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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 86
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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VIII.

»Auch die Herrschaften sind hergekommen!« hörten sie eine widerliche Tenorstimme in nächster Nähe.

Sie sahen nicht, wer das gesagt und wer die gehässigen Worte mit lustigem Lachen begrüßt hatte.

Die Kinder verstanden nun, daß diese ganze unbegreifliche und sie nicht begreifen wollende Menge ihnen fremd und feindselig war. Im Lichte der Scheiterhaufen tauchten Gesichter auf, die den Gymnasiasten und seine Schwestern mit bösen Blicken verfolgten.

Diese bösen Blicke machten den Kindern große Angst. Sie konnten den Haß nicht begreifen: worauf mochte er beruhen?

Fremde Menschen sahen sie finster und unfreundlich an.

Hie und da hörten sie unflätige Späße. In der ganzen großen Menge nahm sich niemand der Kinder an, und es wurde ihnen immer unheimlicher zumute.

Irgendein betrunkener Handwerker erhob sich von seinem Platz am Feuer und ging auf die Kinder zu.

»Fräulein!« rief er aus. »Welch angenehme Begegnung! Sie können von mir jedes Vergnügen haben. Ich möchte Sie küssen.«

Er wankte, zog die Mütze, umarmte Katja und küßte sie auf den Mund.

Ein schallendes Lachen rollte durch die Menge. Katja brach in Tränen aus.

Ljoscha schrie auf, stürzte sich auf den Betrunkenen und stieß ihn zurück.

Der Betrunkene brummte wütend:

»Mit welchem Recht? Stoßen? Und wenn ich sie küssen will? Wer darf es mir übel nehmen?«

Die Schwestern packten Ljoscha bei den Händen und zogen ihn in die Finsternis fort.

Sie waren sehr erschrocken. Die Beleidigung brannte furchtbar auf ihren Seelen.

Nun wollten sie schon die finstere unreine Stätte verlassen. Sie konnten aber den Weg nicht mehr finden. Die Feuer der Scheiterhaufen blendeten die Augen, ließen die Finsternis schwarz erscheinen und machten alles unverständlich und zerrissen.

Die Scheiterhaufen begannen bald einer nach dem andern zu erlöschen. Eine gleichmäßige Finsternis erfüllte nun die Luft. Die schwarze Nacht senkte sich schwer auf das Feld mit allen seinen Tönen und Stimmen. Diese Nacht erschien den Kindern, die nicht schliefen und sich in der Menge befanden, als die bedeutungsvolle, einzige und letzte Nacht.

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