Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Samuel Major Gardenhire: Der lange Arm - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorSamuel Major Gardenhire
titleDer lange Arm
publisherVerlag von J. Engelhorns Nachf.
translatorAlfred Peuker
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160712
projectide1fd80f8
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel
Mary Ellis' Entführung

»Sie haben leider nicht das Glück, Vater zu sein, lieber Freund,« sagte Ledroit Conners eines Morgens zu mir, als ich in sein Studierzimmer trat, nachdem ich die eingelaufenen Postsachen durchgesehen und meinem Schreiber die nötigen Anweisungen gegeben hatte.

Ein vorwurfsvoller Blick war meine Antwort auf Conners' Worte.

»Na, trösten Sie sich,« fuhr er gutmütig fort, »ich kann mich ja ebensowenig einer Nachkommenschaft rühmen, was doch eigentlich recht schade ist. Obgleich ich aber nicht verheiratet bin wie Sie, fühle ich mich in diesem Augenblick dennoch mit allen Eltern einig in einem Gefühl tiefster Entrüstung.«

»Was ist denn passiert?« fragte ich.

Conners legte seinen Pinsel beiseite und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

»Kinderraub,« antwortete er nachdenklich, während er sich eine Zigarre anzündete, »ist in diesem Lande wohl das am meisten verabscheute Verbrechen. Kein andres ist dem Volksempfinden bei uns so fremd wie dieses, das in solchem Gemeinwesen am üppigsten wuchert, wo Arme durch die Reichen systematisch unterdrückt werden und sich bei den davon Betroffenen in das Gefühl der Rache auch gemeine Habgier mischt. Dämmert Ihnen noch immer nichts?«

»Doch,« versetzte ich eifrig, »Sie meinen gewiß den Fall Ellis.«

»Stimmt!«

»Jenny sprach noch heute morgen davon,« fuhr ich fort, »und öfters schon hörte ich sie den Fall mit meiner Schwiegermutter erörtern.«

»Das ist begreiflich,« meinte Conners, »denn Frauengemütern muß ein derartiges Verbrechen ganz besonders verabscheuungswürdig erscheinen. Es ist nicht schwer, sich in den Seelenzustand einer Mutter hineinzudenken, deren Kind, ein Töchterchen in zartem Alter, plötzlich verschwunden ist. Die Sache wäre schon infam genug, wenn es sich um einen Knaben handelte. Daß es aber gerade ein kleines Mädchen ist, über dessen Wohl und Wehe bisher die hingehendste Mutterliebe wachte, und das jetzt von gewissenlosen Schurken gestohlen worden ist, die sich nicht scheuen, die Angst einer Mutter zum Gegenstand ihrer schamlosen Spekulationen zu machen – das verschlimmert den Fall noch ganz besonders. Schon aus der bloßen Tatsache eines solchen Raubes kann man darauf schließen, wie es jetzt um das Wohlergehen des Kindes bestellt sein mag. Ganz abgesehen davon, daß die Kleine nun doch höchst wahrscheinlich an sachverständiger Pflege so gut wie alles entbehrt, muß man ja direkt für ihr Leben fürchten. Kann ein derartiger Gedanke liebenden Elternherzen nicht jede Spur von Ruhe rauben – oh, mehr noch, sie förmlich zum Wahnsinn treiben?«

»Ja, es ist entsetzlich,« stimmte ich ihm schaudernd bei, »Gott sei Dank, daß Sie dem Fall Ihr Interesse zugewandt haben.«

»Nicht nur das,« erwiderte Conners; »ich bin um meinen Beistand sogar ersucht worden. Gestern abend war ich im Ellisschen Hause, und soeben erst hat Mr. Ellis mich verlassen.«

Ich ließ mich in einen Sessel fallen und blickte gespannt zu meinem Freunde hinüber.

»Ich weiß nicht, wieweit Ihnen der Fall bekannt ist,« begann Conners. »Ich habe ihn von Anfang an verfolgt, obgleich ich es Ihnen gegenüber wohl nie erwähnte.«

Seiner Gewohnheit gemäß hatte er in der Tat bis jetzt kein Wort über die Sache geäußert, wie er denn überhaupt derartige Angelegenheiten erst zu erörtern pflegte, wenn er den Schlüssel des Geheimnisses gefunden zu haben glaubte oder den Fall selber in die Hand nehmen wollte.

»Die Zeitungsartikel sind bereits ins Ungeheuerliche gewachsen,« bemerkte ich.

»Jawohl, aber sie sind höchst ungenau und übertrieben,« erwiderte er. »Die polizeilichen Ermittlungen haben bis jetzt nur folgendes ergeben: Vor acht Tagen wurde Mary Ellis, ein siebenjähriges Kind, in unmittelbarer Nähe des elterlichen Hauses auf Riverside Drive bei hellichtem Tage geraubt. Die Kleine befand sich unter der Obhut ihrer Wärterin, die schon längere Zeit im Dienste des Ellisschen Hauses steht und für absolut zuverlässig gilt, so daß sie als Mitschuldige schwerlich in Betracht kommt. Man kann dem Mädchen, das Karoline Wells heißt und aus höchst achtbarer Familie stammt, nicht einmal Nachlässigkeit vorwerfen, denn sie hatte mit ihrer Schutzbefohlenen den nur um Straßenbreite vom Ellisschen Hause entfernten Park aufgesucht, im Vorbeigehen noch einige Worte mit dem dort stationierten Schutzmann gewechselt und die Kleine einen Augenblick auf dem Parkwege allein gelassen, um einem Ball nachzulaufen, der einen steilen Abgang hinabgerollt war.

»Da dichtes Gebüsch den Fuß des Abhanges begrenzte, mußte sie, nachdem sie sich einige Zeit mit Suchen aufgehalten, unverrichteter Dinge wieder umkehren, fand aber das Kind nicht mehr auf dem Platze, wo sie es verlassen hatte. Da sie keinen Hilferuf gehört, dachte sie zuerst an nichts Böses, denn die Straße war um jene Zeit ziemlich still und unbelebt. Wie Sie wissen, gehört jene Gegend zu den denkbar besten, und Karoline Wells bemerkte, als sie suchend umherblickte, nichts weiter als einen Eiswagen und ein Automobil, das in schneller Fahrt hinter einem Hügel verschwand.«

»Man hat sich doch sofort nach den beiden Fuhrwerken erkundigt, nicht wahr?«

Conners lächelte.

»Der Führer des Eiswagens hatte von dem Verbleib des Kindes keine Ahnung, ebenso der Schutzmann, und das Automobil gehörte einem berühmten Arzt, der auf jener Fahrt von seiner Gattin und seinem Chauffeur begleitet war.«

Ich bat der überflüssigen Unterbrechung wegen um Entschuldigung, und Conners fuhr fort: »Mr. Ellis, ein reicher Bankier, besitzt im Geschäftsviertel mehrere Kontore, ist Mitglied unsrer vornehmsten Klubs und ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, der sich der Sympathie aller anständigen Leute erfreut. Seine Frau gehört einer so allgemein bekannten und geachteten Familie an, daß ein Sturm der Entrüstung durch die ganze Stadt gehen würde, wenn die öffentliche Erregung nicht gerade durch die hervorragende Stellung jener Familie niedergehalten würde. Außerdem scheint man der Polizei genug Findigkeit zur Aufklärung dieses Geheimnisses zuzutrauen. Es ist überhaupt etwas Seltsames um derartige Verbrechen – so himmelschreiend sie sind, so wenig Staub wirbeln sie im Grunde genommen auf, da sie aller sensationellen Begleitumstände ermangeln. Man hört nur von ihnen; zu sehen bekommt man so gut wie gar nichts, da ja das Publikum nicht in das innere Getriebe eines Haushaltes hineinblicken und daher auch nicht beurteilen kann, wieviel Trauer und Verzweiflung in einer derartig heimgesuchten Familie herrschen. Wäre das prächtige Haus durch eine Bombe in die Luft gesprengt worden, die Wirkung hätte für die arme Mutter kaum furchtbarer sein können als die entsetzliche Gewißheit, daß ihr Kind geraubt sei.

»In jenem Augenblick wäre ihr der Tod eine Wohltat gewesen, und obgleich ihr Gatte sich sagt, daß er den Schmerz nicht über sich Herr werden lassen dürfe, um seine Frau trösten und die nötigen Schritte zur Auffindung seines Kindes tun zu können, so hat dieser Schicksalsschlag ihn doch in einem Maße mitgenommen, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.«

Conners' Schilderung hatte mich aufs tiefste ergriffen; fast fürchtete ich, ihn an seiner Aufgabe verzweifeln zu sehen, denn aus seinen Worten schien mir ein leiser Unterton von Hoffnungslosigkeit zu klingen.

»Meinen Sie, daß Ihre Hilfe schon zu spät kommt?« fragte ich zaghaft.

Seine Antwort zeigte mir, wie stark ihn die Schwierigkeit dieses Falles innerlich beschäftigte.

»Von all den Problemen, an deren Lösung ich mich bisher versuchte,« erwiderte er, »ist dieses entschieden das undurchsichtigste. Handelt es sich bei den Verbrechen um eine Entführung nur zum Zweck von Erpressungen – wie es hier ja den Anschein hat – so können die Täter der Familie völlig fremd sein. Dies scheint auch die Auffassung der Polizei zu sein. Dann ist die Verfolgung einer bestimmten Spur jedoch völlig ausgeschlossen, da ja Tausende eines so gewinnbringenden Verbrechens fähig sind.«

»Mag nun das kleine Opfer nah oder fern verborgen gehalten werden – für uns ist es einfach wie in die Erde gesunken. Sie werden sich wohl noch jenes aufsehenerregenden Falles von Kinderraub erinnern, des berüchtigtsten, der je die Öffentlichkeit beschäftigte, ich meine die Entführung des kleinen Charley Roß. Die Sache ist jetzt – nach Jahren – trotz aller Gerüchte, die darüber im Umlauf sind, noch immer nicht aufgeklärt. Darum sage ich noch einmal, lieber Freund, von allen Verbrechen, selbst Meuchelmord mit eingeschlossen, ist dieses das abscheulichste.«

Flammende Glut bedeckte bei diesen Worten sein dunkles Gesicht, und ich fühlte, wie die außerordentliche Erregung dieses sonst so ruhigen Menschen mein Interesse für den Gegenstand unsres Gespräches noch erhöhte.

»Sie fragten mich,« fuhr Conners langsam fort, »ob meine Hilfe schon zu spät komme. Vielleicht. Eins aber kann ich Ihnen versichern: bisher empfand ich für jeden Verbrecher, den ich verfolgte, wenigstens einen Funken von Mitgefühl, suchte für jedes Vergehen eine Entschuldigung und fragte mich stets, ob die beiden Haupttriebfedern, Armut oder Unwissenheit, nicht auch da in Betracht kämen. Seit ich aber gestern abend Mrs. Ellis sah, weiß ich, daß dieses Verbrechen jedem menschlichen Empfinden ins Gesicht schlägt; selbst die grausamste Bestie wäre einer solchen Tat nicht fähig. Daher verspreche ich Ihnen: wenn es mir nicht gelingt, das Kind wiederzuerlangen, will ich es rächen – ohne Gnade, ohne Mitleid, das gebietet mir ein unwiderstehlicher innerer Zwang, der so ehern, so unverrückbar ist wie die Grundfesten der Erde.«

Conners' Wesen war mir immer rätselhaft erschienen. Und merkwürdig wie sein ganzes Wesen war auch seine Sprache. Bald logisch-sachlich, ja mitunter sogar nüchtern und trocken, erging er sich ein andermal wieder in pathetischem Schwung und bilderreicher Rhetorik, die seine Neigung zur Romantik verriet; selten jedoch ließ er sich durch Leidenschaft fortreißen. Dabei gab er sich, ohne geschwätzig zu sein, offenherzig und mitteilsam: glaubte ich ihm aber einmal bis auf den Grund der Seele geschaut zu haben, dann wurde er plötzlich wieder schweigsam. Über die von ihm behandelten Fälle äußerte er sich meistens zuversichtlich und mit einer gewissen humorvollen Überlegenheit.

Das sekundenlange Schweigen, das seinen ernsten Worten über den Fall Ellis folgte, unterbrach ich endlich mit der sehr naheliegenden Frage: »Was hat die Polizei bisher getan?«

»Alles, was die Sachlage erforderte; an ihren Maßnahmen ist nichts auszusetzen. Was konnte sie auch weiter tun als die Umgebung des Tatortes überwachen, nach den Personen forschen, die sich in der Nachbarschaft aufgehalten hatten, und alles feststellen, was sich über den Eiswagen und das Automobil in Erfahrung bringen ließ? Auf Grund dieser Nachforschungen ist die Polizei zu dem Schlusse gekommen, daß es sich in diesem Falle nicht um einen Racheakt handelt, eine Ansicht, die ich vollkommen teile, denn nach meiner Überzeugung ist das Verbrechen nur verübt worden, um Geld zu erpressen. Wie schlau und gerieben freilich die Halunken dabei zu Werke gehen, beweist der Umstand, daß bis jetzt noch niemand mit derartigen Forderungen an die Familie herangetreten ist.«

»Nimmt Sie das wunder?« fragte ich gespannt.

»Gewiß finde ich es höchst auffällig, wenn Schurken, die sonst aus ihrem Raub gewöhnlich so schnell Kapital zu schlagen suchen, daß diese Überstürzung häufig zu ihrer Entdeckung führt, eine so weise Zurückhaltung wie diese beobachten. Das ist eben der kluge Schachzug, auf den ich vorhin hindeutete. Die Schufte warten, bis die Angehörigen des Kindes durch das unaufhörliche Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung derartig gebrochen und aufgerieben sind, daß sie nichts mehr gegen die Räuber zu unternehmen wagen und ihnen jede Forderung bewilligen. Durch solch eine grausame Spekulation auf die zermürbende Wirkung qualvoller Ungewißheit können die Halunken mehr als eine Million herausschlagen.«

»Und Sie halten eine Entdeckung der Verbrecher für ausgeschlossen?«

»Die Polizei hat bis jetzt nichts erreicht, und auch ich tappe noch immer im Dunkeln, habe jedoch die Hoffnung keineswegs aufgegeben. Zum erstenmal in meinem Leben regt sich in mir kein Mitleid mit der Verbrecherin – denn jener teuflische Plan, die Opfer durch Warten mürbe zu machen, beweist mir, daß nur ein Frauenhirn ihn ausgeheckt haben kann, weil es die Wirkung einer solchen Maßregel am besten abzuschätzen vermag.«

»Sind Sie von der Unschuld des Kindermädchens völlig überzeugt?«

»Nach allem, was ich über ihren Charakter gehört habe – ja. Der Ellissche Haushalt besteht außer dem Ehepaar aus einem Kellermeister, dem Koch, den Waschmädchen, Karoline Wells und einem Lakaien, ferner aus der Erzieherin Miß Grace Maurice, einer früheren Lehrerin, über die ich noch nicht genügend informiert bin. Sie ist die Tochter eines verkommenen Arztes von so üblem Ruf, daß ich mich eines gewissen Argwohns gegen ihn nicht erwehren kann. Doktor Charles Maurice hat außer dieser Tochter noch einen Sohn, der – gleich seiner Schwester – kurz entschlossen das Vaterhaus verließ, als ihm der Aufenthalt dort gar zu unerträglich wurde. Diese Charakterstärke wirft ein günstiges Licht auf beide Geschwister. Der junge Mann soll dann eine Stelle in einem Fahrradgeschäft gefunden haben und später Chauffeur geworden sein; da er aber seitdem weder zu seinem Vater noch zu seiner Schwester in familiären Beziehungen gestanden zu haben scheint, hat man ihn ganz und gar aus den Augen verloren. Alle Mitglieder des Ellisschen Haushaltes sind eingehend verhört worden, ohne daß sich dabei irgendwelche Verdachtsmomente ergeben haben.«

»Welche Beziehungen herrschen augenblicklich zwischen dem Doktor und seiner Tochter?« fragte ich.

»Gar keine und zwar schon seit einigen Jahren. Auf die Erzieherin hält man im Ellisschen Hause ebenso große Stücke wie auf das unglückliche Kindermädchen, das vor Kummer und Schmerz ganz außer sich ist. Grace Maurices Teilnahme zeigt sich zwar nicht so überschwenglich, ist aber – nach Mrs. Ellis' Meinung – nicht minder tief und aufrichtig. Daß die verschwundene Kleine täglich mit so vielen Personen zu tun hatte, erschwert die Nachforschungen ungemein, da der erste Verdacht sich naturgemäß auf die Mitglieder des Haushaltes richtet und man darüber leicht die Verfolgung der richtigen Spur versäumt, die möglicherweise auf völlig Fremde hinleitet.«

Mutlos schüttelte ich den Kopf – auch mir erschien der ganze Fall so dunkel und undurchsichtig wie nur möglich.

»Unmittelbar nach Marys Verschwinden,« fuhr Conners fort, »fragte Karoline Wells den Polizeibeamten noch ziemlich unbesorgt, ob er das Kind nicht gesehen hätte, und erst, als der Raub der Kleinen ihr zur Gewißheit geworden, überwältigten Angst und Aufregung das Mädchen. In diesem Augenblick erschien ein neuer und möglicherweise nicht unwichtiger Faktor auf der Bildfläche.

»Seit ungefähr zwei Jahren war ein junger Mann mit Namen Raphael Henges häufiger Gast in den Dienstbotenzimmern der Nachbarschaft, und obwohl er bei den Mädchen des ganzen Bezirkes Hahn im Korbe war, hatte er zuletzt doch seine Neigung ausschließlich Karoline Wells zugewandt. Er ist ein kräftig, aber geschmeidig gebauter Seemann und ganz danach angetan, auf das Herz eines Dienstmädchens Eindruck zu machen. An jenem kritischen Tage eilte er plötzlich aus einer angrenzenden Straße herbei, als er des Mädchens Geschrei hörte, drang mit erregten Fragen in den Schutzmann und beschwor Karoline, ihm die Ursache ihres Kummers mitzuteilen. Dann begleitete er das Mädchen nach Hause, half ihr dort den Verlust des Kindes erklären und machte sich danach mit dem Kellermeister sofort an die Durchsuchung der Nachbarschaft. Natürlich kannte er Mary ganz genau; sie war sogar sein erklärter Liebling, wenn sie einmal in den Souterrainräumen des Hauses Ellis auftauchte. Selbstverständlich steht Raphael Henges jetzt unter polizeilicher Beobachtung; sollte er wirklich mit Karoline Wells unter einer Decke stecken, so brauchen wir uns über die Art der Entführung nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Unsre erste Aufgabe muß sein, den Aufenthaltsort des Kindes auszukundschaften und Schritte zu seiner Wiedererlangung zu tun.«

»Wartet die Polizei auf eine Mitteilung seitens der Verbrecher?«

»Gewiß, ebenso wie ich; was bleibt uns denn andres übrig? Es kann ja auch nur noch eine Frage der Zeit sein, denn allzulange werden die Schurken wohl nicht mehr warten: sie wissen ganz genau, wann ihre Stunde gekommen ist. Ein Mann opfert alles für sein Leben und eine Mutter alles für ihr Kind.«

»Wollen Sie etwa damit sagen, daß die Forderungen der Schufte Gehör finden sollen?« fragte ich entrüstet. »Werden Sie wirklich bezahlen?«

Mit einem seltsamen Aufleuchten seiner dunkeln Augen erwiderte Conners: »Vielleicht – bezahlen, entlarven, bestrafen. Auf den Standpunkt der Philistermoral dürfen wir uns dabei freilich nicht stellen – man kann ein Held sein, selbst wenn einem das Geld durch die Finger läuft. Auch darf man das Schicksal eines Kindes nicht zum Spielball seiner Rechtsbegriffe machen, daher ist bei einem derartigen Verbrechen ein Kompromiß mit den Verbrechern unter Umständen wohl zu billigen. Was würden Sie z. B. für Geldopfer bringen, um sich Ihre Jenny zu erhalten! Indessen will ich es nicht nur dabei bewenden lassen, die Räuber zur Herausgabe des Kindes zu bewegen, obwohl Mr. und Mrs. Ellis nichts andres von mir verlangen.«

»Sie haben recht,« erwiderte ich nach einigem Nachdenken. »Man muß die Halunken aus ihrer Reserve herauszulocken suchen; ich kann es den Eltern vollkommen nachfühlen, wie schrecklich dieses Hangen und Bangen auf sie wirken muß.«

»Gewiß, und daher brenne ich darauf, einen Anhaltspunkt zu finden, und wär's der allergeringste, oder irgend jemand aufzustöbern, der mir auch nur die winzigste Handhabe zum Aufrollen der geheimnisvollen Angelegenheit böte. Sie kennen ja meine sonstige Findigkeit, aber hier, fürchte ich, wird mir die Arbeit noch dadurch erschwert, daß ich wahrscheinlich gar nichts Schriftliches in die Hand bekommen werde.«

»So?« rief ich überrascht.

»Leider,« meinte Conners seufzend. »Sie werden bald sehen, daß ich recht habe.«

Der schrille Ton der Telephonglocke unterbrach unser Gespräch und ließ mich wie elektrisiert aufspringen. Schon hatte Conners den Hörer am Ohr und lauschte mit gespanntem Interesse.

»Endlich!« murmelte er dann mit erleichtertem Aufatmen, während er das Instrument wieder an den Haken hängte und nach seinem Überrock griff. »Kommen Sie, lieber Freund!«

Raschen Schrittes eilten wir zum Fahrstuhl und saßen wenige Minuten später bereits in einer Droschke, deren uns wohlbekannter Kutscher schon auf Conners' bloßes Nicken hin Bescheid zu wissen schien.

»Die Sache steht in der Frauenzeitung ›Telegramm‹,« klärte mein Freund mich auf; »wir werden den ersten besten Zeitungsjungen anrufen.«

»Es ist aber noch viel zu früh, wenn es sich nicht um ein Extrablatt handelt,« wandte ich ein.

»Wie mir soeben telephonisch mitgeteilt wurde, handelt es sich gerade um ein Extrablatt.«

»Arbeiten Sie mit der Polizei zusammen?«

»Nein, ich arbeite allein, werde aber von der Polizei stets auf dem Laufenden erhalten. Harper Deans Frau schickte Mr. Ellis zu mir oder riet vielmehr Mrs. Ellis, sich an mich zu wenden. Norma und sie sind intime Freundinnen, daher mein erhöhtes Interesse für den Fall.«

Er ließ den Wagen halten, um von einem Zeitungsausträger das Extrablatt zu kaufen, das er dann rasch durchflog.

»Da!« rief er und deutete mit seinem schlanken Finger auf die betreffenden Zeilen:

Das Kind härmt sich sehr und sehnt sich nach Hause zurück. Falls man uns 50 000 Dollars zur Verfügung stellen könnte, wäre es uns vielleicht möglich, einen Weg zur zufriedenstellenden Erledigung der Angelegenheit ausfindig zu machen. Sollte man mit unserm Vorschlag einverstanden sein, so bitten wir, uns davon in der nächsten Nummer durch ein einfaches »Ja« verständigen zu wollen.

»Da haben wir endlich den Ariadnefaden, der uns aus diesem Labyrinth führen kann,« sagte Conners mit triumphierendem Lachen. »Das Inserat hier ist beinahe ebensoviel wert wie eine von den Verbrechern eigenhändig geschriebene Mitteilung. Kommen Sie, wir müssen sofort die Expedition dieses Blattes aufsuchen.«

»Aber die Antwort?«

Von neuem überflogen Conners Blicke prüfend die Annonce.

»Wir« – murmelte er; »hm – und in der nächsten Nummer. Jetzt, wo die Halunken den richtigen Zeitpunkt gekommen glauben, haben sie es auf einmal sehr eilig.«

»Aber die Antwort?« wiederholte ich. »Sagen Sie ›Ja‹, so müssen Sie Ihr Wort einlösen, denn dazu ist jeder Ehrenmann auch Verbrechern gegenüber verpflichtet. Zu einer zustimmenden Antwort aber sind Sie gar nicht ermächtigt und Sie würden sich eventuell auch dadurch selbst aufs schwerste kompromittieren, da es den Anschein haben könnte, als ob Sie in diesem Falle ja doch nicht in gutem Glauben, sondern vielmehr im Einverständnis mit den Verbrechern handelten. Gibt es am Strafgesetzbuch nicht einen Paragraphen, der darauf Bezug nimmt?«

Conners lachte belustigt auf.

»Ich sagte Ihnen ja schon einmal, daß man an diese Angelegenheit nicht den Maßstab der Philistermoral legen dürfe. Norma Dean erzählte mir, daß die kleine Mary ein überaus liebliches, elfenhaft zartes Menschenknöspchen sei; im Interesse des Kindes also möchte ich die Antwort sofort mit Riesenlettern an den Himmel schreiben.«

»Hoffentlich wird dieser Fall das schlummernde soziale Gewissen ein wenig wachrütteln,« bemerkte ich. »Es ist hohe Zeit, daß die Öffentlichkeit sich endlich einmal mit derartigen Fragen beschäftigt.«

»Und wenn irgend möglich ein neues Spezialgesetz herausklügelt, nicht wahr? Übrigens haben Sie ganz recht, mein lieber Freund, es ist die höchste Zeit, wir stehen am Vorabend großer Ereignisse, das beweist das in Ihnen so plötzlich erwachte soziale Verantwortlichkeitsgefühl.«

»Danke sehr,« erwiderte ich, ein wenig pikiert. »Der Ariadnefaden, den Sie gefunden zu haben glauben, scheint Sie ja in ausgezeichnete Laune versetzt zu haben.«

»Der Faden? Sagte ich vorhin so?« rief Conners lachend. »Oh, es ist schon mehr ein Kabel, nein – eine solide Kette mit ein Paar festen Handschellen daran!«

»Ich kann nichts davon entdecken,« entgegnete ich.

»Das liegt entweder an Ihrer Kurzsichtigkeit oder an meiner bilderreichen Ausdrucksweise! Übrigens werde ich das Anlegen der Handschellen der dazu verordneten Obrigkeit überlassen und mich damit begnügen, ›einen Weg zur zufriedenstellenden Erledigung der Angelegenheit ausfindig zu machen‹, wie der Herr Inserent hier so hübsch sagt. Ich will der Polizei nur ein bißchen unter die Arme greifen, weiter geht mein Ehrgeiz nicht.«

Damit stiegen wir wieder in unsern Wagen und erreichten in kurzer Zeit das Redaktionsbureau der großen Tageszeitung, wo uns ein in der Vorhalle wartender Diener sofort zum Chefredakteur führte. Hier – wie überall – schien Conners wohl bekannt zu sein, wozu freilich auch seine Freundschaft mit dem großen Bartholomäus Dean nicht wenig beitragen mochte. Der Chefredakteur begrüßte uns mit großer Herzlichkeit und holte von seinem Schreibtisch ein Stück Papier, das Conners aufmerksam prüfte, worauf er es mir herüberreichte. Es war der Text des Inserates mit augenscheinlich verstellter Handschrift auf ein Stück braunen Packpapiers geschrieben.

»Eine ganz geriebene Bande!« bemerkte der Redakteur.

»Wenigstens bilden sie sich's selber ein,« erwiderte Conners, während ich ihm das Papier zurückreichte. »Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht, sonst hätten sie bedenken müssen, daß keine menschliche Handschrift der andern gleich ist, und daß wir in unsrer Gegend mehrere hunderttausend Schriftgelehrte haben. Ich darf das Schriftstück doch behalten?«

»Selbstverständlich,« antwortete der Redakteur. »Wir stehen Ihnen mit allem, was wir für Sie tun können, gern zur Verfügung.«

»Besten Dank,« erwiderte Conners, der bereits damit beschäftigt war, das Packpapier mit Hilfe seiner Lupe eingehend zu untersuchen.

»Wir werden unser ›Ja‹ nicht sofort in die Zeitung rücken lassen, sondern aus eigener Machtvollkommenheit noch ein wenig damit warten,« sagte er nach einer Weile, während er das Papier sorgsam zusammenfaltete und es nebst der Lupe in das Futteral schob.

»Vergegenwärtigen Sie sich einmal bitte die Fassung des Inserates – ›sehnt sich furchtbar nach Hause – zur Verfügung stellen könnte‹ – schreibt so ein gewerbsmäßiger Kindesräuber und Erpresser?«

»Donnerwetter – nein!« rief der Redakteur überrascht.

»Na, sehen Sie!« meinte Conners lachend.

In diesem Augenblicke trat ein Schreiber ein und flüsterte seinem Chef etwas ins Ohr; der Redakteur machte ein bejahendes Zeichen und wandte sich dann an Conners:

»Zwei Kriminalbeamte aus der Mulberry-Street.«

»Schön,« sagte Conners und zog den Text des Inserates wieder aus dem Futteral, »geben Sie ihnen das Papier; ich brauche es nicht mehr, denn jedes Wort und jeder Buchstabe steht mir deutlich vor Augen. Bitte, erwähnen Sie den Leuten gegenüber aber nichts von meinem Hiersein, ich möchte mich jetzt schleunigst empfehlen.«

»Wie Sie wünschen. Vergessen Sie aber bitte nicht, mich auf dem laufenden zu erhalten,« erwiderte der Redakteur.

Conners nickte, und wir verließen das Bureau durch einen Nebenausgang, um nicht mit den Beamten im Vorzimmer zusammenzutreffen.

»Was nun?« fragte ich, als wir wieder in den Wagen stiegen.

»Zu Mr. Ellis,« erwiderte Conners und rief dem Kutscher, der seine Pferde anpeitschte, Straße und Hausnummer zu.

»Werde ich Mrs. Ellis zu sehen bekommen?« fragte ich aufgeregt, während das Bild der angstgequälten Mutter wie eine Vision vor meinem innern Auge aufstieg.

»Nein, beruhigen Sie sich nur; diese interessante Einzelheit werden Sie zu Hause leider nicht berichten können. Aber Sie werden höchst wahrscheinlich Mr. Ellis kennen lernen, dessen Gram und Kummer wohl genügen dürfte, selbst die krankhafteste Neugier zu stillen. Vielleicht ist es uns auch möglich, den Verbrecher selbst irgendwo zu Gesicht zu bekommen.«

»Sie meinen – die Verbrecherin?«

»Hm, Ihre gute Laune läßt auch nichts zu wünschen übrig. Ich möchte mich heute einmal etwas eingehender im Ellisschen Hause umsehen. Aus Mrs. Ellis ist – nichts weiter herauszubekommen als Tränen und leidenschaftliche Bitten, ihr zu helfen. Mr. Ellis ist gleichfalls nicht imstande, mir wirksamen Beistand zu leisten, und auch die mit dem Dienstpersonal angestellten Verhöre sind ergebnislos verlaufen. Ein gewisser Instinkt in mir treibt mich aber immer wieder dorthin, und so will ich es heute noch einmal mit Karoline Wells versuchen.«

»Wie ist es mit dem Vater jener Erzieherin? Miß –«

»Miß Maurice?«

»Ganz recht. Steht er noch immer unter polizeilicher Beobachtung?«

»Unausgesetzt. Die Polizei läßt ihn keinen Moment aus den Augen. Doch ist er ein derartiger Trunkenbold und Liederjahn, daß er für ein so fein eingefädeltes Verbrechen gar nicht in Betracht kommt.«

»Ich dachte nur, daß er seiner höheren Bildung wegen vielleicht bei der Abfassung des Inserates die Hand im Spiel haben könnte.«

Conners schüttelte nachdenklich den Kopf und öffnete den Wagenschlag, denn wir waren mittlerweile vor dem Ellisschen Hause vorgefahren. Es war ein schönes Sandsteingebäude, das in einem der belebtesten Stadtteile lag, jetzt aber einen öden, unwohnlichen Eindruck machte, denn sämtliche Fenster waren verhängt, und auf dem Vorplatz hatte der Wind eine Anzahl welker Blätter zusammengeweht.

Als wir ausstiegen, trat gerade eine Frauengestalt durch das Portal, blieb bei unserm Anblick einen Augenblick zögernd auf den steinernen Stufen stehen, schritt dann aber rasch auf uns zu.

»Verzeihung,« sagte sie, »ich habe doch wohl das Vergnügen, mit Mr. Conners zu sprechen? Ich bin Miß Maurice und komme soeben vom Krankenbette unsrer teuern Mrs. Ellis, der es heute leider wieder schlechter geht. Bringen Sie irgend welche Nachrichten, Sir?«

Während ich einen Schritt beiseite trat, zog Conners ehrerbietig den Hut.

»Zu meinem größten Bedauern kann ich Ihnen nichts Neues berichten,« erwiderte er.

»Oh,« rief die Dame in enttäuschtem Tone, »wir hatten so fest darauf gehofft! Ich bin jetzt selber schon ganz krank vor Aufregung. Könnte man diese elende Person doch nach Verdienst bestrafen!«

»Sie meinen Karoline?«

»Natürlich. Sie war für unsern kleinen Liebling doch verantwortlich und hätte ihn nicht einen Moment aus den Augen lassen dürfen. Sie trägt die Hauptschuld, und ich kann mir nicht erklären, warum die Polizei sie nicht schon längst verhaftet hat.«

»Das Unglück hätte in der Tat nicht geschehen können, wenn sie bei dem Kinde geblieben wäre,« entgegnete Conners, während er Miß Maurice, deren Augen Blitze schossen und deren schmale Lippen sich in Zorn und Ärger fest zusammenpreßten, unverwandt fixierte. »Es hätte auch nicht geschehen können, wenn Henges ein wenig früher auf der Bildfläche erschienen wäre. Karoline schien wohl ein Stelldichein mit ihm verabredet zu haben.«

Miß Maurice machte bei diesen Worten eine unwillkürliche Bewegung.

»Sie haben ganz recht, Mr. Conners,« antwortete sie dann. »Diese freche Person ist bei all ihrer Dummheit gerieben genug, und Mrs. Ellis in ihrer grenzenlosen Güte bemitleidet sie noch. Wenn Karoline der Kleinen die Aufmerksamkeit gewidmet hätte, die sie Raphael schenkt« – sie hielt einen Augenblick inne. »Armer Mensch«, fuhr sie dann weniger heftig fort, »er hing so sehr an dem Kinde. Durchpeitschen sollte er die dumme Gans!«

»Ich werde sofort mit dem Mädchen sprechen,« sagte Conners und wandte sich der Treppe zu.

»Brauchen Sie mich vielleicht dabei?« fragte Miß Maurice. »Ich wollte nur ein wenig frische Luft schöpfen, denn ich bin nahezu am Ende meiner Kräfte. Wenn ich Ihnen aber irgendwie von Nutzen sein kann –«

»Durchaus nicht, Miß Maurice, bitte, machen Sie nur ruhig Ihren Spaziergang: falls wir Sie brauchen sollten, können wir ja wiederkommen.«

»Ich werde nicht lange fortbleiben,« versicherte sie eifrig, zog dann den Schleier über das Gesicht und wandte sich zum Gehen, während Conners die Steinstufen hinaufstieg.

»Eine schöne Erscheinung,« bemerkte ich, während ich Miß Maurice voll Bewunderung nachblickte.

»Fiel mir auch auf,« sagte er, »und ebenso die eindringliche Art, in der sie ein gutes Wort für Karoline einlegte.«

Der Portier, der Miß Maurice die Tür geöffnet hatte, riß sie bei unserm Eintritt weit auf und geleitete uns durch die Halle in den Salon, wo sich unmittelbar danach auch Mr. Ellis einfand. Sein matter Gruß, sein abgehärmtes Aussehen und seine von vielen schlaflosen Nächten geröteten Augen zeigten deutlich, wie schwer sein seelisches Gleichgewicht erschüttert war.

»Und wenn es das Doppelte wäre – ich will gern jede Summe zahlen,« stammelte er mit erstickter Stimme, als Conners ihm die Zeitung mit dem Inserat gezeigt hatte. »Das einzige, was ich verlange, ist die denkbar größte Beschleunigung. Denn ich befürchte nicht allein für den Verstand, sondern sogar für das Leben meiner Frau das Schlimmste. Da die Verbrecher endlich etwas von sich hören ließen, möchte ich nicht, daß sich jetzt etwa die Polizei hineinmischt, Mr. Conners. Ich will, wie gesagt, gern das Geld zahlen und mich zu allem verpflichten, was die Leute sonst noch fordern sollten. Wenn wir nur unser Kind wieder erlangen!«

»Dieses Inserat gewährt uns doch eine große Beruhigung,« tröstete Conners ihn, »denn wir können daraus entnehmen, daß das Kind wohl und gesund ist. Das müssen Sie vor allen Dingen hervorheben, wenn Sie Ihrer Frau von dem Inserat Mitteilung machen. Was wir jetzt noch zu befürchten haben, ist höchstens ein kleiner Aufschub.«

»Das aber ist's gerade, was uns halbtot macht,« fiel ihm Mr. Ellis ins Wort«

»Wird jedoch rasch vergessen sein, wenn Ihr Kind Ihnen erst wieder zurückgegeben ist,« entgegnete Conners. »Wie Sie sich vielleicht entsinnen werden, habe ich alle Mitglieder Ihres Haushalts, mit Ausnahme des Kindermädchens, verhört und sagte Ihnen bereits, daß ich auch Karoline vernehmen müßte, sobald ich mehr Zeit dazu hätte.«

»Und wie wollen Sie es mit Miß Maurice halten?« fragte Mr. Ellis.

»Wir trafen sie bei unsrer Ankunft an der Tür,« erwiderte Conners.

»Sie ist in dieser schweren Zeit für meine Frau ein wahrer Segen, da sie trotz ihrer innigen Liebe zu Mary sich tapfer aufrecht hält. Sie ist eben von bewundernswürdiger Charakterstärke.«

»Und hat ein außergewöhnlich warmes Herz,« ergänzte Conners.

»Gewiß, gewiß! Sie empfindet unser Unglück sicherlich nicht weniger tief als meine Frau, weiß sich jedoch besser zu beherrschen. Gegen Karoline allerdings empfindet sie einen geradezu unversöhnlichen Haß, obgleich wir das arme Mädchen, das an unsrer Kleinen ebenfalls mit innigster Liebe hing, von Herzen bemitleiden.«

»Karoline soll auch dem jungen Henges sehr zugetan sein,« bemerkte Conners.

»Oh, der scheint bei dem ganzen Küchenpersonal Hahn im Korbe zu sein,« antwortete Mr. Ellis. »Ist der Herr Berichterstatter?« setzte er mit fragendem Blick auf mich hinzu, als ob meine Anwesenheit ihm jetzt erst zum Bewußtsein käme.

»Nein, er ist Börsenmakler und ein intimer Freund von mir, dessen Kontor an mein Atelier stößt,« sagte Conners, indem er mich vorstellte. »Sein Rat ist mir in ähnlichen Fällen oft von unbezahlbarem Wert gewesen, und so manchen Erfolg verdanke ich lediglich seinem Scharfsinn und seiner Umsicht.«

Ich warf ihm einen entrüsteten Seitenblick zu, schwieg aber.

»Könnten wir jetzt vielleicht Karoline sprechen?« erkundigte sich Conners.

Mr. Ellis klingelte und befahl dem eintretenden Diener, das Mädchen herbeizurufen. Mit größter Spannung sah ich Karolinens Kommen entgegen und musterte sie von Kopf bis zu Fuß mit eingehendster Aufmerksamkeit. Sie gehörte zu jener Art derber ländlicher Schönheiten, wie man sie gerade unter den besseren Dienstboten häufig findet. Conners hatte mit ihr wahrscheinlich nicht viele Schwierigkeiten, denn einen besonders intelligenten Eindruck machte sie nicht. Sie mochte bei der Entführung des Kindes vielleicht als Mitschuldige beteiligt sein; die Urheberschaft des Verbrechens war ihr jedoch entschieden nicht zuzuschreiben. Ihre dunkel umrandeten Augen waren tief eingesunken, und fahle Blässe bedeckte die sonst gewiß von gesunder Röte strotzenden Wangen.

»Setzen Sie sich, Karoline,« sagte Conners in freundlichem Tone. Das Mädchen streifte uns mit fragendem Blick, zeigte aber keinerlei Unruhe oder Verwirrung.

»Sind Sie ein Pfarrer, Sir?«

»Nein,« antwortete Conners, den die Frage sichtlich überraschte.

»Sie kommen mir ganz anders vor als die übrigen, die mich mit ihren Fragen nur gequält haben,« fuhr Karoline mit müder Stimme fort; »ich hoffte, Sie wären ein Seelsorger. Nur nach dem sehne ich mich noch; denn Miß Mary ist sicherlich tot.«

Mein Interesse wuchs bei jedem Wort. Unter dieser Maske der Verzweiflung verbarg sich fraglos weit mehr, als wir bisher angenommen hatten.

»Man hat mir schon gesagt, daß Sie Mary für tot halten. Wie kommen Sie darauf?« fragte Conners.

»Sie wurde nicht entführt, Sir; das ist ein Irrtum. Die Polizei bleibt zwar dabei, doch habe ich meine Pflicht nicht versäumt. Ich ließ das Kind nur einen Augenblick auf dem Parkwege allein, als ich dem Ball nachlief. Außer dem Polizisten war keine lebende Seele in der Nähe. Mary stand mitten auf dem Wege, wo ich sie von allen Seiten sehen konnte.«

»Hätten Sie es auch bemerken können, wenn sich ihr jemand näherte?«

»Gewiß; wenn er nicht gerade vom Hause herkam. Und in diesem Falle hätte ihn der Polizist sehen müssen. Als ich den Ball gefunden hatte, lief ich den Abhang wieder hinauf. Aber da war Mary verschwunden. Glauben Sie mir, Sir, sie ist tot.«

Sie sprach so eintönig, als sage sie etwas Eingelerntes her. Aus jedem ihrer Worte klang Teilnahmlosigkeit und dumpfe Verzweiflung.

»Wir haben gehört –« ergriff ich jetzt das Wort, hielt aber bei Conners' warnender Handbewegung sofort inne. Beschämt mußte ich den schüchternen Versuch, meinen vorhin so gerühmten Scharfsinn auch einmal zu betätigen, kläglich scheitern sehen. Einzig und allein mein glühendes Interesse für diesen eigenartigen Fall vermochte meinen Vorwitz zu entschuldigen.

»Wann erschien eigentlich Raphael Henges auf der Bildfläche?« setzte Conners jetzt das Verhör fort.

Bei diesen Worten änderte sich Karolinens Benehmen mit einem Schlage.

»Wie hätte das Kind denn auch verschwinden können?« rief sie lebhaft. »Raphael war doch so schnell zur Stelle, daß er es hätte sehen müssen. Er war es ja gerade, der den Polizisten auf das Automobil des Arztes aufmerksam machte; er kannte den Chauffeur. Am Nordende der Straße hielt der Eiswagen, und an der entgegengesetzten Ecke ein andres Automobil, das Raphael beinahe überfahren hätte, als er über die Straße lief. Von diesen Fuhrwerken aus hätte Miß Mary doch auch gesehen werden müssen.«

»So, so! Von diesem zweiten Automobil haben wir bisher ja noch gar nichts gehört,« sagte Conners.

»Er wird Ihnen schon davon erzählen, Sir. Es stand an der Ecke einer Querstraße und fuhr erst fort, als das Unglück schon geschehen war. Der Chauffeur befand sich unter der Menschenmenge, die sich auf mein Geschrei hin um den Polizisten und mich ansammelte. Raphael meint, der Mann könne mit der Sache nichts zu tun haben. Wie kommt es, daß all diese Leute die kleine Miß Mary nicht gesehen haben?«

»Weil wahrscheinlich niemand auf sie geachtet hat,« sagte Conners in freundlich zuredender Weise. »Ein Kind ist doch keine so ungewöhnliche Erscheinung im Straßenleben. Aber Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet.«

»Raphael ist an der Geschichte ganz unbeteiligt, obgleich es hier im Hause Leute gibt, die ihn gern hineinziehen möchten,« erwiderte Karoline trotzig und abweisend. »Mag ja sein, daß man in all der Aufregung nicht auf ihn geachtet hat – aber ich glaub's nicht.«

»Man scheint sich hier aber doch recht viel mit ihm zu beschäftigen,« warf Conners ein.

»Lassen Sie mich doch endlich mit Raphael Henges in Ruhe, Sir; ich habe die Sache jetzt wirklich satt – und er sicherlich auch.«

»Besaß Mary vielleicht eine neue Wachspuppe mit blondem Haar?« fragte Conners.

»Jawohl, Sir,« antwortete Karoline, wieder in ihre frühere Teilnahmlosigkeit zurücksinkend. »Die Puppe war einen Tag vor Marys Tode gekauft worden, und wir hatten sie an jenem Morgen in den Park mitgenommen.«

»Dann muß sie also auch verschwunden sein,« meinte Conners.

»Natürlich! Oder ist das nicht der Fall, Karoline?« warf Mr. Ellis dazwischen.

»Ja, Sir,« erwiderte das Mädchen, »wir haben sie seit jenem Tage nicht wieder zu Gesicht bekommen.«

»Dann haben die Geister auch die Puppe mitgenommen,« spottete Conners. »Wer hat die Puppe gekauft?«

»Miß Maurice,« antwortete Mr. Ellis. »Sie besorgte überhaupt fast alles, was das Kind brauchte.«

»Es ist doch wirklich recht schade, daß Miß Maurice das Kind nicht ganz und gar in ihrer Obhut hatte,« sagte Conners plötzlich in ganz verändertem, strengem Tone, »sie würde sicherlich weniger an ein Schäferstündchen mit Henges als an die ihrer Sorgfalt anvertraute Kleine gedacht haben.«

Bei diesen Worten blickte Karoline meinen Freund so haßerfüllt an, und ihre eingesunkenen Augen flammten so drohend auf, daß ich schon fürchtete, sie würde uns eine Szene machen. Unter gewöhnlichen Umständen wäre sie bei einem derartigen schweren Vorwurfe sicherlich in Tränen ausgebrochen; aber man merkte ihr auch ohne dies an, daß sie aufs tiefste gekränkt war. Mr. Ellis, der ebenfalls sehr überrascht schien, warf Conners einen verdutzten Seitenblick zu, schwieg jedoch.

»Es dürfte sich wohl empfehlen, diesem Henges auch einmal auf den Zahn zu fühlen, nicht wahr?« sagte Conners zu ihm.

»Seit Marys Verschwinden hat er sich sehr oft bei uns aufgehalten,« antwortete Mr. Ellis. »Ist er vielleicht unten, Karoline?«

Doch diese, die meinen Freund noch immer mit rachsüchtigem Gesichtsausdruck anstarrte, schien gar nicht zu hören, daß Mr. Ellis mit ihr sprach.

Da sagte Conners zu ihr: »Sie können jetzt gehen Karoline. Und sollte Henges gerade unten sein, so schicken Sie ihn doch herauf.«

»Sie ist auch halb von Sinnen, wie wir alle hier,« stieß Mr. Ellis seufzend hervor, als das Mädchen sich entfernt hatte.

Bei seinen Worten öffnete sich die von der Vorhalle in den Salon führende Türe, und herein trat rasch aber lautlos Miß Maurice, deren vorher blasses Antlitz vom Spaziergange rosig angehaucht war. Sie hatte weder Hut noch Mantel abgelegt und schien erstaunt, uns hiernach immer vorzufinden.

»Ich bin über Ihre rasche Rückkehr sehr erfreut, Miß Maurice,« begrüßte Conners sie, »denn ich wollte mich erkundigen, ob Sie sich vielleicht entsinnen können, am Tage vor Marys Verschwinden dem Kinde eine Puppe gekauft zu haben?«

»Aber gewiß,« antwortete sie. »Selbstverständlich erinnere ich mich daran. Bei einer Spazierfahrt fiel mir ein, daß dem Kinde eine Puppe fehle. Ich ließ daher den Wagen vor einem Spielwarenladen halten und kaufte sie.«

Auf Conners' Frage nach der Adresse des Ladens nannte sie diese auch und fragte schließlich, ob sie die Puppe holen solle.

»Das dürfte Ihnen schwer fallen, da sie mit der Kleinen zusammen verschwunden ist«, erwiderte Conners.

»Oh!« rief Miß Maurice unschlüssig.

In diesem Moment trat Karoline wieder ein, deren Augen bei Miß Maurices Anblick förmlich Blitze schossen.

»Raphael ist nicht unten, Sir,« sagte sie, sich an Mr. Ellis wendend. »Aber Mr. Jacksons Edmund, der Diener von nebenan, sagte mir, Miß Maurice wisse ganz genau, wo er augenblicklich zu finden ist.«

»Hm – – jawohl, – – – der Henges,« stammelte Miß Maurice verlegen, »Edmund sah uns beide die Straße heraufkommen. Ich traf Henges an der Ecke vor der Telephonzelle. Wünschen Sie ihn zu sprechen?«

»Jawohl, schicken Sie nach ihm,« antwortete Mr. Ellis, worauf Karoline das Zimmer wieder verließ.

»Ich muß nun auch gehen,« sagte Miß Maurice, »Mrs. Ellis wird mich brauchen; sie war schon viel zu lange allein.«

Mr. Ellis schrak zusammen.

»Das Kindermädchen ist bei ihr,« sagte er. »Aber ich hatte ganz vergessen, daß Miß Maurice ausgegangen war. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Herren; ich bin sofort wieder hier.« Damit eilte er hinaus.

»Wir dürfen unsre teure Kranke auch nicht einen Augenblick allein lassen,« murmelte Miß Maurice.

Langsam legte sie Hut und Mantel ab und machte sich am andern Ende des Zimmers zu schaffen, bis sie sich bei Henges' Eintritt wieder näherte und auf einem Sofa Platz nahm.

Raphael Henges' äußere Erscheinung entbehrte nicht eines gewissen fremdartigen Reizes. Seine Gesichtsfarbe war noch dunkler als selbst diejenige meines Freundes; sein wohlgepflegter Schnurrbart beschattete einen schön geschnittenen Mund, der beim Sprechen blendend weiße Zähne sehen ließ. Ein gut sitzender, peinlich sauberer Anzug ließ seinen stattlichen, muskulösen Wuchs vorteilhaft hervortreten.

»Wie alt sind Sie eigentlich, Henges?« fragte Conners den Eintretenden ganz unvermittelt.

»Siebenundzwanzig Jahre, Sir.«

Er antwortete ohne Zögern, denn er wußte, daß dieses Verhör sich auf die bewußte Angelegenheit bezog, in der man ihn schon zweimal polizeilich vernommen hatte.

»Sie sind Seemann?«

»Jawohl, Sir!«

»Warum haben Sie denn die Karoline Wells nicht geheiratet?«

Der junge Mann errötete und zuckte verlegen die Achseln. Während er befangen zu Boden sah, warf Conners heimlich beobachtende Blicke zu Miß Maurice hinüber, deren Züge jetzt einen allerdings kaum merklich veränderten Ausdruck trugen.

»Das ist eine rein persönliche Angelegenheit, die Sie wohl schwerlich interessieren dürfte, Sir,« erwiderte Henges nach kurzem Zögern.

»Sie brauchen diese Frage auch nicht zu beantworten, wenn Sie nicht wollen«, sagte Conners. »Ich wollte Ihnen keineswegs zu nahe treten. Aber da Ihr Techtelmechtel mit Karoline doch ein offenes Geheimnis ist und das Mädchen mit der Beaufsichtigung der kleinen Mary betraut war, können Sie sich wohl denken, daß uns jeder, der zu Karoline irgendwie in Beziehung steht, auf das lebhafteste interessiert.«

»Selbstverständlich,« warf Miß Maurice ein.

Verdutzt blickte Henges sie an, um dann die Augen wieder zu senken.

»Dann will ich Ihnen die Frage doch lieber beantworten; denn ich möchte nichts verheimlichen, was zur Aufklärung der Angelegenheit beitragen könnte. Als ich mit Karoline zu verkehren anfing, da – da – da –« Verwirrt stockte Henges.

»Lassen Sie sich ruhig Zeit,« sagte Conners.

Henges räusperte sich.

»Das brauche ich gar nicht, Sir. Karoline ist arm und ich bin sehr beliebt.«

»W–a–s?«

»Ja, bei den Mädels, Sir. Dadurch kamen wir ein bißchen auseinander, bis ich hörte, daß Karolines Tante, die die Witwe von einem Händler ist, ihr mal ein hübsches Stück Geld hinterlassen würde. So kamen wir dann wieder zusammen und setzten unsern Verkehr fort. Es eilt uns ja gar nicht. Ich bin noch jung, und so wie die Mädels sich um mich reißen, kann ich's noch 'ne gute Weile aushalten.«

»Sie scheinen sich also einstweilen nach dem wärmsten Nest umzusehen, nicht wahr?«

»Ganz recht, Sir. Aber ich weiß wirklich nicht, was das mit dieser Angelegenheit zu tun haben soll.«

»So? Na, Ihre Aufrichtigkeit läßt dem Anschein nach ebensowenig zu wünschen übrig wie Ihr Glück in der Liebe. Übrigens brauchen wir Sie jetzt nicht weiter; vorläufig wollten wir erst einmal Ihre Bekanntschaft machen. Vielleicht lassen wir Sie später nochmals rufen.«

»Bitte sehr; ich stehe Ihnen immer gern zur Verfügung. Ich war ja der erste, der nach der kleinen Miß Mary suchte. Und hätte ich den Kerl, der sie entführte, in die Finger bekommen, den hätte ich gehörig vermöbelt.«

»Wirklich? Na, schön! Also auf Wiedersehen.«

Mit sichtlicher Erleichterung, dieses unbehagliche Verhör glücklich beendet zu sehen, verließ Henges das Zimmer. Und sofort erhob sich auch Miß Maurice.

»Verzeihung!« sagte Conners in liebenswürdigstem Tone, »würden auch Sie mir freundlichst ein paar Fragen gestatten, Miß Maurice?«

»Selbstverständlich! Bitte sehr; ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,« antwortete sie in verbindlichster Weise.

»Besten Dank! Sie können sich wohl denken, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben, wie wichtig uns daher auch das Geringste ist, was mit dem Verschwinden der Kleinen irgendwie im Zusammenhang stehen könnte, und Sie werden begreifen, daß wir darüber ganz genaue Auskunft haben müssen. Leider können Mr. und Mrs. Ellis uns in dieser Hinsicht gar nicht unterstützen, und die Dienstboten sind einerseits durch die häufigen Verhöre völlig eingeschüchtert und verängstigt, anderseits aber auch mit allerlei bei einem derartigen Vorfall so leicht entstehenden Klatschereien vollgepfropft, daß ihre Aussagen für uns ganz wertlos sind. Sie verstehen mich doch, nicht wahr?«

»Gewiß!«

»Nun könnten Sie uns vielleicht bei unsern Nachforschungen durch manchen Fingerzeig fördern. Zwar tappen wir noch immer ganz und gar im Dunkeln, doch habe ich mir in bezug auf den oder die Verbrecher eine Ansicht gebildet, über die ich mich mit Ihnen gern eingehend aussprechen möchte. Dürfte ich wohl darauf hoffen?«

»Selbstverständlich.«

»Könnten Sie mich vielleicht heute nachmittag in meinem Atelier besuchen? Dort sind wir ungestört und stehen auch nicht so unter dem Druck dieses Milieus, das einen jeden mehr oder minder beeinflußt und lähmt,« sagte mein Freund, der nun selbst die Fassung zu verlieren schien und fröstelnd die Schultern hob.

»Gewiß, sehr gern,« erwiderte Miß Maurice bereitwillig; »ich begreife Ihre Absicht vollkommen. Um welche Zeit wäre Ihnen mein Besuch angenehm?«

»Sagen wir um drei Uhr, wenn es Ihnen paßt. Zwar wird auch mein Freund hier zugegen sein, doch wäre es mir auch ganz recht, wenn Sie ebenfalls einen Begleiter mitbrächten, den Haushofmeister oder den Kammerdiener, oder wer sonst gerade Zeit hat.«

»Ich komme sehr gern,« versicherte Miß Maurice und setzte nach kurzer Pause hinzu: »Eigentlich ist's doch recht seltsam, daß die Verbrecher noch immer nichts von sich hören lassen. Dieses Hangen und Bangen ist schrecklich.«

»Verzeihung! Da fällt mir ein, daß Sie vom Allerneuesten noch gar nicht in Kenntnis gesetzt sind. Ein Inserat, das unbedingt von den Entführern der kleinen Mary herrührt, enthält die Mitteilung, daß sie jetzt bereit sind, das Kind gegen eine hohe Summe herauszugeben.«

»Endlich!« rief Miß Maurice lebhaft aus. »Ach! das ändert die ganze Sache. Nun, Mr. Ellis will ja auch gern zahlen.«

»Ja, ganz sicher.«

»Hoffentlich werden Sie ihm davon auch nicht abraten, Mr. Conners, und dadurch die Auslieferung unsres Lieblings hinausschieben,« meinte Miß Maurice nun, wobei ein leiser Unterton der Drohung aus ihren Worten klang.

»O nein! Keineswegs!« erwiderte Conners ernst. »Müssen wir aber schon zahlen und noch dazu eine so hohe Summe, so wollen wir uns selbstverständlich auch nach jeder Richtung hin sichern. Vor allen Dingen fordern wir von den Verbrechern bestimmte Garantieen dafür, daß die Kleine gesund und munter ist und während unsrer Unterhandlungen nicht etwa mißhandelt oder sonstwie gequält wird.«

»Natürlich,« unterbrach Miß Maurice, deren Erregung mit jeder Sekunde wuchs, meinen Freund.

»Ferner,« fuhr dieser fort, »müssen wir unter allen Umständen zu vermeiden suchen, daß uns die Polizei jetzt in die Quere kommt. Hierbei heißt es selbstverständlich ungemein vorsichtig verfahren, aber wiederum auch so, daß die Verbrecher merken, wie sehr wir auf unsrer Hut sind. Deswegen ist für mich eine ganz genaue Kenntnis sämtlicher mit der Entführung in näherem oder weiterem Zusammenhang stehenden Umstände und Tatsachen unbedingt erforderlich.«

»O, wie gern will ich Ihnen helfen!« rief Miß Maurice aus; »ich werde pünktlich zur Stelle sein. Und nur eins möchte ich Ihnen noch um Mrs. Ellis, ach, um unser aller willen, besonders ans Herz legen: verlieren Sie so wenig Zeit wie möglich!«

»Darauf können Sie sich fest verlassen,« antwortete mein Freund in tiefernstem Tone. »Doch nun wollen wir uns empfehlen, später erwarte ich Sie bei mir.«

»Gern möchte ich noch Mr. Ellis holen,« sagte Miß Maurice geschäftig; »o, wie dankbar werden wir Ihnen für Ihre Bemühungen sein, meine Herren! Und Sie werden doch hoffentlich nicht zugeben, daß die leidige Geldfrage unsern angebeteten Liebling noch länger von uns trennt, nicht wahr?«

»O nein!« erwiderte Conners. »Seien Sie versichert, daß wir alles, was sich uns hindernd und trennend entgegenstellt, energisch aus dem Wege räumen werden. Sie kennen doch meine Adresse?«

»Hm« – sie zögerte mit der Antwort – »ich – – – ich habe sie wohl vergessen –«

»Und ich habe leider keine Karte bei mir,« fiel Conners ihr ins Wort. »Würden Sie wohl so freundlich sein, mir ein Blatt Papier zu geben?«

Während Miß Maurice es aus einem auf dem Tische stehenden Silberständer holte, reichte Conners ihr einen Bleistift mit den Worten: »Bitte, notieren Sie sich meine Adresse,« und betrachtete aufmerksam ihre Handschrift, als er ihr Straße und Nummer seiner Wohnung diktierte.

Auch ich folgte mit lebhaftem Interesse der Bewegung ihrer schlanken Finger, die in großen, kühnen Zügen die Worte auf das Papier warfen.

»Soll ich nun Mr. Ellis holen?« fragte Miß Maurice, als sie meinem Freunde den Bleistift zurückgab.

Conners nickte, jedoch nur sehr flüchtig, als ob er an etwas andres denke und auf ihre Frage nicht recht geachtet habe. Mit einer leichten Verneigung verließ Miß Maurice nun das Zimmer und kurz danach richtete Conners an mich die sonderbare Frage:

»So! Wissen Sie jetzt Bescheid?«

»Nein!« antwortete ich ärgerlich. »Ich bin so klug wie zuvor.«

»Die ganze Angelegenheit hat sich auch ungemein rasch weiter entwickelt, was Ihnen ebenfalls ausgefallen wäre, wenn Sie gleich mir den Lauf der Dinge von Anfang an verfolgt hätten,« sagte Conners. »Zunächst ist die neue Wachspuppe nicht mit der kleinen Mary zugleich verschwunden. Gestern abend fand ich sie in dem Parterrekorridor, wo sie volle acht Tage unter einem Paar Gummischuhen sanft und ungestört geruht hatte. Die Dienstboten haben hier tatsächlich die ganze Woche Feiertage; sie genießen die gleiche Untätigkeit und Sensation, die sonst ein Todesfall im Hause mit sich zu bringen pflegt.«

»Sind Sie denn bei Ihren Nachforschungen weiter vorwärts gekommen?« fragte ich meinen Freund.

»Allerdings: ich weiß sogar, wer der Täter ist!«

»Wirklich?«

»Ganz bestimmt! Doch kenne ich – leider – noch immer nicht das Versteck des Kindes. Und eine Kenntnis ohne die andre verstärkt die Gefährlichkeit der Situation in hohem Grade. Denn der Kindesräuber würde den Mund nicht öffnen, selbst wenn er am Marterpfahl stände; nicht einmal mit glühenden Zangen ließe er sich sein Geheimnis entreißen.«

»So waren Sie früher demnach auf falscher Fährte, als Sie ein Weib für den Täter hielten?« rief ich erregt aus. »Meinen Sie jetzt etwa jenen Seemann? Da möchte ich doch sehr bezweifeln, daß er die von Ihnen geschilderte Festigkeit und Standhaftigkeit besitzt.«

»Warten Sie, alter Freund, bis Sie einen noch tieferen Einblick in die ganze Sache erlangt haben. Und denken Sie an das, was ich Ihnen jetzt prophezeie: Wenn Miß Maurice mich heute nachmittag in meinem Atelier besucht, so ist ihr Begleiter – Mr. Henges.«

»Ah! Glauben Sie's wirklich? Zieht man freilich seine offenherzigen Äußerungen über das Heiraten in Betracht, so kommt man zu dem Schlusse: Er braucht Geld. Hat diese Erwägung Sie in Ihrem Vorgehen beeinflußt?«

»Allerdings! Und zwar so stark, daß ich, wie Sie ja selbst sahen, auf ein weiteres Verhör verzichtete.«

»Sie meinen wohl, daß in diesem Falle mehrere unter einer Decke stecken?«

»Ohne Zweifel. Das darf man übrigens bei den meisten derartigen Verbrechen voraussetzen: hier weiß ich es allerdings bestimmt.«

»Und Henges ist Ihrer Ansicht nach der Vermittler?«

»Mehr noch,« rief er mit auffälligem Nachdruck.

»Dieser Tagedieb von einem Kreolen!«

»Henges ist kein Kreole,« entgegnete Conners. »Er ist ein Weißer, von Geburt Mexikaner, aber mit so viel Einschlag indianischen Blutes, daß ich instinktiv fühle, wie ich ihm beikommen kann.«

»Aha! Nun fängt die Sache an, erst recht knifflich zu werden,« sagte ich, da mir gerade einfiel, mit welchem Stoizismus jene rote Rasse die furchtbarsten Martern erträgt: »bei Ihrer Kenntnis des Täters und angesichts jenes Inserats müssen Sie jetzt doppelt vorsichtig verfahren.«

»Natürlich! Bisher haben wir den Halunken noch nicht geantwortet. Und das wäre auch sehr gefährlich, da die Polizei die Annonce doch ebenfalls gelesen hat und demgemäß nun wahrscheinlich ihre Maßnahmen treffen wird. Vielleicht antwortet die Polizeidirektion in der Mulberry-Street sogar selbst auf jenes Inserat. Das sagen sich die Schurken – denn es sind sicherlich mehr als einer – natürlich auch. Und um nicht noch zuguterletzt ihre Haut zu Markte zu tragen, würden sich die Halunken dann nur unter Beobachtung der allergrößten Vorsichtsmaßregeln zu Unterhandlungen bereit finden lassen, so daß diese sich nicht allein Tage, sondern womöglich Wochen hindurch in die Länge ziehen könnten. Das aber ist's gerade, was ich durch mein Eingreifen verhindern möchte.«

Wir warteten nicht länger auf Mr. Ellis, sondern brachen auf, und Conners zeigte mir von der Treppe aus die Stelle, wo die Kleine verschwunden war.

»Gehen wir hinüber?« fragte ich.

»Nein,« antwortete er, »ich bin schon dort gewesen, und Karoline hat den Vorfall ja auch sehr ausführlich geschildert, übrigens können Sie den ganzen Schauplatz von hier aus ebensogut übersehen.«

»Es kommt doch auch wohl weniger darauf an, wie das Kind gestohlen wurde, als wo es sich jetzt befindet,« meinte ich.

Conners nickte nur stumm, wie es bei intensivem Nachdenken seine Art war; dann brachte uns der Wagen, der so lange gewartet hatte, in einer halben Stunde nach dem Gebäude mit unsern Bureaus oberhalb der dreiundzwanzigsten Straße.

Da wir einen tüchtigen Appetit verspürten, die Frühstückszeit aber längst vorüber war, begaben wir uns nicht direkt in Conners' Atelier, sondern suchten ein in der Nähe gelegenes Restaurant auf, in dem wir öfters speisten.

Unterwegs kaufte Conners eine Zeitung mit den Worten: »Hoffentlich wird es uns noch besser munden, wenn wir erst einen Blick hineingetan haben.« Und kaum hatten wir Platz genommen, als Conners, der das Blatt durchflog, in ein lautes Gelächter ausbrach.

»Da haben wir ja auch bereits die Antwort,« sagte er und zeigte mir die Stelle, wo in fettgedruckten gesperrten Lettern das Wort: ›Ja‹ stand.

»Meinen Sie wirklich, daß die Polizei dies einrücken ließ?«

»Aber selbstverständlich,« erwiderte er, vergnügt lächelnd. »Und da die Kindesräuber das auch sehr rasch herausbekommen würden, könnten wir unter Umständen noch weiß Gott wie lange warten, wenn wir den gewöhnlichen Weg einschlügen. Inzwischen aber kann Mrs. Ellis vor Angst um das Kind den Tod haben und ihre Freundin Mrs. Dean nicht minder.«

»Ist Henges denn so durchtrieben?«

»Ich halte ihn nicht für bösartig,« erwiderte Conners trocken. »Sie mißverstehen mich fortgesetzt. Vielleicht hat Henges mit der ganzen Sache nicht mehr zu tun als Sie selbst.«

Erstaunt legte ich Messer und Gabel hin. »Das soll nun ein Mensch begreifen!«

Conners warf mir lachend eine Zigarre über den Tisch zu. »Da, stecken Sie sich eine Verdauungszigarre an! Wir gehen schwierigen Zeiten entgegen.«

Ich antwortete nichts darauf, sondern blickte in Gedanken versunken den Rauchringeln nach, während Conners durch die Scheiben die vorüberhastende Menge beobachtete.

Gegen drei Uhr erhoben wir uns, zahlten und schlenderten gemächlich unsrer Behausung zu.

Ich begleitete Conners in sein Atelier. Selbst in Erwartung des Besuchs blieb er seinen Gewohnheiten treu, warf den Rock ab und schlüpfte in die Künstlerjoppe; doch stellte er die Staffelei beiseite und räumte die Pinsel fort.

»Aha! Klar Deck zum Gefecht!« rief ich lachend.

»Wir werden Platz brauchen,« sagte er ernst.

»Was erhoffen Sie denn eigentlich von diesem wenig versprechenden Besuche?«

»Aufschlüsse! Mehr Licht im Dunkel! Vielleicht einen Anhalt, wo das arme Kind verborgen ist und ob wir es unversehrt seinen Eltern wiederbringen können. Ein Fehlgriff unsrerseits kann der Kleinen das Leben kosten. Sie mag in Händen von Leuten sein, die sie bei der geringsten Gefahr, entdeckt oder von den Behörden gefaßt zu werden, sofort umbringen würden.«

»Das scheint wahrhaftig ein Kapitalfall in Ihrer Praxis zu sein,« bemerkte ich in meiner augenblicklich durch das gute Frühstück gehobenen Stimmung.

»Ist er auch!« entgegnete er sehr ernst. »Denn wie soll ich herausbekommen, wo das kleine Mädchen verborgen gehalten wird, und wie es befreien, ohne daß ihm ein Leid geschieht?«

»Sie brauchen ja nur den geforderten Preis zu bezahlen, wie Sie schon angedeutet,« schlug ich vor.

»Ich sagte Ihnen doch, warum das nicht so ohne weiteres geht,« gab er zur Antwort.

»Nun gut,« sagte ich. »Sie können ja versuchen, aus Miß Maurice herauszubekommen, was sie weiß, und dann sehen, ob die Entführer sich nicht irgend eine Blöße geben. Wenn Wochen über den Verhandlungen hingehen und die Polizei Ihnen nicht dazwischen kommt, gelingt es Ihrem wunderbaren Scharfsinn vielleicht, ohne jedes Geldopfer das Kind zu befreien und die Verbrecher zu entlarven. Es wäre ja nicht das erstemal, daß Sie derartiges zustande brächten.«

Eben schlug in der Nachbarschaft eine Uhr drei, als an die Tür geklopft wurde und Miß Maurice in Begleitung von Raphael Henges eintrat.

Vergeblich versuchte ich, einen Blick mit Conners zu wechseln, dessen Aufmerksamkeit auf seine Besucher gerichtet war.

»Das nenne ich Pünktlichkeit,« begrüßte er sie lächelnd.

»Wie konnte ich anders, nachdem Sie mich um meinen Beistand baten, Mr. Conners!« erwiderte Miß Maurice. »Hier habe ich Ihnen Mr. Henges mitgebracht. Ich glaube, er wird die Persönlichkeit sein, die Sie brauchen.«

Mr. Henges bewunderte mit unverhohlenem Entzücken die fein abgestimmte Ausstattung des Ateliers.

»Bitte, nehmen Sie Platz!« sagte Conners.

Er rückte für Miß Maurice einen Stuhl in die Nähe des Eingangs zu den innern Gemächern und nötigte Henges auf einen Diwan, hinter dem sich eine Dekoration von Teppichen und Waffen befand, deren Mittelstück ein indianischer Bogen nebst Schild und Köcher mit Pfeilen bildete.

Das ungewöhnliche Benehmen meines Freundes, den ich doch so gut kannte, seine gemessene, würdevolle Höflichkeit erregten mein Befremden.

Miß Maurice und Henges sahen ihn, nachdem sie die ihnen angebotenen Plätze eingenommen hatten, erwartungsvoll an.

»Bevor ich einige Fragen an Sie richte, um deren Beantwortung ich Sie bitten muß, Miß Maurice,« begann Conners mit tiefer, vibrierender Stimme, »möchte ich Ihnen klar machen, in welchen Schwierigkeiten wir uns befinden. Haben Sie das Zeitungsinserat gelesen, von dem ich sprach?«

Sie bejahte, während sie ihn mit großen Augen anblickte.

»Haben Sie bemerkt, daß die Art, in der es abgefaßt ist, Intelligenz und Bildung verrät? Demnach handelt es sich nicht um gewöhnliche Verbrecher. Eben entdecke ich nun, daß die Polizei das Inserat beantwortet hat.«

Er reichte ihr die Zeitung und wies auf das Wort: ›Ja‹ in fettgedruckten Lettern.

Nachdem Miß Maurice einen mechanischen Blick darauf geworfen hatte, ließ sie das Blatt in den Schoß sinken.

»Haben Sie das nicht einsetzen lassen?« fragte sie.

»Nein; Sie sehen jetzt, wie verzwickt die Sachlage ist. Wir sind bereit, jede vernünftige – oder meinetwegen auch unvernünftige Summe zu zahlen, unsre Schritte werden aber von der Polizei überwacht werden. Dutzende von scharfen Augen beobachten und belauern jeden, der sich in Unterhandlungen mit den Erpressern einläßt.«

»Aber Sie werden sich dadurch doch hoffentlich nicht beeinflussen lassen?«

»Ich bezweifle überhaupt, daß jene auf das zweite Inserat eingehen,« erwiderte Conners. »Sie werden Lunte gerochen haben und auf ihrer Hut sein.«

»Möglich,« sagte sie, »aber da es, wie Sie meinen, ungewöhnlich intelligente Leute sein müssen, so werden sie bei ihrem Plan wohl auch dies in Betracht gezogen haben.«

»Sehr richtig,« bemerkte Conners sinnend. »Dennoch bin ich überzeugt, daß sie sich jetzt still verhalten werden.«

»Sie könnten es aber doch wenigstens versuchen, Mr. Conners,« entgegnete sie ernst.

»Gewiß! Das wollen wir ja auch; aber wie ließen sich die Schwierigkeiten umgehen? Könnten Sie mir nicht einen Vorschlag machen?«

»Ich?« fuhr sie auf. »Wie sollte ich denn dazu kommen, Mr. Conners?«

»Entschuldigen Sie!« sagte er langsam. »Ich weiß mir eben gar keinen Rat. Da sehen Sie, wie leicht es ist, ein Verbrechen auszuführen, doch wie schwer, sich in den Genuß der Früchte zu setzen. Die Entführung des Kindes war eine Kleinigkeit, seine Auslieferung gegen Geld jedoch ist mit Gefahr verknüpft, weil sämtliche Komplizen dadurch mit dem Strafgesetz in Konflikt kommen.«

»Das darf doch für Sie kein Hindernis sein!« unterbrach ihn Henges. »Wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen, um das Kind seinen Eltern wieder zuzuführen. Jede andre Rücksicht muß hier schweigen, und ginge es selbst auf Leben und Tod.«

»Es ist schon möglich, daß einer dran glauben muß,« sagte Conners, ihn bedeutungsvoll anblickend. »Ich bin gerade kein überaus geduldiger Mensch.«

»Geduld wäre in diesem Falle auch ganz unangebracht,« bemerkte Miß Maurice. »Mrs. Ellis, meine Wohltäterin, stirbt vor Angst und Kummer. Da die Entführer der kleinen Mary doch nur darauf warten, daß ihnen Geld geboten wird, haben Sie kein Recht, die Sache durch Ihre Maßnahmen in die Länge zu ziehen, um so weniger, als Mr. Ellis bereit ist, das geforderte Lösegeld zu zahlen.«

»Recht so!« rief Henges.

»Was soll das heißen?« schrie Conners plötzlich mit ganz verändertem, zornentstelltem Gesicht. »Wollen Sie sich etwa meine Ratlosigkeit und Verlegenheit zunutze machen?« rief er, sich nur mühsam bezwingend, mit geballten Fäusten. »Wagen Sie es etwa, mir Unfähigkeit vorzuwerfen, Sie, der das Verbrechen ausheckte, welches Ihre Geliebte, die elende Karoline, nachher vollführte? Sie selbst haben das Mädchen ja dazu angestiftet, den schändlichsten Vertrauensbruch zu begehen, um Geld zu erpressen, damit Sie heiraten könnten, Sie erbärmlicher Mensch! Wo ist Mary Ellis?«

Miß Maurice und Henges sprangen auf.

»Sie Narr!« zischte die Erzieherin zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.

Erstaunen und Wut malten sich auf dem Gesicht des jungen Mannes. Er hob die Hand, die Conners am Gelenk packte und nach hinten zwang. Rasch sprang ich hinzu, während Miß Maurice kreidebleich zurückwich.

»Bleiben Sie weg!« rief mir Conners mit unterdrückter Stimme zu.

Da ich seine Kraft und körperliche Gewandtheit kannte, gehorchte ich, wenn auch sehr bestürzt durch diesen unvorhergesehenen Zwischenfall.

Der Kampf war kurz. Mit gestrafften Muskeln, regungslos wie Bildsäulen standen die beiden unter der Draperie, die plötzlich herunterkrachte. Mir war, als hätte Conners sie absichtlich herabgerissen, damit sich sein Gegner in den Falten verwickele. Die gekreuzten Schwerter samt dem Schilde fielen rasselnd zu Boden und ihnen folgten der gespannte Bogen und der Köcher mit den Pfeilen. Conners stand noch immer aufrecht, während Henges halb betäubt und mit wutverzerrtem Gesicht auf dem Diwan liegen blieb.

Conners nahm einen der Pfeile in die Hand und besah ihn aufmerksam.

»Das ist schlimm,« sagte er heiser. »Kommen Sie her, lieber Freund, helfen Sie mir!«

»Was ist geschehen?« rief ich, zu ihm hinstürzend.

»Schnell! Holen Sie mir die rote Flasche und das Glas aus dem Nebenzimmer; es ist nicht viel Zeit zu verlieren!«

Als ich mit der Flasche zurückkehrte, hatte er bereits den Rock abgeworfen und den Hemdärmel aufgestreift; aus einer Wunde im Arm sickerte das Blut.

»Brechen Sie die Isolatorklammer von der Glühlampe ab und ziehen Sie den Draht heraus!«

So schnell wie möglich befolgte ich Conners' Anordnungen, ohne auf unsre verwirrten Besucher zu achten. Ich drehte die Glühbirne aus ihrer Montierung, zerschlug das Glas und wickelte den Draht ab.

Conners handelte mit größter Besonnenheit. Nachdem er einen Schluck aus der Flasche genommen, trat er auf ein Gestell, worauf eine kleine Dynamomaschine stand, die er zu Experimenten benutzte, schloß sie durch die Drähte an die elektrische Leitung an und setzte sie in Gang. Ihr kaum wahrnehmbares Summen klang seltsam durch die Totenstille im Zimmer.

»Ich habe mich mit einem vergifteten Pfeil geritzt,« sagte er ruhig, »und bin unrettbar verloren, wenn ich nicht sofort die schärfsten Gegenmittel anwende.«

Ohne auf mein Entsetzen zu achten, schloß er den Strom, und als die Funken sprühten, brachte er das weißglühende Metall an die Wunde.

Der scharlachrote Fleck wurde bleifarben, die Blutstropfen versiegten aufzischend; über den zusammenschrumpfenden Wundrändern entstand eine Blase.

Endlos erschien mir die grausame Prozedur, und doch erstarben mir die Protestworte auf den Lippen bei dem Gedanken an die furchtbare Gefahr, die sie heraufbeschworen hatte, und bei einem Blick in das unbewegte Gesicht des Mannes, der diese Marter mit unerschütterlicher Gelassenheit ertrug. Der Geruch des verbrannten Fleisches verursachte mir ein Gefühl der Übelkeit.

Nach einigen atemraubenden Sekunden warf Conners lächelnd die Drähte hin: »Was ich konnte, habe ich getan. Jetzt heißt's abwarten!«

»Barmherziger Himmel!«

Leichenblaß, am ganzen Leibe zitternd, stand Miß Maurice, das verkörperte Bild des Entsetzens.

»Für eine Dame allerdings kein angenehmer Anblick!« bemerkte Conners ruhig.

»Barmherziger Himmel!« stieß sie abermals hervor.

»Da, sehen Sie her!« rief Henges, der nun ebenfalls seinen Rock abwarf, »ich bin ebenfalls verletzt.«

Er entblößte den Arm und zeigte auf eine Wunde, nahe am Ellbogen.

Selbst mich, dessen Gefühle durch das Martyrium, das sich Conners vor meinen Augen auferlegt hatte, aufs äußerste gespannt waren, überraschte die Wirkung dieser Worte auf Miß Maurice.

War der Ausruf vorhin nur ein Beweis für die starke Erschütterung ihrer Nerven gewesen, so schien sie jetzt wirklich von Angst verzehrt zu werden – mit keuchendem Atem lehnte sie leichenblaß an der Wand.

»Wo haben Sie das Zeug, das Sie tranken?« fragte Henges heiser.

»Was, Sie wagen es, das von mir zu verlangen?« schrie Conners mit neuaufflammendem Zorn. »Sie Kindesräuber! Sie elender Wicht! Ich habe ja gleich gesagt, einer würde daran glauben müssen. Das ist die Strafe des Himmels! Weg! sage ich Ihnen!«

Von Conners starkem Arm zurückgestoßen, sank Henges auf den Diwan, doch Miß Maurice sprang wie eine Tigerkatze auf die Flasche zu.

»Oho, so haben wir nicht gewettet,« sagte Conners, während er die Flasche ihren Händen entwand. »Wenn es ein Mittel gibt, das Leben dieses Mannes zu retten, von mir bekommt er es nicht!«

»Er ist unschuldig!« keuchte sie.

»Und wenn ein Engel vom Himmel käme!« erwiderte Conners. »Ich weiche nicht von der Stelle, bis dieser Schurke seinen letzten Atemzug getan.«

Sie schwankte und lehnte sich, um nicht zu fallen, an das Fensterbrett.

»Ich bin die Schuldige!« stieß sie hervor.

»Pah!« rief Conners heftig. »Das weiß ich längst! Sie lieben ihn und sind mit ihm im Bunde!«

»Nein!« schrie sie, die gefalteten Hände erhebend. »Retten Sie ihn! Er ist unschuldig! Ich allein raubte das Kind! Ich rief es aus dem Park, als Karoline fortgelaufen war, und führte es durch das Haus zu einem in der Nebenstraße wartenden Automobil, das mir mein Bruder, dem ich Geld dafür versprochen, besorgt hatte. Ich war es, die mir das Geld verschaffen wollte, um Henges, den ich liebe, heiraten zu können. Bei Gott im Himmel, ich spreche die Wahrheit!«

»Wo ist das Kind?« fragte Conners streng. »Jetzt aber keine Lügen, wenn Sie den Mann retten wollen!«

»Auf Staten Island, – in der Nähe von Richmond.«

»Was ist erforderlich, damit die Kleine ausgeliefert wird?«

»Ein schriftlicher Befehl von mir – schnell, schnell!«

»Jedem beliebigen Überbringer?«

»Ja, ja! Marys Hüterin ist meine Schwägerin. Um Gottes willen, verlieren Sie keine Zeit!«

»Befestigen Sie die Drähte wieder an der Leitung und halten Sie alles bereit!« wandte sich Conners an mich.

Er eilte ins Nebenzimmer und holte Feder, Tinte und Papier, die er Miß Maurice reichte. Trotz der Todesangst, welche die Erzieherin schüttelte, flogen ihre Finger über das Papier.

»So! Das wäre besorgt,« sagte Conners und faltete mit ruhigem Lächeln das Blatt zusammen. »Bleiben Sie bis zu meiner Rückkehr bei der Dynamomaschine! Wir haben nachher noch Zeit genug zur Rettung des Verletzten.«

»Beeilen Sie sich!« flehten die blassen Lippen der Miß, die in ihren Stuhl zurückgesunken war. »Es hängt ein Menschenleben davon ab.«

Conners stürzte davon, während ich mich, völlig erschöpft wie die beiden andern, an das eiserne Gestell der Maschine lehnte.

Henges lag ganz still auf dem Diwan, seine Blicke aber hingen unverwandt an der schmächtigen, gebrochenen Gestalt in dem Stuhl vor ihm. Es dünkte mich eine Ewigkeit, bis Conners wieder eintrat mit den in heiterem Tone gesprochenen Worten: »Ich fühle mich bedeutend besser. Ist alles bereit?«

»Oh, mein Gott!« stöhnte Miß Maurice, die Augen mit der Hand bedeckend. »Müssen wir das Entsetzliche noch einmal mit ansehen?«

Ein Zwischenfall überraschendster Art, den Conners in späteren Jahren noch oft erwähnte, unterbrach hier den Gang der Ereignisse.

Henges, die Hand auf die Wunde gepreßt, hatte sich erhoben und stand uns mit feindlichem Blick gegenüber.

»So! Jetzt wollen wir einmal den Spieß umdrehen, Mr. Conners,« begann er. »Wie lange habe ich noch zu leben?«

»In der Hinsicht dürfen Sie sich keinen allzu großen Illusionen hingeben,« erwiderte dieser. »Im günstigsten Falle – hm – na, sagen wir etwa zwei Stunden.«

»Werde ich viel zu leiden haben?«

Conners zuckte die Achseln.

»Nun gut, mein Herr, dann können Sie sich wenigstens am Anblick meiner Qualen ordentlich werden und die Genugtuung, einen unschuldigen Menschen gemordet zu haben, voll auskosten. Daß ich unschuldig bin, will ich auf die Bibel beschwören. Ich bin der letzte, der ein Kind stehlen würde, und am wenigsten die kleine Mary. Wenn ich auch weit davon entfernt bin, ein Heiliger zu sein, so gibt es doch Dinge, die ich nie übers Herz bringen könnte. Nehmen Sie das Bewußtsein, einen Unschuldigen getötet zu haben, mit ins Grab!«

»An Mut scheint's Ihnen nicht zu fehlen, ein Narr sind Sie aber doch,« erwiderte Conners, in dessen Augen ein seltsamer Glanz aufleuchtete, mit eigentümlicher Betonung.

»Oh nein, ich nicht! Sie sind der Narr, der einen zwecklosen Mord begeht.«

»Sie werden mich noch in Mißkredit bringen!« entgegnete Conners.

»Jawohl, mein Herr, bei Ihrem eigenen Gewissen. Wenn es eine Frau auf Erden gibt, die mir zugetan ist, wie Sie es eben hörten, so will ich auch für sie einstehen und die Verantwortung für ihre Taten, die sie aus Liebe zu mir beging, auf mich nehmen. Versprechen Sie mir, daß sie frei ausgeht! Dann können Sie den glühenden Draht an meine Wunde legen!«

In entschlossener Haltung, die flammenden Augen fest in die seines Gegenübers bohrend, stand der Mann vor Conners, der nach einer herzbeklemmenden Pause sich an mich wandte.

»Gießen Sie bitte Mr. Henges ein Glas voll aus jener Flasche ein, und Ihnen wird eine Stärkung wohl auch nichts schaden.«

Dann beugte er sich über die zusammengesunkene Gestalt der Miß Maurice, hob sie auf und legte sie auf das Sofa.

Henges stürzte inzwischen hastig die belebende Flüssigkeit hinunter.

»Hm, schmeckt ganz wie Whisky,« sagte er.

»Ist auch Whisky und zwar eine ganz vorzügliche Marke,« erwiderte Conners und setzte hinzu: »Reichen Sie mir mal die Flasche herüber!«

Er kniete neben Miß Maurice nieder und flößte ihr ein paar Tropfen ein.

»Es wird nicht nötig sein, Ihre Wunde auszubrennen, Mr. Henges,« sagte er dann. »Mein Wort darauf, der Pfeil war nicht vergiftet.«

»Wirklich nicht?« rief Henges förmlich zurückprallend, während ich mich bei dieser verblüffenden Wendung eine Weile vergeblich bemühte, wieder Ordnung in den Wirrwarr meiner Gedanken zu bringen.

»Nein,« wiederholte Conners. »Wirklich nicht! Diese Maßregel hielt ich jedoch für notwendig, um den eisernen Willen der Frau, die Sie liebt, zu beugen. Schon seit längerer Zeit hatte ich sie im Verdacht, denn ich erkenne unfehlbar jede Handschrift, auch wenn sie noch so gut verstellt ist. Der Text des Inserats war auf ein Stück braunes Papier geschrieben, das auf der Rückseite den Stempel eines Spielwarenladens trug und – wie ich aus Spuren von Wachs und künstlichen Haaren durch das Vergrößerungsglas ersah – zum Einwickeln einer Puppe gedient hatte. Die Puppe, die das Kind bei seinem Verschwinden mitgenommen haben sollte, ergänzte das Fehlende. Ich hatte herausbekommen, daß Mary ins Haus zurückgekehrt war, nachdem Karoline sie aus den Augen verloren hatte. Es kam noch hinzu, daß Miß Maurice in meiner Anwesenheit eine Adresse schrieb – – –«

»So haben Sie sich also umsonst die Brandwunde zugefügt?« murmelte Henges.

»Oh nein, umsonst nicht,« erwiderte Conners mit einem bedeutsamen Seitenblick nach Miß Maurice, die wieder die Augen aufgeschlagen hatte. »Dadurch errang ich den Auslieferungsschein, den ich – falls ich Ihre – Ihre zukünftige Gemahlin richtig beurteile – sonst wohl nicht so rasch erhalten hätte.«

»Das stimmt,« sagte Henges.

»Der Schein befindet sich jetzt in den Händen eines zuverlässigen Beamten, mit dem ich häufig zu tun habe. Sobald ich die telephonische Nachricht bekomme, daß Mary wohl und munter wiedergefunden ist, hat diese Episode ihr Ende erreicht.«

Miß Maurice versuchte sich aufzurichten, was ihr jedoch nur mit Henges' Beistand gelang.

»Meinem Befehl wird unbedingt Folge geleistet werden,« sagte sie. »Müssen wir so lange warten?«

Conners sah nach der Uhr.

»Dem Worte eines Mannes von den Charaktereigenschaften Mr. Henges' will ich trauen,« sagte er nach kurzer Überlegung. »Da er für Sie bürgt, können Sie gehen, wenn Sie wollen.«

»Bevor sie das Ellissche Haus verläßt, wird sie dort doch wohl noch manches zu ordnen haben,« bemerkte Henges.

»Wahrscheinlich,« antwortete Conners. »Um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, muß sie das aber so schnell wie möglich besorgen. Richten Sie sich darnach ein! Sollten Sie übrigens Geld zur Begründung einer neuen Laufbahn brauchen, so stelle ich es Ihnen zur Verfügung. Sie haben ein Anrecht darauf, für den ausgestandenen Schreck und Ihren Anteil an der Wiedererlangung des Kindes entschädigt zu werden.«

»Komm, Grace!« wandte sich Henges zu Miß Maurice, »wir wollen gehen, ehe uns jemand stört.«

An der Tür zögerte er.

»Vor einem Mann, der zu dem imstande ist, was Sie soeben taten, Mr. Conners, hege ich die größte Hochachtung. Ich bitte Sie daher um eine Gunst. Die Ellis sind stets sehr gütig zu mir gewesen, sie wären entsetzt, wenn sie Graces Schuld erfahren würden. Könnten Sie nicht einen Weg ausfindig machen, sie jenen zu verheimlichen?«

»Wie verhält es sich mit Karoline?«

»Sie wußte, wie sie mir selbst erzählte, daß ich Grace gern hatte.«

»Aber kannte sie auch der Miß Maurice Gefühle?«

»Das nicht, Mr. Conners, doch ich selbst kannte sie.«

»Hm – ich werde mir Ihre Bitte überlegen,« antwortete Conners. »Wir wollen sehen, ob es sich einrichten läßt. Was die Familie Ellis anbetrifft, da haben Sie ganz recht, und das Auffinden des Kindes könnten wir leicht der Polizei aufs Konto setzen. Leben Sie wohl!«

Mit einem Dankeswort verabschiedete sich Henges.

Während Conners noch den beiden nachblickte, löste sich bei mir der Widerstreit der Gefühle in schallendes Gelächter auf.

»Das also war des Pudels Kern!« rief ich spöttisch aus. »Aha! Und ich dachte immer, ein gewisser Jemand hätte einst von Ketten und Handschellen gesprochen. Und wie er das Kind ›ohne Gnade, ohn' Erbarmen‹ rächen wollte. Ja, wenn ich nicht irre, ließ er sogar etwas von einem ›unwiderstehlichen innern Zwange, so ehern, so unverrückbar wie die Grundfesten der Erde‹ oder ähnlichen hochtrabenden Tiraden verlauten.«

»Halt, lieber Freund,« erwiderte er, seine Hand auf meine Schulter legend, in bewegtem Tone, »ich bin nicht solch Eisenfresser, wie es manchmal vielleicht den Anschein hat. In meiner Brust wohnen noch andre Gefühle, die durch diesen Vorfall aufs tiefste erregt worden sind. Ich mußte gegen ein Weib – wenn auch ein schuldbeladenes, wie Sie wissen, aber immerhin ein Weib – rücksichtslos, schroff, ja grausam verfahren. Und damit habe ich gegen das Hauptgebot meiner ureigensten Religion gefrevelt. Das muß ich nun büßen. Drum Adieu für heute. Empfehlen Sie mich auch Mrs. Barrister, sowie Ihrer lieben Jenny bestens. Und auf Wiedersehen morgen früh!«

Dann trat er vor ein in der Nähe seiner Schlafzimmertür hängendes Bildnis, das schon immer eine eigentümliche Anziehungskraft auf mich ausgeübt hatte, da es sich von den andern Gemälden, welche die Wände seines Ateliers schmückten, wesentlich unterschied. Man sah ihm sofort an, daß es kein Phantasieprodukt, sondern das Porträt einer weniger schönen als durch ihr exotisches Aussehen seltsam fesselnden Frau war.

Inzwischen hatte Conners den kostbaren Vorhang von dem in einem schwer vergoldeten Rahmen befindlichen Gemälde zurückgeschlagen und blieb, in stumme Betrachtung versunken, mit verschränkten Armen davor stehen. Als ich jedoch sah, daß seine Augen sich feuchteten, schlich ich langsam aus dem Zimmer und zog die Tür leise hinter mir zu.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.