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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 83
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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V.

Die Udojews gingen heim. Es war ihnen etwas unheimlich zumute, sie fühlten sich irgendwie verlegen und wußten nicht, was anfangen. Aus jedem geringsten Anlasse zankten sie sich. Alle waren auf einmal nervös geworden.

Auch Ljoscha war plötzlich ebenso unruhig und aufgeregt wie Nadja.

»Wir kommen, wenn alles vorbei ist,« sagte er laut und ärgerlich.

Diese zufälligen Worte hatten, wie es so oft vorkommt, eine entscheidende Wirkung. Nadja sagte:

»Wir wollen also wirklich schon am Abend hingehen!«

Alle stimmten ihr zu und wurden plötzlich lustig.

Ljoscha schrie, rot vor Aufregung:

»Selbstverständlich, wenn man überhaupt hingehen will, so doch nur jetzt!«

Alle drei liefen zum Vater, um ihn um Erlaubnis zu bitten.

»Wir haben es uns überlegt, wir gehen schon am Abend hin!« schrie Nadja, vor dem Vater tänzelnd.

Der Vater schwieg mürrisch.

»Es ist ja wirklich kein Unglück, wenn man eine Nacht nicht schläft,« versuchte Ljoscha den Vater zu überreden.

Der Vater aber schwieg, und sein Gesicht blieb unbeweglich und finster.

Die Kinder ließen ihn in Ruhe und liefen zur Mutter. Die Mutter brummte.

»Papa hat's erlaubt!« schrie Ljoscha.

Die Schwestern lachten und schwatzten laut und lustig.

Mit freudigen Schreien liefen sie durchs Haus und durch den Garten. Das Abendessen sollte sofort auf den Tisch kommen.

Sie sprachen auch von den Schutkins. Die Erinnerung an sie war unangenehm. Ljoscha sagte den Schwestern:

»Aber den Schutkins sagen wir kein Wort!«

Die Schwestern stimmten ihm zu.

»Selbstverständlich,« sagte Nadja. »Mag sie der Kuckuck holen!«

Katja runzelte die Stirne und sagte gedehnt:

»So ekelhaft sind sie!«

Gleich darauf fing sie wieder zu lachen an.

Sie schlangen das Abendessen hastig und ohne Appetit herunter. Sie ärgerten sich über die Eltern, die so langsam aßen, als ob nichts Besonderes bevorstünde.

Als man zu Ende gegessen hatte, wandte der Vater sein Gesicht plötzlich den Kindern zu und starrte sie lange und unverwandt an, so daß sie unter seinen mürrischen und gleichgültigen Blicke ganz still wurden. Schließlich sagte er:

»Es ist doch wirklich kein Vergnügen, sich von den Betrunkenen herumstoßen zu lassen.«

Nadja errötete und versuchte ihn zu überzeugen:

»Es gibt ja gar keine Betrunkene. Es ist wirklich merkwürdig: an unserem Hause kam heute während des ganzen Tages kein einziger Betrunkener vorbei. Es ist zum Staunen!«

Katja sagte lustig lachend:

»Sie denken ja nur an die Geschenke und wollen gar nicht trinken. Sie haben keine Zeit dazu.«

Endlich war man mit dem Abendessen fertig.

Die Kinder liefen fort, um sich umzuziehen. Die Mädchen wollten sich wie zu einem Fest ausputzen. Die Mutter war aber entschieden dagegen.

»Was? Wozu? Um sich von den Bauern herumstoßen zu lassen?« sagte sie böse.

Man konnte es ihrem gewöhnlichen, unbedeutenden Gesicht und ihrer ganzen Figur, die plötzlich einen ängstlich gespannten Ausdruck angenommen hatte, anmerken, daß sie es nicht zulassen würde, daß die Mädchen ihre Feiertagskleider ruinieren.

Die Mädchen mußten also ihre einfachsten Sachen anziehen.

Endlich gingen sie aus dem Hause und liefen die steile Straße zum Flusse hinunter. Unten stießen sie aber gleich auf die Schutkins.

Nun mußten sie mit ihnen zusammen gehen. Das war ärgerlich.

Auch die Schutkins ärgerten sich. Jetzt konnten sie nicht mehr vor den Udojews hinkommen und hatten auch keinen Anlaß, vor ihnen zu prahlen und sie zu necken.

Die Schutkins brachten es doch fertig, sich über die Udojews lustig zu machen.

Unterwegs waren sie sich einige Mal beinahe in die Haare geraten.

Am Abend ging es ebenso lebhaft und laut zu wie am Tage.

Über der Stadt funkelten still wie immer die Sterne, so ferne und unscheinbar für den zerstreuten Blick und so nahe für den, der genauer hinsah.

Der heitere, bleiche Himmel wurde von Augenblick zu Augenblick dunkler, und es war eine Freude, darin das sich jeden Abend unabänderlich wiederholende Sakrament der die fernsten Welten enthüllenden Nacht zu schauen.

Im Kloster läuteten die Glocken, – die Abendmesse ging zu Ende. Die hellen, traurigen Töne strömten langsam über die Erde dahin. Wenn man sie hörte, hatte man den Wunsch, zu singen, zu weinen und ziellos zu wandern.

Der Himmel, der zarte, gerührte Himmel lauschte dem ehernen hellen Weinen. Auch die stillen, leichten Wölkchen lauschten dem ehernen Dröhnen.

Und die Luft strömte so zärtlich und warm, wie aus vielen freudigen Atemzügen zusammengesetzt.

Die rührende Zärtlichkeit des tiefen Himmels und der still dahinschmelzenden Wolken wirkte auch auf die Kinderseelen.

Und alles, was sie umgab – das Glockengeläute, der Himmel und die Menschen – flammte plötzlich auf und wurde zu Musik.

Alles wurde für einen Augenblick zu Musik, – als aber der Augenblick verglimmt war, sahen sie sich wieder von den Dingen und Trugbildern der sichtbaren Welt umgeben.

Die Kinder eilten zur Brandwiese.

In der Stadt ging es aber sehr laut und anscheinend auch lustig zu. Über den Häusern flatterten Fahnen. In den Straßen brannten Unschlittlämpchen, und die Luft war stellenweise von widerlichem Qualm erfüllt.

Die Menge wogte über die steil zum Flusse abfallenden Straßen und am Ufer des Ssafat. Zwischen den Erwachsenen trieben sich auch viele Kinder umher. Und alles war von einem Klingen und von einer Freude erfüllt, die es nur in Märchen und niemals im grauen alltäglichen Leben gibt. Die gewöhnlichsten Menschenworte klangen durch das dumpfe Tosen hindurch hell und vielverheißend.

Viele Equipagen mit den Ehrengästen fuhren vorbei, und die vornehmen Herren und Damen lächelten der Menge freundlich zu.

Aus den Equipagen klangen leise, unverständliche Worte und flüchtiges Lachen.

Die Schutkins warfen den vorbeifahrenden reichen Leuten feindselige Blicke zu. Schlechte und dumme Gedanken kamen ihnen in den Sinn.

Als sie eben die Stadt verließen, sagte der ältere Schutkin mit dummem Grinsen:

»Schön wäre es jetzt, die Stadt anzuzünden. Das wäre gar nicht ohne!«

Seine Schwestern und Kostja fingen zu lachen an.

Katja fuhr zusammen und zuckte die schmächtigen Schultern.

»Wie können Sie das nur sagen?!« sagte sie erregt: »Das ist ja entsetzlich!«

»Das würde eine Rennerei werden!« schrie Kostja entzückt.

»Dann würde ja auch euer Haus verbrennen,« sagte Nadja erstaunt: »Was freut ihr euch so?«

»Was soll bei uns verbrennen?« entgegnete Natalja. »Wir haben nichts, was uns leid täte.«

Nadja blickte sie an. Im schwachen Widerscheine der qualmenden Festbeleuchtung sahen ihre roten Haare und ihr sommersprossiges Gesicht wie in Flammen stehend aus. Ihre Nasenflügel zitterten, und es schienen ihr Flammen übers Gesicht zu laufen.

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