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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 90
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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XII.

Nach der qualvollen, schrecklichen Nacht begann es plötzlich schnell zu tagen.

Schnell und freudig, von kindlicher Lust erfüllt, lachte das Morgenrot in einem Kranze rosiger Wolken auf. In der nebligen Ferne leuchteten goldene Flitter. Während die Erde noch finster und mürrisch dalag, flammte der Himmel schon vor Freude, vor der weltumfassenden, ewigen Siegesfreude. Und die Menschen . . . Die Menschen sind ja doch nur Menschen . . .

Zwischen der dunkeln, sündigen, schwerbeladenen Erde und dem leuchtenden, wieder seligen Himmel schwebte der dicke Dampf unzähliger Atemzüge.

Die nächtliche Kühle ballte sich zu goldenen Himmelsträumen zusammen und verbrannte in leichten Wolken, in den Strahlen des Morgenrots.

Die so seltsam und so unerwartet vom seligen Lachen der aufgehenden Sonne übergossene Menge, die große irdische Menge war aber noch immer von Haß und Angst erfüllt.

Sie drängte schwerfällig vorwärts, und die aus der Stadt Neuankommenden schoben voller stumpfer Wut die vorne Stehenden zu den Schuppen mit den Geschenken.

Unter dem ewigen Golde der Sonne lockte das trübe Zinnblech der armseligen Becher die Menschen ins beängstigende Gedränge.

Schwere Gedanken zogen langsam durch die fiebernden Sinne der Kinder, und jeder Gedanke war Angst und Pein. Der grausige Tod rückte heran. Der eigene Tod? Der Tod der Nächsten? Wessen Tod sollte schmerzvoller sein?

Manchmal fingen sie an, wie aus dem Schlafe erwachend, zu schreien, zu stöhnen, zu flehen.

Ihre heiseren Stimmen stiegen matt, wie verwundete Vögel mit gebrochenen Schwingen hinauf und fielen kraftlos herab und ertranken im dumpfen Dröhnen der stumpfen Menge.

Trübe Blicke der finsteren Menschen waren die einzige Antwort auf ihre Stimmen.

Die Angst schnürte die Kehlen zusammen und raunte böse, hoffnungslose Worte zu.

Nun hatten sie gar keine Hoffnung mehr fortzukommen. Die Menschen waren schlecht. Schlecht und schwach. Sie konnten weder sich noch jemand anderen retten.

Überall erhob sich ein Flehen, ein Stöhnen, ein Schreien. Vergebens war aber jedes Flehen.

Wer ließe sich auch hier in dieser Menge erweichen?

Es waren keine Menschen mehr, – so schien es den erstickenden Kindern: – wütende Dämonen lachten lautlos und blickten hämisch unter den verglimmenden und herabgleitenden menschlichen Larven hervor.

So unendlich lange währte die teuflische Maskerade. Es schien, daß sie niemals ein Ende nehmen, daß das Brodeln des Hexenkessels niemals aufhören würde.

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