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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 93
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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XV.

Die kurze Frist der Stille war bald um. Und plötzlich erhob sich über der erschütterten Menge ein Sturm sinnloser Wehklagen. Wilde Schreie peitschten die Luft.

Unter den von Haß verzerrten Gesichtern war kein einziges Menschengesicht mehr zu sehen. Die Teufel hatten ihre Larven heruntergerissen und frohlockten in wilder Pein.

Einige Menschen wurden in diesen Augenblicken wahnsinnig. Sie heulten, brüllten und schrien etwas Unverständliches doch Schreckliches.

Unter den Füßen der Menge klangen wilde Aufschreie von Sterbenden: die auf die Erde Hingesunkenen konnten sich nicht mehr erheben.

Diese Schreie erschütterten die Herzen der Wenigen, die in dieser schrecklichen Menge menschenähnlicher Teufel noch Menschen geblieben waren.

Ein zerlumpter Strolch und eine betrunkene Dirne standen nebeneinander. Sie sahen sich an und warfen einander haßerfüllte Worte zu. Der Strolch zuckte so seltsam mit der Achsel.

Mit dem Aufwand seines ganzen Hasses befreite er seine Hand. In der Hand blitzte ein Messer auf. Der schnelle Stahl lachte in den grellen Sonnenstrahlen.

Das Messer drang der Dirne in den Leib. Sie schrie auf:

»Verdammter!«

Sie erwürgte sich an diesem Schrei und starb.

Der Strolch beugte sich heulend über sie und bohrte seine Zähne in ihre dicke rote Backe.

»Man hat uns ganz erdrückt, wir werden gleich sterben!« sagte Katja mit heiserer Stimme.

Ljoscha streifte sie mit einem Blick aus einem Augenwinkel, lachte sinnlos auf und sagte laut, jedes Wort deutlich betonend:

»Nadja hat man erdrückt. Sie ist schon kalt.«

Große Tränentropfen rollten ihm das Gesicht hinunter, und seine bleichen Zähne grinsten sinnlos.

Katja schwieg. Ihr Gesicht wurde allmählich blau, und ihre Augen erloschen.

Ljoscha rang um Atem.

Seine Füße traten auf etwas Weiches. Ein scharfer Gestank stieg von der Erde auf. Unten röchelte und regte sich etwas.

»Es stinkt!« sagte hinter Ljoscha eine furchtbar gleichgültige Stimme. »Man hat eine Frau zu Boden getreten und ihr den Bauch eingedrückt.«

Katjas Kopf hing so seltsam leblos herab.

Ljoscha überlief es plötzlich kalt.

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