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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 88
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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X.

Es war eng und schwül, und man hatte nur den einen Wunsch: aus der Menge herauszukommen und frei aufzuatmen.

Sie konnten aber nicht mehr heraus. Sie hatten sich in der dunklen, antlitzlosen Menge verfangen, wie sich ein Nachen im Schilf verfängt.

Sie konnten nicht mehr auf die Straße gelangen oder sich auch nur aus freiem Willen nach rechts oder links wenden. Sie mußten sich zugleich mit der ganzen Menge vorwärts schleppen, und die Bewegungen der Menge waren schwerfällig und langsam.

Die Udojews bewegten sich in irgendeiner Richtung. Sie glaubten vorwärts zu gehen, weil alle in der gleichen Richtung gingen. Die Menge wich aber manchmal plötzlich zurück, oder schleppte sich langsam zur Seite. Nun wußten sie nicht mehr, wohin sie gehen sollten, wo das Ziel und wo der Ausgang war.

Da sahen sie plötzlich etwas seitwärts eine dunkle Wand, und hatten alle zugleich den Wunsch, auf dieses Ziel loszusteuern. Die Wand kam ihnen irgendwie vertraut und heimlich vor.

Sie sagten einander kein Wort, bemühten sich aber zu diesem Ziele vorzudringen.

Bald standen sie vor einer der Theaterbuden.

Die Wand gewährte ihnen gleichsam Schutz, sie fühlten sich wie unter einem Obdach, und es war ihnen nicht mehr so ängstlich zumute.

Die dunkle Wand stieg senkrecht hinauf und verdeckte die Hälfte des Himmels. Der unheimliche Eindruck der brodelnden, uferlosen Menge war dadurch etwas abgeschwächt.

Die Kinder standen hart an der Wand und blickten ängstlich auf die grauen trüben Gestalten, die dicht vor ihnen wogten. Es war ihnen heiß vor den zahllosen Atemzügen.

Vom Himmel herab kam aber stoßweise ein kühlender Hauch, und die schwüle Erdenluft schien mit der himmlischen Kühle zu kämpfen.

»Wir wollen doch lieber nach Hause gehen,« jammerte Katja: »Wir können uns ja sowieso nicht mehr durchdrängen.«

»Macht nichts, wir wollen doch noch etwas warten!« entgegnete Ljoscha, der sich Mühe gab, sorglos und lustig zu erscheinen.

In diesem Augenblick ging durch die Menge ein schweres Beben: als ob jemand gerade auf die Kinder lossteuerte. Man drückte sie an die Wand, und sie konnten kaum noch atmen.

Die Menge machte mit großer Anstrengung Platz, die Bretterwand erzitterte, – und zwei blasse Studenten, die auf den Schultern irgendeine Last trugen, taumelten aus der Menschenmasse hervor.

Sie trugen ein kleines Mädchen, das schon tot schien. Die blassen Hände hingen leblos herab, und das Gesicht mit den zusammengepreßten Lippen und geschlossenen Augen war blau angelaufen.

Durch die Menge ging ein Murren:

»Was braucht sich auch so ein schwaches Kind vorzudrängen?«

»Wie haben es die Eltern erlauben können?«

In diesem verlegenen Murren lag wohl das Bestreben, etwas, was nicht hätte sein sollen, zu rechtfertigen. Die Menschen hatten wohl für einen Augenblick eingesehen, daß es sündhaft war, sich hier zu drängen und einander zu erdrücken.

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