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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 74
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
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XXII.

Mitja ging am nächsten Tage zur gewohnten Stunde mit den Schulbüchern aus dem Hause und irrte den ganzen Tag langsam und müde durch die Straßen. Alles erschien ihm trüb und schrecklich. Das immer anwachsende Kopfweh ließ ihn in einem schweren Selbstvergessen versinken.

Später als sonst, kurz vor Sonnenuntergang kam er zu den Wlassows. Erst als er oben war und über den hohen Balken hinüberschritt, merkte er, wie seine Füße vor Müdigkeit schmerzten und wie sehr er sich nach einem Stuhl oder einer Bank sehnte.

Die Wlassows waren in freudiger Erregung: die Alte hatte eine Stelle gefunden, und sie waren nun mit dem Zusammenpacken ihrer Habseligkeiten beschäftigt. Den beiden zitterten vor Freude die Hände, und sie lächelten schüchtern, als trauten sie noch ihrem Glücke nicht.

Mitjas Herz wurde vor Schreck kalt. Sie sagten ihm etwas, er konnte aber ihre Worte weder begreifen, noch in Zusammenhang bringen. Er glaubte, daß man sie vom Dachboden fortjagen wollte. Warum lächeln sie dann wie verrückt, wenn sie auf die Straße, auf die harten Steine gehen müssen?

Dunja tat es um den Dachboden leid. Sie sagte leise:

»Den ganzen Sommer haben wir hier verlebt und waren immer allein. Wir hatten zwar oft nichts zu essen, dafür waren wir aber allein. Wie wird es uns jetzt wohl ergehen, wo wir unter Menschen leben müssen?!«

Das Mitleid schnitt Mitja so schmerzvoll ins Herz, daß er zu weinen anfing. Dunja tröstete ihn:

»Weine nicht, Lieber, so Gott will, werden wir uns noch wiedersehen. Besuche uns, wenn man dich läßt. Warum weinst du, dummer Junge?«

Sie schrieb mit einem Bleistift ihre Adresse auf ein Stück Papier und gab es Mitja. Mitja nahm das Papier und drehte es verständnislos in den Händen. Der Kopf tat ihm so furchtbar weh, daß er nichts begreifen konnte. Dunja sagte mit freundlichem Lächeln:

»Steck es doch in die Tasche, sonst verlierst du es noch!«

Mitja tat den Zettel in die Tasche und vergaß ihn sofort . . .

Er kam spät nach Hause. Die Mutter saß auf einem Schemel mitten in der Küche, finster und traurig, weinte und wischte sich die Augen mit der Schürze. Sie erschien Mitja so furchtbar häßlich und grauenhaft. Sie fing an zu fluchen und ihn zu schlagen. Mitja wußte nicht wofür. Er schwieg hartnäckig.

Die kleine Lampe brannte trübe. Es roch nach Dunst und Petroleum. Auch die Gnädige kam in die Küche, um ihn anzuschreien und zu verhöhnen. Ihr Geschrei klang ihm in den Ohren, wie wenn schwere Hämmer auf seinen Kopf schlügen. Die Kinder blickten zur Türe herein. Otja schnitt Fratzen und neckte ihn. Darja redete ihm gedehnt ins Gewissen. Schatten huschten über die Wände, die Wände schienen zu wanken, die Zimmerdecke sich zu senken. Es war wie in einem Fiebertraum.

»Wieso und wozu soll noch die Welt bestehen,« dachte sich Mitja, »wenn Dunja zugrunde geht?!«

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