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Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen

Fjodor Sologub: Der Kuß des Ungeborenen und andere Novellen - Kapitel 72
Quellenangabe
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typenovelette
authorFjodor Ssologub
titleDer Kuß des Ungeborenen und andere Novellen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1918
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081108
modified20170929
projectid036b853d
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XX.

Der nächste Tag war irgendein Feiertag. Mitja sang in der Kirche.

Die Chorknaben drängten sich, der mürrische Diakon ging auf und ab, blaue Weihrauchwolken schwammen durch die Luft. Raja schwebte am Altar vorbei, und ihre Augen leuchteten. Die Heiligenbilder blickten streng. Das Morgenlicht fiel durch die breiten und hohen Fenster ein und blendete die Augen. Auf dem Steinboden klapperten Stiefelabsätze und scharrten Sohlen.

Mitja fühlte sein Kopfweh immer stärker werden.

Rajas Gewänder flatterten, von einem überirdischen Hauche bewegt. Leichte durchsichtige Flügel zitterten an ihren Schultern. Sie strahlte wie das Abendrot. Ihre aufgesteckten Haare leuchteten wie Feuer. Und sie sagte zärtlich:

»Es dauert nicht mehr lange!«

Sie breitete ihre Flügel aus und schwebte leise an Mitja heran. Mitja erwartete sie, sie schmiegte sich an ihn und trat in ihn ein. Sein Herz brannte . . .

Aus der unnötigen, engen und schrecklichen Welt klangen Kirchengesänge. Mitja sang, und seine Stimme kam ihm selbst fremd vor. Die Töne schwebten zur Kuppel empor und weckten dort einen Widerhall.

Die Menschen bewegten sich über die Steinfliesen wie Gespenster. Die Gnädige stand im Chor. Sie war spät zur Kirche gekommen; sie hatte absichtlich diese Kirche gewählt, um festzustellen, ob Mitja von der Messe auch wirklich nach Hause ginge. Sie war stolz darauf, daß sie sich so großmütig dieses Jungen annahm, und wandte von ihm nicht ihren strengen, stumpfen Blick. Mitja dachte, daß er auch heute nicht zu Dunja gehen können werde. Er hatte solche Angst: vielleicht wird man Dunja inzwischen vom Dachboden vertreiben oder zugrunde richten, so daß er sie nie wieder zu sehen bekommt.

– Wie schlecht ist doch die Gnädige! – dachte er. – Alle sind schlecht! –

Alle Dinge blickten so finster und drohend drein . . .

Vom Altar her nahte wie ein Himmelsbote Raja. Ihre wunderbaren Flügel zitterten und leuchteten, ihre Blicke glühten, und Mitja schien es wieder, daß sie sich an ihn schmiegte und in ihn einträte, und sein Herz flammte . . .

Die Kette des Weihrauchfasses klirrte, und der Rauch stieg duftend und blau hinauf . . .

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