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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 77
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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XXV.

Mitja verbrachte die ganze Nacht auf den menschenleeren Straßen. Hie und da sah er einen Hausmeister in einem Torweg schlafen oder einen Kutscher auf dem Bock duseln. Anfangs brannten die Laternen. Dann kam der Laternenmann und löschte sie aus. Es wurde auf einmal so dunkel und schrecklich. Es gab keine Zuflucht mehr, um sich vor dem Leben, dem Regen, der Kälte und der großen Müdigkeit zu retten. Von den Straßen zweigten hoffnungslose Sackgassen ab, aus denen man schwer herauskommen konnte. Mitja ging auf alle Tore und Türen zu und versuchte vorsichtig, sie zu öffnen. Vergebens – die Menschen halten alles verschlossen. In der Stadt, wo weder Tiger noch Schlangen lauerten, fürchteten die Menschen, sich schlafen zu legen, ohne zuvor alles gegen ihre Mitmenschen abgesperrt zu haben.

Es regnete. Bald war es ein feiner Sprühregen, und bald goß es in Strömen. Mitja schützte sich vor dem Regen unter Dachvorsprüngen und in Hauseingängen. Ab und zu hielten ihn Menschen an und fragten ihn erstaunt, was er um diese Zeit herumirre, und er antwortete, fast unbewußt, doch mit passenden Worten. Und man schenkte ihm Glauben, weil er log.

Vor einem Hauseingang, in dem Mitja stand, hielt eine Droschke, der ein Herr und eine Dame entstiegen. Sie läuteten an der Türe, und der Portier ließ sie ein. Der Portier war jung und neugierig. Er fragte gähnend:

»Was stehst du hier, Junge?«

»Ich warte den Regen ab,« antwortete Mitja, ohne ihn anzublicken.

»Wo willst du denn hin?«

»Man hat mich nach einer Hebamme geschickt.«

»Wenn man dich nach einer Hebamme geschickt hat, so lauf doch schneller hin, du Dummkopf!« sagte der Portier besorgt. »So eine Sache leidet keinen Aufschub!«

»Ich geh ja schon zurück,« sagte Mitja ruhig.

»Und wo ist die Hebamme?« fragte der Portier erstaunt.

»Sie ist mit einer Droschke hingefahren.«

»Und hat dich nicht mitgenommen?«

»Nein, sie hat mich nicht mitgenommen.«

»Ist das eine dumme Hebamme!« sagte der Portier sehr entschieden. »Das will auch eine Hebamme sein!«

»Sie setzte sich selbst in die Droschke,« berichtete Mitja, »und sagte mir: du kannst auch zu Fuß hinlaufen.«

»Hat sie es denn in der Droschke zu eng gehabt?«

»Ja, sie hat es wohl zu eng gehabt.«

»Du willst wohl schlafen, Junge?« fragte der Portier teilnahmsvoll und gähnte mit Behagen.

»Ich komme bald ins Bett,« sagte Mitja lächelnd.

Mitja lief durch den Regen, über die Pfützen hinüberspringend, weiter. Er zitterte vor Kälte und Müdigkeit . . .

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