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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 80
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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II.

Auf dem Nikola-Platze, am Rande eines steilen Abhanges, stand das Häuschen der Familie Udojew. Der Garten am Hause gewährte eine prachtvolle Aussicht auf die unteren und jenseits des Flusses gelegenen Stadtteile wie auch auf die ganze Umgegend.

Von der Höhe betrachtet, erschien alles so klein und viel sauberer, hübscher und schmucker als in Wirklichkeit. Der seichte schmutzige Fluß Ssafat erschien von hier aus als ein schmales, in allen Farben schillerndes Band. Die Wohn- und Kaufhäuser sahen wie Spielzeuge aus; die Fuhrwerke und Menschen bewegten sich friedlich, lautlos und ziellos; die Staubwolken in der Luft waren kaum zu sehen, und das schwere Dröhnen der Frachtfuhren klang wie eine fast unhörbare unterirdische Musik.

Dem Udojewschen Hause gegenüber, an der andern Seite des Platzes erhob sich das Rentamt, ein gelbgetünchtes, unfreundliches zweistöckiges Gebäude. An diesem Rentamt war das Haupt der Familie, der Staatsrat Matwej Fjodorowitsch Udojew angestellt.

Der graue Bretterzaun am Udojewschen Hause war fest gezimmert; das Gartenhaus war ungemein nett und gemütlich, der Flieder duftete süß, die Obstbäume und Beerensträucher verhießen etwas Freudiges und Süßes, – das ganze Sein der Familie des alten ehrwürdigen Beamten schien fest und dauerhaft fundiert.

Die Udojewschen Kinder – der fünfzehnjährige Gymnasiast Ljoscha und seine beiden Schwestern Nadja und Katja, von denen die eine zwanzig und die andere achtzehn Jahre alt war – hatten die Absicht, zum Volksfest auf die Brandwiese zu gehen. Sie waren daher schon seit einigen Tagen freudig erregt.

Ljoscha war ein fleißiger Junge, der gerne lachte und eine sehr weiße Gesichtsfarbe hatte. Er hatte keinerlei auffallende Kennzeichen, und die Lehrer verwechselten ihn daher oft mit einem andern ebenso bescheidenen Gymnasiasten, der ebenso weiß im Gesicht war. Auch die beiden Mädchen waren bescheiden, lustig und gutherzig. Die ältere, Nadja war etwas lebhafter, oft unruhig und zuweilen sogar mutwillig. Die jüngere Katja war dagegen ungemein still und fromm; sie betete gern in der Klosterkirche, ging leicht vom Lachen zum Weinen und vom Weinen zum Lachen über, und es war ebenso leicht, sie zu kränken wie zu trösten und zum Lachen zu bringen.

Der Junge und die beiden Mädchen hatten große Lust, sich je einen Blechbecher zu ergattern. Sie baten ihre Eltern um Erlaubnis, auf die Brandwiese gehen zu dürfen.

Die Eltern willigten sehr ungern ein. Die Mutter brummte. Der Vater schwieg. Ihm war ja alles gleich. Übrigens war auch er mit dem Unternehmen nicht ganz einverstanden.

Matwej Fjodorowitsch war ein schweigsamer, langer, pockennarbiger Mensch. Er trank Schnaps, wenn auch in mäßigen Mengen, und widersprach fast nie seinen Angehörigen. Das Familienleben ging an ihm irgendwie vorbei. Wie auch das ganze übrige Leben . . .

Es zog an ihm vorbei wie die Wolken, die am sonnendurchfluteten Himmel vorbeigleiten und zerschmelzen . . . Wie der unermüdlich schreitende Wanderer, der an gleichgültigen Gebäuden vorbeigeht . . . Immer vorbei, alles vorbei.

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