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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 85
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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VII.

Alles war auf einmal abgerissen und zusammenhanglos, und die sinnlosen und zwecklosen Dinge entstanden gleichsam aus nichts, wie von der dummen, feindseligen Finsternis geboren.

Mitten durch die Wiese zog sich ein Graben, den man einst zu irgendeinem Zweck ausgehoben hatte. Nun gähnte er sinnlos und häßlich, von schwarzem, stechendem Grase überwuchert, in der Finsternis und schien schrecklich und bedeutungsvoll.

Die Kinder gingen auf den Graben zu. Zwei Telegraphenbeamte saßen am Rande des Grabens, ließen die Beine herunterhängen und sprachen von ihren weiblichen Bekannten. Mit sichtlichem Vergnügen gebrauchten sie dabei unanständige Worte.

Die Udojews kamen näher und sahen eine Brücke aus rohen Brettern mit krummem Geländer, die über den Graben führte. Sie gingen über die Brücke. Das Geländer schien unzuverlässig.

Ljoscha sagte ängstlich:

»Wenn man hier herunterfällt, bricht man sich die Beine.«

»Wollen wir doch weiter von hier fort!« schlug Nadja vor.

So unsicher und zag klang ihre Stimme in der Finsternis. Es war so seltsam, daß man die Bewegungen ihrer Lippen nicht sehen konnte.

Und sie gingen wieder durch die brausende Menge weiter. Lichtkreise um die brennenden Scheiterhaufen wechselten mit dichter Finsternis ab, und die Wiese schien wieder endlos.

»Wo willst du denn hin?« redete ein betrunkener Strolch auf einen andern ein. »Man wird dich wie eine Wanze zerdrücken!«

»Soll man mich nur zerdrücken,« antwortete der andere. »Tut mir vielleicht mein Leben leid? Wenn man mich zerdrückt, wird kein Mensch um mich weinen.«

Sie stießen auf einen Brunnen, der mit halbdurchfaulten Brettern überdeckt war. Sie schrien vor Erstaunen leise auf.

Ein betrunkener Bauer blickte jeden Augenblick in den Brunnen hinein und schrie, den zerzausten langen Kopf schüttelnd:

»He!«

Dann taumelte er einige Schritte zurück und rief:

»Malanja!«

Und dann lief er wieder mit den kleinen unsicheren Schritten eines Betrunkenen auf den Brunnen zu.

Sie blieben stehen und lachten über den Mann. Dann gingen sie weiter und hörten noch lange seine trunkenen Schreie.

»Ich habe mein Messer bei mir,« sagte ein heiserer, langer, hagerer Kerl.

Sein Freund, ebenso abgerissen und lang wie er, erwiderte mit süßlicher Tenorstimme:

»Ich auch!«

»Für jeden Fall!« klang wieder die heisere Stimme des ersten.

Man hörte den andern kichern.

Die Kinder gingen durch die gespenstische Finsternis, durch die zuckenden Lichtkreise der Scheiterhaufen, den süßlichen Qualm des brennenden feuchten Holzes atmend, immer vorwärts. Ljoscha ging voraus, die Schwestern folgten ihm.

Sie taten so, als hätten sie gar keine Angst.

Die Brandwiese schien wieder endlos, die Scheiterhaufen täuschten sie wie Irrlichter, und sie fühlten solche Müdigkeit in den Beinen, als ob sie schon sehr lange unterwegs wären.

»Wir gehen immer im Kreise umher,« sagte Ljoscha.

Mit diesen Worten gab er dem Gedanken, der sie alle beunruhigte, Ausdruck. Katja wurde ganz mutlos. Nadja aber sagte mit geheuchelter Sorglosigkeit:

»Macht nichts, wir werden schon irgendwo hinkommen!«

Ljoscha fiel plötzlich um. Seine Beine ragten einen Augenblick lang in die Höhe, und der Kopf war verschwunden. Die Schwestern eilten zu ihm und halfen ihm heraus. Er war mit dem Kopf und dem Oberkörper in irgendein Loch geraten.

»Wir müssen weiter von hier weg, hier ist es gefährlich,« sagte Nadja.

Sie stolperten aber auch später auf Schritt und Tritt.

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