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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 78
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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XXVI.

Bei Morgengrauen zerstreuten sich die Wolken. Die Sonne ging langsam hinter dem fernen blauen Walde jenseits des Snow auf. Es war still. Über dem Flusse schwebte der Nebel. Die Vorstädte hinter dem Flusse ruhten zart und stumm in goldigen und veilchenblauen Träumen.

Mitja stand müde und bleich am Flusse, mit den Händen auf das Geländer gestützt, und freute sich, daß die Nacht vorbei war, daß die Sonne aufging und daß vom Flusse Frische und Nebel aufstiegen. Die Nacht und alles, was in der Nacht war, hatte der müde Knabe schon vergessen. Er freute sich und lächelte und war voll Liebe zu den unbekannten guten Menschen erfüllt, die dort hinter dem Flusse in goldenen veilchenblauen Träumen wohnten. Er fühlte Kälte und eine süße Ermattung, und das Wasser, die Sonne, der helle Himmel und der weite Horizont weckten in ihm ein Gefühl von Frische und Rüstigkeit . . .

Irgendwo in der Ferne rollten Räder über die Steine. Das Dröhnen weckte all das Dunkle, das in seinem Bewußtsein war, und zugleich heftiges Kopfweh. Böse Erinnerungen stiegen als beklemmender Nebel von den kalten und feuchten Steinen auf. Mitja zitterte.

– Ich muß doch das Tor finden, – dachte er sich, – die Treppe und das Fenster, wo Raja war! Warum ist Raja nicht da? – Warum bin ich allein auf den harten Steinen?

Mit verzweifeltem und bleichem Gesicht lief er durch die Straßen, und sie starben hinter ihm hin. Große Schweißtropfen liefen ihm über das kalte Gesicht, sein Herz glühte und pochte vom raschen Laufen, und das weckte einen qualvollen Widerhall in seinem Kopfe. Die Steinplatten hallten laut unter seinen Schritten nach.

Endlich blieb er erschöpft stehen und lehnte sich mit der Schulter an einen Laternenpfahl. Im ersten Augenblick erkannte er die Gegend nicht wieder. Und als er sie erkannte, wurde er so froh.

Das ist ja derselbe Durchgangshof. Ein verschlafener junger Hausmeistergehilfe öffnet, mit den Schlüsseln rasselnd, das Haustor, tritt auf die Straße, stellt sich mit den Rücken gegen das Haus und blickt laut gähnend und mit den Augen blinzelnd in die Sonne. – Mitja schlich sich vorsichtig in den Hof.

Da ist endlich Rajas Treppe. Raja steht auf der Treppe und erwartet ihn. Von plötzlicher Freude ergriffen, ging Mitja die Treppe hinauf. Das Halbdunkel der Küchentreppe wurde von oben durch den Abglanz von Rajas lichten Gewändern erhellt. Raja ging langsam vor Mitja her. Auf ihren weißen Gewändern blühten rote Rosen, und ihre Zöpfe flossen als leichte flammende Wellen hinab. Sie wandte sich nicht um, sie ging voraus, und wenn die Treppe eine Biegung machte, konnte Mitja ihr gesenktes Antlitz sehen. Ihr herrliches Antlitz ergoß in das Halbdunkel ein geheimnisvolles, zartes Licht, und ihre Augen strahlten in diesem Lichte wie zwei abendliche Gestirne. Die Rosen fielen erglühend von ihren Gewändern herab, und Mitja schritt andächtig zwischen ihnen durch. Die Rosen flammten um seinen Kopf, und ein unvergängliches Feuer verzehrte sein Gehirn . . .

. . . Der bleiche, müde Junge stieg, ängstlich um sich schauend, die Küchentreppe hinauf, an den geschlossenen Türen vorbei. Sein Gesicht drückte Verzweiflung und tödliche Müdigkeit aus, seine Blicke irrten herum und vermochten wohl die Gegenstände nicht zu unterscheiden. Seine Brust hob und senkte sich schwer und ungleichmäßig. Er wankte, stolperte hie und da und suchte sich hilflos und ungeschickt an den vor Feuchtigkeit schlüpfrigen Wänden festzuhalten. Aber aus der Ermattung erblühten in seinem verdunkelten Bewußtsein wunderbare Träume . . .

. . . Ein schrecklicher Lärm stieg zugleich mit Mitja hinauf. Er glaubte, das Flüstern und Lachen vieler laufender Menschen unten auf der Treppe zu hören: wütende Lehrer und Schüler verfolgten ihn. Sie schrien entsetzlich, schnitten Fratzen, zeigten ihre spitzen Zungen und streckten ihre roten, häßlichen Hände nach ihm aus. Von Grauen gepackt, versuchte er ihnen zu entfliehen. Seine Füße wurden schwer. Als sie ihn schon einholten und Mitja ihren bösen menschlichen Atem hinter sich spürte, blieb Raja plötzlich stehen. Sie flammte lichterloh auf und sagte:

»Fürchte dich nicht!«

Ihre Stimme drohte der Welt wie ein Donner, und dieser Donner war unter schrecklichem Schmerz und grenzenlosem Entzücken gleichsam in Mitjas Kopfe geboren. Raja nahm ihn bei der Hand und geleitete ihn durch eine enge Pforte auf einen lichten Weg, wo wunderbare Rosen blühten . . .

. . . Der blasse Junge kletterte mit großer Mühe auf das Fensterbrett im dritten Stock. Das Fenster stand offen. Er klammerte sich mit den Händen an das Fensterkreuz, wandte das Gesicht der Treppe und den Rücken dem Hofe zu und begann hinauszusteigen. Seine Füße fanden auf dem schmalen Fensterblech keinen Halt und glitten aus. Von einem plötzlichen, letzten Grauen erfaßt, machte er den vergeblichen Versuch, sich am Fensterkreuz festzuhalten. Als er aber zu stürzen anfing, fühlte er gleich eine Erleichterung. Ein schnell anwachsendes süßes, schwindelndes Gefühl unter dem Herzen löschte sein Bewußtsein, noch ehe er die Steine berührte. Im Stürzen schrie er:

»Mutter!«

Seine Kehle war plötzlich wie zusammengeschnürt, der Aufschrei klang kurz, schwach und schneidend und gleich darauf erscholl auf dem leeren, stummen Hofe leise, doch deutlich das Krachen von Mitjas auf den Steinen zerschellenden Knochen.

 


 

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