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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 95
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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XVII.

Von allen Seiten drohten wütende, verzweifelte Gesichter.

Ein schwerer Strom. Alle vom gleichen Haß erfüllt.

Ein Messer zerschnitt ein Kleid und einen Körper.

Das Weib heulte auf und starb.

Ein namenloses Grauen.

Leblos blicken auf Ljoscha die blauangelaufenen Gesichter seiner Lieben.

Jemand lacht. Worüber?

Bald kommt das Ende. Da sind schon die Wände der Buden . . .

In der hocherhobenen Hand eines kräftigen Bauernburschen glänzte im goldenen Sonnenlichte matt ein Blechbecher. Der Arm ragte unnatürlich wie ein lebender Pfahl in den Himmel.

Jemand warf seinen Kopf mit starkem Ruck empor und schlug dem Burschen den Becher aus der Hand: so schwach war schon der vor Anspannung blaue Arm.

Der Becher fiel langsam im Bogen herab und streifte im Fallen jemands Rücken.

Der Bursche fluchte unflätig.

Er war ganz rot und verschwitzt, und das Weiße seiner glotzenden Augen schien unnatürlich groß.

Mit großer Anstrengung bückte er sich, um den Becher aufzuheben. Man sah, wie seine Ellenbogen arbeiteten.

Plötzlich sank er mit einem dumpfen Aufschrei um.

Jemand stürzte schreiend über ihn und versuchte, über seinen Rücken zu kriechen. Ein Dritter fiel mit dem Bauch über die beiden. Alle drei sanken um. Man hörte ein dumpfes Röcheln. Einer von den dreien erhob sich über die beiden andern und ragte unnatürlich groß in die Höhe. Die Menge floß über den Umgefallenen wieder zusammen, und man konnte aus ihrem schweren Wogen an dieser Stelle schließen, daß die beiden niedergetrampelt wurden.

Ein kräftiger Bauer mit violettem Gesicht arbeitete so lange mit den Schultern und Ellenbogen, bis es ihm gelang, den rechten Arm zu befreien und vorzustrecken. Die Menge drückte ihn von allen Seiten zusammen. Der Arm baumelte seltsam von einer fremden Schulter herab, tiefrot neben einem roten Tuch.

Die Frau im roten Kopftuch wandte sich um und bohrte ihre Zähne dem kräftigen Bauer in den Arm. Ganz unbegreiflich war ihre Wut.

Der Bauer riß dumpf aufröchelnd den Arm los und begann verzweifelt mit den Ellenbogen zu arbeiten. Er schien zu wachsen.

Man hatte ihn in die Höhe gedrängt. Er fiel auf die Köpfe nieder, und unter ihm erhob sich ein wütendes Brüllen. Er stieg mit den Knien auf jemands Schultern und fiel wieder um.

Immer wieder fallend und sich von neuem erhebend, kroch er auf allen Vieren vorwärts, und die Menge unter ihm war wie eine holprige Straße, wie ein langsam dahinrollender Gletscher.

Nun wurden noch einige andere Menschen in die Höhe gedrängt.

Man sah sie schwankend über die Köpfe und Schultern in der Richtung zu den Bierbuden laufen.

Viele hatten schon die Dächer der Buden erreicht.

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