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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 73
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
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XXI.

Während der großen Pause stand Mitja traurig in der Türe des Turnsaals. Wolken zogen an der Sonne vorbei, und der Himmel trübte sich. Mitja hatte den ganzen Morgen Kopfweh gehabt, und das Gedränge und der Lärm vergrößerten es noch.

Der rotbackige Karganow ging auf Mitja zu und klopfte ihn auf die Schulter wie ein Erwachsener, obwohl er um einen halben Kopf kleiner als Mitja war.

»Was bist du so traurig, Bruder, was läßt du den Kopf hängen?« fragte er lächelnd, wobei sich seine Mundwinkel häßlich senkten und die Zähne gierig grinsten. »Man hat dich wohl durchgeprügelt? Macht nichts, bis zur Hochzeit wird es schon wieder gut werden! Neulich hat mir mein Vater auch ordentlich eingeheizt, aber ich mache mir Nichts draus!«

Mitja sah Karganow aufmerksam an. Auf seinen roten Backen glaubte er blaue Spuren der väterlichen Ohrfeigen zu sehen. Beim Anblick dieser roten Backen, der eckigen, vollen Lippen und der frechen, aber unruhigen, gleichsam eingeschüchterten Augen stellte sich Mitja vor, wie jämmerlich Karganow wohl geschluchzt habe, als der Vater ihn schlug. Mitja fühlte Mitleid mit Karganow und wollte ihn trösten.

»Ich will dir etwas erzählen, – wirst du es auch nicht ausplaudern?« fragte Mitja leise.

Karganow bohrte in ihn förmlich seine gierigen Blicke und beteuerte:

»Warum soll ich es ausplaudern?! Hab' nur keine Angst und erzähle!«

Sie setzten sich nebeneinander auf eine Bank. Mitja erzählte im Flüsterton, wie man ihn bestraft hatte. Karganow hörte teilnahmsvoll zu.

»So, so, beim Hausmeister, – das ist ja wirklich vornehm!« sagte er dann und lachte.

Als Karganow gegangen war, verdroß es Mitja plötzlich, daß er sich verplaudert hatte. Es fiel ihm ein, daß Karganow gar nicht imstande sei, die Sache für sich zu behalten, und sie der ganzen Schule ausplaudern werde. Er ahnte schon, daß man ihn bald damit necken würde.

So kam es auch. Karganow ging bald auf den einen, bald auf den andern zu und teilte allen mit freudigem Lachen mit:

»Den Darmostuk hat man vorgestern beim Hausmeister durchgewichst!«

»Nein, wirklich?« fragten alle gespannt.

»Bei Gott, er hat es selbst erzählt!« bekräftigte Karganow.

Die Jungen freuten sich, alle Gesichter wurden lebhaft, und die Kleinen wie die Großen berichteten es denen, die es noch nicht wußten:

»Hast du es schon gehört? Man hat den Darmostuk beim Hausmeister durchgewichst!«

Die Neuigkeit verbreitete sich rasch unter den Schülern. Die Jungen schnallten ihre Gürtel fester zusammen und schrien:

»Gehen wir den Darmostuk necken!«

Freudig erregt, triumphierend und lärmend liefen sie zu Mitja und drängten sich um ihn. Der zarte Duschizin blickte mit seinen freundlichen grauen Augen zu Mitja empor, stemmte die Hände in die Knie, lächelte sanft und sprach mit feiner Stimme rohe, unflätige Worte, lauter verschiedene, als wüßte er eine unerschöpfliche Menge unanständiger Redensarten, die sich auf Ruten beziehen.

Die Jungen drängten sich mit geröteten, von aufrichtiger Freude belebten Gesichtern um Mitja und durchbohrten ihn mit erbarmungslosen Blicken. Einige Schüler tanzten vor Freude; andere hatten sich paarweise an den Händen gefaßt, liefen um den Rudel, der sich um Mitja gebildet hatte, herum und schrien:

»Beim Hausmeister! Das ist ein Spaß!«

Mitja warf sich ungestüm nach allen Seiten. Er schwieg, hielt die Augen gesenkt und lächelte wie schuldbeladen. Die kleinen Taugenichtse umdrängten ihn von allen Seiten. Als Mitja sah, daß er aus ihrem Ringe nicht mehr heraus konnte, gab er alle Versuche, sich zu befreien, auf und stand blaß, fassungslos, mit gesenkten Augen da. Er sah wie ein Verbrecher aus, den man dem Pöbel zur Verhöhnung preisgegeben hat. Das Entzücken erreichte schließlich eine solche Höhe, daß jemand ausrief:

»Hurra! Darmostuk, hurra!«

Und alle Jungen schrien mit hellen, lauten Stimmen:

»Hurra! Hurra-a-a!«

Durch das ganze Schulgebäude und auf die Straße hinaus drang der Widerhall der lustigen kindlichen Schreie. Aus dem Lehrerzimmer stürzte Konopatin heraus. Einige Schüler liefen ihm entgegen und meldeten, einander überschreiend:

»Den Darmostuk hat man beim Hausmeister durchgewichst! Alle necken ihn, und er steht wie ein Uhu da und zwinkert mit den Augen!«

Das aufgedunsene Gesicht des Lehrers erstrahlte vor Freude. Ein breites Lächeln spielte auf seinen sinnlichen Lippen.

»Herrgott nocheinmal!« rief er mit lachender Stimme: »Wo ist er denn? Zeigt ihn mir!«

Die Schüler führten den Konopatin zu der Schar, die sich um Mitja drängte. Man machte ihm Platz. Konopatin faßte Mitja, selig lächelnd, bei der Schulter und führte ihn ins Lehrerzimmer. Der ganze Rudel lief ihm nach. Die Jungen wagten nicht mehr, so laut zu schreien, und neckten Mitja mit gedämpften Stimmen, lustig und rot vor Erregung.

Die Lehrer freuten sich fast ebenso wie die Schüler und verhöhnten ihn ihrerseits . . .

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