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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 91
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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XIII.

Ungestüm ging die Sonne auf, die vor Freude rasende böse Schlange. Sengend war ihr Atem. Sie verbrannte die letzten kühlen Lüftchen und stieg jäh hinauf.

Die Menge geriet plötzlich in Bewegung.

Ein vielstimmiges Brausen erhob sich über den Köpfen. So deutlich war plötzlich alles zu sehen. Als ob die zerfetzten Larven von einer unsichtbaren Hand herabgerissen, zu Boden gefallen wären.

Teuflischer Haß brodelte ringsum.

Wütende Teufelsfratzen tauchten überall auf. Aus den dunklen Mündern in den finsteren Gesichtern kamen rohe Worte.

Ljoscha stöhnte.

Ein rothaariger Teufel mit trocken glänzenden Augen brüllte ihn an:

»Wenn du schon einmal hergeraten bist, so darfst du nicht mucksen. Niemand hat dich gerufen. Merke dir das, Taugenichts! Gar bald wird man dir die Gedärme herausdrücken.«

Die rasende Schlange steckte die Menschen mit ihrer Wut an.

Die Sonne stand plötzlich hoch und grausam am Himmel.

So unerträglich heiß und schwül war es auf einmal geworden.

Die Menschen vergingen vor Durst.

Jemand weinte.

Jemand flehte jämmerlich:

»Wenn doch nur ein Tropfen vom Himmel fallen wollte!«

Katja schluchzte.

Ab und zu tauchten vor ihnen seltsam und schrecklich bekannte Gesichter auf. Wie alle Gesichter in dieser tierischen Menge, waren sie in ihrer furchtbaren Veränderung erstarrt.

Sie waren viel schrecklicher als die unbekannten Gesichter: die Vertierung eines bekannten Gesichts tut doppelt weh.

Ljoscha fühlte, daß ihn jemand von oben auf die Schultern drückte. Als wollte er ihn in die dunkle, grausame Erde hineindrücken.

Jemand bemühte sich, in die Höhe zu klettern.

Es vergingen einige qualvolle Augenblicke. Dann kam eine kurze Erleichterung. Der Mann, der hinaufgeklettert war, trat mit dem schweren Stiefel Ljoscha auf den Kopf. Ljoscha hörte, wie Nadja leise aufschrie.

Ein finsterer, schwerer Jemand ging über die Köpfe und Schultern dahin, seltsam durch die Luft wankend.

Ljoscha hob das Gesicht, um Atem zu holen. Die Luft war aber auch oben unerträglich heiß.

Der Himmel strahlte heiter, sieghaft, unerreichbar hoch, im Westen von zarten wie Perlmutter schillernden Federwolken übersät.

Die Sonne ergoß ein Meer sieghaften Lichts. So grell, so majestätisch und so grausam gleichgültig war die neue Sonne. Gleichgültig wie immer. Und ihre ganze Pracht strahlte über dem Wüten des Fiebers und der Qual.

Jemand trat schwer auf Ljoschas Füße.

Katja schluchzte mit großem Schmerz.

»Hör doch auf!« schrie Ljoscha heiser.

Katja lachte. So unglücklich klang das mit dem Schluchzen vermengte Lachen.

Über der ganzen weiten Wiese tobte ein ununterbrochenes Schreien, Stöhnen und Winseln.

Und dann kamen Augenblicke sinnlosen Hasses.

Die Menschen schlugen aufeinander ein, soweit es die Enge erlaubte. Sie stießen einander mit den Füßen. Sie bissen und packten einander an den Kehlen.

Die Schwächeren wurden zu Boden gedrückt, und die andern gingen über sie hinweg.

Ljoscha wiederholte mit lebloser erstickter Stimme alle Schreie und Seufzer, Bitten und Flüche und alles, was er hörte und was auch seine beiden Schwestern, die ihm wie zwei mechanische Puppen folgten, stammelten.

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