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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 94
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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XVI.

»Sechs Uhr!« sagte jemand.

Der Stimme konnte man anhören, daß sie einem kräftigen ruhigen Mann gehörte, der sich in der Menge gar nicht fürchtete.

»Wir haben also noch vier Stunden zu warten,« flüsterte jemand scheu und schwer um Atem ringend.

»Worauf willst du warten?« schrie ein anderer wütend.

»Alle werden wir sterben,« sagte ruhig und leise eine tiefe Frauenstimme.

Jemand schrie verzweifelt:

»Brüder, müssen wir uns denn wirklich noch so lange drängen?«

Ein unruhiges Dröhnen zog über die Wiese wie ein Schwarm scheuer schwarzbeschwingter Vögel. Es rollte dahin, und auch die Menge kam ins Schwanken.

»Brüder, es ist Zeit!« kreischte eine hohe Stimme. »Seid auf der Hut: die verdammten Teufel holen sich alles, und wir kriegen nichts!«

»Vorwärts! Vorwärts!« dröhnte es ringsum:

Die ganze Menge drängte ungestüm und schwer vorwärts.

Ljoscha sah die leblosen Gesichter seiner Schwestern, die kalt und schwer auf seinen Schultern ruhten.

Die aufgegangenen Haare der Schwestern kitzelten seine blassen Wangen.

Er bewegte die Füße nicht mehr. Die Menge trug ihn und seine Schwestern.

»Die Verteilung hat begonnen!« schrie jemand auf.

Man sah, scheinbar gar nicht weit, bunte Bündel durch die Luft schwirren.

»Greift zu!« röchelte gequält ein hagerer Bauer.

»Was steht ihr noch? Vorwärts!« schrien die hinten Stehenden.

»Sie lassen die Unsrigen gar nicht zu! Die Verdammten drängen sich vor, und wir müssen warten!« brüllte jemand.

Von allen Seiten erhoben sich rasende Schreie:

»Brüder, schlagt euch durch!«

»Was laßt ihr es euch gefallen? An der Kehle gepackt und zu Boden geworfen!«

»Vorwärts!«

»Wenn sie uns nichts geben, so holen wir es uns selbst!«

»Ach, man hat mich erdrückt!«

»Himmlischer Vater, die Gedärme haben sie mir herausgedrückt!«

»Erwürge dich mit deinen Gedärmen, du Hund!«

»Schneide ihm die Kehle durch, dem Aas!«

»Vorwärts, haltet euch nicht auf!« brüllte vorne eine böse Stimme.

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