlei merkwürdige Dinge in der Gegend vorzugehen. Öfters wurde der Postwagen aufgehalten, so daß schließlich mit Extrapost fahrende Passagiere nur unter bewaffneter Bedeckung zu reisen wagten; auch verschwanden mitunter Pferde aus den benachbarten Ranchos. Mr. Williams aber glänzte gerade immer zu jenen bedenklichen Stunden in seinem Trinksaloon durch Abwesenheit, und Leute, welche insgeheim die Baracke beobachteten, die den Frieden seines häuslichen Herdes schirmte, konnten ihn auch dort nicht entdecken. Dann kam die Katastrophe; eines Tages fand man die Leiche einer Frau. Sie gehörte zu denen, die sich mit Mr. Williams' Heirat nicht abfinden konnten und dem Weibe seiner Wahl oft triftigen Anlaß zur Eifersucht gegeben hatten.

»Die unerhörte Grausamkeit aber, mit der sie ermordet worden war, empörte selbst die sonst in jeder Hinsicht abgebrühten Goldgräber. Man fand die Ermordete in dem kleinen Hause, das sie mit ihrem Manne bewohnte, in den letzten Zügen am Boden liegen; ihr Hals war von einem Ohr bis zum andern durchschnitten. Die Leute rotteten sich zusammen, nahmen Mr. Williams gefangen und beantragten, kurzen Prozeß mit ihm zu machen und ihn möglichst schnell aufzuknüpfen.

»Die Schuld des Angeklagten schien außer Frage zu stehen, selbst seine Frau beteiligte sich freiwillig und eifrig an den belastenden Aussagen gegen ihn. Es gehört zu den größten Ironieen des Schicksals, daß ein Mann, der bei den Frauen allgemein beliebt ist, es gewöhnlich versteht, gerade bei derjenigen, die das Glück gehabt hat, ihn zu erwischen, in kürzester Zeit sämtliche Illusionen systematisch und gründlichst zu zerstören. Zur Zeit des Mordes war Mr. Williams nicht zu Hause gewesen, sondern in der Nähe des Tatortes gesehen worden.

»Diese beiden Tatsachen gab er zu, beteuerte jedoch standhaft seine Unschuld. Jetzt rückte der Ehemann des Opfers mit einer Geschichte heraus, die das allgemeine Vorurteil gegen den Angeklagten noch verschärfte. Er gab an, aus Eifersucht auf seine Frau habe er Mr. Williams tagelang beobachtet und ihn einmal hinten in den Bergen auf den Postwagen lauern sehen. Auch wäre er eines Nachts dazu gekommen, als der Angeklagte in einem mehrere Meilen entfernten Rancho ein Pferd aus dem Stall gezogen habe. Der beraubte Eigentümer, der zufällig anwesend war, stellte fest, daß das Datum stimmte.

»Nun forderte das aufs empfindlichste verletzte öffentliche Rechtsgefühl Genugtuung, und hätte Mr. Williams Vater und Brüder am Orte gehabt, auch sie hätten mit ihm büßen müssen.

»Wie schon gesagt, besaß mein Vater großen Einfluß bei jenen Leuten, was sich auch auf mich als seinen Sohn erstreckte. Obgleich ich keineswegs für Mr. Williams eingenommen war, konnte ich doch nicht umhin, an seiner Schuld zu zweifeln. Die Zeugen schienen mir denn doch nicht einwandfrei genug. Sein angetrautes Eheweib schürte das Feuer gar zu eifrig. Auch bewies der Mann der Ermordeten, selbst wenn man seine gerechtfertigte Empörung in Betracht zog, weit mehr giftigen Haß und Rachsucht gegen Mr. Williams als Kummer über den erlittenen Verlust.

»Ich war aber an der ganzen Sache innerlich zu wenig beteiligt, auch fehlte es an Zeit, um weitere Anhaltspunkte für meine Vermutung ausfindig zu machen.

»Da aber griff infolge besondrer Umstände die Intelligenz eines Tieres ein, und hiermit komme ich zur eigentlichen Pointe meiner Erzählung.

»Dieselbe Anziehungskraft, die Mr. Williams auf Frauen ausübte, besaß er auch für Tiere. Die Anhänglichkeit des weiblichen Geschlechts an ihn wiederholte sich auf höchst eigentümliche Weise bei allen Tieren, mit denen er in Berührung kam. Wie allgemein bekannt, meisterte er jedes Pferd, was im vorliegenden Falle seine Schuld allerdings mit Fanfarentönen ausposaunte. Aber auch die Vögel antworteten, wenn er pfiff; ja selbst die Präriewölfe, die Landplage jener Gegend, verschonten respektvoll seinen Hühnerhof. Worin dieser merkwürdige Einfluß Mr. Williams' auf die Tierwelt seine Ursache hatte, weiß ich nicht. Genug, es war Tatsache und das Wunder des ganzen Camps. In einer Kiste hinter dem Schenktisch hielt er sogar eine Klapperschlange, die noch immer im Besitz ihrer Giftzähne und genau so gefährlich war wie im Präriesande. Oft duldete er, daß sie sich ihm um den Hals ringelte, wenn er die Kunden bediente, und fuhren diese bei dem Anblick entsetzt zurück, so wirbelte er das Tier lachend um den Kopf wie einen Lasso.«

»Und solch einem Menschen liefen die Frauen nach?« fragte ich erstaunt.

»Ich sagte, eine gewisse Sorte von Frauen, jedenfalls alle aus seiner Sphäre, mit denen er in Berührung kam. Wie Sie wissen, erlaube ich mir niemals ein Urteil über das weibliche Geschlecht im allgemeinen. Das können Sie als verheirateter Mann besser als ich.«

»Ich habe nie einen Mann gekannt, der eine größere Ehrfurcht vor Frauen hat als Sie,« sagte ich unvorsichtigerweise.

Conners' Stirn verdüsterte sich, und einen Augenblick fürchtete ich für die Fortsetzung seiner Geschichte.

»Die Begebenheit, die ich Ihnen hier erzähle, hat mit mir persönlich nichts zu tun. Außerdem verstehe ich gar nicht mit Tieren umzugehen, und Schlangen verabscheue ich geradezu. Also zu der Zeit, als Mr. Finn Williams in den Ort kam, trieb sich dort ein nicht ganz rassereiner großer Foxterrier herum, der sich in allen Haushaltungen unbeliebt machte. Der Schrecken der Katzen und alles Ungeziefers, war er mit den Kindern gut Freund, stand aber mit den Hausfrauen auf dem Kriegsfuße und heftete sich jedem betrunkenen Landstreicher, der sich ins Camp verirrte, zutraulich an die Fersen. Der rechtmäßige Besitztitel gebührte einem der Goldgräber, der Vorarbeiter an der Fördermaschine beim Hauptschacht und gleichzeitig der Ehemann der später ermordeten Frau war.

»Als Mr. Williams sein Geschäft eröffnete, übertrug der Hund sein Hörigkeitsverhältnis von der Baracke des Vorarbeiters auf Williams' »Saloon«, wo er sein ständiges Domizil aufschlug. Seine Verbrechernatur wandelte sich in die zahmste und anhänglichste Dienerseele um. Aus einem kaum flüchtig beachteten Individuum stieg er zur Würde eines von der Allgemeinheit geschätzten Charakters empor.

»Auf Mr. Williams' Geheiß diente er, marschierte auf zwei Beinen, sprang Saltomortale vom Schenktisch und machte Kartenkunststücke an den Pokertischen. Ja, er heuchelte sogar Gleichgültigkeit gegen die Klapperschlange; auch ihr rasselndes Warnungssignal, das sonst hinreichte, jeder Kreatur einen Todesschrecken einzujagen, ließ ihn scheinbar kalt. Ich habe ihn oft auf dem Deckel der Kiste friedlich schlummern sehen. Das Vertrauen zu seinem neuen Gebieter war eben grenzenlos.

»Dieser Hund kannte die Gewohnheiten des Camps von klein auf, war bei jeder öffentlichen Amtshandlung zugegen gewesen und verstand die Bedeutung des Hängens ebensogut wie der Mann, der den Strick zog.

»Auch an dem Abend, da über Mr. Williams zu Gericht gesessen werden sollte, war der Hund dabei und folgte aufmerksam dem Gang der Verhandlung. Mein Vater war klug genug, den Leuten, die sich aus eigener Machtvollkommenheit Gesetze gegeben hatten, nicht in ihre Angelegenheiten dreinzureden. Doch wohnte er ebenso wie ich dem Verhör bei.

»Den Angeklagten ließ man wenig zu Wort kommen, die Beteuerungen seiner Unschuld brachte die Versammlung mit vorgehaltener Pistole zum Schweigen.

»›An den Galgen mit ihm!‹ lautete der Urteilsspruch; denn nach der Aussage der Frau und Mr. Williams' Zugeständnis, daß er sich in der Nähe des Tatorts befunden habe, galt die Schuld für erwiesen.

»›Es ist doch sonderbar,‹ mischte sich hier erst mein Vater ein, ›daß bei der blutigen Tat die Kleidung des Angeklagten so sauber geblieben ist. Man traf ihn unmittelbar vor der Tür der Hütte, wo die Frau noch im Todeskampfe lag; ihr Blut hatte den Raum innen total bespritzt, und doch zeigt sich an dem Mann kein Tropfen.‹

»Da drängte sich plötzlich der Hund durch die Menge, sprang dem Vorarbeiter an den Hals und riß dessen Flanellhemd bis zum Gürtel herunter auf: die weiße Unterkleidung war blutbefleckt. Ehe die Leute es verhindern konnten, zerrte er ihn zu Boden und brachte aus der zerfetzten Kleidung einen blutgetränkten Lappen zum Vorschein.

»›Ich fand das arme Weib zuerst,‹ keuchte der Mann, sich totenblaß erhebend. ›Als ich sie aufhob, wurden meine Hände natürlich blutig und ich wischte sie an dem Taschentuch ab.‹

»›Habt ihr das Messer gefunden, das zu dem Mord benutzt worden ist?‹ fragte mein Vater die Umstehenden.

»Die Männer nahmen Williams' Messer vom Schenktisch, wohin man es bei der Entwaffnung gelegt hatte, und zogen es aus der Scheide: die Klinge war blitzblank. Wieder wurde der Hund wild und arbeitete mit Beinen, Schweif und Ohren, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: dann schoß er aus dem Zimmer. Zwei Leute folgten ihm die lange Straße hinab bis zum Mordhause, wo er in dem hohen Grase verschwand.

»Bald aber kam er wieder zum Vorschein und trug jetzt ein Messer im Maul, dessen Klinge bis zum Heft von Blut gerötet war. Es gehörte dem Vorarbeiter.

»›Ich habe es heute morgen zu Hause vergessen, als ich zum Dienst ging,‹ sagte dieser. ›Er hat es gefunden und sie damit umgebracht‹

»›Und du hältst wohl auch keine Postkutschen an und stiehlst keine Pferde in der Umgegend, he?‹ rief nun einer der Umstehenden mit grimmigem Gesicht Williams zu. Da er sah, daß die Geschichte für seinen Freund, den Vorarbeiter, schief zu gehen begann, hielt er es für ratsam, sie durch eine passende Bemerkung wieder ins alte Geleise zu bringen.

»Der Vorarbeiter fingerte aufgeregt an seinem Revolver herum und sein Freund schoß Wutblicke nach dem Tier.

»›Halt!‹ gebot mein Vater. ›Der Hund kann sprechen.‹

»›Er kann auch lügen,‹ murrte der Vorarbeiter.

»›Sachte! Wir reden jetzt von der Post,‹ erwiderte mein Vater.

»Der Hund hielt sich laut bellend am Eingang auf. wobei sein Schwanz taktmäßig den Boden schlug.

»›Geh, such!‹ rief mein Vater, und fort flog er wie ein Pfeil, wieder dem bewußten Hause zu.

Neugierig folgten mehrere Leute; eine Zeit ungeduldigen Wartens verstrich, bis sie mit einem zerrissenen Postbeutel wiederkehrten, dessen Inhalt noch unversehrt war. Triumphierend und keuchend kroch der Hund hinterher.

»›Er hat ihn unter dem Bett hervorgezogen, wo der Beutel unter einem Haufen Erzsäcke verborgen lag,‹ berichteten die Männer.

»›Ich habe es euch ja gleich gesagt, er war eifersüchtig auf mich,‹ rief Mr. Williams, dem man nun nicht mehr über den Mund fuhr. ›Er hat sie getötet.‹

»Die Ereignisse waren einander so schnell gefolgt, daß die Versammlung ihre Wichtigkeit nicht gleich begreifen konnte, sondern sie erst allmählich zu verdauen vermochte. Aber trotz aller Vorurteile sah man doch ein, daß es jetzt galt, den Prozeß auf andrer Grundlage aufzubauen. Es sollte jedoch nicht dazu kommen, denn eine neue Unterbrechung trat ein.

»Aus der Mitte der neugierig auf der Straße herumstehenden Frauen erscholl plötzlich der Ruf: ›Feuer! Der Pulverschuppen brennt.‹

»Es war das Gebäude, in dem die Sprengpatronen für die Minen aufbewahrt wurden.

»Obgleich im Camp das Hängen sozusagen ein gesellschaftliches Ereignis, eine gewissermaßen von verfeinerten Sitten zeugende Kulturtat bedeutete, so weckte der brennende Pulverschuppen doch das Pflichtgefühl der Männer, und sie zögerten nicht, sofort zu Hilfe zu eilen.

»In geschlossenen Kolonnen zogen sie ab, nur Mr. Williams und der gekränkte Ehemann in seiner doppelten Eigenschaft als Richter und Rächer blieben zurück.

»Da man schon beim Errichten des Gebäudes in Anbetracht seines gefährlichen Inhalts geeignete Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, wurde der Brand leicht erstickt.

»Doch welch ein seltsames Zusammentreffen! Vor einigen Monaten, und zwar ebenfalls während einer Aufknüpffestlichkeit, hatte der Pulverschuppen schon einmal gebrannt, und in der allgemeinen Verwirrung war damals das Hängen aufgeschoben worden. Na, und diesmal bezeichnte die Frau, die den Warnungsruf ausgestoßen hatte, den Hund als den Brandstifter! Mit einem brennenden, unter irgend einem Kessel weggestohlenen Reisigbündel im Maul hatte sie ihn die Straße hinaufrennen sehen.«

»Ich nehme alles zurück, was ich gesagt habe,« murmelte ich, als Conners eine Pause machte.

»Schön Dank!« meinte er lachend, »es freut mich, daß ich Sie bekehrt habe. Sie sehen, wie gut der Hund die Lokalgeschichte im Gedächtnis hatte. Er wählte einen Ausweg, auf den, seiner Nutzlosigkeit wegen, ein Mensch niemals gekommen wäre. Der Pulverschuppen bedeutete eine Lebensfrage für den Ort, jeder Unfall dort erregte daher die allgemeine Aufmerksamkeit, wie sich's schon früher erwiesen hatte.«

»Nun wurde Mr. Williams doch wohl freigelassen, während der Vorarbeiter an seine Stelle trat, nicht wahr?« forschte ich. »Und wie wurde der Hund belohnt?«

»Wie Hunde gewöhnlich belohnt werden,« antwortete Conners trocken. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort:

»Mr. Williams wurde nicht freigelassen. Als wir in den ›Saloon‹ zurückkehrten, war der Vorhang über den Schlußakt der Tragödie gefallen.

»Mr. Williams war verschwunden, der Hund tot und der Vorarbeiter ebenfalls eine Leiche.

»Mein Vater hatte sein Pferd in der Nähe an eine Raufe gebunden, und diese schöne Gelegenheit machte sich Mr. Williams zunutze, um seine Beziehungen zum Camp für immer zu lösen.

»Die Leiche des Vorarbeiters lag unter einem Tisch in der Nähe des Schenktischs, der Hund an der Schwelle, wohin er sich wahrscheinlich mit letzter Kraft geschleppt, um seinem Herrn zu folgen. Die Kehle des Mannes war von scharfen Zähnen durchbissen, sonst zeigte er keine Wunde. Aus dem Revolver, den er noch umklammerte, waren zwei Schüsse abgefeuert, wovon einer den Hund getroffen hatte.

»Am nächsten Tage fanden wir das Pferd an der zehn Meilen entfernten Eisenbahnstation umherirren. Da der Sattel mit Blut befleckt war, nahmen wir an, daß Mr. Williams die zweite Kugel erhalten hatte – Genaueres haben wir darüber nie erfahren.

»Der Zusammenhang war aber leicht zu erraten. Als der Vorarbeiter mit seinem Gefangenen unter vier Augen war, versuchte er ihn zu töten. Doch groß und kräftig, wie Mr. Williams war, brachte er es wahrscheinlich fertig, den Gegner niederzuschlagen. Der Hund tat das Übrige und empfing beim Kampf die Todeswunde.«

»Es muß doch etwas Gutes an dem Menschen gewesen sein, wenn er Tieren solche Anhänglichkeit einzuflößen vermochte,« bemerkte ich.

»Ich habe an Mr. Williams nichts Gutes entdecken können,« erwiderte Conners. »Moralische Eigenschaften haben damit wohl kaum etwas zu tun. Die Klapperschlange starb vor Kummer und Sehnsucht, während sein verlassenes Ehegemahl den Schlag ohne jegliche Schädigung überlebte. Sie heiratete nach kürzester Zeit seelenvergnügt einen andern in der hoffnungsvollen Annahme, daß die zweite Kugel sie zur Witwe gemacht hatte. – Heda!«

Ein Ruck an der Steuerung und das Auto bog scharf zur Seite aus. Gemächlich trottete ein großer Neufundländer aus dem Wege.

Wir waren bereits in den Straßen von New York.

»Sie würden heut keinen Hund überfahren,« sagte ich.

»Ebensowenig wie ein Kind,« antwortete Conners, »und Sie wissen, was das bei mir sagen will. Zweifeln Sie nie mehr an der Intelligenz der Tiere und nehmen Sie auch auf die armen Gäule etwas Rücksicht, wenn Sie ein Auto lenken. Gedenken Sie stets des Ausspruchs von Victor Hugo über das Unbekannte.«

Nachdem wir den Wagen in der Garage gelassen, gingen wir zusammen den Broadway hinunter.

Vor dem Hause, in dem wir unser Quartier aufgeschlagen hatten, wartete ein großer, ungeschlachter Mann an dem Windfang.

»Weshalb ist denn niemand in Ihrer Wohnung, wenn Sie ausgehen, Mr. Conners?« fragte er. »Ich kann das Geld doch nicht durch den Briefkastenspalt stecken.«

»Weshalb nicht?« sagte Conners.

»Nun, weil ich eine Quittung haben möchte.«

»Kommen Sie herauf! Ich werde Ihnen eine geben.«

Ich hatte den Menschen schon vor einigen Monaten in Conners' Atelier getroffen, er war mir damals aber nicht besonders aufgefallen. Die beiden blieben in der untern Halle, während ich den Aufzug benutzte, um in mein Bureau zu gelangen.

Es war noch früh am Tage. Um schon in der Morgendämmerung zu unserm Ausflug aufbrechen zu können, war ich bereits am Abend vorher aus meiner Wohnung in die Stadt gekommen; gefrühstückt hatten wir in einem Gasthause in der Nähe von Yonkers. Bei flüchtiger Durchsicht der auf dem Pult liegenden Briefe entdeckte ich auch einige von Wichtigkeit, denen ich aber erst, nachdem ich noch ein wenig mit Conners geplaudert, die gebührende Aufmerksamkeit widmen wollte.

Als ich das Atelier betrat, fand ich den Fremden noch dort und zog mich rasch zurück.

»Kommen Sie nur herein!« rief Conners jedoch. »Mr. Henderson ist schon im Begriff zu gehen.«

»Bringen Sie doch Ihren Freund mit,« sagte Mr. Henderson.

»Danke!« Conners stellte mich dann vor, und ich schüttelte dem Besucher die Hand. »Vielleicht komme ich heute nachmittag,« fügte Conners hinzu.

»Schön!« versetzte schon im Fortgehen Mr. Henderson. »Ich bin die ganze Zeit dort.«

»Das ist der Besitzer von ›Hendersons größtem Zirkus der Welt‹, nebst ›Menagerie‹,« erzählte Conners, als die Tür sich hinter jenem geschlossen hatte. »Er leitet eine der wenigen noch mit Wagen umherziehenden Wandertruppen und hält, wie es scheint, die Konkurrenz mit der Eisenbahn erfolgreich aus. Ich besitze in Long Island City einen Speicher, den ich ihm für den Winter zur Aufbewahrung seiner Ausstattungsgegenstände vermietet hatte. Den heutigen schönen Tag, von dem wir ja auch eine Probe genossen haben, betrachtet er als Anzeichen, daß die ›Saison‹ herannaht. Er hat die Käfige reinigen lassen, das Personal zu Proben zusammengetrommelt, kurz, er trifft eifrig seine Vorbereitungen. Heute kam er um die Miete zu bezahlen, und hat uns bei der Gelegenheit eingeladen, die Truppe zu besichtigen, ehe sie auf die Wanderschaft geht.«

»Famos! Ich bin dabei,« stimmte ich zu.

»Abgemacht! Es wird ganz interessant sein, mal 'nen Zirkus so in Ruhe und mit Muße zu besichtigen.«

Meine Gedanken wanderten zurück in die glücklichen Tage der Kindheit, da der Wanderzirkus für mich den Inbegriff aller Herrlichkeiten darstellte. In meinen hochfliegendsten Zukunftsträumen schwankte mein Ehrgeiz zwischen dem Beruf eines Clown im spitzen Hut und dem eines durch Reifen springenden Kunstreiters auf ungesatteltem Pferde.

»Wann soll's denn losgehen?« fragte ich nun.

»Heute nachmittag, wenn Sie wollen. Sie hörten ja, was Henderson sagte. Werfen Sie vor dem Lunch noch einen Blick in Ihr Bureau, während ich schnell den Morgenhimmel, wie ich ihn heute über Long Island sah, hinter jene Nymphengruppe setze.«

Als ich das Atelier verließ, hatte er bereits Palette und Pinsel ergriffen und saß vor seiner Staffelei.

Über der Erledigung meiner Briefschaften war es Mittag geworden. Ich holte dann Conners ab, und nach Tisch nahmen wir eine Droschke und fuhren zur Fähre. Am jenseitigen Ufer angelangt, erreichten wir bald den großen Speicher, in dem Henderson seine Sehenswürdigkeiten untergebracht hatte. Wir fragten am Tor nach dem Besitzer, der sofort herbeieilte und uns herzlich willkommen hieß.

»Kommen Sie nur herein, meine Herren,« sagte er freundlich. »Sie haben es gut getroffen, wir sind eben bei der Arbeit.«

»So, bei welcher denn?« fragte Conners.

»Wir halten gerade Kostümprobe ab, wenn man es so nennen will. Die Künstler fühlen sich wohler in ihrer Berufskleidung, und ich habe auch gern einen Totaleindruck von dem ›Angsamble‹, wie ich in meinen früheren Zeiten als Theaterdirektor zu sagen pflegte. Ich habe es immer vor der Tournee so gehalten, weil ich dann besser beurteilen kann, was die erste Vorstellung für einen Effekt machen wird.«

Beim Eintritt wurde unsre Aufmerksamkeit sofort auf das lebhafteste gefesselt. Ringsherum an den Wänden standen die fahrbaren Käfige, während der freie Raum in der Mitte – wie eine Zirkusmanege mit Sägespänen bestreut – einer Anzahl buntkostümierter Personen, die in den tollsten Stellungen und Bewegungen durcheinander wirbelten, zum Tummelplatz diente. Sie übten die Tricks, bei deren Anblick die Herzen der ländlichen Bevölkerung in Bewunderung und beklemmender Spannung erzittern sollten. Vor den Käfigen war ein Gang, den ein an eisernen Pfählen befestigtes Seil von dem Mittelraum trennte, für die Wärter der Tiere freigelassen.

»Ein doppelt so großes Zelt in diesem Jahr, wie Sie sehen,« sagte Henderson mit stolzer Handbewegung, »dazu noch für die Tiere ein ebenso großes. Nebenbei erstklassige Attraktionen! Ich denke, das soll was einbringen.«

»Hoffentlich,« stimmte Conners ihm bei. »Haben Sie denn hier Platz genug?«

»Ein Teil meiner Leute ist im Nordflügel untergebracht,« antwortete der Besitzer, »während einige Artisten in nahe gelegenen Hotels wohnen.«

»Was gibt's, Lizzie?« wandte er sich dann an eine auf ihn zutretende Frau und fügte in ermahnendem Tone hinzu: »Nehmen Sie sich in acht, hier sind zwei fremde Herren.«

»Das ist mir ganz egal,« antwortete sie aufgebracht. »Es ist die höchste Zeit, daß Sie um des lieben Friedens willen meinem Mann mal ordentlich ins Gewissen reden. So geht's nicht länger. Wenn er auch in meinen Augen keinen Schuß Pulver mehr wert ist, so muß ich doch schließlich mit ihm leben!«

Die große, kräftige Frau mit dem Gesichtsschnitt der typischen Zirkusschönheit und kohlschwarzen Augenbrauen bei künstlich gebleichtem Haar trug ein auffallendes Straßenkostüm, hatte also augenscheinlich bei den jetzigen Übungen nichts zu tun.

»Na, na!« sagte Henderson beschwichtigend. »Meinetwegen! Ich will es tun.«

»Und wenn das Frauenzimmer bei der Truppe bleibt, müssen Sie es anderswo unterbringen, ich bleibe mit ihr nicht unter einem Dach.«

»Wir werden ja sehen; ich werde heute noch mit Tommy sprechen.«

»Sprechen Sie auch mit der falschen Katze – der Demorist!« rief die Frau mit drohend gespreizten Fingern. »Sonst werde ich sie so zurichten, daß sie nicht auftreten kann.«

Mr. Hendersons Lippen entfuhr ein Fluch, als sie sich entfernte.

»Ärger und kein Ende, Mr. Conners,« sagte er verstimmt, »obgleich ich wahrhaftig schon daran gewöhnt bin. Das gehört mit zum Geschäft! Wo solch ein Haufe verschiedener Leute zusammenlebt, gibt's immer Zank und Eifersüchteleien.«

»Mit den Tieren ist ein leichteres Umgehen,« bemerkte Conners, als wir den Gang an den Käfigen entlang schritten.

»Gewiß!« bestätigte Mr. Henderson. »Mit solchen Megären verglichen sind die wilden Bestien von einer wahren Taubensanftmut. Lieber will ich mit einer Herde Elefanten zu tun haben als mit einem eifersüchtigen Weibe. Leider ist nicht Miß Demorist allein die Schuldige; jedes weibliche Wesen in der Truppe liebäugelt schon jetzt mit dem Gatten jener Frau, und noch sind wir nicht einmal unterwegs. Ich würde ihn gern entlassen, wenn ich nur Ersatz für ihn fände.«

»Das muß ja ein leibhaftiger Adonis sein, wenn er all die Burschen dort ausstechen kann,« sagte Conners.

Bewundernd sahen wir einer Gruppe schlanker Akrobaten zu, die auf einem ausgebreiteten Teppich herumturnten. Ihre Trikots zeigten deutlich die trainierten Muskeln und den eleganten, ebenmäßigen Wuchs.

»Ich weiß nicht, woran es liegt,« sagte Henderson. »Der Kerl ist direkt unverschämt zu Frauen und sieht dabei nach nichts aus – der reine Klotz!«

»Ein Klotz?« fragte Conners.

»Nun, wenigstens im Vergleich zu denen da; er gehört auch nicht zu ihrer Gruppe, sondern ist Tierbändiger. Hier sind seine Tiere.«

Er blieb vor einem Käfig stehen, in denen drei mächtige Löwen schliefen.

»Das sind ja Prachtsexemplare,« sagte ich bewundernd. »Gehören sie ihm?«

»Bewahre, mein Herr! Alles gehört mir,« war die stolze Erwiderung, »aber er dressiert sie. Ich zeige Ihnen gleich noch zwei andere Käfige. Für die Vorstellungen haben wir einen großen runden Käfig, in dem alle Tiere zusammen vorgeführt werden.«

Dabei steckte er seinen Spazierstock durch die Gitterstäbe und stieß leicht nach den Löwen. Schwerfällig und tiefe, murrende Töne ausstoßend erhoben sie sich, während ihre blutunterlaufenen Augen uns drohend anfunkelten.

»Können Sie die Tiere auch bändigen?« fragte ich höflich.

»O nein! Ich kann sie nur füttern,« versetzte Mr. Henderson lachend; »in den Käfig brächte mich nichts, ebensowenig wie jeden andern, außer Signor Tommaso. Der aber zwingt sie – wenn es sein muß, mit der Peitsche – übers Seil zu springen, und steckt bei jeder Vorstellung zweimal seinen Kopf in den Löwenrachen. Ich bändige sie nur von meinem Bureau aus.«

Wir sahen noch eine Weile zwei Drahtseilkünstlern zu, dann wurden Pferde herausgebracht, und ein Mädchen in kurzem, flitterbesetzten Röckchen tänzelte herbei.

Mr. Henderson ließ uns auf einige Augenblicke stehen, um mit ihr zu sprechen. Bei der leise geführten Unterhaltung konnte man nur aus seinen Gebärden erkennen, daß er ihr ernste Vorstellungen machte. Doch sie kicherte dabei bloß einfältig, schüttelte kokett ihre gefärbten Löckchen und wippte mit der Reitgerte.

Während Conners auf Mr. Henderson wartete, ging ich an den Käfigen entlang, in denen eine Menge Bären, Wölfe und Hyänen hausten. In einem besonders festen Käfig wanderte ein großer schwarzgelber Tiger unruhig auf und ab. Als er merkte, daß ich ihn interessiert beobachtete, blieb er plötzlich stehen. Meine Anwesenheit schien ihn zu stören, denn er veränderte sein ganzes Gebaren. Die Pupillen seiner gelbgrünen Augen, die Blitze nach mir schossen, zogen sich zusammen, er legte den Kopf auf die mächtigen Vorderpranken und biß wütend in die Eisenstäbe seines Kerkers. Das tiefe Knurren schwoll zum zornigen Gebrüll an und weckte das Echo der donnerrollenden Löwenstimmen, daß es mir in den Ohren dröhnte.

Mr. Henderson und Conners eilten herbei.

»Haben Sie ihn angerührt?« fragte Conners.

Ich verneinte.

»Ihn angerührt?« rief Mr. Henderson, »das möchte ich keinem raten. Wer es wagt, sich ihm – oder vielmehr ihr – so weit zu nähern, der ist erledigt. Die furchtbaren Krallen strecken sich nach jedem aus, der dem Käfig zu nahe kommt. Ich muß das Seil während der Vorstellungen noch weiter stecken lassen.«

Unwillkürlich fuhr ich zurück. Die Bestie bot ein schauerliches Bild sinnlosen Hasses. Auf dem Boden liegend schlug sie in ohnmächtiger Wut mit den Pranken durch die Eisenstäbe ins Leere.

»Das macht nichts,« sagte Mr. Henderson. »Es ist ein furchtbar wildes Tier, war schon ausgewachsen, als man es in Indien fing, und natürlich vollkommen unzähmbar.«

»Aber es ist ein selten schönes Exemplar,« sagte Conners.

»Es ist ein Weibchen,« erklärte Mr. Henderson. »Wir können nicht genug auf sie aufpassen, gestern hat sie einem Mann beim Füttern den Rock zerrissen.«

»Zu der würde wohl selbst Signor Tommaso nicht hineingehen,« meinte Conners.

Mr. Henderson lachte kurz auf. »Länger als eine Minute dürfte er sich lebend ihrer Gesellschaft kaum erfreuen. Wenn ich die Nummer auf mein Programm setzen könnte, würde das Publikum in Scharen herbeiströmen, und Tommy erhielte den Betrag seiner Wochengage für jede einzelne Vorstellung. Aber haben Sie schon je einen Menschen im Tigerkäfig gesehen?«

»Ich entsinne mich nicht,« erwiderte Conners.

»Gibt's auch nicht, Sir,« sagte Mr. Henderson. »Nur mit äußerster Vorsicht gelingt es uns, überhaupt den Wagen zu reinigen.«

Nachdenklich betrachtete Conners die Tigerin. »Welch' seltsame Träume glühender Sehnsucht mögen dieses Hirn durchziehen! Vielleicht denkt sie an die Dschungeln ihrer Heimat, wo sie in königlicher Freiheit auf die Jagd auszog, an den oberen Ganges, den heiligen Strom, der am Fuß des himmelanstrebenden Himalayagebirges dahinfließt, an Götzenbilder und Tempel längst entschwundener Zeitalter, an Wüstensand und sengende indische Sonne! Und jetzt – gefangen hinter Kerkergittern, um künftig durch deren Eisenstäbe auf eine neugierig gaffende Menge zu starren! Kein Wunder, daß sie Rache brütet!«

Als ob die Tigerin die leisen Worte verstanden habe, erhob sie sich langsam mit gekrümmtem Rücken wie eine Katze. Die Ohren spitzten sich und die gestrafften Sehnen sprangen wie Stahlbänder hervor; dann ein Satz gegen das Gitter, daß der Käfig auf seinen Sprungfedern wippte, und wieder ertönte ein Gebrüll, von dem der ganze Zirkus dröhnte.

»Kommen Sie fort,« sagte Conners, während die Wärter zu den andern Käfigen eilten, um die aufgeregten Tiere zu beschwichtigen.

»Wir wollen Ihre Majestät in Ruhe lassen; wie es scheint, erregt unsre Anwesenheit ihren Allerhöchsten Zorn.«

Wir gingen zu den im Heu wühlenden Elefanten, zwischen deren Rüsseln eine geschmeidige Männergestalt schaukelte.

Auch das Mädchen im Flitterkleid galoppierte herbei; Conners einen koketten Blick zuwerfend, sprang sie aus dem Sattel und trat zu uns.

Conners machte ihr ein Kompliment über ihre Reitkunst.

»Da sollten Sie mich mal erst abends bei der Vorstellung sehen,« entgegnete sie, »oder kommen Sie morgen wieder, da probe ich einen Spezialakt. Die Galapremiere findet in Stamford statt, und das ist ja auch nicht weit.«

»Wenn Mr. Conners Ihnen ein bißchen Vernunft beibringen könnte, würde ich ihn bitten, alle Tage zu kommen,« sagte Mr. Henderson streng. »Habe ich noch nicht deutlich genug vorhin meine Meinung geäußert?«

Das Mädchen warf trotzig den Kopf zurück. »Pah! Ihre Frau ist ja nicht eifersüchtig.«

»Gott sei Dank!« rief Mr. Henderson mit einem rauhen Lachen. »Sonst müßte ich den ganzen Krempel aufgeben. Ihr Weibsleute – – –«

Sein Blick wurde starr, er erhob sich auf die Fußspitzen, um besser sehen zu können, ein Ausruf des Schreckens entfuhr ihm; auch das Mädchen, durch sein Gebaren aufmerksam gemacht, blickte gespannt nach derselben Richtung.

Vom Löwenkäfig her schlenderte ein brünetter großer Mann den Gang entlang. Er trug Trikots, die den starken Nacken und die muskulösen Arme frei ließen, und kurze, mit einer befransten Schärpe umgürtete Pumphosen. Unter dem seidenen Turban kräuselten sich dunkle Locken, und seine Hand hielt einen vergoldeten Stab. Am Käfig der Tigerin blieb er stehen und betrachtete uns seelenruhig, indem er sich nachlässig an das Gitter lehnte.

Bei diesem verblüffenden Anblick drängten sich alle Artisten herzu; auch wir folgten Mr. Henderson, der eilig den Zwischenraum durchschritt.

»Bist du denn ganz verrückt geworden?« kreischte eine weibliche Stimme dicht neben mir. »Du wirst sicher noch mal bös anlaufen, sage ich dir.«

Ich erkannte die Frau, deren Unterhaltung mit dem Besitzer wir vor kurzem angehört hatten; dem Anschein nach war sie also die Gattin des Waghalsigen.

»Komm her, Lizzie!« rief der Mann lachend, »dann stecke ich dich durchs Gitter.«

»Was sagen Sie dazu?« Mr. Henderson drehte sich mit strahlendem Gesicht nach uns um. »Das ist Tommaso, der Tierkönig.«

Langsam und zögernd glitt die Pranke des Tigers zwischen den Eisenstäben hindurch, wobei die dolchscharfen Krallen sich abwechselnd vorstreckten und wieder verschwanden. Sie packte den Mann am Gürtel und preßte ihn gegen das Gitter. Mit Mühe unterdrückte ich einen Schrei.

Der Bändiger aber machte nur eine halbe Wendung, wobei er seinen Stab fallen ließ, ergriff mit der Linken das Bein des Tigers am Kniegelenk, steckte den rechten Arm durch das Gitter und kraute sanft die gelbe Flanke.

»So, so! Schön, mein Fräulein!« schmeichelte seine rauhe Stimme. »Du willst zärtlich sein, wie? Na warte nur, morgen besuche ich dich.«

Auch der andere Arm fuhr zwischen den Stäben hindurch, die Hände vergruben sich in dem faltigen Fell am Nacken und zogen das Tier nach vorn.

»Auf Wiedersehen! Ich werde dich nicht vergessen, du holde Maid,« sagte er und streichelte den glatten Schädel.

»Tommy,« fragte Henderson in schier ehrfürchtigem Tone, »haben Sie das schon mal früher getan?«

»Nein,« erwiderte der Mann, »ich habe sie früher nie besonders beachtet.«

Er lehnte sich über das Seil und spielte mit dem vergoldeten Stabe, während ein Lächeln befriedigter Eitelkeit über die staunende Bewunderung, die er in den Blicken seiner Kunstgenossen las, sein Gesicht verklärte.

»Sie wissen, ich habe keine Angst vor Tieren,« fuhr er fort. »Ich werde morgen zu ihr gehen.«

»Was? Zur indischen Kaiserin? Das dürfen Sie nicht,« rief Miß Demorist, die dadurch dem allgemeinen Erstaunen Ausdruck gab.

»Weshalb nicht, mein Schatz?« gab er vergnügt lachend zurück. »Hast du nicht eben gesehen? Warte nur bis morgen. Am liebsten möchte ich's gleich tun, habe aber jetzt keine Zeit mehr. Nun, bekomme ich keinen Kuß, wie?«

Mit seiner großen Hand faßte er sie unters Kinn und zog sie scherzend an sich, ungeachtet der Schläge ihrer Gerte.

»Du« – kreischte eine scharfe Stimme; die weiteren Worte erstarben in dem Gebrüll der Tigerin, die fauchend und mit glühenden Augen den Rücken krümmte.

»Da hast du's!« rief Signor Tommaso ärgerlich, ließ das Mädchen los und wandte sich nach dem Käfig um.

»Sieh, was deine holde Stimme angerichtet hat! Demmy weiß, daß ich nur Spaß mache, aber dein Gesicht ist schon den Löwen ein Greuel. Mach, daß du wegkommst,« fuhr er, mit dem Stabe drohend, fort, »sonst laß ich dich übers Seil springen. Du verärgerst mir die Kaiserin.«

Es gelang ihm, durch gütliches Zureden die Bestie einigermaßen zu beruhigen. Dann kroch er unter dem Seil durch und verschwand im Ankleideraum.

»Wollen Sie ihm wirklich erlauben, den Käfig zu betreten?« fragte Conners den Menageriebesitzer, als wir zur Ausgangstür gingen.

»Ob ich will? Aber selbstverständlich,« erwiderte dieser begeistert. »Haben Sie denn nicht gesehen, wie er mit ihr umging?«

Conners schwieg.

»Kommen Sie morgen wieder!« fuhr Henderson fort. »Kann sein, daß er über Nacht seinen Entschluß ändert, aber dann sehen Sie ihn wenigstens bei der Löwendressur. Ich sage Ihnen, der versteht das Geschäft aus dem ff, und ich bin überzeugt, nach acht Tagen hat er die Bestie zahm wie 'ne Hauskatze. Noch heute abend will ich mit ihm über die Gage reden.«

Wir empfahlen uns, plauderten jedoch auf dem Nachhausewege von andern Dingen. Erst als ich mich vor unserm Bureaugebäude mit den Worten: »Es ist spät, ich muß heim, denn vorige Nacht war ich nicht zu Hause« von Conners verabschieden wollte, sagte er: »Kommen Sie morgen aber bestimmt!«

»Wollen Sie wieder dorthin?« fragte ich.

»Ja, doch fordern Sie Ihre Frau nicht etwa auf, Sie zu begleiten. Erzählen Sie ihr davon lieber gar nichts, damit sie nicht neugierig wird.«

»Mir scheint, Sie interessieren sich sehr für die Kaiserin.«

»Oder für Signor Tommaso. Hörten Sie nicht, wie seine Frau ihn anredete?«

»Ich habe nur auf das Tier geachtet.«

»Wo hatten Sie denn Ihre Ohren? Und noch dazu nach dem, was ich Ihnen heute früh erzählt habe? Sie nannte ihn Finn.«

»W–a–s?«

»Ja, ja, es ist tatsächlich jener Williams aus dem Bergwerk; daher wollen wir ganz bestimmt hingehen.«

Nachdem er ins Haus getreten war, rief ich eine vorüberfahrende Droschke an. Und als ich mir dann während der Fahrt alle Einzelheiten noch einmal vergegenwärtigte, wurde mir alles klar.

Bis in den Schlaf verfolgten mich die Ereignisse des Tages. Ich war den ganzen Abend über sehr schweigsam; fortwährend sann ich über den seltsamen Zufall nach, der Mr. Finn Williams abermals Ledroit Conners in den Weg geführt hatte und daher – wie alle Begebenheiten, mit denen letzterer in Berührung kam – eine verhängnisvolle Vorbedeutung in sich zu tragen schien.

Jennie fand mich wortkarg und zurückhaltend, während Mrs. Barrister mich einfach für langweilig erklärte.

Als ich mein Lager aufsuchte, störten meinen Schlummer wirre, schreckhafte Träume, in denen ich sah, wie man einen riesigen Mann mit schwarzem krausem Haar in eine Löwengrube warf. Die Bestien stürzten sich auf ihn, um ihn zu verschlingen, er aber flehte um sein Leben und sie verstanden ihn merkwürdigerweise, antworteten ihm sogar. »Weshalb bist du so grausam gegen Frauen?« fragten sie.

»Nun, ihr freßt sie ja auch,« erwiderte der Mann trotz seiner Angst mit einfältigem Lächeln. »Wozu sind sie sonst da?«

Die Löwen dachten augenscheinlich eine Weile über diese seltsame Einschätzung weiblichen Wertes nach, ehe sie sagten: »Überall in der Natur bekämpfen sich die Arten, doch gleich und gleich gesellt sich gern. Wir fressen einander nicht.«

»Das weiß ich nicht,« entgegnete der Mann, »ich kann nur aussprechen, was ich empfinde. Wenn ich hungrig bin, so esse ich eben. Weshalb sollte ich zu einer Frau, die mir mißfällt, freundlich sein?«

»Wir sind auch hungrig,« riefen die Löwen. Damit fielen sie über ihn her, und ich erwachte mit einem beklemmenden Gefühl böser Vorahnung.

Während der Fahrt über die Bucht verschwand jedoch die niederdrückende Nachwirkung des Traums, und als ich in meinem Bureau angelangt war, schwebten mir nur noch die heitern bunten Zirkusbilder vom vorhergehenden Tage in lichten Farben vor.

Ich traf Conners beim Lunch, und unmittelbar danach brachen wir auf, um uns nach Long Island City zu begeben. Conners, der in vorzüglicher Laune war, lachte herzlich über meinen Traum.

»Schreiben Sie ihn nach der neuesten Diagnose auch gestörter Verdauung zu?« fragte er. »Zur Deutung dieser Vision brauchen wir wahrhaftig keinen Joseph aus der Heiligen Schrift.«

»Nun?« fragte ich.

»Nun?« echote er. »Es ist weiter nichts als Ursache und Wirkung, die natürliche Reaktion auf die Eindrücke des Tages.«

»Glauben Sie an Träume?«

»Bah!« lachte er. »Glaube ich an Wasser und Sonnenlicht, an Mathematik und Chemie, Elektrizität und Magnetismus? Lesen Sie Flammarions ›L'Inconnu!‹ Später werde ich Ihnen mal einen Traum erzählen, der in Erfüllung ging.«

»Werden Sie mir auch seine Bedeutung erklären?«

»Gewiß,« erwiderte er, noch immer in scherzendem Tone. »Doch wenn Sie meinen, ich wollte daraus eine Theorie folgern, so werde ich doch bedenklich. Noch niemand hat die Wahrheit ergründet, nur erraten können wir sie, d. h. wenn man mit einem solchen unerklärlichen Instinkt begabt ist wie Mr. Williams. Ich aber habe auch meinen Instinkt, und aus diesem Grunde sind wir jetzt hier.«

Mr. Henderson kam uns bereits am Eingang des Speichers entgegen, und im Innern spielte sich dieselbe bewegte Szene ab, wie am Tage vorher. Es schien, als wären die Artisten in der mit Sägespänen bestreuten Manege noch eifriger bei der Arbeit.

»Wir halten eine richtige Generalprobe ab,« sagte Mr. Henderson. »Freue mich, daß Sie gekommen sind.«

Eben war die Fütterung vorüber, daher lagen die Tiere träge und schwerfällig in ihren Käfigen. Die ungeheuern Löwen schliefen in den vergitterten Höhlen; nur eine Schar Affen kletterte und sprang wie immer lebhaft schnatternd in ihren Behausungen umher.

»Auch die Kaiserin verhält sich ruhig,« bemerkte Conners und zeigte auf den Käfig, in dem der gestreifte Leib der Tigerin mit lang ausgestreckten Gliedmaßen am Boden ruhte.

»War es gestern nicht großartig?« rief Mr. Henderson triumphierend. »Tommy ist unstreitig die Glanznummer der ganzen Schaustellung. Einen Tiger zu bändigen! Und noch dazu ein in Freiheit geborenes Weibchen! Kein Mensch wird das für möglich halten!«

»Nun, wenn sie sich so gebärdet wie gestern, glaubt's jeder,« antwortete Conners. »Ich denke aber, Signor Tommaso wird sich die Sache noch einmal reiflich überlegen, ehe er wieder solche Vertraulichkeiten riskiert.«

»Sie haben's ja gesehen,« erwiderte der Besitzer. »Der Kerl ist ein wahrer Hypnotiseur.«

»Dann sollte er mal seine Kunst an seiner Frau versuchen,« meinte Conners lachend. »Bei ihr scheint der Bann nicht mehr zu wirken.«

Mr. Henderson zuckte die Achseln.

»Sicherlich bekommt sie die gleiche Peitsche zu fühlen, mit der er die Tiere züchtigt. Da steht sie!«

Er zeigte auf eine Gruppe neben dem Podium, wo die Musiker ihre Instrumente stimmten.

»Tommy wird nachher mit den Löwen üben, damit er sie ordentlich in der Hand hat, ehe wir uns auf die Fahrt begeben.«

Beim Umherschlendern beobachteten wir die Akrobaten, die von einem Sprungbrett ihre doppelten Saltomortales übten. Schließlich arbeiteten zwei an einem Trapez über einem ausgespannten Netz. Miß Demorist in verführerischen Trikots und dem Flitterkleid von gestern warf uns im Vorüberreiten Kußhändchen zu, ohne Mr. Hendersons mißbilligendes Stirnrunzeln zu beachten.

»Das sind so die Widerwärtigkeiten, mit denen ein Zirkusdirektor zu kämpfen hat,« knurrte er. »Solch Haufen zusammengewürfelten Volks – dazu Männer und Weiber durcheinander – bekommen bald verdammt freie Manieren. Dieses Frauenzimmer wird Tommys bessere Hälfte so lange reizen und ärgern, bis er beide hinauswirft. Dann muß ich mich eben nach einer andern Kunstreiterin umsehen, denn Tommy kann ich nach dem gestrigen Akt nicht entbehren. So 'nen Tierbändiger wie ihn krieg' ich nicht so leicht wieder.«

In diesem Augenblick trat Signor Tommaso in Trikots und Pumphosen, den vergoldeten Stab in der Hand, aus dem Ankleideraum. Sein Gesicht war lebhaft gerötet, und als er vor seiner Frau neben den Musikanten stehen blieb, bemerkte ich, daß er leicht schwankte.

»Er trinkt,« sagte Conners kopfschüttelnd, »für einen Tierbändiger eine schlimme Angewohnheit.«

»Für jeden Artisten,« stimmte Henderson lachend bei, »trotzdem machen es viele so. Aber seine Arbeit erfordert keine festen Muskeln, sondern nur Nerven, und die regt der Alkohol an.«

Mir leuchtete das nicht ein und ich beobachtete Signor Tommaso, als er auf uns zukam, mit kritischem Blick.

»Guten Tag, Gentlemen!« begrüßte er uns ganz unbefangen: seinen glänzenden Augen war anzusehen, daß er Conners von früher her nicht wiedererkannte. »Sie sind wohl gekommen, um meinen Sieg über die Kaiserin mitanzusehen?«

»Sie wollen also wirklich zu ihr hineingehen?« fragte Mr. Henderson in bewunderndem und zugleich geschickt anfeuerndem Tone.

»Ob ich will? Warten Sie's nur ab! Erst habe ich aber noch mit den Löwen zu tun.«

Er bückte sich, um unter dem Seil durchzukriechen und näherte sich dem Käfig von der Rückseite, wo er die kleine Tür in der Hinterwand öffnete und mit einem eleganten Satze hineinsprang. Ein Wärter verriegelte die Öffnung sofort mit einer schweren Eisenstange.

Als Tommaso dann mitten unter die ruhenden Bestien trat und sie mit seinem Stab stieß, erhoben sie sich schwerfällig und mit lautem Gähnen. Dann ließ er sich durch das Gitter eine Peitsche reichen und knallte damit, bis die mächtigen Tierkörper sich in Bewegung setzten und in tollem Schwunge übereinander flogen.

»Was sagt Ihr nun?« wandte er sich an die Zuschauer und deutete mit triumphierender Geste auf die Löwen, die zum Schluß aufrecht in den Ecken saßen.

Die Artisten und Wärter hatten sich inzwischen vor dem Käfig versammelt, und ich, der ich noch nie eine derartig wildbewegte Tierszene gesehen hatte, folgte der interessanten Vorführung mit größter Spannung.

Von seiner Arbeit befriedigt stieß Signor Tommaso das Türchen auf, verließ den Käfig und schritt, von der bewundernden Menge gefolgt, den abgesperrten Gang entlang bis zu dem Käfig der Tigerin.

Diese erhob sich auf den Vorderbeinen, als wir uns näherten, und ihre gelb und grünlich schimmernden Augen blitzten drohend auf uns herab. Die schwarzen Streifen an den Weichen dehnten sich unter tiefen Atemzügen und die Quaste am Ende des Schweifes bewegte sich aufgeregt, doch stieß das Tier keinen Laut aus.

Signor Tommaso steckte nun den Arm durch das Gitter und schob den drohenden Tigerkopf zur Seite. Dann drehte er sich in herrischer Haltung nach den Zuschauern um.

Dicht neben ihm stand Conners, das braune ernste Gesicht voll gespanntesten Interesses zu ihm erhoben.

»Wie Ihr wißt, Freunde,« begann der Tierbändiger mit wichtigtuendem prahlerischem Tone, »habe ich noch keinen richtigen Versuch mit der Kaiserin gemacht. Doch sie kennt mich, denn ich habe ihr jedesmal beim Vorübergehen ein paar freundliche Worte zugerufen. Schon lange weiß ich, was ich bei ihr wagen darf: mir hat dieses wilde Frauenzimmer, das nie aus den Wäldern herausgekommen ist, bis man sie irgendwo dort hinten in Asien im Netz gefangen, stets hold gelächelt. Ich durfte mir dem ollen Mädel gegenüber schon manches herausnehmen.

»Dabei soll sie an Bord einen Mann fast zerrissen haben. Aber das beweist nur, daß er mit ihr nicht umzugehen verstand. Ja, ja, außer mir existiert kein lebender Mensch, der sich ihrer Gunst rühmen dürfte.«

Stolz schweifte sein Blick in die Runde, um zu sehen, ob die Rede auch den gebührenden Eindruck gemacht habe.

»Du solltest lieber nicht hineingehen, Finn,« warnte seine Frau.

»Spar dir deine Worte,« knurrte Signor Tommaso. »Wo ist Demmy?«

Miß Demorist, die Peitsche in der Hand, tänzelte in ihrem flitterbesetzten Kostüm herbei. Mit befriedigtem Schmunzeln konstatierte der Tierbändiger ihre Anwesenheit.

»Das mußt du sehen,« rief er ihr zu; dann glitt er schnell hinter den Wagen und faßte den Riegel, während ihm auf Hendersons Geheiß zwei Leute folgten, um die Öffnung sofort wieder zu verschließen.

Lachend schob er den Riegel zurück und sprang in den Käfig.

Ganz langsam drehte sich die Tigerin um und sah ihn an.

Mir stockte der Atem, denn ich dachte nicht anders, als daß sie sich sofort auf ihn stürzen würde, aber sie rührte sich nicht, und in einem allgemeinen Aufatmen löste sich die fürchterliche Spannung der Zuschauer.

Nachdem Tommaso Stab und Peitsche auf den Boden gelegt, schritt er langsam vorwärts. Sich niederbeugend strich er mit der Hand über den gewaltigen Kopf des Tieres und kraute sanft das weiße Fell an der Kehle. Mit gekrümmtem Rücken stieß die Tigerin halb winselnde, halb schnurrende Töne aus, wie eine große Katze. Dann drängte er sie zurück, kniete neben ihr nieder und streichelte das Fell über ihren Rippen, wobei sie ihm mit ihrer rauhen Zunge die Kniee leckte – ein schauerlicher Anblick!

»So, schönchen, so, mein olles Mädel!«

Dabei legte er sich nieder und lehnte den Kopf an ihre Flanke.

»Wir sind immer so allein, nicht wahr? Ja, ja, zu fressen geben sie dir wohl, aber nett zu dir sind sie nicht. Und willst du dich mal ausruhen, dann stoßen sie dich mit der Eisenstange. Wollen wir schlafen? Nein? Auch gut. Dann werden wir ein bißchen spielen und nachher unser Schlummerstündchen halten.«

Er sprang auf und versuchte den schweren gelben Körper in seinen Armen mit emporzuziehen. So groß aber seine Kraft auch war, dies gelang ihm doch nicht. Die Tigerin schlug mit dem Schwanz nach ihm und wehrte ihn mit den Pranken ab, deren Krallen sie jedoch eingezogen hatte.

»Steh auf!« Er griff nach ihren Ohren, während sie mit einem gewaltigen Satze von einem Ende des Käfigs zum andern sprang, und mit flammenden, von wilder Spiellust funkelnden Augen warf sie sich auf den Rücken, überkugelte sich und focht mit den Tatzen in der Luft herum. Dann sprang sie wieder auf, jetzt kroch sie auf dem Bauche, den Kopf zwischen die Vordertatzen gelegt, wobei sich ihr Körper wohlig dehnte und reckte und die Streifen ihres Felles stärker leuchteten. Wieder und wieder schlug Tommaso nach ihr, sie wälzte sich umher und fand wie das kleinste Kätzchen der tollen Kapriolen kein Ende.

Schließlich lehnte sich Signor Tommaso erschöpft gegen das Gitter; der Schweiß perlte ihm in dicken Tropfen auf dem Gesicht. Lächelnd dankte er für den ausbrechenden Beifall.

»Oho, was soll das heißen?« sagte er, sich umkehrend, »du murrst, mein Schätzchen? Ruhig, sonst gibt's was mit der Peitsche!«

Wie ein Ball rollte sich die Tigerin zu seinen Füßen zusammen, mit der rauhen Zunge leckte sie ihm den Schenkel und zerriß dabei das seidene Trikot.

»Kusch dich!« rief der Tierbändiger, ärgerlich den Riß zusammenziehend. »Marsch!«

Vor der zum Schlage erhobenen Hand und den zornigen Augen wich die Tigerin wirklich zurück und kroch in eine Ecke. Einen Moment stand er über ihr und stieß sie mit dem Fuß, dann trat er wieder an das Gitter, während das Tier ruhig und gehorsam hinter ihm liegen blieb.

»Habt Ihr's gesehen?« rief er uns zu.

Seine Brust hob und senkte sich unter fliegenden Atemzügen, aber sein Gesicht leuchtete vor Triumph.

»Wo ist Demmy? Komm her, Kleine. Ich werde die Bestie schon fernhalten.«

Furchtlos tänzelte Miß Demorist herbei. Die Macht dieses Tierbändigers schien grenzenlos zu sein.

»Nun, was habe ich dir gesagt? Kann das Weib nicht stolz auf mich sein? Und doch macht sie mir alle Tage mit ihrer albernen Eifersucht die Hölle heiß. Komm näher, Mädchen, ich nehme dich mit herein.«

»Er bekäme es wahrhaftig fertig!« sagte Henderson.

»O nein, das wird er schön bleiben lassen,« sagte die Kunstreiterin.

Plötzlich fuhr Conners herum.

»Rasch! Ist keine Pistole hier!« rief er in so scharfem Tone, daß Henderson neben ihm zusammenschrak.

Sprachlos, wie zur Bildsäule erstarrt, unfähig, ein Glied zu rühren, stierte ich auf die nun folgende Szene.

Signor Tommaso hatte nämlich die Hand des Mädchens ergriffen und zwischen den Eisenstäben hindurchgezogen. Als er den weißen Arm dicht vor sich erblickte, hatte er, trunken vor Erregung, seine Lippen darauf gepreßt.

Da – der Käfig erzitterte unter der Gewalt des Anpralls! Mit einem Wutgebrüll flog die Tigerin auf den Bändiger los, der unter der Wucht der gelben Masse zusammenbrach. Und dann vergruben sich die langen Fangzähne in den Stiernacken, man hörte die Knochen unter dem Biß der furchtbaren Kinnladen krachen.

Das Mädchen sank zurück und der Zirkus hallte wider von dem Entsetzensgeschrei, dem das Geheul der Tigerin antwortete.

Unfähig, die Augen zu schließen, sah ich, wie in wenigen Augenblicken unter den erbarmungslosen Zähnen und Klauen aus dem starken Mann eine zerfetzte zuckende Fleischmasse wurde.

Zirkusleute haben Geistesgegenwart. Wenn auch die Frauen kreischend davonstürzten, so kämpften die Männer doch wie rasend. Eisenstange auf Eisenstange wurde durch das Gitter gestoßen und Henderson gab sämtliche Schüsse seiner Pistole ab.

Endlich war die Kaiserin tot, aber von Mr. Finn Williams, der sein Leben lang »Glück« bei Frauen gehabt hatte, mußten die Überreste einzeln aufgelesen werden.

Kaum noch imstande, mich aufrecht zu halten, lehnte ich mit einem todübeln Gefühl am Eingang des Speichers, als Mrs. Williams auf dem Wege nach ihrer Wohnung, wohin der traurige Zug vorangegangen war, bei mir vorüberkam.

»Niemand braucht mich zu bemitleiden,« sagte sie zu einem Mann, der es für angebracht hielt, ein paar Trostesworte zu stammeln. »Ich habe immer gewußt, daß er mal an die Unrechte geraten würde. Jetzt kann die Demorist ihn haben, wenn sie will.«

 << Kapitel 3 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.